Ist "geschwollenes Deutsch" mit "Gehobene deutsche Sprache" gleich zu setzten?

9 Antworten

Ja, ich kann nur bestätigen, dass meine damalige Antwort richtig ist...:)

Bei Faust (o. ä.) sehe ich das so:

Das sind Werke, die in einer Sprache geschrieben sind, die höchst künstlich-künstlerisch (ursprünglich bedeuten beide Wörter dasselbe) ist. Eine solche Sprache zu genießen erfordert nicht nur Sprachkenntnisse, die weit über das Niveau unserer Standardsprache hinausgehen, sondern auch einen Bildungshintergrund, den man sich  nicht über Nacht aneignen kann.

Ich würde dir eher vorschlagen, gute moderne Romane zu lesen, die in zugänglichem Deutsch geschrieben sind und doch hochinteressant sein können.

Ich denke etwa an Kehlmanns Die Vermessung der Welt (2005), was ich sehr unterhaltsam fand - allerdings wäre es gut, wenn du dich vorher ein bisschen über die zwei historischen Hauptfiguren informierst (den Mathematiker Gauß und Alexander v. Humboldt), aber so eignet man sich allmählich einen eigenen Bildungshintergrund an.

Das ist dann freilich auch Geschmacks- und Interessensache. Du kannst zB auch gute Biographien lesen (Schriftsteller, Wissenschaftler, Schauspieler...), manche sind in sehr gutem (nicht geschwollenem !) Deutsch geschrieben und man lernt meistens auch eine Menge dabei, nicht nur sprachlich.

"Schwellen"/"geschwollen" bezeichnet (nach meinem Sprachgefühl) das oft krankhafte Vergrößern von organischer Materie. Es wird selten in einem positiven Zusammenhang benutzt. Zum Beispiel schwillt dein Knöchel an, wenn du ihn dir brichst. 

Genauso ist es im Bezug auf die Sprache. Sprache wirkt geschwollen, wenn jemand sie künstlich mit altmodischen Worten oder Fremdworten spickt, insbesondere an Stellen, an denen es nicht hilfreich ist, und wenn jemand Sätze unnötig kompliziert aufbaut. Das ist nichts Erstrebenswertes.

Deinen Ansatz finde ich gut. Ich würde aber für den Anfang mit aktuelleren Texten anfangen. Sehr schönes Deutsch schreibt z.B. Max Goldt. 

Naja, "geschwollenes Deutsch" ist eigentlich eine ziemlich abwertende Bezeichnung für eine Sprache, die eher gebildet und weltgewandt wirken möchte, ohne dass sie das wirklich ist.

"Gehobene deutsche Sprache" hingegen ist eher eine positive Bezeichnung. Manche Leute, die geschwollen daherreden, würden wahrscheinlich von sich selbst sagen, dass sie gehobenes Deutsch sprechen. Und von Leuten, die gehobenes Deutsch sprechen würden wahrscheinlich viele Andere abwertend sagen, das sei nur geschwollen.

Und Goethes "Faust" ist in einer sehr poetischen Sprache vom Anfang des 19. Jahrhunderts geschrieben. Es ist vielleicht für nicht-Muttersprachler_innen nicht so leicht zu lesen. Schließlich ist es auch noch durchgehend gereimt und im Versmaß getextet. Das ist schon etwas Anderes als einfache Alltagssprache. Ich würde den Faust aber keinesfalls als "geschwollen" bezeichnen. Das ist doch Weltliteratur! Und Goethe hat nicht nur so getan, als könne er gutes Deutsch - er war darin tatsächlich ein Meister!

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