Ist Liebe aus Dankbarkeit echte Liebe?

16 Antworten

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Hallo Rosenmary,

eine tolle Frage, die bestimmt sehr viele unterschiedliche Antworten erhält, da sie höchst philosophisch ist und - hehe - Du sie auch schon (ich vermute absichtlich) etwas wortverflochten formuliert hast.

Ich wage mich auch mal an eine Interpretation und Deutung, auch wenn alle Antworten bei so einer Frage wohl eine Meinung bleiben müssen. Weder die "Liebe", noch die "Seele" noch "Dankbarkeit" oder "Befreiung" sind wissenschaftlich klar abgegrenzt und psychologisch (Du kennst Dich dort ja anscheinend gut aus) abgeschlossen.

Ganz vorne Weg: Ich denke, dass Liebe nicht nur durch Dankbarkeit entstehen kann, nein! Allerdings glaube ich, dass eine große Dankbarkeit zu wirklicher Verbundenheit, Respekt, positiver Weltsicht führen kann.

Du fragst ja auch ob "Liebe aus Dankbarkeit" echte Liebe sei, aber ich denke, dass verkompliziert die Frage nur, denn Du suggerierst dadurch ja schon davon, dass "Liebe aus Dankbarkeit" keine "Liebe" sei, wo ich Dir zustimmen würde. Das verkompliziert den Liebesbegriff jedoch nur umso mehr. Ich will deswegen wirklich eher antworten auf "Kann man ausschließlich aus Dankbarkeit jemanden lieben?" Und das geht meiner Erfahrung nach nicht.

Ganz im Gegenteil vermute ich, ähnlich wie Du, dass sich eine Person, der geholfen wurde, wieder lösen muss vom Helfer, um selbstbestimmt und frei zu werden, unabhängig und ohne Bindung, Erwartungen von einer Person, die in Früheres involviert war. Genauso hilft die Loslösung vom Helfer auch, das Vergangene wirklich hinter sich zu lassen, denn der Helfer wird emotional betrachtet immer ein Teil der alten "Problemwelt" bleiben. Es muss bei der Dankbarkeit bleiben, die bestimmt umso größer ist, wenn man auch losgelassen wird.

[...] oder ist diese zweckgebunden und verfliegt, sobald man mit sich selbst besser zurecht kommt?

Auch hier unterstelle ich Dir leider, dass Du schon davon ausgehst, dass ganz sicher Liebe entsteht, aber das tut sie, glaube ich, nicht, da diese "Zuneigung" aus Dankbarkeit zuvor wohl wirklich zweckgebunden ist, wie Du so schön gesagt hast. Deswegen würde ich diese Zuneigung auch gar nicht "Liebe" nennen, denn Zweckbindung geht für mich mit Liebe nie einher. Bei der Liebe liebt man das Wesen, die andere Seele von ganz alleine.

Sicherlich kann eine Hilfestellung dazu beitragen, Liebe entwickeln zu können, aber bestimmt ist sie nie ein alleiniger Türöffner.

Und zum Ende eine recht provokative Gegenfrage: Ist Dankbarkeit am Ende nicht sogar etwas, von dem sich jeder Mensch lösen möchte? Weil es in gewisser Hinsicht ja eine "Schuld" ist, die man oft nicht begleichen kann, weil man sich neben dieser Person nie als "größer", wirklich "losgelöst frei" betrachten kann? Ich kann mir gut vorstellen, dass sich viele Menschen sogar eher (un)bewusst von anderen entfernen, wenn sie zu große Dankbarkeit verspüren, weil sie gleichzeitig eine Last sein kann.

Ich hoffe, in meinem Text waren ein paar Gedanken dabei, die Du nicht selbst schon gedacht hast oder die Dich zumindest in dem bestätigen, was Du Dir selbst schon dazu dachtest.

Einen wunderbaren Wochenstart wünsche ich Dir,
Balu

hallo Rosenmary,

das klingt etwas verwirrend für mich.

Liebe ist die Entscheidung, im Rahmen eigener Kompetenzen zum Wohl des anderen Menschen beizutragen.

Wenn Klaus der Monika hilft, mit den eigenen Zweifeln besser klar zu kommen, dann ist das für mich ein Zeichen von Liebe: Klaus liebt ==> Monika. Er trägt zu ihrem Wohl bei.

Wenn Monika im Gegenzug Sympathien für Klaus entwickelt, ihm für seine Hilfe dankbar ist, dann ist das auch eine Form der Liebe, denn mit Dankbarkeit tut man dem anderen Menschen etwas Gutes. Dankbarkeit zeigt Wertschätzung.

Also Liebe bewirkt Dankbarkeit (Wertschätzung).

Und ja, im Laufe der Zeit kann diese Dankbarkeit etwas in den Hintergrund treten, wie auch die der Dankbarkeit zugrunde liegenden negativen Ereignisse in den Hintergrund treten. Aber das ist nicht unbedingt schlecht. Ich finde, wenn sich negative Ereignisse nicht mehr im Alltag "heute" bemerkbar machen, das Leben nicht mehr negativ beeinflussen, ist das eine gute Sache. Das war vermutlich auch die Absicht des Helfers.

Und die durch Dankbarkeit entstandene Liebe nimmt mit schwindenden Problemen ab?

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@Rosenmary

Nicht unbedingt. Aber sie wird nicht zwangsläufig im Alltag - jeden Tag - deutlich. Aber es gibt auch Fälle, in denen der früher dankbare Mensch alles "vergisst" und hart sowie herzlos, undankbar agiert.

Auf der anderen Seite sollte man, wenn man geholfen hat, nicht erwarten, dass der "gestern" dankbare Mensch alle meine Fehler von heute unter den Teppich kehrt.

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@Nordlicht979

Ich glaube, dass Nachsicht üben auch so ein Zeichen von Dankbarkeit ist. Wenn Klaus der Monika früher sehr geholfen hat und wenn Klaus heute Fehlverhalten zeigt, dann wird Monika ggf. mit diesem Fehlverhalten etwas nachsichtiger umgehen und nicht gleich hart "draufhauen".

Aber evt. meinst Du Liebe - in einer Liebesbeziehung/Ehe - als Zeichen von Dankbarkeit? Wenn ich einem Menschen sehr geholfen habe und dieser Mensch will mich aus Dankbarkeit heiraten, dann müsste ich echt sehr gut überlegen, ob das wirklich eine gute Basis für eine Ehe ist.

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@Nordlicht979

Der Prozess ist noch ongoing. Ich bekomme Liebesbezeugungen und habe mich gefragt, auf was sie genau basieren, da die Person ein sehr schwieriger und empfindlicher Mensch ist.

Gespräche sind oft ein Eiertanz und letztens wurde mir meine Fürsorglichkeit als meine beste Eigenschaft genannt. Das überraschte mich, da sich unsere Freizeitaktivitäten eher um andere Dinge drehen. Es kam auch ein "ich brauche dich" und "danke, dass Du Dir so viel Mühe mit mir gibst ".

Trotz vieler Missverständnisse finden wir immer einen Konsens. Ich glaube, ich habe es mit einem extrem verletzten inneren Kind zu tun.

Er sucht meine Nähe, und ich glaube, dass es um die Fürsorglichkeit geht. Dann sagt er immer, dass er mich total lieb hat.

Und ich weiß nicht, wie ich das interpretieren soll. Ich gebe mir viel Mühe, ihm mit seinem geringen Selbstwertgefühl zu helfen.

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@Rosenmary

Deswegen schrieb ich in meiner Definition: Liebe ist die Entscheidung, im Rahmen m e i n e r K o m p e t e n z e n....

Geringe Kompetenzen ==> führen auch nur zu einem geringen Beitrag zum Wohl.

Und Kompetenzen können zu- aber auch abnehmen. Ein "ich brauche Dich" ist in jedem Fall ein Signal, dass der andere noch nicht gesund ist. Und in Verbindung von "ich liebe Dich" ist dieses "ich brauche Dich" möglicherweise ein Mittel, Dich im Zugriff zu halten, Deine Abhängigkeit zu bewirken. So kann diese Person immer über Dich verfügen, wenn sie dich braucht. In der Folge braucht sie nicht an ihren Kompetenzen (z.B. soziale Kompetenzen) zu arbeiten, denn immer wenn es mangels Kompetenzen ein Problem gibt, bist Du ja da.

Also die Liebe (Dankbarkeit) zu Dir kann umschwenken in einen Missbrauch.

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Das ist aber eine sehr enge Definition von Liebe. Ich denke nicht, dass Liebe durch die Bereitschaft zur Beitrag der Wohlvermehrung eines anderen definiert werden kann. Aber diese Definition ist wohl auch Dreh- und Angelpunkt der Frage.

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Zuerst dachte ich an eine psychotherapeutische Situation. Die zu rettende Person verliebt sich aus Dankbarkeit in ihren Therapeuten. Für sie ist es wahre Liebe, für ihn eine Übertragungssituation. Der Therapeut wird im besten Fall den Ablösungsprozess als letzten Schritt sorgfältig gestalten.

Im privaten Bereich: Die gerettete Person, die durch ihren seelischen Wachstumsprozess auf Augenhöhe ihres Retters aufsteigt, wird ihre Dankbarkeit bewahren und sie wahre Liebe nennen. Sie wird vielleicht plötzlich den Wunsch verspüren, sich vom Retter abzunabeln, um ein eigenständiges, unabhängiges Leben zu führen. Wahre Liebe will bekanntlich nicht festhalten.

Woher ich das weiß:eigene Erfahrung
Von Experte Rosenmary bestätigt

Hallo! Ein nicht psychologischer Ansatz sondern einer aus der Vergangenheit: früher (Nachkriegszeit) wurden oft Beziehungen durch gegenseitiges Helfen (Verbunden mit Dankbarkeit) aufrecht erhalten. Was einstweilen in unserer heutigen Zeit fast als "Zwangsehe" oder "Nutzehe" angesehen wird. Aber wenn ich mir meine Großeltern oder die Älteren in meiner Nachbarschaft ansehe, gehen diese mit 70, 80, 90 Jahren noch so authentisch liebevoll, respektvoll und vertraut miteinander um, dass ich das wirklich bewundere. Eigentlich lautet die Devise: nur eine Beziehung, wo der andere die Beste Version von sich selbst herausholen kann, ist eine langfristig bewegte und sinnerfüllte Beziehung. Ich bin meinem Partner jeden Tag dankbar und wenn ich diese Dankbarkeit nicht mehr habe, bin ich mir nicht sicher ob damit auch die Liebe gehen würde. ABER Dankbarkeit und Abhängigkeit sind zwei völlig unterschiedliche Dinge! Das sollte mal hinterfragt werden.

Das ist eine richtig gute Antwort. Danke.

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Ich denke, zur Zeit dürfte diese Liebe eher zweckgebunden sein.

Sie muss aber nicht zwangsläufig verfliegen, wenn man mit sich selbst besser zurechtkommt. Es kann sich dann durchaus echte Liebe entwickeln, wie immer und jederzeit sonst auch im Leben.

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