Wieso gelten Anglizismen als Verhunzung der Sprache aber Lateinische Fremdwörter als intelligent?

74 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Interessante Frage!

.

Man kann sich die Thematik aus Sicht der Sprachwissenschaften ansehen. Letztlich gibt es fast immer mehrere Umschreibungen für ein Wort aus einer anderen Sprache. In der Schule meint man womöglich noch, dass dieses englische oder lateinische Wort genau jenes deutsche bedeute. Spätestens im Studium wird man bemerken, dass es vielmehr auf das Sprachgefühl ankommt und ein Wort aus einer Fremdsprache im Deutschen mal dies, mal aber auch jenes bedeuten kann. Es gibt Sonderfälle und Ausnahmen ohne Ende - deshalb ist es nötig, für manche lateinische Wörter fünf oder mehr Übersetzungsmöglichkeiten zu kennen, um ansatzweise die Bedeutungsvielfalt ausdrücken und den Sinn des Textes treffen zu können. Wie gesagt: Exakte Übereinstimmungen gibt es selten, entscheidender sind Sprachgefühl und Textzusammenhang. Außerdem entwickelt sich Sprache, d.h. Wörter werden in Übersetzungen in die heutige Sprache übersetzt - wenn man eine deutsche Übersetzung eines lateinischen Textes liest, der vor einigen Jahrhunderten entstand, wird ein Laie heutzutage nicht viel verstehen - er benötigt aktuelle Begrifflichkeiten, die ihm auch bekannt sind. Kein Sprachwissenschaftler würde heutzutage die Bibel so übersetzen wie Martin Luther (was dessen Leistung natürlich keinesfalls schmälert!).

.

Deshalb ist die Anwendung von Fremdwörtern absolut berechtigt. Manchmal treffen nur sie den Sinn einer Sache, fast immer erweitern Fremdwörter den Wortschatz einer ganzen Sprache. Abwechslung tut gut - aus herausragend kann man exzellent machen, aus erfinderisch kreativ etc.

So ist es auch mit neuen Wörtern aus dem Englischen. Was spricht z.B. dagegen, den Begriff online zu verwenden? Manche Leute versuchen, eine entsprechende deutsche Bedeutung zu finden, z.B. angewählt. Ich denke aber, dass online sinnvoller ist und sich deshalb durchsetzen wird bzw. sich schon durchgesetzt hat. Was sich durchsetzt, hat natürlich auch immer mit den Umständen und der Gesellschaft zu tun, möglicherweise auch mit der "Werbung" für den Begriff.

.

Noch abschließend zur Frage, wieso man als gebildet gilt, wenn man Fremdwörter angemessen (!) anwendet.

Seit jeher war es Sache der Gelehrten, die antiken Sprachen zu beherrschen - Latein und Altgriechisch. Diese Sprachen sind Klassiker - wer sich intensiv mit dem Altertum beschäftigen will, muss diesen Sprachen verstehen. Gerade zu der Zeit, als die Antike wiederauflebte (Renaissance, Humanismus), waren antike Sprachen von entscheidender Bedeutung.

Wer diese Sprachen beherrscht, weiß beispielsweise, dass eloquent oder exquisit oder impulsiv oder Edikt oder Colloquium oder Campus lateinischen Ursprungs und Charakter oder kinetisch oder Energie oder Geologie oder Georg oder Andreas oder Psychologe oder Psychiater oder Klaustrophobie altgriechischen Ursprungs sind und so wird derjenige alle Begriffe herleiten, unterscheiden und passend verwenden können. Man muss kein Doktor sein, um sich die Bedeutung von Leukämie, Hamartom oder Elektrokardiogramm herleiten zu können.

.

Es ist also Zeichen von Bildung und Wissen, wenn jemand Fremdwörter korrekt nutzen kann - besonders in Sachen Latein und Altgriechisch, aber auch in anderen Fremdsprachen, die es heutzutage noch gibt. Verwendet man Fremdwörter passend und entsprechend, beweist man Redegewandtheit und meist sogar gute Kenntnisse in der jeweiligen Sprache.

Bei Englisch ist das aber schwieriger: Englisch wird als Weltsprache Nummer Eins bezeichnet, daher nutzen auch viele ungebildete Menschen diese Sprache (z.B. nur weil es cool gilt). Englisch steht deshalb weniger für niveauvolle Sprache, sondern eher für die "Allgemeinheit" - daher existieren viele primitive, einfache und lockere Begrifflichkeiten, die Englisch zwar angenehm für die Kommunikation machen, aber nicht für eine kunstvolle und hochwertige Sprache sorgen. Beeindrucken wird man damit niemanden - in manchen Fällen (z.B. online) finde ich englische Wörter durchaus angebracht, aber wieso jemand unbedingt statement anstelle von Stellungnahme oder Aussage sagen muss, verstehe ich nicht - durch solche unnötigen Ausdrücke wird die deutsche Sprache "zu englisch". Ein Gebildeter wird auch nicht nur Fremdwörter wie exzellent nutzen, sondern er wird fünf oder zehn (deutsche) Synonyme parat haben, die er auch anwenden kann und wird. Wenn jemand ein Fremdwort nutzt und nicht sofort ein oder am besten mehrere Synonyme aufsagen kann, ist er sowieso nur ein-gebildet. ;-)

Danke. EIne wunderbare Antwort.

Zuerst dachte ich mir: Ohje, das wird viel zu lesen.

Aber es ist so schön geschrieben, dass man es wirklich gerne liest!

Der Stern steht dir wirklich zu! Sowohl, was Inhalt, als auch was Sprachstil angeht!

1
@punkrockboy

Oh, danke für den Stern - ich wollte mich kurz fassen, aber bei dieser Thematik ging das einfach nicht. :-D

1
@Draschomat

Bitte nicht kurz fassen, deine Texte sind einfach wunderbar zu lesen! :-)

0
@Zeobit

Danke, aber trotzdem möchte ich längere Antworten vermeiden. ^^

0

Lieber Drascho, schade, ich kann Dir nur ein K am Tag geben! Deine Antworten sind nicht zu toppen, pardon zu überbieten! ☺beinchen

0
@Draschomat

"nicht zu toppen, pardon zu überbieten! " <--- Wie genial(Verzeihung, ich meinte toll) ist das eigentlich? ;-)

0

Ein deutsches Synonym für Familie; gibt es aber nicht. Sippe, Horde, Rotte; können den Begriff, nicht beschreiben. Sorry, ansonsten ist die Antwort ja meist sehr schön.

0
@johnix

Familie leitet sich vom lateinischen familia ab, was zumeist mit Hausgemeinschaft (oder eben mit Familie) übersetzt wird - ein sehr passender Ausdruck, wobei man heutzutage nicht mehr zwingend eine Hausgemeinschaft darunter versteht, da Familie einen spezifischeren Charakter erhalten hat (z.B. nur Eltern + Kinder).

0
@Draschomat

Wenn jemand ein Fremdwort nutzt und nicht sofort ein oder am besten mehrere Synonyme aufsagen kann, ist er sowieso nur ein-gebildet. ;-)

Bin ich jetzt eingebildet weil ich Familie nicht synonomisieren kann? Oder sind nicht eher die Deutschen eingebildet; Welche Isolierung sagen an Statt; Isolation?

0
@johnix

Achso, darauf sollte dein Kommentar abzielen. Ich meinte damit, dass man jederzeit so reden sollte, dass man von allen Zuhörern auch verstanden wird. Familie muss ja nicht zwingend erklärt werden, aber wer z.B. Wörter wie inkohärent oder fallieren benutzt, sollte sie auch selbst erklären bzw. umschreiben können.

0
@Draschomat

Eben. Nur Fremdwörter, zu denen einem wirklich nicht im geringsten ein Synonym einfiele(und wenn dann eines, das nicht albern ist), die kann man mal sagen.

Ansonsten bin ich auch contra eine zu hohe Präsenz heterogener Termini in Phrasen!

1
@johnix

meine augen sind von diesen diamant und goldfraganten geblendet!

0
@johnix

@johnix: Isolation und Isolierung sind aber keine Synonyme, daher sind diese Worte nicht in allen Fällen austauschbar und sollten eben nicht gleichgesetzt werden.

0
@IRENEBOA

@IRENEBOA

Richtig Isolation ist ein griechisch-lateinischer Begriff. Isolierung ist der selbe Begriff mit deutscher Endung. Isolierung, dieser Begriff wurde von den Nazis benutzt, für Folterhaft.

0

Echt "excellente" Antwort ! DH

0

Wow! Klasse Antwort, hat richtig Spaß gemacht zu lesen und man kann nur zustimmen!

0

Ja - e cool ^^

0

Wollte sinngemäß das Gleiche sagen, doch so ausführlich, treffend und wunderbar sachlich formuliert, hätte ich das nicht hinbekommen.

0
@IchLioba

Schöne Erklärung! Wen das weitergehend interessiert, dem möchte ich "Wie wirklich ist die Wirklichkeit" von Paul Watzlawick ans Herz legen. Nette Dinge dabei, was die übersetzung von Wörtern betrifft (Konfusion), und dergleichen..

0

Über Jahrhunderte war Latein in Europa die Schriftsprache der Gebildeten. Uni-Vorlesungen wurden auf Lateinisch gehalten. Dadurch konnte ein Deutscher problemlos an der Sorbonne, in Prag oder Salamanca studieren.

Als im 17./18. Jahrhundert die Fachwissenschaften (Mathematik, Physik, Chemie, Medizin usw.) entstanden, war es also normal, die vielen neuen Begriffe mit Hilfe der sehr guten Wortbildungsmöglichkeiten des Lateinischen und Griechischen zu schaffen. Das wirkt bis heute fort.

Vor Jahren hat eine Studentin eine Diplomarbeit über den unterschiedlichen Sprachgebrauch in deutschen und angloamerikanischen wissenschaftlichen Publikatiinen geschrieben. Sie kam zu dem Schluss, dass deutsche Arbeiten als um so kompetenter und besser bewertet werden, je umständlicher der Satzbau ist und je mehr Fremdwörter verwendet oder neu geschaffen werden.

In englischen Wissenschaftstexten geht es vor allem um gute Verständlichkeit. Wer weiß, welchen Begriff wir verwenden würden, wenn die Urknalltheorie von einem deutschen Wissenschaftler entwickelt worden wäre (vielleicht so etwas wie "Primärdetonation").

Dazu stelle ich die Frage, wie kam es zu Gebrauch von Fremdwörtern im Deutschen?
Latein, Griechisch & Französisch wurde in Deutschland durch philosopische Texte populär. Die Leute wollten die großen Denker verstehen, Aristoteles, Sokrates, Decartes usw. (andere Leute könnten hier sicher mehr berühmte Persönlichkeiten aufzählen, als ich es kann :) )
Die Leute studierten diese großen, intelligenten, gebildeten Schriften, Theorien, Philosophie, politische Themen, Gedichte usw. das kam meistens aus dem alten Rom, Griechenland oder später revolutionäre Gedanken aus Frankreich (irgendwann um 1800 rum?)
Deswegen lernten viele Leute diese Sprachen. Und deswegen verbindet man mit ihnen Bildung, Eloquenz usw.
Englisch hingegen...wann kam Englisch zu uns? Vor 20 Jahren? Vor 30?
Irgendwann in den letzten 50 Jahren verbreitete sich Englisch im Deutschen immer mehr.
Seit gaaanz grob 20 Jahren nimmt der Englischanteil im Deutschen EXTREM zu.
Woran liegt das?
Nicht daran, dass jetzt plötzlich jeder Shakespeare liest.. sondern daran, dass die Medien sich weiterentwickelt haben (Fernseher, Internet, Handy) und diese Medien bilden die Brücke zu dem, nachdem der Deutsche sich sehnt.
Und da bilden nunmal in vielen Dingen USA & England die Vorbilder.
Sie sind keine Vorbilder für poetische Texte, Philosophie (womöglich schon) aber vorallem sind sie Vorbilder für die Deutschen was Kultur angeht, Pop-Musik, Filme, Trends, Stars, Aussehen usw.
Und jetzt zum springenden Punkt: Wer wird in der Gesellschaft wohl als gebildeter annerkant, derjenige, der sich mit (lateinischen, griechischen, französischen) Vorbildern der Philosophie, Poetik, Lyrik, Politik & all dem Zeug auseinander setzt, oder derjenige, der sich (Englischsprachige) Vorbilder im Bereich Pop-Musik, Stars, Filme, Konsum usw. sucht?
Wohl eher der Gelehrte Latein-Grieche-Franzose...als der konsumgeile Englische... klar, sind alles Vorurteile, aber im Endeffekt berechtigte Vorurteile.

Was möchtest Du wissen?