Muss ein Autor intelligent sein, um intelligente Charaktere zu schaffen?

Das Ergebnis basiert auf 17 Abstimmungen

Phantasie reicht aus 59%
Der Autor muss genauso intelligent sein 41%

12 Antworten

Der Autor muss genauso intelligent sein

Hallo.

Ich schließe mich guitschees Jein an.
Zum einen kann man eine Figur durch Recherche künstlich intelligenter erscheinen lassen, aber auch das hat meistens seine Grenzen, denn je nachdem wie groß der Unterschied zwischen Autor und Charakter ist, muss man viel recherchieren und das dann nach Möglichkeit auch verstehen, weil man ansonsten Fehler einbaut, was wiederum die Integrität des fiktiven Genies angreift.
Ein Autor, der wirklich gar keine Ahnung von Physik hat, wird auch mit viel Recherche kein realistisches Physikgenie mit visionären Theorien schreiben können – aber ein passabler Physiklehrer wäre durchaus möglich. Es gilt nicht umsonst, dass man über Bekanntes schreiben sollte. Allerdings kann man sich mit Menschen unterhalten, die tatsächlich Ahnung von Physik haben, und dann hoffen, dass man um Gottes willen, bitte, lieber Gott, ich habe zehn Mal überprüft, dass ich das nicht falsch abgeschrieben habe, niemals darauf angesprochen wird und es mit eigenen Worten erklären muss.
Meistens sagt besagte Figur dann etwas Hochwissenschaftliches und die anderen Figuren steuern ein paar anerkennende Ahs und Ohs bei, was dem Leser dann signalisiert, dass man es mit einem Genie zu tun hat. Handelt es sich dabei nicht gerade um den Protagonisten, kommt man mit dieser Vorgehensweise gut durch.

Zum anderen hat man als Autor den Vorteil, Herr seiner eigenen Welt zu sein und damit die Perspektive des Lesers beeinflussen zu können. Die meisten Geschichten, die künstlich intelligente Charaktere beherbergen, folgen zwei Mustern: tell, don’t show und etwas, das ich jetzt einfach mal als Zurechtbiegen bezeichne.
Tell, don’t show ist natürlich etwas, das man als Autor nicht machen sollte, was mir aber gerade in diesem Zusammenhang oft auffällt. Dem Leser wird bis zum Erbrechen vorgebetet, wie intelligent eine Figur angeblich ist, aber gezeigt wird es nie und das, was man vielleicht gezeigt bekommt, ist meistens eher durchschnittlich, wird jedoch dadurch überhöht, dass die restlichen Figuren frenetisch Beifall klatschen. Die Beweisführung besteht meistens in zahllosen Geistesleistungen (gute Noten, beherrscht dreißig Sprachen, hält bereits mit siebzehn Gastlesungen über höhere Mathematik ab usw.) und der konstanten Lobpreisung durch andere Charaktere.  

Beim „Zurechtbiegen“ hat man die Macht, seiner Figur Recht zu geben. Du hattest Sherlock Holmes angesprochen und Arthur Conan Doyle hat diese ganze Vorgehensweise mit How Watson Learned the Trick selbst ein bisschen aufs Korn genommen. Watson zieht darin deduktive Schlüsse, die aber alle falsch sind. Die beiden gehen genau gleich vor, aber während Holmes für den Leser ein Genie ist, weil sich seine Schlussfolgerungen stets als richtig erweisen, ist Watson der arme Trottel, weil er falsch liegt. Mit so einem Vorgehen kann man den Leser freilich in die gewollte Richtung manipulieren.  
Außerdem kann man als Autor völlig abstruse Situationen erschaffen. Man nehme den berühmt-berüchtigten Mord im von innen verschlossenen Zimmer und einen Detektiv, der anhand der Flugbahn einer Biene erkennt, dass sich im Raum eine Geheimtür befinden muss, von der niemand außer dem Mörder wissen konnte – Tada: Genie.   

Es kommt mMn darauf an, wie authentisch die Figur werden soll. Kratzt der Autor lediglich an der Oberfläche und mogelt sich ein bisschen durch, kann dieser durchaus einen Charakter kreieren, der intelligenter als er selbst ist. Das Genre spielt ebenfalls eine Rolle, denn in einem Krimi hat man logischerweise eine größere kreative Freiheit als in einem Roman, in dem mit wissenschaftlichen Fakten jongliert wird.    

Der Autor muss genauso intelligent sein

Phantasie allein reicht beim Schreiben selten. Deutlich mehr kann man mit gründlicher Recherche abfangen. Die kann dir aber ab einem gewissen Grad auch nicht mehr weiterhelfen. Wie willst du die Denkweisen eines intelligenten Menschen für den Leser anschaulich beschreiben, wenn deine eigenen schon viel früher Grenzen gesetzt sind? Zumindest am Protagonisten wird man so scheitern.

Mit einem Nebencharakter kann man da noch durchkommen, so lange er aus der Perspektive anderer Charaktere gesehen wird. Ein paar clevere Aussagen nach viel Recherche, bei denen man nicht schildern muss, wie sie zustande kommen, das kann noch gutgehen. (Wobei man gerade bei Spezialistenwissen am besten Fachleute hinzuzieht, und sei es nur, um sie die entsprechenden Seiten mal lesen zu lassen. Das könnte so oft verhindern, dass Leser die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.)

Der Autor muss genauso intelligent sein

Ein Autor muss grundsätzlich intelligent sein, auch wenn er keine raffinierten Krimifälle beschreibt.

Denn Intelligenz korreliert sehr stark mit Sprachkompetenz.

Bei manchen Wörtern oder Bildern müsste bei einem guten Autor die Tastatur ihren Dienst verweigern.

Ich habe gerade noch mal ein (sogar veröffentlichtes) Gedicht gelesen, das ich mal in einem früheren Lyrikseminar aufgeschrieben habe (Autorin nenne ich absichtlich nicht). Da kommt beispielsweise vor, dass eine Tulpe von "brennender Farbe bestückt" sei.

Wie kann man blos bei der Farbe einer Blüte das Verb "bestücken" benutzen!? Das geht doch gar nicht. Das ist meines Erachtens sogar ein unverzeihlicher Anfängerfehler.

Etwas anderes ist die (vielleicht etwas elitäre aber nahvollziehbare) Meinung, die M. Reich-Ranicki mal geäußert hat. Er läse lieber ein Buch über einen Wissenschaftler als über einen Straßenkehrer. Dabei ertappe ich mich leider auch manchmal (trotzdem hat mir Momo gefallen).

Es ist von Vorteil, jedoch keine Grundvoraussetzung. Es ist einfach wichtig sich lyrisch ausdrücken zu können.

Sir A.Conan Doyle war tatsächlich hochintelligent. Er besass einen Intelligenzquotienten von 135 (~120-150), eine herausragende chirurgische Ausbildung als Arzt und war bei der Polizei als Berater bei Mordfällen tätig.

Die Bücher von Sir A. Conan Doyle entsprechen nicht meinem persönlichen Geschmack, weil Sie mir zu anspruchslos erscheinen.

Phantasie reicht aus

Solche Geschichten lassen sich ganz gut rückwärts erstellen. Du beginnst, um mal bei Sherlock Holmes zu bleiben, mit einem Mordfall. Dazu denkst du dir ein detail aus welches den Mord unmöglich Erscheinen lässt .Eine verschlossene Tür zum Beispiel.

Jetzt überlegt man sich also wie man den schlüssel weit in den Raum bekommt nachdem man die tür Abgeschlossen hat. Angelschnur und Klebeband zum Beispiel. jetzt brauchen wir natürlich noch die kleinen spuren die den Täter überführen. Sherlock kann das klebeband am schlüssel, ein kleines loch im stuhlbein neben dem der schlüssel lag und eine winzige kerbe an der unterkante der Tür finden. dazu fiel ihm ein leichter Einschnitt in den fingern eines Verdächtigen auf.

Sherlock Holmes wirkt intelligent weil dem Leser die Denkprozesse (und einige spuren) vorenthalten werden. So fühlt der Leser sich bei der Auflösung dann, ähnlich wie Watson, Blind und Dumm das man doch nicht selbst auf die Lösung kam.

Was möchtest Du wissen?