Sevven 16.03.2022

Deine Fragen an einen Rechtsextremismus-Experten

Während seines kulturanthropologischen Studiums befasste sich unser Nutzer Sevven eingehend mit dem Themenbereich Rechtsextremismus. Seit über einem halben Jahr arbeitet er außerdem beim Violence Prevention Network, einer NGO, die Rechtsextremismus-Prävention betreibt. Im Blickwechsel beantwortet er am Mittwoch, dem 16. März, von 15:00 - 17:30 Uhr, was man über Rechtsextremismus in Deutschland und Europa wissen sollte.
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109 Fragen
Wie stehst du zur "Erinnerungskultur"?

In Deutschland scheint man ja weitläufig (zumindest in der Politik und bei Linken die einfachere Denkweisen vertreten und die Welt sich einfach striken wollen) der Meinung zu sein, dass rein Erinnerung, Geschichtsunterricht - und KZ-Besuche (und Ähnliches) allein schon gegen Extremismus "impfen".

Meiner Ansicht nach bringt das nichts - jemand der zum Extremist wird hat andere Gründe. (Die auch bestehen wenn er die Geschichte kennt bzw. ganz unabhängig davon.) Also meiner Meinung nach eher Verschwendetes Geld/Zeit - und der Fokus sollte darauf liegen die tatsächlichen Ursachen zu erarbeiten und zu kontern. Statt die Leute nur als "dumme Rechte" (die die Geschichte nicht kennen, etc.) zu bezeichnen.

Zu dem Violence Prevention Network - dem du wohl angehörst - sagt Wikipedia wohl zumindest, dass man da wohl tatsächlich sinnvoll vorgeht: "Die Verantwortungspädagogik ermöglicht einen demütigungsfreien Weg der Ansprache von Menschen, die sich anti-demokratischen Strukturen angeschlossen haben, und befähigt sie zur Rückkehr in das demokratische Gemeinwesen." - das scheint mir der richtige Weg.

Leider habe ich den Eindruck, dass durch klassische Verhaltensweisen von "Antifa" leute eher noch dazu gebracht werden weiter, in das rechtsextreme Spektrum abzurutschen - wenn hier gegenseitig sich Feindbilder verstärken - durch den Hass von links auf rechts Leute die recht sind noch stärker mir Gegenhass reagieren und sich radikalisieren weiter.

'Keine Toleranz der Intoleranz' nicht zielführend?

Ich sehe bei Anti-Extremismus viele Leute, die der Ansicht sind, man sollte verbieten. Es gäbe Leute, die man nicht zu Worte kommen lassen soll. Ansichten, denen keine Plattform geboten werden soll. Meinungen, die nicht gehört werden dürfen.

Was ich allerdings beobachte, ist, dass - auch dank heutiger Technologie - Meinungsblasen sehr stark ausgeprägt sind. Mehr oder weniger Extreme sind in ihre eigenen Ecke verbannt. Sowas radikalisiert. Ihr Narrativ ist dann, dass 'die da' sich gegen sie verschwört haben. Denn, wenn 'die da' nichts im Schilde führten, warum sollten sie dann unsere Meinungen unterdrücken wollen?

Es gab schon Versuche, Nachrichten und Meinungen als akkuraten Querschnitt der Bevölkerung abzudecken. Mithilfe eines Algorithmus wurden mathematisch fair Inhalte diverser Personen ausgewählt; Regel- statt meinungsgebunden. Doch sehr schnell wurde der Versuch beendet, mit dem Grund: "Sowas können wir nicht bringen".

Warum sollten wir Quatsch von Nazis, Islamisten, o.ä. nicht ganz normal behandeln? Ist das zu gefährlich? Wie soll denn ein Mensch lernen, Mist zu erkennen, wenn er nie welchen sieht? Aus einem Elfenbeinturm der vorgekauten Wahrheit heraus?

Das wäre doch eine Beleidigung und Verkrüpplung des menschlichen Urteilsvermögens.

Wir müssen uns mit allerlei unangenehmen Gedanken auseinandersetzen, um Probleme zu verstehen, gerade wenn sie anscheinend einen so großen Teil der Gesellschaft betreffen. Ist das möglich oder sind deiner Meinung nach einige Leute einfach zu dumm dafür?

Wobei die Schlauen ja eigentlich fieser sind. Es ist gar frustrierend mit Leuten zu reden, die vermeintlichen Quatsch reden und gut argumentieren. Vielleicht liegt man ja selber falsch - oh weh. Das ist für viele ein unangenehmes Gefühl. Zu unrecht. Das ist doch genau, wo man ansetzen muss, oder?

Ein weiteres Problem, dass ich in sehe - bei Corona übrigens besonders gut - ist, dass Menschen sich bei ihrer Argumentation selber anlügen.

Sie sagen, sie sind gegen die Impfung, weil das der Wendler sagt. Ich glaube vielen Leuten ist klar, dass das, was der Wendler sagt, wissenschaftlicher Schmarrn ist. Aber es ist ihnen vielleicht zu peinlich den wahren Grund zu nennen. Und so wird er ein leichtes Totschlagargument ad Verecundiam. Das Problem ist hier eher die Fingerzeig-Gesellschaft, welche Schande über Leute bringt, die nicht gleich denken und gewichten wie sie. Auszusprechen: "Ich habe Angst vor Nebenwirkungen, sodass ich lieber egoistisch handle statt im Interesse der Gesellschaft." ist eine unvorstellbare Aussage. Die Wahrheit wird zur Todsünde.

Ist jetzt absichtlich provokativ geschrieben und soll keine Werbung für Extremisten sein. Was ich hinterfrage ist der momentan populäre Ansatz der 'Leitmeinung'. Sollte die nicht von selber kommen? Ist das 'zurechtzwingen' am Ende nicht kontraproduktiv?

Einer der größten Schwurbler war übrigens seinerzeit Nikolaus Kopernikus.