Warum glauben so wenig Ostdeutsche an einen Gott?

 - (Politik, Deutschland, Religion)

33 Antworten

Gehet ein durch die enge Pforte; denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind, die durch dieselbe eingehen. Denn eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind, die ihn finden.

Matthäus 7:13‭-‬14 ELB

Gesellschaftlich gut integrierte und gestützte Menschen brauchen weniger oft das, was wir als Glauben bezeichnen. Je besser eine Gesellschaft menschlich zusammenrückt desto weniger nötig ist der Wunsch nach äußerlicher Führung (zumal diese ja sowieso schon durch den Staat gegeben war). Wo man im Osten gut integriert ist, ist man im Westen allein mit sich und seinen Problemen. Und eine der vielen Lösungen ist der Glaube.

Aber mag natürlich sein, dass ich damit völlig falsch liege. So stell ich mir das vor.

Also sind die Ostdeutschen besser integriert und menschlich zusammengerückt?

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@nala2408

Die Ostdeutschen die ich kenne sind menschlicher unterwegs ja. Haben besseren Familienzusammenhalt. Allerdings auch ihre ganz eigenen Probleme die natürlich auch mit dem Osten zu tun haben. Und ich vermute dadurch, dass der Staat oberste Instanz war bestand auch die Möglichkeit gar nicht so viel in den Glauben zu investieren. Das kommt noch dazu. Mit der Zeit gehört der Glaube nicht mehr zum Leben dazu.

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Da die meisten Kommentare hier sehr negativ formuliert sind, möchte ich das, was hier schon gesagt wurde, einmal anders ausdrücken:

Anders als in Westdeutschland, wo die Kirchen politisch und gesellschaftlich über eine große Macht verfügten und Privilegien genossen haben, war der Säkularismus in der DDR nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern wurde tatsächlich auch umgesetzt. Wie andere schon schrieben, war Marx (auf den man sich in der DDR ideologisch berief) ein großer Religionskritiker. Somit wurden ostdeutsche Kinder, anders als die westdeutschen, keiner religiösen Gehirnwäsche unterzogen.

Man sieht an der von dir oben eingeblendeten Statistik deutlich, dass überall da, wo die Kirchen nicht ihre (unrechtmäßigen) Machtstrukturen und Privilegien hatten bzw. haben, es mehr nicht-religiöse Menschen gibt. Tschechien beispielsweise hat eine ähnlich sozialistische Vergangenheit und Frankreich ist im Gegensatz zu Deutschland laut Verfassung ein laizistischer Staat.

Da kommen drei Entwicklungen zusammen:

  • der Rückgang des Glaubens in allen christlichen, v. a. protestantischen Ländern, siehe Schweden usw.
  • die Prägung durch die atheistische Staatsdoktrin der DDR,
  • die Erfahrungen mit der Kirche während des NS-Systems und der DDR, also seit fast 100 Jahren: Die Kirche passte sich opportunistisch zuerst an die Nazis an ("Deutsche Christen") und dann an die SED (siehe z. B. den "roten Kasner", den Vater Angela Merkels). Das macht die Kirche unglaubwürdig.

In der DDR wurden die Menschen nicht als Kinder religiös indoktriniert, wie es in Westdeutschland immer der Fall war. In der DDR war es möglich, der Kirche völlig aus dem Weg zu gehen. Es war für die Kirchen auch deutlich schwieriger, Mitglieder zu generieren, weil die Taufe damals keine anerkannte Tradition war.

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