Blickwechsel 16.03.2022
Deine Fragen an einen Rechtsextremismus-Experten
Während seines kulturanthropologischen Studiums befasste sich unser Nutzer Sevven eingehend mit dem Themenbereich Rechtsextremismus. Seit über einem halben Jahr arbeitet er außerdem beim Violence Prevention Network, einer NGO, die Rechtsextremismus-Prävention betreibt. Im Blickwechsel beantwortet er am Mittwoch, dem 16. März, von 15:00 - 17:30 Uhr, was man über Rechtsextremismus in Deutschland und Europa wissen sollte. Alles zum Blickwechsel

Wie funktioniert Prävention? Was für Steuerungsmöglichkeiten gibt es?

2 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Ein ganz wichtiger Bestandteil der Präventionsarbeit ist die Forschung.

Beispielsweise habe ich bis kurzem eine ethnographische Forschung zu rechtsextremistischen Netzwerken, Gruppierungen und ihren Aktivitäten auf Gaming-Plattformen wie Steam durchgeführt, sowie zu Wechselwirkungen mit der Gaming-Kultur.

Unsere Forschungsergebnisse verwerten wir derzeit, indem wir ein Methodikhandbuch für die Präventionsarbeit im Internet ausarbeiten, nach welchem Unterschiedliche Berufsgruppen Verfahren werden : Sozialpädagogen, Feldforscher, etc. Zudem basteln wir momentan an konkreten Interventionsmaßnahmen.

Der zweite wichtige Bestandteil ist die Aufklärungsarbeit. Indem wir beispielsweise über die neuen Zielsetzungen und Strategien rechtsextremistischer Gruppierungen auf dem Laufenden halten.

《Anmerkung: sämtliche Beiträge zum Thema Rechtsextremismus spiegeln meine persönlichen Auffassungen und Erfahrungen wieder, ich spreche in dieser Hinsicht in keinster Weise für das VPN.》

Woher ich das weiß:Beruf – Gegenwärtig in der Rechtsextremismus-Prävention tätig

Ja, das klingt plausibel. Nach dem Motto "Kenne deinen Feind".

Aber diese Aufgeklärtheit muss doch mit irgendeiner Aktion verbunden werden oder reicht es, wenn man quasi durchs Reden über das Thema die Unsicherheiten beseitigt oder Vorschläge für besseren Umgang mit der Unsicherheit unterbreitet?

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@Suboptimierer

Verzeihung, ich habe glaube ich tatsächlich erst jetzt verstanden worauf du primär hinaus wolltest!

"Aktive Maßnahmen" umfassen insbesondere (mobile) Beratungsstellen und die Ausstiegshilfe. Während staatliche Behörden, v.a. Natürlich der Strafverfolgung, erst aktiv werden (können), wenn es bereits zu Straftaten gekommen ist, ist das Ziel der Präventionsarbeit (und der Ansatz bei uns vom VPN) zu verhindern, dass es überhaupt soweit kommt oder dass sich die Gewaltspirale innerhalb rechtsextremistischer oder rechts motivierter Gruppierungen, sowie die Auswirkungen auf deren Mitgliedern, weiter verschärft.

Der Austausch und die Interaktion mit Menschen mit der gleichen Gesinnung, die gegenseitige Bestätigung ideologischer Elemente innerhalb einer Gruppe, führen zu einer Verfestigung dieser ideologischen Elemente.

Das ist ein Hauptgrund dafür , warum sich beispielsweise ursprünglich rechts motivierte Jugendgruppen mit der Zeit zu rechtsextremistischen Gruppierungen weiterentwickeln. Die beschriebene gegenseitige Bestätigung ideologischer Elemente führt in diesen Fällen zu einem sogenannten geschlossenen rechtsextremen Weltbild, wie es für Rechtsextremisten charakteristisch ist.

Unser Ziel ist es in diesem Kontext zu verhindern, dass es dazu kommt. Und die Beratungsstellen und Ausstiegshilfe, ebenso wie die Forschung und Öffentlichkeitsarbeit, sind dabei die wichtigsten Werkzeuge.

Ebenso wie mit unseren Erkenntnissen so gut wie möglich auf die Politik und die Arbeitpraxis einzuwirken. Ob und in welcher Form unsere Arbeit berücksichtigt wird, ist aber immer...fraglich.

Und nein, wir arbeiten nicht mit V-Männern. Nicht nur weil wir nicht in der Strafverfolgung tätig sind, sondern auch weil der Einsatz von V-Männern in der ethnologischen Forschung absolut unethisch ist. Ebenso wie zu Verheimlichen, dass man als Feldforscher unterwegs ist.

Darüber hinaus ist es nicht unsere Arbeit, die erlangten Ergebnisse der Forschung gegen die jeweiligen Personen einzusetzen. Es geht uns also nicht um Bestrafung, sondern um Unterstützung.

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die voraussetzung für rechtsextreme sind gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und rechte strukturen in denen Nazis sich radikalisiern können. Alle können sich mindestens über rassismus , sexismus, klassismus, abelismus, antisehmitismus und entsprechende gegenmaßnahmen informieren und fast alle können auch mal auf eine demo gehen.

Also bringt es auch etwas, wenn ich mich informiere oder muss man irgendwie die Nazis dazu bewegen, sich zu informieren?

Inwiefern trägt es zur Bekämpfung von Rechtsextremismus bei, wenn ich informiert bin?

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