Warum gibt es langweile und wieso langweilen wir uns?

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11 Antworten

Das ist in der Allgemeinheit eine neue Zeiterscheinung. Früher kannten das nur die "gehobenen" Schichten des Bürgertums und Adels. Über 90% der Menschen mussten von morgens bis abends in meist schwerer Arbeit ihr "Tagwerk" verrichten.

Eine interessante Antwort gibt Prof. Dr. Gerhard Schulze in "Die Erlebnisgesellschaft" (googeln!), eine soziologische Studie, die heute noch Grundlage von Milieustudien und Marktforschung ist. Gesellschaftlich kippt die Wahrnehmung von einer mehrheitlichen Außenbestimmung und Mangelbeseitigung zu einem Innenerlebnis und breiter Auswahlpalette bei zunehmender Freizeit. Der Umgang damit verlangt viel Eigenorientierung, Selbstorganisation und Persönlichkeit, was von den Erziehungsprogrammen nicht abgedeckt wird. So entwickelt sich die Erlebnisgesellschaft immer mehr zum Hamsterrad, in dem sich "Haben wollen" - Werbeversprechen - immer schneller verfallende Versprechenseinlösung und Befriedigungsverfall beschleunigen zu mehr Konsum - immer illusorischeren Versprechen - und letztlich innerer Leere, weil in diesem Hamsterrad des Konsums die Erfüllungen immer von außen kommen sollen, die Eigenbeteiligung der Person, die eigenständige Lebensgestaltung verkümmert oder sich an irgendwelche Trends anhängt.

Das Hamsterrad des Konsums, über das nicht nur die eigene Lebensfülle definiert wird sondern auch das eigene Selbstwertgefühl greift so in das Hamsterrad der Selbstaufblähung und das in das Hamsterrad des gesteigerten Verdienst- und Schuldenerwebs. Ein Hamsterrad beschleunigt das andere und zurück bleibt die innere Leere, die dann zur Ausfüllung nach neuem Konsum giert. Am Ende steht die Übernervosität, die Unfähigkeit sinnvoll mit sich allein zu sein und der Burnout. Manche bleiben auch in einem Spannungsfeld zwischen Haben-wollen und nicht haben können, unausgefüllt und unzufrieden und unfähig, die innere Leere auch durch Konsum zu vertreiben. Wenn sie Glück haben, gibt es fürs Smartphone neue Spiele, die noch nicht "durch" sind und Lärm auf die Ohren, um die gähnend leere Zeit totzuschlagen. Bei manchen - man nennt sie Messies - bleibt sogar die Erledigung alltäglicher Besorgungen auf der Strecke. Orientierungslosigkeit und Unfähigkeit, sich selbst zu organisieren zeigen, dass diese Menschen den Weg zum Erwachsensein nicht mehr finden, weil Erziehung zur eigenständigen Lebensgestaltung und Selbstverantwortung zur Glückssache geworden ist.

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Kommentar von herbort
05.08.2016, 20:27

Hallo berkersheim. 
Erstmal vielen Danke für Ihre Antwort. Sie gefällt mir wirklich gut und ich denke, dass Ihre Antwort genau das widerspiegelt, wie ich mich fühle. 
Ich bin noch jung, Anfang 20. Ich habe in meinen ganzen Leben immer das bekommen was ich möchte. Zugegeben.. ich war kein sehr materialistischer Mensch, von daher haben sich meine Wünsche ungefähr ab dem 14 Lebensjahr sehr zurückgehalten.
Auch jetzt besitze ich alles was ich mir wünsche. Neues Fahrrad, Computer, Beamer, etc. Beschweren kann ich mich also nicht, dennoch habe ich das Gefühl, dass mir irgendwas fehlt im Leben.
Ich bin nicht in der Lage mich selber zu beschäftigen. Das merke ich immer wieder wenn meine Freundin für ein paar Wochen nicht zu Hause ist oder noch deutlicher, wo mein PC kaputt gegangen ist. 
Sie haben es vll etwas hart ausgedrückt, ich denke aber, dass ich auch unfähig bin mich selber zu organisieren. Wenn ich ein Ziel vor Augen habe (Arbeit z.B.) bin ich fokussiert und arbeite intensiv, sobald es aber um mich selber geht, sei es die Wohnung ordentlich zu halten (nicht dreckig, sondern nur unordentlich) oder wichtige Sachen wegzuheften, bleibt einfach alles liegen. 
Die Frage die ich mir in solchen Situationen aber immer stelle ist, ob man wirklich von solchen Sachen betroffen ist. Wenn man es selber merkt, aber nichts an der Situation ändert, ist man dann nicht zufrieden wie es ist?

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Weil wir uns normalerweise an die alltäglichen Dinge gewöhnen und sie uns einfach nur alltäglich erscheinen. 

Interessant ist es bei jemandem, der vergesslich ist, sich also an nichts mehr gewöhnen kann, aber ansonsten geistig noch voll dabei ist, denn für so jemanden ist nichts wirklich langweilig.

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Kommentar von herbort
05.08.2016, 19:28

Könnte langweile auch eine Art Ruhezustand für das Gehirn sein?

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Langeweile gibt es nur, wenn Du denkst, dass es da etwas interessanteres, etwas zweckmäßigeres oder sinnvolleres gäbe dass Du tun könntest, als das was Du gerade tust.

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Kommentar von herbort
05.08.2016, 19:33

Mit Abstand die beste Antwort bis jetzt. Auf sowas habe ich gewartet. Danke. Das Thema Langeweile finde ich persönlich sehr spannend. Ich denke jedes Gefühl hat seine Bedeutung. Bei Langeweile hört man nur "beschäftige dich.." vllt. steckt aber mehr dahinter?

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Langeweile ist ein Gefühl und kommt auf, wenn man den Zeit des Lebens auferlegtem Tätigkeitszwang nicht nachkommen kann.Und zwar aus Gründen des Mangels an einem polarisiertem Interesse und den fehlenden Fähigkeiten, Möglichkeiten und Gelegenheiten,gerade so einem Hauptinteresse nachzugehen. Ein wirksames Gegenmittel wäre zum Beispiel permanente Nachdenklichkeit. Langeweile ist auch eine Erscheinung der Gegenwart, bedingt durch die angebotene Interessenvielfalt. Also,Arbeit befreit gerade von Langeweile.

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Freilich kann bestimmte Arbeit langweilig sein, z.B. wenn man sich auf etwas konzentrieren muss, was einen eigentlich nicht interessiert und auch wirklich nichts Wesentliches passiert. Ich will das Beispiel einer langweiligen Mathestunde nicht ableugnen.

Aber wenn man frei hat und ist und selbst bestimmen kann, was man tut, dann ist Langeweile ein Zeichen für charakterliche Unreife. Wer die schöpferische Reife erreicht hat, muss sich niemals langweilen, nicht einmal im Gefängnis. Philosophieren kann man immer.

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Kommentar von herbort
05.08.2016, 19:31

Könnte Langeweile auch ein zeichen von "überanstrengung" sein? Dein Beispiel mit "..wenn man sich auf etwas konzentrieren muss.." finde ich ganz gut. Vll brauch das Gehirn ja eine kleine Pause. Wenn du deinen Körper physikalisch zu stark belastest wirst du es auch merken.

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Für das subjektive Zeitempfinden hat unsere Sprache halt die Begriffe der langen und der kurzen Weile, wobei eine Weile eine nicht genau definierte, eher kürzere Zeitspanne bezeichnet, die einem lang oder kurz vorkommen kann.

Langeweile empfindet man in der Regel, wenn man Leerlauf hat, also nichts zu tun und einem auch die Phantasie fehlt kreativ zu sein.

Besonders negativ und intensiv wirkt sich Langeweile bei Depressionen aus.

Die Menschen haben aber, um der Langeweile zu entkommen, das 'Treiben von Kurzwei'l, z.B. in Form von Diskussionen oder Spielen erfunden, und sie sehen, dass das i.d.R. was mit anderen Menschen zu tun hat, also suchen Sie Gesellschaft!

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>Langeweile< entsteht nur, wenn/weil der diese "Krankheit" hat, nicht weiß, was er mit sich "Anfangen" soll/kann, dadurch entsteht auch Depressionen, Unzufriedenheit, in/um sein Umfeld  

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Weil man nichts Sinnvolles tut, vielleicht. Und viel zu viel zu viel freie Zeit hat.. Wie wäre es mit Hausarbeiten, Bücher lesen Fahrrad fahren, Enten fügten oder so?

PS: Kleiner Denkanstoß 😺

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Weil wir oft nicht wissen was wir tun sollen! Also wie man sich beschäftigt!

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Mir ist nie langweilig bzw. weiß ich mich immer zu beschäftigen. Von daher trifft Langweile wohl nicht auf jeden zu.

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"Langeweile" ist vielleicht Fehlen von Lust ?

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