warum arbeitet man(warum geht man arbeiten)?

22 Antworten

Hallo mindlessinfi,

die Frage des Zwecks der Arbeit und ihrer gesellschaftlichen Bedingungen hat berkersheim bereits - wie gewohnt - kompetent und erschöpfend erklärt (beste Antwort!). Die meisten anderen bleiben mit der Antwort "Geld" an der Oberfläche. Da Du das so hinterfragst, dazu noch eine Anmerkung:

In früheren Gesellschaften waren Produzenten intensiver mit dem Produkt, das sie hergestellt haben, verknüpft. Denke an einen Handwerker oder einen Bauern. Da ist die Arbeit immer direkt verbunden mit dem Produkt und vor allem im Fall des Bauern spielt Geld häufig eine Nebenrolle, da die Lebensmittel selbst hergestellt werden und selbst verbraucht werden. In unserem modernen Kapitalismus (seit ca. 200 Jahren) nimmt diese Verbindung immer mehr ab. In der Industrie ist die Arbeitsteilung so umfangreich geworden, dass der einzelne Arbeiter häufig gar nicht mehr genau weiß, was er da eigentlich herstellt - geschweige, dass er es für seine Konsumtion benötigen würde. Der Industriearbeiter bei Siemens z.B., benötigt selbst höchst selten eine Lokomotive für sich. Ein solches vom eigenen Konsum entferntes Arbeitsverhältnis nennt man entfremdet. Die Entfremdung funktioniert über die Brücke "Geld".

Statt das eigene Produkt direkt zu konsumieren, wird es verkauft und die Arbeit, die dazu nötig ist, wird in Geld entlohnt. So sieht es für den Arbeiter aus, als arbeite er nur für das Geld - eine oberflächliche Betrachtungsweise, die die eigentliche gesellschaftliche Funktion der Arbeit und des Arbeitsproduktes nicht mehr einschließt, aber eben aus der Entfremdung der Arbeit resultiert.

Neben all der realen produktiven Funktion der Arbeit aber, läßt sich Arbeit natürlich noch unter einem ganz anderen Aspekt sehen: die Bedeutung der Arbeit für den einzelnen Menschen.

In dieser Überlegung spielt dann der Geldverdienst oder Lebensunterhalt nur noch eine Nebenrolle und es ist festzustellen, dass sich der einzelne Mensch zum größten Teil über seine Arbeit definiert - in unserer Gesellschaft mehr denn je, man bezeichnet sie ja auch deswegen als "Arbeitsgesellschaft". Es reicht den meisten Menschen nicht mehr z.B. einfach Mutter zu sein, das wird gesellschaftlich als Defizit angesehen. Und der Mensch, der sich nur auf die faule Haut legt, hat ein überaus geringes gesellschaftliches Renommée.

Und da für alle Menschen das Ansehen bei den anderen Menschen wichtig ist, versuchen sie sich mit Hilfe eine Tätigkeit Respekt zu erwerben.

Und in unserer Arbeitsgesellschaft wird "Freizeit" immer als ausgleichendes Pendant zur "Arbeitszeit" angesehen, die der Erholung und Reproduktion der Arbeitskraft dient. Gemeinsames "Nichtstun", das vielleicht noch in ursprünglichen bäuerlichen Gesellschaften eine Rolle spielt, gibt es bei uns fast nicht mehr. Der einzelne Mensch würde sich dann ganz schnell langweilen - und das "chillen" ist heute häufig damit verbunden, die Sinne doch noch irgendwie zu beschäftigen, sei es mit Fenrsehbildern, Musik oder Spielen. Ohne Arbeit zu sein, wird empfunden als etwas, das an der Grenze zur Verwahrlosung, zum Alkoholismus, oder zu anderer Sucht liegt, dem Menschen jedenfalls nicht zum Vorteil ist.

Gruß Friedemann

Die Frage mit der Unterfrage "Zeitvertreib" deutet auf eine Lebenserfahrung in einer Gesellschaftsordnung, in der "Zeitvertreib" eine Rolle in der Lebensgestaltung spielt. Das ist in Deutschland für viele erst seit ca. 60 Jahren so. Über 2 Millionen Jahre war das anders. Die meiste Zeit der 2 Millionen Jahre hätten Menschen geantwortet: Damit ich keinen Hunger leide! Doch heute meinen viele, Hunger wäre, wenn es nicht genügend Lebkuchen gibt. Denen muss man heute sagen: Leute arbeiten um Lebkuchen herzustellen, damit andere für ca. 1 Euro einen Lebkuchen kaufen können. Lebkuchen wächst nicht auf den Bäumen. Smartphones auch nicht. Straßenbahnen wachsen nicht auf Bäumen und Autos fallen auch nicht regelmäßig vom Himmel. Häuser sprießen nicht einfach aus der Erde! Wie lebensfremd muss man sein, um die Frage nach dem Sinn der Arbeit stellen zu können? Wie kann man durch ein vollbestücktes Kaufhaus gehen, in dem Produkte aus aller Herren Länder angeboten werden, und dann bei dem Gedanken verharren, dass die irgendwie von selbst dahin gekommen sind.

Da macht sich jemand keine Vorstellung von dem Aufwand, der organisatorischen Leistung, dass 80 Millionen Menschen in Deutschland nicht sinn- und arbeitslos herumstehen sondern leben können, wie sie leben. Wir arbeiten um zu leben, so wie wir leben und wie soviele Menschen miteinander klar kommen. Wir arbeiten um zu leben. Wir leben so sinnvoll, wie wir es uns einrichten, auch mit Arbeit. Dass in unserer modernen Gesellschaft Arbeit als integraler Bestandteil des Lebens vom ausruhenden oder reflektierenden Teil des Lebens getrennt ist, ist eine spezielle Erscheinung unserer gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Das ist nicht überall so und muss auch nicht immer so bleiben. Das ist bei uns erst seit knapp 200 Jahren so, nicht länger. Mit der Aufspaltung konkreter Arbeitszusammenhänge in Projekte ändert sich das inzwischen. Allerdings mit dem Nebeneffekt, dass ausreichend Arbeit und Arbeitsentgelt haben wieder risikoreicher wird. Die von dieser Situation betroffen sind, denken über Arbeit anders nach, nämlich, wie sie an genügend Aufträge für ihre qualifizierte Arbeit kommen. In Spanien würden 50% der Jugendlichen gern ihre perspektivlose Zwangsfreizeit gegen Arbeit tauschen. Die stellen die Frage anders.

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danke für die ausführliche Antwort... die Unterfrage Zeitvertreib, war darauf gemünzt, dass wohl die meisten Menschen mit der Zeit gar nichts anfangen könnten, wenn sie nicht arbeiten gehen würden.


Da macht sich jemand keine Vorstellung von dem Aufwand, der organisatorischen Leistung, dass 80 Millionen Menschen in Deutschland nicht sinn- und arbeitslos herumstehen sondern leben können, wie sie leben.

der organisatorische aufwand verteilt sich aber halt auch...und diejenigen politischen kapazitäten, die zuständig dafür sein sollten den richtigen rahmen zu schaffen haben eigene interessen, zb die schwarze null... was der sogenannten "vollbeschäftigung" konträr gegenüber zu stehen scheint [vor allem unter dem aspekt, dass man hunderte milliarden neuverschuldung für ne bankenrettung in kauf nimmt(aber das ist wieder ein anderes thema)]... und das war auch nicht die frage... 


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Naja, die meisten werden von klein auf so erzogen, dass sie meinen, es gebe keine Alternative.

Und was ich in diesem Zusammenhang noch unbedingt anmerken möchte, ist, dass Arbeit (also zielgerichtetes produktives Handeln) nicht unbedingt mit Lohnarbeit (also Arbeit für Geld ) gleich zu setzen ist.

Du meinst in Deiner Frage wahrscheinlich die Lohnarbeit. Und die erscheint den meisten als total alternativlos. Dabei sind wir gerade dabei, Alternativen zu entwickeln. Das Bedingungslose Grundeinkommen ist zum Beispiel ein Konzept, das gerade total im Kommen ist.

Und der Antrieb, überhaupt etwas Produktives und Zielgerichtetes zu tun, liegt in der Natur des Menschen. Ich kenne zum Beispiel jede Menge Arbeitslose, aber niemanden, der/die überhaupt nichts Sinnvolles tut - vielleicht mal abgesehen von Leuten, die gerade unter akuten schweren Depressionen leiden (und selbst dann wäre eigentlich eine leichte Arbeitstherapie das Beste).

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ein bedingungsloses grundeinkommen ist doch eine utopie... nicht weil es finanziell nicht umsetzbar wäre, sondern vielmehr weil es in der derzeitigen medienlandschaft nicht vermittelbar ist und man somit niemals die breite mehrheit dafür gewinnen kann.

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@mindlessinfi

wenn du versuchst sowas populär zu machen, wird es nicht lange dauern und jemand stellt dich in die äußerste linke ecke... und da ja die ddr schon nicht funktioniert hat, wird auch das projekt nicht funktionieren... auch wenn das nicht stimmt und der zusammenhang fragwürdig ist, wird dieses projekt durch ne einfach assoziation zum scheitern verurteilt...

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@mindlessinfi

Ach, in der äußersten linken Ecke stehe ich sowieso schon.

Hast Du denn auch irgendein ernsthaftes Argument gegen das Bedingungslose Grundeinkommen?

Ich meine: Du gibst zu, dass es finanziell umsetzbar ist - und lehnst es nur ab, weil es irgendwie mit der DDR assoziiert werden könnte. Das kann ich nicht ernsthaft als Argument zählen - zumal die DDR noch nicht einmal ein BGE hatte.

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@Gronkor

ich lehne es nicht ab, ich fand schon die idee mit dem bürgergeld vor 10 jahren sinnvoll...

ich erachte es aber halt trotzdem nicht als umsetzbar, weil man es einer mehrheit vermitteln muss... was mir, unter den momentanen umständen, als nicht realisierbar erscheint

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