Warum ruft das Osmanische Reich negative Assoziationen hervor?

Guten Abend liebe Community,

ich habe eine Frage zum Umgang der deutschen Medienlandschaft mit dem Thema Osmanisches Reich. Es ist ja oft so, dass Begriffe, die mehr oder weniger an das Osmanische Reich angelehnt sind, negativ konnotiert sind. Und alle Anspielungen auf das Osmanische Reich tauchen im negativen Kontext auf. Ein Beispiel: Sultan, Harem, Osmanisches Reich sinnbildlich für einen regressiven Staat.

Es ist selbstverständlich, dass ein Reich von einer Lebensdauer von über 600 Jahren auch seine Schattenseiten hat. Allerdings ist es doch allgemein akzeptiert, dass das Osmanische Reich in Relation zu den Staaten, die zu ihrer jüngsten Zeit existiert haben, weit toleranter war, als die restlichen Großmächte. Es galt zwar für nicht Muslime eine Kopfsteuer zu entrichten, allerdings hatten sie das Privileg ihren religiösen Pflichten nachzukommen und teilweise ihre Siedlungsgebiete nach ihrem eigenen Recht zu verwalten. Die Dschizya (Kopfsteuer) wird aus islamischer Sicht damit legitimiert, dass die Dschizya eine unverzichtbare Voraussetzung für die Sicherung des Schutzes von Christen ist. Denn wenn man über ein großflächiges Reicht regiert, dann muss man auch eine Menge an Soldaten unterhalten, die die Ordnung wahren. Ein weiteres Kalkül hinter der Kopfsteuer war vermutlich der pragmatische Grund zum Islam zu konvertieren. Denn wer zum Islam konvertierte wurde von der Entrichtung Kopfsteuer befreit.

Die Knabenlese ist zwar ein umstrittenes Thema, allerdings war es in Einzelfällen sogar im Interesse der Familien ihre Kinder zu Janitscharen erziehen zu lassen. Es gibt dokumentierte Fälle in denen Familien durch Bestechung versucht haben die Janitscharen zu überzeugen ihren Kindern die Möglichkeit zur Erziehung zum Janitscharen zu eröffnen. Denn wer erst einmal für Rekrutierung vorgesehen wurde, hatte eine Aussicht auf eine großartige Karriere. Janitscharen konnten bis zum Amt des Wesirs aufsteigen.

Es war ein Vielvölkerstaat und hat die Koexistenz verschiedener Religionen relativ gut bewerkstelligt. In christlichen Ländern hatte man es als Jude bis ins 20. Jahrhundert hinein schwer, ein halbwegs gutes Leben zu führen ohne Repressionen und Ressentiments ausgesetzt zu sein.

Das Reich war zwar streng militaristisch und expansiv ausgerichtet, aber welches Reich war es im späten Mittelalter nicht? Man bedenke, dass europäische Staaten gar nach der Aufklärung massenweise Staaten kolonialisiert und deren Bevölkerungen versklavt haben.

Ich habe den Eindruck, dass der Name des Osmanischen Reiches in der Öffentlichkeit negative Assoziationen hervorruft. Man lasse mal die Kriege außen vor. Innenpolitisch sollte man doch die Regelung des friedlichen Zusammenlebens - in einer Zeit, in der dies noch nicht selbstverständlich war - lobpreisen.

Ist mein Eindruck zutreffend oder handelt es sich dabei nur um selektive Wahrnehmung?

Geschichte, Türkei, Deutschland, Osmanisches Reich
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