Um was geht es in dieser Quelle? Ich habe es nicht so ganz verstanden?

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Karl August von Hardenberg (1804 – 1806 preußischer Außenminister, 1807 leitender preußischer Minister, 1810 – 1822 preußischer Staatskanzler) vertritt in der „Rigaer Denkschrift“, geschrieben in Riga (wo er sich nach seinem Rücktritt infolge eines Befehls Napoleons aufhielt), am 12. September 1807 dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. übergeben („Über die Reorganisation des preußischen Staates, verfaßt auf höchsten Befehl Sr. Majestät des Königs“), einen mittleren politischen Kurs, einen Mittelweg zwischen einer extrem konservativen Einstellung und einer äußerst weitgehenden revolutionären Umwälzung mit gewaltsamem Umsturz.

Mit einer „Revolution im guten Sinn“ meint Hardenberg etwas, das auch als »Revolution von oben« (Veränderung geht von der Obrigkeit aus, also gewöhnlich von einem Monarchen und seiner Regierung; in diesem Fall geht es um den König von Preußen und seine Regierung) oder »Reform« bezeichnet wird. Dem Grundsatz nach ist dies mit den »Preußischen Reformen« praktiziert worden. Hardenbergs Einstellung könnte als »liberalkonservativ« oder »reformkonservativ« bezeichnet werden.

Der Hinweis auf „die gegenwärtigen Kriege“ bezieht sich auf die Kriege, die europäische Mächte gegen das revolutionäre Frankreich und 8in Fortsetzung von Konflikten) gegen das napoleonische Frankreich führten (Koalitionskriege). Preußen hatte 1806 – 1807 Krieg gegen Frankreich und seine Verbündeten geführt, unterstützt von Sachsen und Sachsen-Weimar, verhältnismäßig spät von Russland. In der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 erlitt Preußen eine schwere Niederlage. Eine hauptsächlich russische Armee erlitt in der Schlacht bei Friedland 1807 eine schwere Niederlage. Im Frieden von Tilsit von 1807 verlor Preußen etwas mehr als die Hälfte seines vorherigen Staatsgebietes, nach dem Königsberger Folgeabkommen von 1807 wurde Preußen vorläufig von französischen Truppen besetzt und verpflichtete sich zur Zahlung von Kriegskontributionen (einem besiegten Staat auferlegte Abgaben) an Frankreich.

Hardenberg erklärt Frankreichs Stärke mit der Erweckung von Kräften durch die Revolution. Frankreich benachbarte Staaten und von ihm besiegte Staaten wurden auch in Veränderungsprozesse hineingezogen („Die Benachbarten und Überwundenen wurden mit dem Strome fortgerissen.“).

Nach Hardenbergs Meinung gab es bei der Französischen Revolution und bei Napoleon Bonaparte Gutes und Schlechtes. Er hatte also eine gemischte Haltung dazu, einerseits Ablehnung für schlecht gehaltener Sachverhalte und Bekämpfung, andererseits Anstreben einer Übernahme guter Sachverhalte und Erkennen ihrer Kraft. Hardenberg meint, in der Französischen Revolution seien manche guten Grundsätze vertreten worden. Er befürwortet die Umsetzung solcher berechtigter Grundsätze in Preußen.

Hardenberg argumentiert nicht nur mit Bewertungen unter einem Gesichtspunkt von grundsätzlich gut und schlecht, sondern auch damit, was zur Stärkung Preußens wirksam ist und was für die Zeitverhältnisse geeignet ist.

Gegen eine extrem konservative Einstellung, der Revolution durch starres Festhalten am Alten und strenges Verfolgen aller Grundsätze der Revolution entgegenzutreten, wendet er ein, damit besonders zur Förderung der Revolution und ihrer zunehmenden Ausdehnung beigetragen zu haben. Die extrem konservative Einstellung beurteilt er als sehr unrealistisch („Wahn“) und das Gegenteil ihrer Absicht bewirkend.

Ein Staat, der in einem hohen Ausmaß allgemein anerkannte und verbreitete Grundsätze nicht annimmt, wird nach Hardenbergs Auffassung entweder untergehen oder die Grundsätze zwangsweise annehmen müssen.

Hardenberg strebt Veränderung auf andere Art als bei der Französischen Revolution an, eine Verbesserung der Menschen durch eine weise Regierung, nicht durch gewaltsame Anstöße (Umsturz im Inneren oder Umwälzung durch Kriegsniederlage und Fremdherrschaft). Er will eine Revolution von unten vorbeugend abfangen. Wirksame Reformen sind nach seiner Auffassung der Weg, einer Revolution zuvorzukommen. Die „Revolution im guten Sinn“ hat als Ziel alles, was gute, edel, schön und moralisch ist. Sie ist durch behutsames Vorgehen gekennzeichnet.

Hardenberg hält an der monarchischen Staatsform fest, will aber demokratische Grundsätze in die monarchische Regierung einführen. Die Bürger sollen mehr Freiheit und Beteiligungsmöglichkeiten bekommen. Den von ihm vertretenen Mittelweg empfiehlt er als dem gegenwärtigen Zeitgeist angemessen, also für die Zeitverhältnisse und die mehrheitliche Meinung geeignet.

Den Zeitpunkt hält Hardenberg für besonders günstig, weil der preußische Staat nach der katastrophalen Niederlage nicht einfach wie bisher weitermachen kann. In der gegenwärtigen Situation 1807 sind neue Grundsätze erforderlich, damit Preußen wieder hochkommt und erfolgreich ist (er schreibt von der Notwendigkeit einer „gänzlichen Wiedergeburt)“.

So wie ich das verstehe, bezieht sich die Rede auf den Krieg der Preußen gegen Frankreich, der 1806 mit einer Niederlage der Preußen endete.

Er sieht die Französische Revolution trotz mancher Übertreibungen als eine historisch notwendige Modernisierung, die Frankreich gestärkt habe.

Andere Länder wie Preußen sollten nicht die alten, absterbenden Verhältnisse krampfhaft verteidigen, sondern sich ebenfalls verändern, allerdings nicht durch eine blutige Revolution des Volks oder durch einen Fremdherrscher, sondern durch eine "Revolution von oben".

Der König solle im Rahmen der Monarchie Ansätze zur demokratischen Bürgerbeteiligung zulassen. Alte Zöpfe solle er abschneiden. Wenn er das nicht tue, drohe eine unkontrollierbare, blutige Umwälzung.

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