Abitur schaffbar mit den Noten auf der Realschule?

11 Antworten

Du hast bereits gute Antworten bekommen. Ich möchte nur noch etwas wegen den Noten aus persönlicher Erfahrung hinzufügen. Ich lebte und lebte übrigens auch in NRW.

Meine Grundschule war eine Waldorfschule. Was die Leute meistens darüber wissen: "Man lernt, seinen Namen zu tanzen", falls dir die Schulform nichts sagte. Wir lernten schon Russisch und auf Russisch konnte ich mehr sagen als auf Englisch nach der 4. Klasse. Mehr als "I live in a house", "My name is ..." und die Personalpronomen konnten wir nicht. Meine Eltern bemerkten, wie unglaublich dumm wir alle im Vergleich zu "normalen" Grundschülern waren und schickten mich demnach nach der Grundschule auf das Gymnasium. Ein Wechsel wie Tag und Nacht.

Meine neue Englischlehrerin wollte, dass wir wie vorher besprochen Sätze bilden. Subjekt+Verb+Objekt. Während alle sofort loslegten und überlegten, wie man die Sätze möglichst lustig gestaltet, saß ich nur abguckend da und fragte mich, was zum Teufel ein Subjekt und was zum Teufel ein Objekt ist. Ich wusste es Jahre lang nicht. Genauso wenig sagten mir Begriffe wie Personalpronomen, Präfix, Infinitiv oder irgendwelche Zeitformen wie Präsens etwas. Wenn der Deutschlehrer was im Präsens oder Präteritum wollte, wusste ich nur: Sche**e, du wirst etliche Fehler haben, weil du keine Ahnung hast, was das genau ist.

So machte ich also meine Jahre auf dem Gymnasium. Bestimmt als schlechtester Schüler der Klasse, immer mit Elterngesprächen, immer mit der Perspektive, nicht einmal die Realschule schaffen zu können und immer noch sauer auf meine Eltern, dass ich diesen Wechsel vollbringen musste. Während alle immer mit ihrem 1er Schnitt angegeben haben, traute ich mich gar nicht, mir meinen auszurechnen, weil ich nicht wissen wollte, wie schlecht ich nun wirklich war. Das ging auch bis zum Ende der 9. Klasse noch so, wobei ich mich da langsam besserte. In Englisch habe ich mal eine 3 geschafft, in Mathe sogar mehrfach und eine 2. In manchen Nebenfächern konnte ich noch eine Note besser werden, aber Deutsch und Französisch blieben weiterhin auf ausreichend oder mangelhaft.

Dann kam ich tatsächlich in die Oberstufe, ohne jemals sitzen geblieben zu sein. Für meine gesamte Familie bereits ein riesiges Wunder, vor allem für mich selbst. Ich wusste seit Beginn der 5. Klasse, dass ich niemals das Abitur schaffen werde. Ich hatte immer riesigen Respekt vor den großen Oberstufenschülern, wie sie das bloß schaffen konnten, wie schwer das nur sein muss und ich wusste, sie werden erfolgreicher sein. Und plötzlich war ich selbst so einer? Mit der Oberstufe machte ich dann einen kompletten Wandel. Ich konnte zum einen Fächer wie Französisch oder Chemie abwählen, die meinen Schnitt nicht gerade verbesserten. Ich bekam eine unglaublich kompetente Mathematik Lehrerin, die einem auch oberstufengerecht die Verantwortung überließ. Stichlisten bei Hausaufgaben? Nein. Mach was du willst, die Klausuren und Meldungen machen die Note, fertig. Manche haben es ausgenutzt und nur faul rumgesessen, manche wie ich sind dadurch aufgeblüht. Ich wurde vom absoluten Mathehasser plötzlich zum Streber. Meine erste Klausur war eine 2, ich war mündlich mindestens unter den Top 3. Ich war selbst völlig geflasht, mal auf der Seite der guten Schüler zu sein und es motivierte mich unfassbar. Das gesamte Jahr schrieb ich keine schlechtere Note in Mathe als 2-, in Deutsch schaffte ich eine 3+, in Physik fast die 1-... Es wurde immer besser, aber der Schnitt war immer noch irgendwo im 3er Bereich.

Dann kam die 11. Klasse, das 1. Jahr der Qualifikationsphase. Es ging los: "Alles" (nicht wirklich alles, aber das meiste) zählt für das Abitur. Und wo ich in der 9. Klasse noch Nachhilfe in Mathe bekam und meinen Nachhilfeschüler auslachte, wie er nur so bescheuert sein kann um sich den Mathe LK anzutun, wählte ich ihn tatsächlich selbst. Meine Familie begann zu verstehen: Der Junge schafft ja doch sein Abitur :D

Ich bin sehr ehrgeizig, und das haben vor allem dann die letzten zwei Jahre bewiesen. Ich habe ohne Ende gelernt, versucht meine Hausaufgaben in den meisten Fällen zu machen. Als Atheist in Religion ist es weniger geglückt, dafür habe ich sie im Mathe LK so gut es ging immer gemacht.

Mein größter Ansporn war aber meine Zukunft. Als ich die LK's am Ende der 10. Klasse wählen musste, musste ich mich auch entscheiden: Willst du nun zur Polizei gehen (das war Jahre lang mein Traumberuf), oder meinst du nicht doch, dass du als großer TechnikFreak irgendwo in der Informatik-Branche besser aufgehoben wärst? Ich entschied mich für letzteres, nämlich ein Informatik Studium. Ein weiterer Brocken, den ich mir nie erträumt hätte. Informatik basiert auf der Mathematik. Demnach wusste ich: Mathe wird wichtig und deine Mathe Note könnte später für den Arbeitgeber interessant sein, und vor allem deshalb strengte ich mich dort enorm an. Und es hat funktioniert. Ich will jetzt nicht mit meinem Schnitt prahlen. Soviel sage ich aber gerne: Ich habe mich im Vergleich zum Ende der 10. Klasse um mehr als eine ganze Note verbessert und sogar einen besseren Schnitt im Abitur geschafft, als meine Schwester, die weniger lang auf der Waldorfschule war und sowieso nie lernen musste und trotzdem überall mit einer 1 oder 2 nach Hause kam. Und glaub mir, es gibt nichts besseres, als auf so eine Schullaufbahn zurück blicken zu können, den Stolz der Eltern & vor allem Großeltern zu spüren, die damals nur an einem verzweifelt sind und nicht wahrhaben wollten, dass der jüngste Sohn in der Akademikerfamilie voller Lehrer "nur eine Ausbildung" machen wird.

Um dann endlich mal zum Fazit zu kommen:

Natürlich kannst du das schaffen. Streng dich an, um die Qualifikation zu bekommen und dann kannst du auch auf ein Gymnasium wechseln. Du wirst dann in die 10. Klasse versetzt, wiederholst also mehr oder weniger ein Jahr und durchlebst die gesamte gymnasiale Oberstufe (EF, Q1 & Q2). Wie beschrieben habe ich in der Zeit einen riesigen Wandel hinter mich gebracht und mich um mehr als eine Note, eigentlich deutlich mehr, verbessert. Wichtig ist dein Durchhaltevermögen, deine Motivation, ein Ziel vor Augen und auch Leistungsbereitschaft. Du musst nicht gleich alle Hausaufgaben machen und überall nur die Note 2 schreiben, um einen guten Abiturschnitt zu schaffen. Es ist auf jeden Fall auch möglich für dich, einen 1er Schnitt zu schaffen. Streng dich an! Ich wünsche dir viel Erfolg!

Woher ich das weiß:
eigene Erfahrung
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Vielen Dank für deine sehr ausführliche, detaillierte und aussagekräftige Antwort! :)

In der 6.,7,.8. - Klasse hatte ich einen Notenschnitt von 3,5 - 3,8. Ich habe mich also auch um eine Note bis jetzt gesteigert. Ein 2,5er Schnitt würde aber auch zufriedenstellend für mich sein.

Da ich auch ein Technikfreak bin, habe ich vielleicht vor an ein berufliches Gymnasium mit dem Schwerpunkt "Technische Informatik" zu gehen.

Dieser Text hat mich gerade sehr motiviert, die Schule weiter zu machen ;)

....aaaaber ich frage mich, ob es sinnvoll ist sein Abitur zu machen, ohne studieren zu wollen. Oder doch lieber eine Ausbildung? Diese Frage beschäftigt mich nun seit Wochen....

Vielen Dank für den Erfolgswunsch! :) Dir auch weiterhin viel Erfolg! :)

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@WizardHackz

Freut mich erst einmal, dass ich dich motivieren konnte. Zur Vollständigkeit: Ich gehe nun Informatik studieren und habe dieses Jahr mein Abitur gemacht ;)

Ob du das Abitur brauchst, ist eine sehr gute Frage. Um diese beantworten zu können solltest du erst einmal wissen, was du später wirklich machen möchtest, und das ist zwischen der 9. und 10. Klasse gar nicht mal so einfach zu beantworten.

Falls du schon einen ungefähren Plan hast, was du später im Bereich Informatik machen möchtest, dann kannst du das gerne mal sagen, damit ich dir vielleicht noch etwas besser helfen kann. Denn so allgemein ist deine Frage nicht zu beantworten. Das Abitur wird keine wirklichen Nachteile bringen, aber du kannst es dir natürlich ggf. sparen und die Zeit dann besser nutzen.

Wenn du noch nicht weißt was du so später machen würdest oder möchtest, solltest du dich genauer informieren. Schau dir an, was es für Ausbildungen gibt, die für dich in Frage kommen. Natürlich auch im Hinblick darauf, was würdest du damit später alles machen können und wo fängst du dann nach der Ausbildung so an. Informatik hat ja nicht gerade wenig Möglichkeiten, vor allem nicht in der Zukunft.

Du solltest, auch wenn du meinst, dass du nicht weißt, was du machen willst, wenigstens etwas Ahnung haben, was du dir vorstellen könntest.

Eine Möglichkeit ist für dich ggf. auch das Fachabitur. Das ist schließlich schon eine ganze Schippe besser als "nur" der Realschulabschluss, dafür sparst du dir wiederum Zeit und Aufwand für das Abitur, was du vermutlich nicht so wirklich brauchst. Es ist dann eben eher mal wieder für den Lebenslauf. Aber mein Gott, ich studiere auch nicht einfach, weil ich mehr können will, dann würde ich das anders angehen. Ich gehe studieren, um später hoffentlich mehr verdienen zu können und höher aufsteigen zu können. So ist das nun mal. Ob das klappt? Weiß der Geier. Auch weiß keiner, wie es wäre, wenn ich das anders gemacht hätte oder machen würde.

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@TechnikSpezi

Vielen Dank für deine schnelle und ausführliche Antwort :)

Ich denke, dass der Beruf des Fachinformatikers Fachrichtung Systemintegration interessant für mich sein könnte.

Manche nehmen in dem Beruf aber nur (Fach-)Abiturienten an. Ich weiß nicht, ob man gute Chancen mit einem Realschulabschluss hätte. Von dem Verdienst und den Tätigkeiten hört man ja auch immer unterschiedliches...

Und bei der Sache mit dem Fachabitur blicke ich noch nicht so richtig durch.. (trotz Recherchen)

Was hast du denn vor nach deinem Studium im Bezug auf das Berufsleben?

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@WizardHackz

Das ist schon einmal ein guter Plan. Ein Freund von mir, der auch in der Stufe war, geht auch an meiner Hochschule genau den Beruf studieren ;)

Man muss zum einen sagen, dass Informatiker in Deutschland ohne Ende fehlen und sie jedes Jahr immer gefragter werden, weil wir immer mehr benötigen. Du wirst sicherlich nicht von Arbeitslosengeld leben müssen, weil du keinen Job findest.

Dennoch heißt das natürlich auch nicht, dass man mit dem Realschulabschluss dann die gleichen Chancen hat. Ich würde an deiner Stelle wirklich mal genauer schauen, ob das Fachabitur nicht passender für dich wäre. Dann kannst du nämlich auch schon etwas in die Fachrichtung machen und sparst dir dennoch viel Inhalt in der Schule, der dich nur noch weiter auf ein Studium vorbereiten soll, auch wenn er das nicht wirklich tut (z.B. Mathe).

Zum Fachabitur selbst:

Das ist ein umgangssprachlicher Begriff, der folgendes bedeuten kann:

  • fachgebundene Hochschulreife
  • Fachhochschulreife

In der Regel versteht man darunter letzteres. Die Unterschiede kannst du hier auch nochmal nachlesen, wobei es hier eher um das Studium geht. Dennoch sollte dir das helfen, das Thema etwas besser zu verstehen:

https://abi.unicum.de/abi-und-dann/studium/fachhochschulreife-fachgebundene-hochschulreife-und-fachabi

Ansonsten selbst nochmal weiter recherchieren und auch darauf achten, am besten was für NRW selbst zu finden, weil es da immer große Unterschiede gibt oder geben kann.

Ansonsten hört mein Wissen beim Fachabitur in deiner Situation aber auch schon auf. Da müsstest du dich anderweitig genauer mit befassen. Schau nochmal im Internet und rede mit Lehrern in der Schule. Es gibt bei euch doch sicherlich auch Lehrer, die für sowas zuständig sind. Bei uns gab es auch eine Lehrerin, die die ganze Berufsberatung usw. geleitet hat, welche schon eine Ansprechperson gewesen wäre. Wenn es um Schulwechsel und die weitere Schullaufbahn ging, dann war der Oberstufenkoordinator (und gleichzeitig bei uns auch stlv. Schulleiter) die erste Wahl, weil er das Schulsystem am besten kannte, abgesehen vielleicht vom Schulleiter.

Ich persönlich kann dir jedenfalls raten, einen höheren Schulabschluss als den Realschulabschluss zu machen. Das Fachabitur würde aber wirklich völlig ausreichen, wenn du sowieso nicht studieren möchtest.

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@TechnikSpezi

Vielen Dank für deine Mühe mir in dieser Lebenslage zu helfen! :)

In unserer Schule kommt regelmäßig eine Person von der Agentur für Arbeit als Berufsberater in die Schule. Mit ihm führe ich auch regelmäßig Gespräche. Das nächste Gespräch wird dann wohl mit dem Thema "Fachabitur" gefüllt sein :)

Ich recherchiere trotzdem noch einmal...

MfG

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Eine Info am Rande: Ich habe in näherer Zukunft nicht vor zu studieren.

Also willst du es dir selbst beweisen?
Die beste Voraussetzung ever!!! :-))

Wenn die Noten so bleiben, schaffst du die Quali - und dann los! :-)

Rechne aber damit, dass du evtl. das erste Jahr der Oberstufe wiederholen musst - was ich allerdings als absolut nicht schlimm empfinde!
Ich kenne viele Hauptschüler, die sich durchgebissen haben, auch mit einer Ehrenrunde. Aber eben - sie wollten es sich selbst beweisen, dass sie es schaffen. Sie hatten daher den nötigen Biss!

Wie dir schon geschrieben wurde - du musst die neu einsetzende Fremdsprache nehmen.
Also schau dich schon mal um bei den Gymnasien und/oder Gesamtschulen, was da so angeboten wird.

Alles Gute!

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Vielen Dank für deine sehr umfangreiche Antwort! :)

Zu dem Satz "Also willst du es dir selbst beweisen?" So ist das nicht beabsichtigt :) Viel mehr bin ich so ein Typ, der allgemein denkt, "Warum ein Monitor, wenn ich zwei Fernseher haben kann?", ich versuche möglichst das höchste zu erreichen, was für mich greifbar ist, da ich mich dann meist mit den Dingen, wobei es eine höhere Stufe gibt, nicht 100% zufriedengeben kann.

Wenn ich das erste Jahr der Oberstufe wiederholen muss, falls dieses unbedingt erforderlich ist, würde ich dies natürlich tun... Es heißt ja nicht umsonst "Ehrenrunde" ;).

Die Fremdsprache ist zwar nicht toll, aber es müssen halt Tausende von Schülern auch machen... da kann man nichts ändern... ;)

Was hältst du denn eigentlich von einem beruflichen Gymnasium? (allgemeine Hochschulreife nach 3 Jahren, 11. Klasse (Einführungsphase)

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@WizardHackz

Immer gern :-)

Mit beruflichen Gymnasien kenne ich mich leider nicht aus.

Aber wenn man dort ebenso die allgmeine Hochschulreife erhält - wieso nicht?

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@latricolore

Vielen Dank :)

Es ist dort so, dass ich eine Abiturprüfung in Mathematik und Technische Informatik machen muss. Des Weiteren kann ich dann noch als drittes schriftliches Prüfungsfach zwischen Deutsch und Englisch wählen. Die mündliche Prüfung findet dann in Gesellschaftslehre mit Geschichte oder in Religionslehre statt.

Ich habe mir Prüfungen in Mathematik und Informatik mal angeschaut und einen Schock bekommen, wobei ich in Mathe eigentlich einer der Klassenbesten bin. In Informatik habe ich dann gar nicht mehr durchgeblickt, obwohl ich dort auch unter den 3 Kursbesten bin.

Ich hätte aber noch eine Frage zu allgemeinbildenden Gymnasien so wie Gesamtschulen. Wenn man da bei G8 dann in der 10. Klasse einsteigt, wie ist das mit der zweiten Fremdsprache? Beginnt diese dann auf Anfängerniveau?

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Klar ist das machbar. Ich glaube meine Noten waren damals sogar schlechter als deine und ich habe auch mein Abi geschafft. Du musst dich nur anstrengen, gut organisieren und immer früh genug lernen, dann schaffst du da auch.

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Vielen Dank für deine Antwort und den gut gemeinten Rat! :)

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Nach der Realschule auf ein Gymnasium wechseln, ist das sinnvoll?

Hallo :) Ich w/16 spiele momentan mit dem Gedanken nach der 10.Klasse (Realschule) auf ein Gymnasium zu wechseln, um mein Abitur zu absolvieren. Ich habe nur die Sorge, dass ich dort nicht klar komme und sich meine Noten drastisch verschlechtern. Mein letztes Zeugnis hatte einen Schnitt von 1,3 auf einem Gymnasium wäre das wahrscheinlich viel schlechter.. und dazu muss ich auch sagen, dass unsere Schule oder eher gesagt unser Schulstoff wirklich für jeden machbar ist. Aber was mache ich, wenn mir dort alles viel zu schnell geht oder alles viel zu schwierig ist.. ich meine ich war nur auf einer Realschule und bin das alles nicht gewohnt. Klar würde ich versuchen mein bestes zu geben aber ob das reichen wird....?? Was meint ihr, ist ein Wechsel von der Realschule auf ein Gymnasium machbar??

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