Ein schlechtes Elternteil besser als ein totes?
Ich war viele Jahre der Überzeugung, dass ein schlechter Vater immer noch besser ist, als ein toter.
Hintergrund: Der Vater meines Sohnes ist schon sehr früh verstorben und vom Vater meiner späteren Tochter habe ich mich irgendwann getrennt, aber alles dafür getan, den Kontakt zu erhalten, obwohl er wahrlich kein gutes Vorbild abgegeben hat. Details möchte ich jetzt nicht nennen, aber das Jugendamt hätte bei Kenntnis den Kontakt vermutlich nur unter Aufsicht zulassen. Wir haben damals keine Anwälte, Ämter oder Gerichte beschäftigt.
Heute frage ich mich, ob das wirklich klug war, obwohl meine Tochter mir dafür sehr dankbar ist. Auch ihr Vater ist bereits verstorben und so hatte sie doch einige Jahre mit ihm (sie ist mit 15 zu ihm gezogen).
Dennoch hat er ihr Werte vorgelebt, die sie auch übernommen hat und die ich nicht so dolle finde.
Ich kann nichts mehr ändern und mische mich auch nicht ein.
Mir geht es mit dieser Frage mehr um meine eigenen Zweifel und dem Versuch, damit wieder Frieden zu finden.
Und ja, auch ich war kein gutes Vorbild, wenn auch in anderer Hinsicht!
2 Antworten
Tja schwierig. Es kommt im Grunde nur darauf an was man als „schlecht“ definiert. Ein Vater der seine Kinder psychisch, emotional und/oder körperlich misshandelt ist nach meiner Meinung definitiv schlimmer. Da wäre mir ein toter Vater lieber.
Aus Jugendamts-Sicht ist verbal aggressive (und damit emotionale/psychische) Demütigung mindestens eine leichte Misshandlung und damit auch mindestens eine latente Kindeswohlgefährdung. Drogenkonsum ist tatsächlich in sofern legitim, wenn sich das Elternteil während und/oder durch den Konsum im Stande sieht, sich ausreichend um sein Kind und seine Bedürfnisse zu kümmern. Wobei dabei natürlich auch das Bedürfnis nach Sicherheit, Nähe und Zuwendung eingeschlossen ist. Wenn das nicht der Fall ist reden wir von leichter bis schwerer Vernachlässigung und damit abermals von latenter bis eindeutiger Kindeswohlgefährdung.
Nach meiner persönlichen Meinung ist mir ein überidealisierter Toter lieber als ein misshandelnder Lebender.
Wie kann neben einem überidealisierten Toten ein überlebender Elternteil mit Macken bestehen?
Ganz ehrlich? In dem er sich zusammen reißt oder das Handtuch wirft. Ich mag den Spruch zwar nicht, aber „das Leben ist kein Ponyhof“. Niemand erwartet von jemandem der perfekte Elternteil zu sein. Und auch wenn es dir dein Kind nicht sofort danken wird, ist es deine Pflicht alles in deiner Macht stehende zu tun, deinem Kind ein gutes Leben zu ermöglichen. Und wenn du das nicht kannst (was eine legitime und starke Einsicht ist), solltest du einen logischen Rückschluss treffen.
Es gibt definitiv Fälle, wo Kinder froh sind, dass ein Elternteil tot ist, weil das so besser ist.
Und es gibt Fälle, wo man erstmal definieren muss, was "besser" bedeutet. Ist "besser für die seelische Entwicklung" auch sofort generell "besser"?
Es gibt aber auch Fälle, wo der Kontakt moderiert werden sollte, zum Schutz des Kindes. Ein richtig dosierter Elternteil ist dann besser als "kein Elternteil" und besser als "ungefilterter Elternteil". Und ich vertraue mal einfach deiner eigenen Einschätzung, dass das hier so ein Fall gewesen wäre:
das Jugendamt hätte bei Kenntnis den Kontakt vermutlich nur unter Aufsicht zulassen.
Das passiert schließlich nicht aus Spaß oder Langeweile oder um den Elternteil zu ärgern, sondern zum Schutz und wohl des Kindes. Es verhindert, dass das Kind allzu viel von den schlechten Seiten des Elternteils mitbekommt, erhält aber trotzdem den Kontakt und ermöglicht eine Eltern-Kind-Bindung.
Und ich spreche bewusst von Elternteil und nicht von Vater, denn Mütter können genauso furchtbar sein wie Väter.
Da muss ich widersprechen..in vielen Fällen ist kein Elternkontakt besser als wenig..Stichpunkt Retraumatisierung.
Ich habe meine ganze Facharbeit darüber geschrieben und es ist verblüffend, wie schädlich Elternkontakt zu toxischen Eltern tatsächlich ist und wie es die Entwicklung hemmt und zurückwirft.
Man würde kein anderes Opfer dazu zwingen sich regelmäßig mit "seinen Tätern" zu treffen...und ich finde eine Zeugung, sollte kein Grund sein, das von Kindern zu verlangen.
Und ich spreche bewusst von Elternteil und nicht von Vater, denn Mütter können genauso furchtbar sein wie Väter.
Da stimme ich dir absolut zu, denn die beiden Elternteile haben sich ja mal "passend" angezogen und deshalb kann man oft nur schwer feststellen, wer von beiden toxischer ist.
Genau das ist das Problem: Wo beginnt eine Form der Misshandlung? Ein Elternteil, das Kinder anschreit, verbal demütigt? Ein Elternteil, dass täglich ohne einen gewissen Alkoholspiegel nicht leben kann? Ein Elternteil, was täglich Gras konsumiert? Ein Elternteil, was emotional nicht verfügbar ist, sich aber um alles andere kümmert? Die Liste ließe sich noch weit fortsetzen.
Tote kann man hervorragend idealisieren, nicht nur rückwirkend, sondern auch gerade in der "wäre-Perspektive".