Können alle Schweizer Deutsch sprechen?

4 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Die Schweizer mit französischer, italienischer oder rätoromanischer Muttersprache lernen zwar Deutsch in der Schule, aber wenn sie es nicht verwenden, ist es schnell wieder weg. Uns geht es mit dem Französischen genau gleich: Jeder lernt es, kaum einer kann es sprechen.

Als Ausnahme kann man die Rätoromanen sehen, die meist sehr gut Deutsch sprechen, auch aus der Not heraus: Die Sprachgruppe ist sehr klein, im nächsten Dorf kann bereits alles deutschsprachig sein... Es gibt einen Radiosender auf Rätoromanisch und einzelne Fernsehsendungen. Sie wachsen so praktisch mit Deutsch auf.

Grundsätzlich kann man die Leute in der West- und Südschweiz fragen, ob sie Deutsch (Standardsprache, kein Schwiizertüütsch) sprechen, aber du wirst meist eine abschlägige Antwort kriegen. Niemand dort mag Deutsch, die Sprache ist ihnen suspekt. Uns übrigens auch... ;-)

Und mit Schwiizertüütsch braucht man nicht zu kommen - das lernen sie nicht und verstehen es auch nicht. Wir lernen ja die Standardsprache auch in der Schule, ist auch für uns sowas wie eine Fremdsprache. Die Unterschiede sind frappant und stellen auch für viele grosse Hürden dar.

Wir behelfen uns im Dialog mit den anderssprachigen Schweizern dann meist so, dass der eine eben Französisch spricht, der andere Standarddeutsch. Man versteht eine Sprache ja viel einfacher, als dass man sie spricht. Aber meistens wechselt man heute dann auf Englisch - für beide eine Fremdsprache, also Chancengleichheit.

In der Tat lernen wir seit einigen Jahren zuerst Englisch in den meisten Kantonen, dann erst eine zweite Landessprache. Früher war zuerst Französisch, dann Englisch an der Reihe.

Also: Immer erst fragen, vielleicht hast Du Glück. Einfach auf Deutsch losplappern ist arrogant.

Danke für die ausführliche Antwort! Das wusste ich so noch nicht (ich habe den romanistischen Blickwinkel noch vom Studium - ist aber schon ganz schön lange her. Ich hätte fast mal ein Proseminar Rätoromanisch besucht, aber es wurde dann doch Spanisch daraus)

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Deine Antwort ist ganz toll. Bloss eine Aussage hat mich etwas verwirrt. Ich habe noch nie in meinem Leben mit einem Romand Englisch gesprochen. Der Grund ist einfach: ich spreche fliessend Französisch. Nicht etwa, weil ich francophon bin, sondern weil ich die Sprache in der Schule gelernt habe, wie eigentlich jeder andere Deutschschweizer auch. Mir ist einfach aufgefallen, dass sich die Mehrheit der Jungen nicht mehr für Französisch interessiert. Es dreht sich alles nur noch ums Englisch, obwohl Französisch die Diplomatenprache -und somit eine Weltsprache- ist, da sie, wie das Englisch auch, eben sehr einfach zu erlernen ist. Ich finde jedoch, dass man als Deutschweizer sich bemühen sollte, in erster Linie eine zweite Landessprache anzugehen. Englisch ist heute ohnehin allgegenwärtig und wird sowieso mit Leichtigkeit aufgenommen. Für die Romands soll das Selbe gelten: leider gehört es in der Welschschweiz jedoch schon fast zum guten Ton, Deutsch zu boykottieren. Traurig!

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Die Schweiz besteht aus vier Sprachregionen: Deutschschweiz (deutschsprachig), Westschweiz (französischsprachig), Südschweiz (italienischsprachig), romanischer Teil des Kantons Graubünden. Die anderssprachigen Regionen beherrschen Deutsch mehr oder weniger gut als Fremdsprache (Schule).

Im deutschsprachigen Teil wird umgangssprachlich Schweizerdeutsch verwendet (Alemannisch). https://de.wikipedia.org/wiki/Alemannische_Dialekte

Als Schriftsprache wird Schweizer Hochdeutsch verwendet, das mit einigen Ausnahmen der deutschen Schriftsprache entspricht. Es wird beispielsweise kein ß verwendet, da die Tastaturbelegung auch die französischen Zeichen berücksichtigen muss. https://de.wikipedia.org/wiki/Schweizer_Hochdeutsch

Woher ich das weiß:Recherche

"Es wird beispielsweise kein ß verwendet, da die Tastaturbelegung auch die französischen Zeichen berücksichtigen muss."

Dass wir in der Deutschschweiz kein ß verwenden, hat natürlich nicht mit Tastaturbelegungen von Schreibmaschinen und Computern zu tun. Das geht jedenfalls auf die Zeit vor den Computern zurück. Ferner hatten die Schweizer möglicherweise weniger Probleme als die Deutschen mit dem Doppel-s, das einen ja vielleicht an die "SS" erinnern könnte ...

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@rumar

Gilt auch für Schreibmaschinen und die sind schon viel älter als Computer. Das ß wird nur bei weichem Doppel-s verwendet, beispielsweise bei Bußen im Sinne von Strafen, aber nicht bei Bussen im Sinne von Autobussen. Also existieren auch bei Deutschen normale ss.

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Tessiner können wählen, ob sie Deutsch oder Französisch als Fremdsprache lernen wollen. Französisch ist für Sie einfacher, Deutsch hingegen wichtiger.

Die Antwort auf Deine Frage ist also Nein, es gibt Schweizer ohne Deutschkenntnisse.

Wolfgang Koydi & Sergio Lievano: Ganz schön Schweiz: Ein Survival Guide. 2017 Bergli Books. Die Autoren beleuchten humorvoll Käse und Politik, Alpenfauna und Luftwaffe und bekannte Schweizer wie Albert Einstein.

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