Warum war es früher anscheinend normal, Kinder zu schlagen?

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Wenn ein Erwachsener einen anderen schlägt, ist das schon schlimm. Gegenüber Kindern ist die Sache aber noch viel schlimmer, da ein Ungleichgewicht der Machtverhältnisse besteht. Kinder sind unterlegen und wehrlos, daher auch der Willkür des Erwachsenen ausgesetzt. Eine gewalttätige oder autoritäre Umgebung kann also nie dafür sorgen, dass sich ein Kind bestmöglich entwickelt.

Früher war das Schlagen normal, weil z. B. in vielen Glaubensrichtungen von berechtigten Züchtigungen gegenüber der Nachkommenschaft die Rede ist. Und weil früher allgemein eher die autoritäre Schiene gefahren wurde. Gleichberechtigung und körperliche Unversehrtheit sind Errungenschaften, die es noch nicht lange gibt. Dieser Tatsache sollte sich jeder bewusst sein und sie auch aktiv verteidigen. Auch waren früher die Pädagogik und Psychologie noch nicht ausgeprägt, erst in den letzten 30-40 Jahren hat sich auf diesen Gebieten viel getan.

Dass aus geschlagenen Kindern etwas Positives wurde und daher Schläge nicht so schlimm oder - wie manche meinen - sogar ein berechtigtes Erziehungsmittel seien, ist eine dümmliche Argumentation. Wenn Menschen etwas Schlechtes geschieht, fällt es ihnen schwer(er), etwas Positives daraus zu machen. Wer also seinen Lieben nicht schaden will, fügt ihnen auch keine Gewalt zu (umso absurder die Aussage "Ich tue das, weil ich dich liebe.")

Gewiss gibt es viele Menschen, die in ihrer Kindheit Schläge aushalten mussten und dennoch ein positives Leben, oft ganz ohne Gewalt, führen können. Auf den ersten Blick mag es so wirken, als hätten die Prügeleien keine großartigen Auswirkungen auf ihr Leben gehabt. Wenn man sich aber intensiv damit beschäftigt und sich Lebensgeschichten möglichst genau ansieht, findet man immer Dinge, mit denen die Personen eben wegen diesen Erfahrungen zu kämpfen haben (man denke auch an Kriegserfahrungen).

Psychologisch lässt sich nämlich jedes Verhalten erklären (warum ist jemand schüchtern, warum weint jemand wegen etwas, warum ist Person X in Situation Y aggressiv etc.), man muss (theoretisch) "nur" die ganze Lebensgeschichte der Person kennen. In der Praxis ist das natürlich nicht möglich, man weiß ja selbst von sich oft nicht, wieso man in einer bestimmten Situation so und nicht anders reagiert oder warum man etwas mag und etwas anderes nicht. Wenn Menschen beispielsweise Angst vor Spinnen haben oder sich vor einem Wurm ekeln, ist es unwahrscheinlich, dass diese Furcht bzw. dieser Ekel angeboren ist. ;-) Und so verhält es sich mit den meisten Verhaltensweisen, Ängsten, Persönlichkeitseinstellungen und vielem mehr... früher wurde Schlimmes übrigens kaum verarbeitet, meist verdrängt - leicht verkraften kann es ohnehin niemand, weder früher noch heute. Hier wird der Wert der Psychologie klar.

Was früher als normal gesehen wurde, muss deshalb nicht richtig gewesen sein (das gilt heutzutage auch!). Gut ist, dass ein Umdenken stattfindet und meist nur die ältere Generation davon spricht, Prügel sei nicht so schlimm und manchmal sogar angebracht. Negative Emotionen führen aber nie zum Erfolg, das sehen die meisten Leute mittlerweile ein. Früher war es auch der Fall, dass man unberechtigt verprügelt wurde - etwas Schlimmeres kann ich mir nicht vorstellen. Man hat nichts verbrochen, dennoch ist man hilflos einer Strafe z. B. eines Lehrers ausgesetzt. Würden Erwachsene das wollen?

Häufig ging bzw. geht es beim Zuschlagen leider nur um Macht(ausübung) des Überlegenen und nicht um eine bestmögliche Erziehung. Oder es fehlen pädagogische Alternativen zur Erziehung, dann gilt auch das Zuhauen als letztes Mittel. Wenn ein Kind dann aber auch so denkt und zuschlägt, wenn es etwas unbedingt durchsetzen will, braucht man sich nicht über diese Verhaltensweise zu wundern. Es wurde in vielen Experimenten gezeigt, dass negative Strafen uneffizient sind, nicht nur Schläge, sondern sogar lautes Schimpfen... ;-)

wow tolle Antwort aber was meinst du mit nagtive Strafe?

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@La123

Negative Bestrafung ("negativ" ist nicht wertend gemeint, wobei letztlich nur das Schimpfen in bestimmten Fällen (z. B. um eine ganze Gruppe von Kindern unter Kontrolle zu halten) wirklich vertretbar ist) sind Aktionen, bei denen man einem anderen etwas Schlechtes darbietet, weil er sich falsch verhält. Beispiele: Prügel, Haue, aber auch Schimpfen, Einsperren etc.

Positive Bestrafung sind Aktionen, bei denen man einem anderen etwas Gutes wegnimmt, weil er sich falsch verhält. Beispiele: Taschengeld abziehen, Computer/TV einschränken, Freizeitaktivität ausfallen lassen etc.

Positive Bestrafung ist sehr viel wirksamer als negative - ebenso wie das Prinzip, dass ein Kind etwas Gewünschtes/Schönes machen darf, sobald es etwas Unerwünschtes/Unbeliebtes erledigt hat. Beispiel: "Wenn du die Hausaufgaben gemacht hast, darfst du im Garten spielen." oder "Wenn du dein Zimmer gesäubert hast, lese ich dir eine Geschichte vor."

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@Draschomat

Positive Bestrafung ist für mich ein Paradoxon.

Manche scheinen ja subtile Manipulation im Umgang mit Kindern für erstrebenswert zu halten. Macht all diese Kinder zu ehrlichen Erwachsen ironieoff

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@kiniro

Man wirkt immer auf andere Menschen ein, wenn man mit ihnen interagiert. Das ist keine schlimme Sache, vor allem wenn ein Einfluss Positives bewirkt. Und gerade bei jungen Menschen kann man Positives bewirken, weil sie (meist) offener und formbarer sind als Erwachsene.

Um Manipulation geht es also nicht, zumal natürlich die Konsequenzen im Voraus bekannt sein müssen. Ein Fehlverhalten muss diese oder jene Konsequenz bringen. So geht es uns Erwachsenen ja auch, wenn wir gegen Gepflogenheiten oder gegen Recht verstoßen.

Positive Bestrafung erweist sich als äußerst wirksam und ist in jedem Fall wesentlich vernünftiger als lautes Herumschreien oder Prügelei. Nur leider hat sich das noch nicht bei allen herumgesprochen, wie man hier und auch immer wieder in den Zeitungen etc. liest.

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In vielen Ländern werden die Kinder immer noch geschlagen. Für Deutsche ist das verrückt aber für die Kinder ist das normal, dass wenn man was verbrochen hat, dass man geschlagen wird. Die Kinder entwickeln Angst vor den Eltern und machen so keinen Mist und sind lieb weil sie Angst vor dem Prügel haben. Somit haben die Eltern ihr Ziel erreicht. Oft bekommen die Nachbarn das auch mit, dass das Kind geschlagen wird, sie mischen ich aber nicht ein weil sie ja selber ihre Kinder schlagen. LG moviegirl123

Als Kind bekam ich "Übergelegte" mit der Hand und einem Kochlöffel. Sollte mich hinterher immer entschuldigen. War ich stur, mußte ich gleich ohne Essen ins Bett. Auch mußte ich öfter für sogenannte Frechheiten "auf einem Holzscheit" knien. Einmal kam ein Staubsaugervertreter und sah mich da so in der Ecke. Er wollte meine Mutter bewegen, das zu lassen ohne Erfolg. Mein Vater arbeite oft als Schichtarbeiter. Wehe, du sagst dem etwas warnte sie mich öfter. Meine Oma schlug öfter mit dem Teppichklopfer auf mich ein oder mit einem Rohrstock und in der Schule gab es öfter (für fast alle) Ohrfeigen. Später stritt meine Mutter tatsächlich alles ab und behauptete, daß ich nur ab und zu eine Watschn bekommen hätte und einmal hätte sie mir dem nassen Abspüllappen auf den Mund gehauen, weil ich so frech war (einmal?) Schon längst weiß ich, daß bei ihr frech sein u.a. bedeutete, daß ich ihr auf blöde Anweisungen oder widersprüchliche Schimpfe eine intelligente Antwort gab, auf die sie verbal nichts wußte, ausser zuzuschlagen. Wenn ich Glück hatte, gab es nur 1 Woche Hausarret und natürlich kein Taschengeld (50 Pfennige die Woche) Ehrlich gesagt, vermisse ich sie überhaupt nicht, seit sie vor mehreren Jahren gestorben ist. Später erlebte ich dann bei meiner Schwiegertochter, daß sie das Kind (sie haben 3) über das Knie legte, wenn sie nicht parierten und sehr nervten. Ich war ausser mir, was sie und mein Sohn nicht verstanden. Aufgrund meiner Erlebnisse hatte ich Schmerzen und brach den Kontakt ab! Nach ca. 7 Monaten kamen sie auf mich und meinem Mann zu, aber nicht besonders einsichtig. Beide sind sehr christlich und schlagen die Kinder? Und so habe ich mich im Internet schlau gemacht und festgestellt, daß Prügelstrafen sogar in der Bibel empfohlen werden, auch im Jahre 2013! Da werden sogar die Züchtigungsgeräte aufgezählt. Hier in Deutschland ist diese Gewaltanwendung zwar verboten sowie die Frauen zu schlagen und man kann vor Gericht gehen, meistens erfolglos. Hingegen in Amerika ist prügeln an Schulen und zuhaue nach wie vor Gang und Gebe. Im übrigen wird hier in Deutschland jede 3. Frau geschlagen, egal ob verheiratet oder mit einem zusammen lebend. Man braucht also auch nicht auf die Türken mit dem Finger zeigen. Es war immer schon so, daß der Stärkste nach unten schlägt und der dann wieder nach unten usw. Gott-sei-dank gibt es auch andere Menschen.

Ob der eine oder andere da schwere oder weniger schwere psychische Folgen davon trägt, ist sicher von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Erwähnenswert ist aber doch, dass der jenige, der die Kinder schlägt ganz sicher psychisch nicht normal ist. Wenn ein Kind etwas falsch macht, oder einem auch mal immer und immer wieder die Nerven stiehl, dann hat das einen Grund. Den Grund zu erkennen und dem Kind plausibel machen, was falsch läuft, das ist die Aufgabe der Eltern. Eltern die ihre Kinder schlagen sind dazu nicht fähig, überfordert, gestresst. Man erreicht durch Gewalt keinen positiven Lerneffekt. Einzig Angst erzeugt man dadurch und das sollte nun wirklich nicht im Interesse der Eltern sein. Schlägt man einen Hund in der Polizeiausbildung? Oder ein Pferd bei der Dressur? Das Prinzip heisst dort Belohnungssystem, warum sollte es also bei Menschen, die fähig sind zu reden und zu verstehen nur mir Schläge gehen? Ich denke hier sieht man sehr deutlich die schwäche in der Stärke.

In meiner Familie gab es sowas nicht und auch ich gehe mit meinen Kindern nicht so um und versuche mir Zeit zu nehmen. Ich schreibe hier eigentlich nur, weil ich solche Fälle beruflich des öfteren sehe. Mich kotzt Gewalt gegen Kinder einfach an.

die antwort liegt in deiner frage ... es war frueher normal ...

und das bedeutet, dass nicht nur ein kind in einer schulklasse davon betroffen war, sondern die meisten. die kinder in der nachbarschaft, die kinder, die man beim spielen traf etc. alle kannten das problem selbst von zu hause und deshalb hat auch keiner so viel darueber nachgedacht oder ein riesenproblem daraus gestrickt.

natuerlich gab's auch immer diejenigen, die so schwer verpruegelt wurden, dass sie koerperlich langfristig schaden genommen haben. fuer die war die situation dann wieder anders.

heutzutage wird generell davon ausgegangen, dass jede form elterlicher gewalt seelenzerstoerend wirkt und wenn man das weit genug verbreitet, dann sind geschlagene kinder ganz unabhaengig davon, wie schwer sich die schlaege tatsaechlich auf ihre psyche auswirken, oft genug in zugzwang, sich auch "anstaendig" psychisch betroffen zu fuehlen.

ich weiss, das ist ein heikles thema (was meiner ansicht nach auch bei missbrauch greift), aber ich bin davon ueberzeugt, dass manche formen von gewalt fuer das opfer erst dadurch RICHTIG schlimm werden, weil es von allen seiten zu hoeren bekommt, dass es eine seelenzertoerende katastrophe ist (oder sein sollte). anders kann ich mir auch nicht erklaeren, wieso kinder und jugendliche heute bei jeder kleinigkeit zusammenbrechen und nach dem psychiater schreien.

es war nicht unbeidngt "normal" würde ich sagen.. es wurde nur einfach nicht darüber gesprochen wo es der fall war.

in wohlhabenderen familien war das ja keineswegs so.. gerade die so sehr gewollten knaben wurden gehegt und gepflegt.

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@Kriegspandemie

das ist auch nicht so zu verallgemeinern. gerade in den gutbuergerlichen familien wurde haeufig wert auf zucht und ordnung gelegt.

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