Wie lief "damals" die Wehrpflicht ab?

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  1. Wenn er keinen diagnostizierte Einschränkung, wie eine geistige oder körperliche Behinderung hatte, musste jeder junge Mann zur Musterung, ausgenommen Personen die bei der Polizei dienten (wahrscheinlich auch Feuerwehr), oder zb. ein hohes geistliches Amt bekleideten.
  2. Dort erhielt er eine Tauglichkeitseinstufung, nach der sich die Optionen richteten, die für seine Weiterverwendung in der Bundeswehr vorhanden waren. Man konnte auch den sog. Wehrersatzdienst/Zivildienst leisten, in dem man sich dem Kriegsdienst verweigerte. Meine Bekannten, die Zivildienst machen wollten, mussten sich aber trotzdem der Musterung unterziehen.
  3. In der Grundausbildung: Morgens um 5Uhr Wecken, Bett bauen, Frühsport, Körperpflege, Frühstücken und dann Ausbildung oder ins Einzugsgebiet fürs Gefechtstraining. Wenn man auf dem Kasernengelände blieb, wurde irgendwann zu Mittag gegessen und es ging weiter mit der Ausbildung. Gegen 17 Uhr war bei uns, zumindest regulär, Freizeit (ging aber auch oft bis 21 Uhr), dann Abendessen, anschließend Stuben und Revierreinigen (das hat sich grad in den ersten Wochen oft bis 1 Uhr Nachts gezogen. 2 Mitglieder des Zuges mussten den UVD für die Nacht stellen, meist jeweils einer die halbe Nacht.

Nach der Grundausbildung war Dienstbeginn meist um 6:30 oder 7Uhr, vorher Hygiene, Frühstück und Appell.

9:30 Natopause (war nicht verpflichtend)

Irgendwann Mittagspause, wobei in meiner Position immer einer am Telefon des Bataillonskomandeures sitzen musste, der hat dann später zu Mittag gegessen.

16:45 oder 17 Uhr war meistens Feierabend.

Jeden Freitag war bei uns AMILA 20 oder 30km. Wer vom 30er vor Dienstende zurückkam (13:00) durfte eher nachhause, so er keinen Wochenenddienst hatte.

Zu meiner Zeit betrug die abzuleistende Zeit nur noch 11 Monate, war aber mal viel länger.

Erstmal vielen Dank für die seeeehr ausführliche Antwort. Stern hast du sicher. Dumme frage, aber warum wurden nur Männer eingezogen. Dachte Gleichberechtigung ect. wird immer so groß geschrieben, dann warum kein gleiches Recht für alle, also auch die jungen Frauen ? o.O Finde ich schon etwas bescheiden. Immer müssen die Männer die Drecksarbeit machen.. "Gleichberechtigung".

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@NoPagadi

Naja, das kann man sehen wie man will. Zum einen haben Frauen ja sowieso schon mit Einkommensausfällen zu rechnen, wenn Sie die Hauptlast der Familienplanung tragen müssen, da wäre eine Wehrpflicht noch unfairer.

Zum Anderen glaube ich, dass keine Armee der Welt eine Wehrpflicht für Frauen hat, auch wenn in vielen Armeen Frauen dienen. Soweit ich weiß, aber immer freiwillig.

Zum Ende meiner Dienstzeit kamen übrigens überhaupt erst die ersten Frauen zum Dienst an der Waffe. Vorher waren Frauen "nur" als Sanitäterinnen im Einsatz.

Die Wehrpflicht wurde zum Teil auch wegen dieses als unfair empfundenen Zustandes abgeschafft. Allerdings nicht vordergründig deswegen.

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@FresherKnilch

Findest du es schade, dass die Wehrpflicht "ausgesetzt" wurden ist? / War es bei der Bundeswehr eine schöne Zeit, oder warst du froh, als du wieder weg warst?

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@NoPagadi

Die Grundausbildung war heftig. Alle meine älteren Kollegen hatten mir erzählt, dass das sowieso nur noch Pillepalle wäre und die die Rekruten nicht mehr schinden dürften etc.

Aber dann stellte sich mein Spieß als HFW Nickodemus vor, und meinte, die Bundeswehr sei verweichlicht, und er wolle an uns ein Exempel statuieren.

Naja das hat er dann auch getan. Wir haben ständig Leute gehabt, die sich vor Sauerstoffmangel übergeben haben, teils in Ihre Gasmasken gereiert haben.

Andererseits hats uns zusammengeschweißt, und grad die Manöverübungen haben mit dem Hauptfeldwebel echt Spaß gemacht. Soldaten aus seinem Zug waren immer sehr beliebt bei anderen Dienststellen.

Nach der Grundausbildung wars dann echt locker. Ich kam aus Sachsen, musste in Amberg (Bayern) dienen. Das heißt, wir konnten, wenn überhaupt, nur am Wochenende nachhaus. Da hat man viel Zeit mit den Kameraden verbracht.

Zudem hatte ich noch nen wirklich tollen Job ergattert. War schon irgendwie traurig, als die Zeit rum war. Aber ich bin in der Zeit eben auch an den Rand des Ruins geraten. hatte vorher 2600 DM verdient, mein Leben entsprechend ausgerichtet, und musste dann mit 450 (480 als Standortfremder) DM auskommen. Das hat schon die Rate für mein Auto aufgefressen.

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@FresherKnilch

Achso..eines gäbs noch. Mein Schwager wurde vom Wehrdienst frei- oder zurückgestellt, weil schon 3 seiner 4 Brüder Ihren abgeleistet hatten.

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@FresherKnilch

Läuft bei ihn..^^. Danke dir. Wirklich. Sehr sehr interessante Einblicke. Ich finde es mittlerweile etwas schade das es ausgesetzt wurden ist. Denke sowas ist gerade für ein jungen Menschen eine sehr kostbare Erfahrung. Einmal im Leben an seine körperliche Grenzen zu gehen und darüber hinaus. Dazu mit seinen Kameraden durch Dick und Dünn gehen. Denke man reift auch während der Zeit sehr stark.

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@NoPagadi

Ja. Mir sagt man auch nach, dass die Armee mir gut getan hat. ^^

Hab dort Krawatte binden gelernt, mein Vater lernte in der NVA das Tanzen :)

Wäre sicher eine gute Sache, im Endeffekt auch billiger für die Bundeswehr. Allerdings läuft es halt dem Kapitalismus zugegen, wenn jedes Jahr einige hunderttausend junge Arbeitskräfte praktisch unproduktiv werden.

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Hallo ich hätte eine frage ich bin 18 Jahre alt. Zu meiner zeit gab es keine Wehrpflicht, angenommen sie wird in der Zukunft wieder eingeführt. Muss ich diese auch absolvieren?

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@Nardo622

Das kann ich dir nicht sagen. Früher war das maximale Einzugsalter, wenn ich mich recht erinnere, 26Jahre. Also laut dem müsstest du dann natürlich.

Das wäre aber gar nicht schlimm. Ist easy geworden, und es war auch für mich damals eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. So einen lustigen Haufen an Kameraden hab ich nie wieder in meinem Leben um mich scharen können.

Wenn dir der Dienst an der Waffe aber nicht liegt, könntest du auch entsprechend einen zivilen Dienst ableisten. Das ist dann auf jeden Fall Heimatnah. (Wehrpflicht nicht unbedingt).

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  1. Ja, gemustert wurde jeder. Allenfalls massive gesundheitliche Beeinträchtigungen, die via Attest nachzuweisen waren, führten gleich zur Untauglichkit. Aber grundsätzlich musste da jeder antreten. Wer da nicht erschien, machte sich u.U. einer Ordnungswidrigkeit strafbar. Im Wiederholungsfall war das möglicherweise auch strafbar...
  2. Jeden stand die Möglichkeit offen, den Wehrdienst zu verweigern. Lange Zeit musste man dabei seine Gründe vor einer Kommission darlegen, die dann entschied, ob man wirklich überzeugende Gewissensgründe vortragen konnte...:-) Hier eine kleine Satire zum Prozedere...:-))) https://www.youtube.com/watch?v=WDTtMTcj8X0 Später reduzierte sich das auf eine bloße Mitteilung.
  3. Das Programm war unterschiedlich und hing von der Tätigkeit ab... Zumeist folgten 6 Wochen grundausbildung die Einsatzzeit in der Stammeinheit. Ich z.B. war bei der Luftwaffe und musste 12 Wochen Grundausbildung in einer Militärfachschule der Luftwaffe absolvieren... Wir hatten schlappe 8 Std. Formalausbildung, also lernen, wie man strammsteht, marschiert, grüßt, zackig wendet... Beim Heer war das deutlich mehr. Ich habe eine einzige Nacht in einem BW-Zelt draußen campiert, auch das war bei den "Erdferkeln" anders...:-)

Findest du es schade, dass die Wehrpflicht "ausgesetzt" wurden ist? / War es bei der Bundeswehr eine schöne Zeit, oder warst du froh, als du wieder weg warst?

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@NoPagadi

Ich bin da eher unmotiviert und gegen meinen Willen hin, war aber eben auch kein Pazifist. Tatsächlich habe ich mir das viel öder und dröger und unangenehmer vorgestellt, als es tatsächlich war. Die Grundausbildung war recht interessant, weil wir die meiste Zeit im Klassenzimmer verbracht haben, um luftwaffenspezifische Unterstützungsaktivitäten zu lernen, um im Geschwadergefechtsstand, dem Tower oder in der Message Planing Section eingesetzt werden zu können...

Da ich wegen friedenspolitischer Aktivitäten keine Sicherheitsfreigabe vom Militärischen Abschirmdienst für die oben genannten Bereiche bekommen habe, bin ich im Nachschubbüro des Stabes einer Fliegenden Gruppe gelandet. Das war ein Bürojob vergleichbar mit einem im Bestellwesen... Auch das war leidlich interessant und die Atmosphäre sehr kollegial. Jobbedingt hatte ich als Nachschieber eine Reihe informeller Privilegien, z.B. Einzelzimmer, das weit luxuriöser ausgestattet war als meine erste Studentenbude...:-)

Das wichtigste, was ich da gelernt habe? Ordentliche Krawattenknoten zu binden! :-) Am meisten Spaß gemacht hat mir das Schießen. Ich hätte wohl Talent zum Sportschützen gehabt...:-)

Ich habe da keine nennenswert negativen Erinnerungen. Allgemein hat einen das in der persönlichen Entwicklung sicher vorangebracht, aber das hätte ebenso gut auch ein Job im Zivildienst.

In der Bilanz würde ich das weiterhin als Zeitverlust für den Beginn des Studiums betrachten.

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@atzef

Okay. Vielen Dank für die tiefreichenden Einblicke. Für jemanden der das alles nicht kennt, wirklich sehr interessant ! Vielen Dank ! :-)

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Ja, jeder wurde zur Musterung vorgeladen. Bei Nichterscheinen gab's Besuch.

Auch bei Wehrtauglichkeit konnte man sich für den Zivildienst entscheiden.

Bei der einjährigen Wehrpflicht gab es die ersten 3 Monate Grundwehrdienst mit jeder Menge Sport, Grundlagen des Wehrdienstes und Unterricht zu allem, was mit Armee und Ausbildung zu tun. Also Karte und Kompass, Geländeübungen, 1.Hilfe, Waffenkunde etc.

Danach gab es dann eine spezielle Ausbildung je nachdem, welcher Waffengattung Du zugeteilt warst. Z.B LKW- oder Panzerführerschein usw.

"gab's Besuch" So hart. .O.o Die kommen sogar zu einen, wenn man nicht erschienen ist. Gott sei dank ist das Kapitel beendet.

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@NoPagadi

Man sollte berücksichtigen, dass in den Zeiten, als quasi noch jeder eingezogen wurde, den jungen Männern, bzw. Jugendlichen bewusst war, dass sie Wehrdienst leisten mussten. So konnte man sich im Vorfeld damit auseinandersetzen. Heute ist vielen Jüngeren kaum klar, dass es in Deutschland Militär gibt, da die BW vielerorts so gut wie gar nicht präsent ist, damals in allen Regionen, zumindest in Westdeutschland.

Früher trat man großenteils irgendwann in die Fußstapfen des Vaters, Onkels, Bruders, die oftmals auch ihren Wehrdienst geleistet hatten. "Papa" musste ggf. noch jährlich zur Reserveübung einrücken, wie es damals an der Tagesordnung war.

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@ponter

Oh okay. Vielen Dank für die Erklärung. Ergibt Sinn.

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@ponter

"damals in allen Regionen, zumindest in Westdeutschland."

Die NVA war, wie ich von Kameraden aus den "neuen Bundesländern", die vorher schon dort gedient" hatten, erfuhr, sogar noch deutlich präsenter...

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@pendejo

Ja, gut vorstellbar, ich wollte mich diesbezüglich festlegen.

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Es wurde schon vieles gesagt, aber noch nicht von jedem, daher meine 2ct.

Zu 1. gibt es nichts mehr zu sagen.

Zu 2. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist in Art. 4 Abs. 3 GG fest geschrieben. Die Auslegung dieses Artikels

"Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz."

änderte sich stark im Lauf der Zeit. So gibt es z.B. von Günther Wallraff einen putzigen Bericht, wie er als Kriegsdienstverweigerer eben doch zur Bundeswehr musste

https://www.kiwi-verlag.de/buch/mein-tagebuch-aus-der-bundeswehr/978-3-462-02206-3/

(Er hatte den Antrag erst zwei Monate vor der Einziehung gestellt). Von BAP gibt es das Lied "stell dir vüür", das satirisch die "Gewissensprüfung", die ein Antragsteller durchlaufen mußte aufs Korn genommen hat. Heiner Geissler (+2017), ehemals Generalsekretär der CDU und in den 70ern und 80ern ein echter Kettenhund, hat seine Doktorarbeit über das Thema geschrieben.

Ich selbst habe zwar meinen Wehrdienst (Mitte der 80er 15 Monate) abgeleistet, aber dann als ich zur ersten Wehrersatzübung einberufen werden sollte nachträglich verweigert. Das war zu dieser Zeit richtig hip und ging tatsächlich problemlos. Ich mußte nicht einmal eine formelle Anhörung durchlaufen, meinem (ausführlich begründeten) Antrag wurde ohne persönliche Vorstellung statt gegeben.

Zu 3. Ich war bei den Fernmeldern, einer der wohl gemütlichsten Truppen beim Heer. Im ersten Monat gab es die schon von anderen beschriebene Grundausbildung. Unsere Einheit solle weit hinter der Front eine Kette von Funktürmen aufbauen, um die Kommunikation zwischen Front und rückwärtigen Stäben zu gewährleisten. Demzufolge war der rein militärische Auftrag lediglich, die Funktürme gegen Saboteure zu verteidigen. So haben wir in der Grundausbildung auch nur Schießen mit dem G3 und Handgranatenwurf gelernt.

Nach dem ersten Monat haben meine Kameraden die fachliche Ausbildung an den Fernmeldeanlagen durchlaufen. Ich selbst bin nach dem ersten Monat bereits zum Einsatzbataillon versetzt worden und habe dort eine Stelle im Geschäftszimmer einer Kompanie eingenommen. Meine Aufgabe war allgemeine Personalverwaltung (Führung der Personalstammblätter, Verschriftlichen der Dienstpläne, erstellen der Sonderdienstpläne nach Vorgabe, ...). Bei Übungen war ich Spießfahrer, d.h. ich habe den für die innere Organisation einer Kompanie verantwortlichen Hauptfeldwebel durch das Einsatzgebiet transportiert, war verantwortlich für den Transport des Essens zu den Funktürmen etc.

Nach 9 Monaten habe ich (wie viele der Abiturienten unter meinen Kameraden) den Antrag auf vorzeitige Entlassung aus dem Wehrdienst gestellt. Ich wurde nämlich zum 01.10. eingezogen, eine Entlassung zu Weihnachten hätte bedeutet dass ich zum Wintersemester mein Studium nicht hätte antreten können. Da zu dieser Zeit die meisten naturwissenschaftliche Studiengänge nur im Wintersemester begonnen haben wäre dies eine unbillige Härte gewesen.

Ich mußte meinen gesamten im Wehrdienst angesammelten Urlaub dafür opfern und bekam für den Rest der Zeit (etwa 30-40 Arbeitstage) Sonderurlaub. Dafür mußte ich das Geschäftszimmer während des angeordneten Kompanieurlaubs im Sommer besetzt halten, was angesichts der Tatsache dass die Kompanie zu dieser Zeit gar keinen regulären Dienst hatte natürlich eine ziemlich einfache Angelegenheit war :-).

Daran und aus den Beschreibungen der anderen Poster kannst du sehen das der Dienst in der damaligen Bundeswehr viele verschiedene Ausprägungen hatte. Ich habe da hinsichtlich der Härten des Dienstes sicher viel Glück gehabt. Auf der anderen Seite habe ich ein Jahr meines Lebens verloren und kann nicht sagen dass ich da was sinnvolles gelernt habe.

Das was ich heute bedauere ist dass ich nie die Gelegenheit hatte den LKW Führerschein zu machen. Diesen haben die meisten meiner Kameraden nämlich während der Grundausbildung gemacht. Ich hatte mich statt dessen für den Geschäftszimmerdienst entschieden, weil ich dachte ich käme wegen meiner starken Sehschwäche ohnehin nicht in Frage. Erst später habe ich erfahren dass ich wenn ich den Antrag auf Einteilung zum Stabsdienst nicht gestellt hätte den Führerschein sehr wohl hätte machen können. Na ja, Schwund ist halt überall.

Vielen herzlichen Dank für die Einblicke !

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Immer, wenn die Musterung per Brief ins Haus fatterte, gab es bis 1990 drei Möglichkeiten:
Hingehen, nicht hingehen, nach Westberlin ziehen.

Die Halbstadt hat sehr von der Wehrpflicht profitiert.

Was ich nie kapiert habe, ist der Umstand, dass einige Verweigerer kein Problem hatten, sich der RAF anzuschliessen und Menschen ins Jenseits zu befördern.

Was ich nie kapiert habe, ist der Umstand, dass einige Verweigerer kein Problem hatten, sich der RAF anzuschliessen und Menschen ins Jenseits zu befördern.

was ist daran schwer zu verstehen ? sie wollten halt nicht für den Staat tätig werden

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