Schon 1983 untersuchte der Pädagoge Bernd Bossong, wie stark die wahrgenommene Sympathie eines Lehrers das Selbstbild eines Schülers beeinflusst. Das Ergebnis: Schüler, die glauben, von ihrem Lehrer gemocht zu werden, schätzen ihre eigenen Fähigkeiten höher ein, unabhängig von ihren tatsächlichen Noten. Besonders Jungen neigen zu einer positiveren Selbsteinschätzung, während Mädchen tendenziell vorsichtiger urteilen.
Was Bossong damals beobachtete, wirkt heute aktueller denn je. Denn die moderne Pädagogik scheint sich zunehmend vom Leistungsprinzip zu verabschieden. Statt objektiver Bewertung rücken „Wohlfühlen“, „soziale Atmosphäre“ und „emotionale Bindung“ in den Vordergrund. Lehrer sollen nicht mehr primär Wissen vermitteln, sondern „Coach“, „Bezugsperson“ oder gar „Freund“ sein. Doch Bossongs Ergebnisse zeigen, wie problematisch das werden kann: Wenn Sympathie zum entscheidenden Faktor wird, verzerrt sie das Leistungsbewusstsein, und damit das Fundament von Bildungsgerechtigkeit.
Wenn Gefühle über Fakten entscheiden
Bossong stellte fest, dass Schüler, die meinen, ihr Lehrer möge sie, ihre Intelligenz überschätzen, auch bei durchschnittlichen Leistungen. Umgekehrt sinkt das Selbstvertrauen, wenn man sich vom Lehrer abgelehnt fühlt, selbst bei guten Noten. Mit anderen Worten: Das Gefühl, gemocht zu werden, kann wichtiger werden als die tatsächliche Leistung.
Hier offenbart sich eine gefährliche Tendenz: Bildung wird emotionalisiert. Wer sich in der Schule wohlfühlt, gilt als „erfolgreich integriert“, unabhängig davon, ob er auch wirklich etwas kann. Das ist der Kern einer Entwicklung, die konservative Bildungspolitik seit Jahren kritisiert: Die Verweichlichung des Leistungsbegriffs.
Vom Lehrer als Autorität zur Lehrkraft als Sympathieträger
Bossongs Studie deutet an, dass Schüler die Lehrerpersönlichkeit in ihre Selbsteinschätzung einbeziehen. Doch in einem System, das Leistung objektiv bewerten soll, darf das subjektive Empfinden keine Hauptrolle spielen.
Früher galt der Lehrer als Autorität, als Vermittler von Wissen und Werten. Heute wird er oft zum Animateur, der Harmonie über Disziplin stellt. Das Problem: Wenn Lehrer nicht mehr bewerten dürfen, ohne sich dem Vorwurf mangelnder „Empathie“ auszusetzen, verliert das Notensystem an Glaubwürdigkeit.
Bossong warnte indirekt davor, dass Schüler beginnen, Noten nicht mehr als Ausdruck ihrer Leistung, sondern als Ergebnis persönlicher Sympathien oder Launen zu interpretieren. Das erzeugt Misstrauen, und zerstört langfristig den Glauben an Fairness.
Leistung statt Laune – eine konservative Forderung
Ein konservatives Bildungsideal beruht auf Leistung, Ordnung und Gerechtigkeit durch objektive Maßstäbe. Natürlich soll ein Lehrer freundlich sein, aber nicht parteiisch. Sympathie darf kein Ersatz für Qualität werden. Wenn Schüler glauben, Erfolg hänge vom Gefallen des Lehrers ab, verlieren sie das Vertrauen in die Leistungslogik, und lernen stattdessen, sich anzupassen statt anzustrengen.
Wie soll Schule in Zukunft aussehen?
- Soll der Lehrer vor allem „nett“ sein – oder gerecht?
- Wollen wir Schüler, die sich stark fühlen, weil sie beliebt sind, oder weil sie tatsächlich etwas leisten?
- Und wie viel Autorität darf ein Lehrer heute noch haben, ohne als „streng“ oder „unsensibel“ zu gelten?
Bessongs Forschung ist über 40 Jahre alt, aber sie trifft mitten ins Herz der heutigen Schuldebatte. Denn sie erinnert uns daran, dass Bildung nicht durch Sympathie entsteht, sondern durch Leistung, Disziplin und klare Maßstäbe.
Zur Studie: https://www.pedocs.de/volltexte/2024/29521/pdf/Bossong_1983_Wahrgenommene_Sympathie.pdf
PolitikNews
Von Markus Falkenried, 24. Oktober 2025