Wie man momentan überall in den Nachrichten lesen kann, wurden die Honorare für Psychotherapeuten um 4,5% gekürzt.
Die Psychotherapeutenlobby springt gerade deswegen im Dreieck und verbreitet Angst und Panik unter den Psychisch Kranken vor einer Verschlechterung der Versorgungssituation. Auf den Transparenten sind Sprüche zu lesen wie "Psychotherapie rettet Leben. Sparmaßnahmen verlängert Leid", siehe z.B.
- https://www.deutschlandfunk.de/weniger-geld-fuer-psychotherapeuten-wird-der-beruf-jetzt-unattraktiver-100.html
- https://www1.wdr.de/nachrichten/therapieplatz-kassenpatient-psychotherapeut-honorar-kuerzung-1-100.html
Ich bin der Sache auf den Grund gegangen und zu folgendem Ergebnis gekommen:
Die Honorarkürzungen haben keinerlei Einfluss auf die Versorgungssituation weil:
A.) Die Anzahl der Therapieplätze hängt nicht von den Honoraren ab, sondern von der Anzahl der Kassensitze. Die Anzahl der Kassensitze wird vom Gemeinsamen Bundesausschuss von oben festgelegt. An der Anzahl der Kassensitze verändert sich nicht durch die Honorarkürzungen.
Quelle: Gemeinsamer Bundesausschuss: https://www.g-ba.de/themen/bedarfsplanung/
B.) Die Lobby behauptet nun, dass sich aufgrund der Honorarkürzungen weniger Therapeuten für einen Kassensitz entscheiden würden. Der aktuelle Stand ist jedoch der, dass wir eine Psychotherapeutenschwemme im Land haben, d.h. es gibt viel mehr Bewerber auf einen Kassensitz, als es Plätze gibt. Ein Leerstand von Kassensitzen ist daher auch bei einer Honorarkürzung nicht zu erwarten.
Quelle: Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pflalz: https://www.aerztezeitung.de/Politik/Rheinland-Pfalz-123-Bewerbungen-auf-95-psychotherapeutische-Sitze-451213.html
C.) Als nächstes schürt die Lobby Angst davor, dass Kassentherapeuten sich entscheiden könnten mehr Privatpatienten zu behandeln und dadurch Therapieplätze wegfallen. Das ist aber nicht wirklich möglich, weil Kassentherapeuten einen Versorgungsauftrag haben, d.h. sie müssen eine gewisse Anzahl an Kassenpatienten behandeln, sonst verlieren sie den Kassensitz. Bei einem vollen Kassensitz sind das 25 Therapiestunden. Dies entspricht mit Vor- und Nachbereitung, Gutachten, Bürokratie etc. einer 40h Woche. Das bedeutet mehr Privatpatienten sind nur mit Überstunden möglich.
Quelle: Sozialgesetzbuch Fünftes Buch (SGB V): https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__95.html
Also ich finde es mehr als schäbig, wie die Lobby Patienten für ihre Gehaltsvorstellungen instrumentalisiert!!! Wiederlich ist auch, wie die öffentlich rechtlichen Medien dieses Spiel auch noch mitspielen.
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Nun zu der anderen Seite der Medaille: Wir sind uns wohl alle darüber einige, dass das ambulante psychotherapeutische Versorgungssystem in Deutschland mangelhaft ist. Was die Medien uns jedoch verschweigen ist, dass die Psychotherapeuten Lobby ganz wesentlich daran beteiligt ist, das das System so schlecht ist, wie es ist.
A.) Die Lobby fordert seit Jahren von der Politik, die Anzahl der Kassensitze sowie Honorare zu erhöhen und die Versorgung zu stärken. Einfach unendlich viel Geld in das System zu pumpen verbessert jedoch nicht unbedingt die Versorgung. Die Anzahl der Kassensitze steigt jedoch von Jahr zu Jahr. Das Problem: Die Nachfrage steigt schneller als das Angebot. Es ist bekannt, dass die Menschen, die am dringensten eine Therapie bräuchten, am schwierigsten eine bekommen. Die Hürden für die Therapieaufnahme sind gerade für schwer betroffene schier unüberwindlich, weil die telefonische Erreichbarkeit der Therapeuten eine Katastrophe ist und man 100 mal zum Hörer greift, um mit viel Glück vielleicht einen Termin zu bekommen. Dazu kommt das Problem: Mangels Therapieplätze können sich Therapeuten ihre Patienten raussuchen und tendieren so natürlich dazu, die Patienten zu wählen, mit denen sie am wenigsten Arbeit haben: Patienten mit einfachen Anpassungsstörungen und normalen Lebensproblemen, keine wirklich psychisch Kranken.
Die Lösung wäre die Einrichtung eines Verteilmechanismus für die Plätze. Aber genau das verhindert die Lobby erfolgreich seit Jahren.
B.) Das Ausbildungssystem für Psychotherapeuten ist nicht mehr zeitgemäß. Wir leisten uns hier in Deutschland das maximal teuerste System mit 10-13 Jahre Ausbildung. Für die komplexeren Fälle von psychischen Erkrankungen gibt es trotzdem zu wenig Spezialisten, weil sich Weiterbildung und Spezialisierung nicht lohnt. Eine Anpassungsstörung wird genauso vergütet wie eine Borderline Persönlichkeitsstörung. Die Lösung wäre ein mehrgliedriges viel günstigeres System: Nach 3 Jahren bist Du psychologischer Berater. Dein Gebiet sind Menschen mit normalen Lebensproblemen und Krisen. Nach 5 Jahren Psychotherapeut: Dein Gebiet sind die wirklich psychisch Kranken. Für komplexe Fälle gibt es jedoch noch Spezialisten mit 10 Jahre Ausbildung. So könnte man viel mehr Patienten erfolgreich behandeln ohne Ansteig der Kosten. Viele andere europäische Länder machen es vor.