Warum glauben so wenig Ostdeutsche an einen Gott?

 - (Politik, Deutschland, Religion)

32 Antworten

Im Westen war man in der Gesellschaft angesehen, wenn man am Sonntag herausgeputzt in die Kirche ging.

In der DDR war das ganz anders. Man bekam bereits als Schüler Schwierigkeiten wenn man nicht an Veranstaltungen der Pioniere oder der FDJ teilnahm und sein Fehlen dann auch noch mit seinem Glauben begründete. So hat man in der DDR viele Kinder der Kirche entfremdet.

So bald eine Generation erst einmal entfremdet ist und die eigenen Kinder nicht mehr mit einem Glauben indoktriniert, hat es diese Religion sehr schwer. Denn gegen die Wissenschaft und den Gebrauch des eigenen Verstandes kann keine Religion etwas dagegen setzen.

Dieses DDR Experiment zeigt deutlich dass Glaube nur eine Frage der Erziehung und der Tradition ist. Der Glaube hat nichts mit dem Inhalt der Religion zu tun. Würde man Geschwister in noch jungen Jahren trennen und sie streng als Christen, Juden, Moslems und Atheisten erziehen, wären alle geprägt von ihrer Erziehung und überzeugt dass ihr Glaube der Richtige ist. So bald man diese Kinder als Erwachsene wiederum zwingt, ihre Überzeugung nicht an die folgende Generation weiter zu geben, so bald man diesen Kindern die vollkommen Freiheit gibt sich selbst zu entscheiden, ohne Druck am Glauben fest zu halten, entscheiden sich die Meisten dafür die Religion zu verlassen weil sie vollkommen ohne jede Substanz ist.

Der Islam erscheint nur deshalb wie ein Fels in der Brandung, weil er alle mit dem Tod bedroht, die ihn verlassen. Würde diese Todesdrohung weg fallen, hätte auch der Islam damit zu kämpfen seine Schäfchen zusammen zu halten.

Weil Religion dort lange absolut kein Thema war, und wer nicht von klein auf zumindest mit Göttern konfrontiert wird, der tut sich als Erwachsener halt schwer, an kosmische Zauberer, fliegene Zimmermannszombies und sprechende Schlangen zu glauben, für die es keinerlei Beweise gibt.

Übrigens: Ich finde es extrem befremdlich, das du Teile der Grafik abgeschnitten hast, welche Daten möchtest du uns da vorenthalten?

Nicht nur eine, sondern zwei antichristliche Diktaturen haben die gesellschaftliche Entwicklung geprägt. Daraus entstand regelrecht eine Religionsfeindschaft bei den Befürwortern und Mitläufern. Bei den Kritikern beider Diktaturen wiederum gab es teilweise Kritik an der als zu angepasst empfundenen Haltung der Kirchen gegenüber dem staatlichen Unrecht, was möglicherweise auch zur Abkehr vom Glauben geführt hat.

Nicht vergessen darf man, dass der Sozialismus ansich hohe ethische und moralische Werte vertritt. Dies war nicht nur theoretisch so, sondern wurde bei Bildung und Erziehung vermittelt. Z.B. die Friedensliebe (trotz Militarismus, der - so wurde strikt vermittelt - lediglich zur Verteidigung dienen sollte), z.B. das erfolgreiche Bildungssystem mit starker naturwissenschaftlicher Säule (wenn auch massiv einseitig politisiert, Physik bleibt Physik und Goethes Faust ist hervorragender Denkstoff). Soziale Ängste waren fremd, Sorge um Arbeit gab es kaum, Dach überm Kopf, energiereiche Nahrung (1989 Weltspitzenwert), bescheidener Wohlstand, Genussmittel, Alkohol und Zigaretten, ... kein wirtschaftlicher Überlebenskampf, kein Elend! Auch heute sprechen bedeutende Politiker, z.B. Gysi und Habeck, davon, dass linke Politik säkularisiertes Christentum sei. So sehe ich das auch.

Ich persönlich denke deshalb, dass dieser hohe Anspruch an Ethik und Moral - wenn er auch im Umgang des Staates mit seinen politischen Gegnern konterkariert wurde - das Bedürfnis nach Spiritualität deutlich reduziert hat nach dem Motto: Man kann ein guter Mensch sein, auch ohne Religion.

Als gläubiger Mensch möchte aber auf zwei Probleme damit hinweisen, die ich in der Praxis bestätigt sehe: Der gute Mensch, der sich allein seinen anerzogenen Maßstäben unterwirft, nicht aber Gott und dessen Geboten, befürchtet nichts, wenn er - einmal oder noch einmal - von seinen ethischen Werten abweichend handelt, solange dies von Menschen unentdeckt bleibt. Und so konnte der "real existierende Sozialismus" auf Dauer nur scheitern. Wahre Nachhaltigkeit im moralischen Verhalten würde ich erwarten von einem Menschen, der sich Gottes Geboten unterordnet und damit rechnet, Verantwortung für all seine Handlungen und Unterlassungen übernehmen zu müssen.

Zweitens: Trotz des weitestgehend humanistischen Anspruchs der DDR lag kein Segen auf dem Gesellschaftsmodell. Segen aber ging aus von der friedlichen Bürgerbewegung aus den Kirchen heraus, von den Friedensgebeten: Die friedliche Revolution gleicht für mich einem Wunder. Nein, sie war ein Wunder! Gott sei Dank!

"Dh" ... mit einer kleinen Ausnahme:
"der sich Gottes Geboten unterordnet"
Gott ist doch kein Despot, der uns mit seinen Geboten auf die Knie zwingen will! (schrecklich: die englische Übersetzung "Commandments")
Für mich sind die "Gebote" VERHEIßUNGEN, deren Erfüllung uns Gott von sich aus verspricht.
;-) lG

1
@Kneisser

Vielen Dank! Das ist ein interessanter Aspekt. Ich werde darüber nachdenken.

1
kein wirtschaftlicher Überlebenskampf, kein Elend!

Jetzt blendest Du aber wesentliche Teil der Lebensrealität in der DDR aus, absolut wie auch im Systemvergleich zu Westdeutschland:

  1. Die wirtschaftliche Lage selbst der "ärmsten" Bundesbürger lag höher als beim durchschnittlichen Werktätigen in der DDR.
  2. Ein wirtscaftliches Elend fing spätestens dann an, wenn der DDR-Bürger Systemkritik geübt und dafür seinen Arbeitsplattz verloren hat. Etliche konnten nur überleben, weil sie von Freunden durchgefüttert wurden.

Man muss die materiellen Ansprüche schon massiv runterschrauben, damit die DDR sie erfüllte:

energiereiche Nahrung (1989 Weltspitzenwert)

ist - solange es nicht ums blanke Verhindern von Hungerkatastrophen geht - wirklich kein Ruhmesblatt für die DDR!

dass linke Politik säkularisiertes Christentum sei

Ja, aber mit Sicherheit nicht die Politik des "realen Sozialismus", die - egal wo sie auf der Welt schon praktiziert wurde - mit Unterdrückung, Gleichschaltung und Entmenschlichung verbunden war. Sozialismus und Freiheit schließen sich aus. Zentrale Wirtschaftssteuerung und Individuelles Lebenskonzept auch.

0
@tevau

Ich sehe in Deinem Kommentar eine berechtigte Ergänzung. Mein Anliegen war keinesfalls, den "real existierenden Sozialismus" zu überhöhen. Doch Fakt ist, dass er den eigenen, propagandistisch verbalisierten, hohen moralischen Ansprüchen - die z.B. in Schulen gelehrt wurden - selbst nie gerecht wurde. Deshalb waren ja auch so viele Menschen extrem enttäuscht und ließen sich nicht mehr mit Worten abspeisen.

1

Was möchtest Du wissen?