Erziehung will das Gegenteil von dem, was das Kind will?

4 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Hallo jayyy2001,

mir gefällt dieses bekannte Wortspiel:

Der Erzieher meint: "Ich will ja nur dein Bestes!“

Aber der „Zögling“ meint: „Das kriegst du nicht!“

Jede einfühlsame und zugleich nachdenkliche Beschäftigung mit Erziehung stößt auf die eine oder andere Weise auf den Mythos vom verlorenen Paradies.

Mit jedem Kind kommt die Ahnung von einem menschlichen Miteinander in die Welt, das Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung nicht kennt, weil es im Nächsten, ja, in der Natur, sich selbst erlebt. So eine tiefe Gewissheit von der „Allverbundenheit“ findet aber in dieser Welt selten Resonanz.

Betrachten wir es also mit der Triebtheorie von Anna Freuds Vater die Erziehung „realistisch“:

Lustprinzip und Realitätsprinzip stehen im Widerstreit und Erziehung hat zum Realitätsprinzip zu führen. Der geschickte Erzieher kann mit dem Versprechen einer angenehmen „fortschrittliche“ Lebensweise zuzugehören, das Kind zur Triebbeherrschung veranlassen.

Statt der Eingebung des Augenblicks zu folgen, sich aufs Töpfchen setzen und sich von Mama und Papa bewundern lassen, wie sie sein – das bewirkt gute Erziehung, die „das Beste“ will und den repressiven Anteil nahezu unbemerkt wirken lässt.

Im langen Prozess von Erziehung und Bildung wird der Verzicht auf unsere Spontanität zugunsten gesicherter, wohl geordneter Verhältnisse beigebracht, in denen auch das „niederen Triebgeschehen“ sich am "rechten Ort" entfalten darf.

Für mich greift diese Dialektik von Lust- und Realitätsprinzip aber zu kurz.

Ich hoffe, dass Kinder – trotz Erziehung – ihr „Bestes“ nicht hergeben – auch wenn es im Verlauf der Sozialisation nahezu in Vergessenheit gerät.

Als Erzieher sollen wir auch „der feste Bogen“ sein, aber in uns die Gewissheit haben, dass unsere Kinder nicht unsere Kinder sind, sondern eben die Ahnung vom verlorenen Paradies in sich tragen, um das jede Generation aufs Neue zu ringen hat.

Da ist natürlich einmal mehr Khalil Gibran gefragt, der diesen Aspekt der Erziehung  wunderbar ins Wort gebracht hat:

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.


Danke für die Antwort und besonders die Mühe. Das hat mir sehr geholfen. :)

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@jayyy2001

Für Deine Frage bedanke ich mich.

In ihr steckte ja auch schon eine Antwort.

Wenn es mir gelungen ist, ein wenig von dem anzusprechen,
worauf auch du hinauswillst, dann können wir uns beide freuen. Vielen Dank!  

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Stillen bzw. gestillt zu werden (aus der Sicht des Kindes) hat nichts mit "Lusterfüllung" sondern mit "Befriedigung eines Grundbedürfnisse, das naturgemäß weit über die ersten 6 Monate hinausgeht" zu tun.

Dem Baby / Kleinkind das Fläschchen aufzudrängen entspringt vielmehr dem Wunsch der Mutter (oder dem Vater bzw. beiden Elternteilen).

"Ich will dein Bestes" halte ich für gefährlich, da sich das Kind - je jünger, umso schlechter - nicht wirklich dagegen wehren kann.
Zur gleichen Kategorien gehört "ich meine es doch nur gut".Erziehung hat noch vielmehr Sätze, die langfristig den Kindern schaden.

Ich denke, dass manche Eltern eher unbewusst versuchen, die Triebregelung eines (kleinen) Kindes zu unterdrücken.

Naja, bei vielen Kindern erledigt sich das Stillen von allein, wenn sie andere Nahrung kennen lernen.
Daher finde ich das Beispiel nicht gut gewählt.
Auch wollen Kinder in gewissen Phasen erwünschtes Verhalten zeigen.

Klar ist in vielen Situation Erziehung das was das Kind gerade nicht möchte, aber Kinder, die ohne Regeln/Grenzen aufwachsen suchen sich diese irgendwann.

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