Titus Licius, Ab urbe condita 1, 33, 4

postremo omni bello Latino Medulliam compulso, aliquamdiu ibi Marte incerto, varia victoria pugnatum est; nam et urbs tuta munitionibus praesidioque firmata valido erat, et castris in aperto positis aliquotiens exercitus Latinus comminus cum Romanis signa contulerat.

„Als schließlich der Latinerkrieg ganz nach Medullia hingetrieben/hingedrängt war/sich ganz auf Medullia konzentrierte, ist dort eine Weile mit ungewissem/schwankendem Kriegsglück, mit wechselseitigem/wechselhaftem/abwechselndem Sieg/Erfolg gekämpft worden; denn zum einen war die Stadt durch Befestigungen/Befestigungsanlagen/Befestigungswerke geschützt/gesichert und von einer starken Besatzung befestigt/verstärkt/gesichert/gedeckt/gestärkt, zum anderen hatte das Latinerheer sein Lager im offenen Gelände aufgeschlagen und schon einige Male seine Feldzeichen zum Handgemenge mit den Römern hingetragen/und war schon einige Male zum Kampf mit den Römern Mann gegen Mann angerückt.“

pugnatum est ist als 3. Person Singular Indikativ Perfekt Passiv des Verbs pugnare richtig bestimmt.

Marte incerto ist Ablativ Singular Maskulinum, varia victoria Ablativ Singular Femininum, wie richtig bemerkt.

Die inhaltlich ähnlichen Ablative können als Ablativus modi (Ablativ der Art und Weise) oder Ablativus sociativus (Ablativ eines begleitenden Umstandes) gedeutet werden.

Bei Marte incerto ist Marte eine Stilfigur, die Metonymie genannt wird. Ein Wort (hier: bellum) wird ausgetauscht gegen ein dazu in Beziehung stehendes Wort und bei dieser Einsetzung in übertragener Bedeutung verwendet (hier ist Mars der römische Kriegsgott und Krieg sein Zuständigkeitsbereich).

Das Geschehen wird in die Regierungszeit (nach römischer Überlieferung 640 – 616 v. Chr.) von Ancus Marcius gesetzt, vierter der sieben sagenhaften Könige Roms. Die Römer führen gegen die Latiner Krieg. Medullia ist eine nördlich des Flusses Anio gelegene Stadt der alten Latiner (prisci Latini).

varius bedeutet: mannigfaltig, mannigfach, verschiedenartig, abwechselnd. Bei varia victoria ist gemeint, bei dem Kampf sei abwechselnd bzw. wechselhaft mal die eine, mal die andere Seite ein Stück weit siegreich vorgedrungen und habe mehr Erfolg gehabt, der Sieg habe sich bald der einen, bald der anderen Seite zugeneigt. Die Lage ist ingesamt noch unentschieden.

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Cloelia ist ein Beispiel von Tapferkeit/Tüchtigkeit/Vortrefflichkeit (exemplum virtutis).

Der Wortherkunft nach (das Substantiv vir steckt in dem Wort) ist virtus Mannhaftigkeit. Dabei wird in großem Ausmaß an Tapferkeit gedacht. virtus kann auch Oberbegriff für Werte/Chraktertugenden sein.

Cloelia zeigt virtus (Titus Licius, Ab urbe condita 2, 13, 9 honorata etiam virtus fuit; 2, 13, 11 novam in femina virtutem). Diese kann vor allem als Tapferkeit verstanden werden.

Dazu gehört auch Tüchtigkeit als Anführerin (Titus Licius, Ab urbe condita 2, 13, 6 dux agminis virginum).

Tapferkeit kann lateinisch auch als fortitudo bezeichnet werden, das Wort kommt aber bei Livius in dem Abschnitt über Cloelia nicht vor.

Cloelia zeigt Patriotismus/Vaterlandsliebe/Pflichtgefühl gegenüber dem Staat (Titus Licius, Ab urbe condita 2, 13, 6 feminae quoque ad publica decora excitatae), was als pietas bezeichnet werden könnte.  

Cloelia ist Jungfrau (Titus Licius, Ab urbe condita 2, 13, 6 virgo; 12, 13, 9 laudatamque virginem; 12, 13, 10 virginitati decorum). Dies könnte als pudicitia (Schamhaftigkeit, Keuschheit), pudor (Schamgefühl, Ehrfurcht) oder castitas (Keuschheit, Sittenreinheit) bezeichnet werden.

Sie hat Sinn für Anständigkeit/ das Geziemende/das Schickliche (der lateinische Ausdruck wäre decus), indem sie für die Freilassung junge Personen, keine erwachsene Männer aussucht, was auch von den Geiseln selbst gebilligt wird (Titus Licius, Ab urbe condita 2, 13, 10 et virginitati decorum et consensu obsidum ipsorum probabile erat).

Sie bevorzugt Freiheit (libertas) und erreicht diese für die Geiseln (zuerst für sich selbst und eine Schar von Mädchen (Titus Licius, Ab urbe condita 2, 13, 6), dann für weitere junge Personen (Titus Licius, Ab urbe condita 2, 13, 9 – 10).

Die Täuschung der Wächter (Titus Licius, Ab urbe condita 2, 13, 6 frustrata custodes) könnte als Klugheit (prudentia) eingeordnet werden.

Grundsätzlich könnte ihr Verhalten in diesem Einzelfall als Verstoß gegen Treue (fides; fidelitas) in der Erfüllung eines Vertrages bzw. gegen Gerechtigkeit/Rechtlichkeit/Rechtschaffenheit (iustitia, probitas) oder Ehrenhaftigkeit (honestas) beurteilt werden, aber bei Livius geschieht dies nicht, die Römer sind zur Rückübergebung bereit und Porsenna bezeugt nach anfänglichem Zorn Hochachtung gegenüber Cloelia.

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Titus Livius, Ab urbe condita 2, 13, 10:

productis omnibus elegisse impubes dicitur, quod et virginitati decorum

et consensu obsidum ipsorum probabile erat eam aetatem potissimum liberari ab hoste, quae

maxime opportuna iniuriae esset

„Nachdem alle vorgeführt worden waren, hat sie, so wird gesagt, die jungen Personen ausgewählt, was sowohl für ihre Jungfräulichkeit geziemend/schicklich/passend war als auch nach Übereinstimmung/übereinstimmenden Urteil der Geiseln selbst beifallswert/anerkennenswert/zu billigen, hauptsächlich/vornehmlich dieses Alter/diese Altersstufe vom Feind zu befreien, das/die am meisten einem Unrecht/einer Entehrung ausgesetzt/ausgeliefert/preisgegeben/bloßgestellt war.“

obsidum ist Genitiv Plural von obses.

Der mit quae eingeleitete Relativsatz hat einen kausalen Nebensinn. Die Stelle mit „geeignet für das Unrecht“ ist nicht so gemeint, als ob es um ein von den Geiseln begangenes Unrecht geht, sondern es wird ausgesagt, die Feinde könnten an jungen Geiseln am leichtesten durch Übergriffe Unrecht/Entehrung begehen, weil die jungen Personen aufgrund geringer Erfahrung und Kraft Übergriffen besonders schutzlos ausgesetzt sind (möglicherweise auch mit einem Gedanken, bei Unrecht durch sexuelle Übergriffe besonders entehrend betroffen zu sein).

Titus Livius, Ab urbe condita 2, 13, 11:

pace redintegrata Romani novam in femina virtutem novo genere honoris, statua equestri, donavere: in summa Sacra via fuit posita virgo insidens equo.

„Nach Wiederherstellung des Friedens haben die Römer die neuartige Vortrefflichkeit/Tapferkeit/Tüchtigkeit bei einer Frau/beim weiblichen Geschlecht mit einer neuartigen Art der Ehrung beschenkt, mit einem Reiterstandbild: am höchsten Punkt/an der höchsten Stelle der Via Sacra ist eine auf einem Pferd sitzende Jungfrau/ein auf einem Pferd sitzendes Mädchen aufgestellt worden.“

Bei in summa Sacra via ist summa prädikativ zu verstehen: an der Stelle, wo die Via Sacra am höchsten ist.

fuit posita ist auf virgo bezogen (und virgo insidens equo eine Explikation von statua equestri), posita und virgo ist beides Nominativ Singular Femininum.

Titus Livius, Ab urbe condita 2, 13, 8:

deinde in admirationem versus, supra Coclites Muciosque dicere id facinus esse, et prae se ferre, quemadmodum, si non dedatur obses, pro rupto foedus se habiturum, sic deditam intactam inviolatamque ad suos remissurum.

„Dann/darauf aber habe er, zur Bewunderung umgewendet, gesagt, diese Tat stehe noch über Leuten/Männern wie Cocles und des Mucius, und er habe geäußert, wenn ihm die Geisel nicht übergeben werde, würde er den Vertrag für gebrochen halten, wenn sie [die Geisel Cloelia] übergeben werde, werde er sie unangetastet/unberührt und unverletzt/unversehrt zu ihren Leuten zurückschicken.“

Bei prae se ferre ist se Ablativ Singular des reflexiven Personalpronomens. prae ist eine Präposition mit Ablativ. Jemand trägt etwas vor sich her, was auch übertragen/bildlich gemeint in Zeichen und Äußerungen sein kann. In dieser Verbindung bedeutet der Ausdruck: zur Schau tragen, an den Tag legen, deutlich merken lassen, verraten, offenbaren, äußern.

Der etruskische König Porsenna stellt Cloelias Tat noch über die Taten von Horatius Cicles und Gaius Mucius Scaevola (in der römischen Überlieferung fallen die Ereignisse in das Jahr 508 v. Chr).

Titus Livius, Ab urbe condita 2, 13, 9:

ipsa quos vellet legeret.

„Sie selbst solle wählen/aussuchen, welche sie wolle.“

Dies ist indirekte Rede (oratio obliqua).

Die Übersetzung 'sie selbst wähle...' ist nicht direkt falsch, aber schlechteres Deutsch. Denn in der indirekte Reden könnte dies so verstanden werden, also ob sie die Handlung des Wählens/Aussuchens in diesem Augemblick durchführt. Dies ist aber tatsächlich nicht der Fall. Posenna gibt Cloelia ja gerade erst die Erlaubnis.

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Titus Livius, Ab urbe condita 3, 26, 6:

Nautium consulem arcessunt. in quo cum parum praesidii videretur dictatoremque dici placeret qui rem perculsam restitueret, L. Quinctius Cincinnatus consensu omnium dicitur.

Die Sätze verwenden historisches Präsens.

Übersetzung mit Präsens:

„Sie rufen/holen den Konsul Nautius herbei. Als/weil in diesem zu wenig an Schutz zu sein scheint und es gefällt/beschlossen wird, dass ein Diktator ernannt werde, der die niedergeworfene/erschütterte/angeschlagene Sache/Lage wiederherstellen/wiederaufbauen solle, wird Lucius Quinctius Cincinnatus mit Zustimmung aller [zum Diktator] ernannt.“

Übersetzung mit Vergangenheitsformen:

„Sie riefen/holten den Konsul Nautius herbei. Als/weil in diesem zu wenig an Schutz zu sein schien und es gefiel/beschlossen wurde, dass ein Diktator ernannt werde, der die niedergeworfene/erschütterte/angeschlagene Sache/Lage wiederherstellen/wiederaufbauen solle, ist Lucius Quinctius Cincinnatus mit Zustimmung aller [zum Diktator] ernannt worden.“

Der genannte Konsul 458 v. Chr. ist Gaius Nautius Rutilus.

Bei videretur und placeret wird das Subjekt nicht ausdrücklich genannt. In der Übersetzung“ ist ein unklares (es ist nicht nachvollziehbar, wer gemeint ist) „ihm“ verwendet. Der Sache nach kann es sich bei dem Subjekt nicht nur um eine einzelne Person handeln. Ein Diktator wurde in der antiken römischen Republik von einem höheren Magistraten (üblicherweise von einem Konsul) ernannt, nachdem der Senat beschlossen hatte, einen höheren Magistraten zur Ernennung eines Diktators zu bevollmächtigen.

Bei „ihm gefiel Diktator genannt zu werden“ wäre ein Nominativ dictatorque zu erwarten (dici ist ja Passiv), nicht der Akkusativ dictatoremque.

restitueret ist 3. Person Singular Konjunktiv Imperfekt Aktiv vom Verb restituere.

Titus Livius, Ab urbe condita 3, 26, 7:

operae pretium est audire, qui omnia prae divitiis humana spernunt neque honori magno locum neque virtuti putant esse, nisi ubi effuse afluant opes.

„Es ist der Mühe wert zuzuhören für diejenigen, die alles Menschliche außer Reichtümern verachten und die glauben/meinen, dass weder für große Ehre noch für Tugend/Tüchtigkeit/Vortrefflichkeit/Tapferkeit Platz ist, außer wo die Mittel reichlich/verschwenderisch/im Überfluss heranströmen.“

putant ist ein zweites Prädikat (nach spernunt; das zweimalige neque ist mit putant zu verknüpfen) im Relativsatz und davon eine Infintivkonstruktion mit locum esse abhängig. Ein mit nisi eingeleiteter Konditionalsatz ist dann noch angehängt.

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In diesem Zusammenhang bedeutet lateinisch exemplum: Exempel, Probe, Beispiel, Muster, Modell, Vorbild (gutes Beispiel).

»Vorbild« bedeutet exemplum (Neutrum; Plural: exempla) aber nicht immer, sondern nur bei guten Beispielen, die nachahmenswert sind.

Es gibt auch schlechte Exempel. Sie können als warnende Beispiele dienen. Es wird dann dargestellt, was gemieden werden soll. 

Die Exempla-Literatur ist nicht eine auschließliche Darstellung von Vorbildern. Zwar enthält sie viele vorbildhafte Beispiele guter Einstellung, guten Verhaltens und Vorgehens, aber es kommt auch schlechte Einstellung, schlechtes Verhalten und Vorgehen vor.

Ein erhaltenes Werk der Exempla-Literatur ist Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia. Die Beispeile sind handbuchartig in Rubriken angeordnet. Dazu gehören z. B. auch Grausamkeit (crudelitas; Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 9, 2) und Habgier (avaritia; Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 9, 4).

Ein ähnlicher Begriff der griechischen Sprache wie exemplum in der lateinischen Sprache ist παράδειγμα (paradeigma).

vitia sind Fehler/Misstände/Untugenden/Laster. In einer Entgegensetzung dazu geht es bei exempla um Vorbilder/gute Bespiele.

Aufgrund der Wertschätzung der Tradition in der antiken römischen Gesellschaft sind mit den exempla maiorum Vorbilder gemeint. mos maiorum (Sitte/Brauch der Vorfahren) war ein wichtiger Bezugspunkt.

Bei Livius ist seine Absicht (Intention) in der Geschichtsschreibung vor allem moralisch und didaktisch (belehrend).

Für die Beurteilung sind Lebensführung, sittliches Verhalten und die Fähigkeit zu den Staat voranbringenden Leistungen maßgebend. Die römische Geschichte teilt er in einen Aufstieg zum Weltreich (imperium) durch militärische und moralische Stärke und einen durch sittlichen Verfall bedingten Niedergang (zunächst allmählich, dann ein jäher Sturz zur Krise der Gegenwart) ein. Dies ist typisch für eine moralische Geschichtschreibung. Die Gegenwart ist ein Tiefpunkt, in dem die Römer weder ihre Fehler/Misstände noch die Heilmittel dagegen ertragen können (nec vitia nostra nec remedia pati possumus).

Livius hält an der Geschichtsschreibung für besonders heilsam und nützlich, lehrreiche Beispiele (exempla) für gutes und schlechtes Handeln vorzuführen (die einen nachahmenswert, die anderen zu vermeiden). Die römische Geschichte zeichnet sich seiner Meinung durch einen besonders großen Vorrat an guten Beispielen und eine erst sehr späte Ausbreitung von Untugenden aus. Die Intention ist eine Handlungsorientierung, die von einer Rückbesinnung auf Tugenden und die Sitte der Vorfahren ausgeht.

Titus Livius, Ab urbe condita, praefatio 10:

hoc illud est praecipue in cognitione rerum salubre ac frugiferum, omnis te exempli documenta in inlustri posita monumento intueri; inde tibi tuaeque rei publicae quod imitere capias, inde foedum inceptu foedum exitu quod vites.

„Dies ist vor allem beim Erkennen der Dinge heilsam und fruchtbringend, dass du Dokumente/Lehren/ProbenZeugnisse jedes Exempels/Beispiels/Musters auf einem im Licht stehenden/in die Augen fallenden Monument/Erinnerungszeichen/Denkmal hingestellt anschaust; von dort kannst du für dich und deinen Staat fassen/ergreifen/entnehmen, was du nachahmen sollst, von dort, was du als häßlich/scheußlich/abscheulich in seinem Anfang und häßlich/scheußlich/abscheulich in seinem Ende/Ausgang meiden sollst.“

Livius meint also offenkundig nicht nur gute Beispiele (Vorbilder), sondern auch schlechte Beispiele, die zeigen, was gemieden werden soll.

Wenn z. B. Lucretia und Brutus in ihrer Einstellung und ihrem Verhalten vorbildhafte Beispiele geben, sind Lucius Tarquinius Superbus und Sextus Tarquinius schlimme Beispiele Gute Beispiele sind z. B. auch Horatius Cocles, Cloelia und Gaius Mucius Scaevola. Ein schlimmes Beispiel gibt Appius Claudius in seinem Verhalten gegenüber Verginia (Titus Livius, Ab urbe condita 3, 44 – 58).

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Sueton, Divus Augustus 10, 1

omnium bellorum initium et causam hinc sumpsit: nihil convenientius ducens quam necem avunculi vindicare tuerique acta, confestim ut Apollonia rediit, Brutum Cassiumque et vi necopinantis et, quia provisum periculum subterfugerat, legibus adgredi reosque caedis absentis deferre statuit.

Der Text geht also noch weiter und das Prädikat im Hauptsatz ist erst statuit. Von dem Partizip ducens ist eine Infinitivkonstruktion abhängig.

„Als Anfang/Ausgangspunkt und Ursache aller Kriege hat er folgenden genommen: in der Auffassung, nichts sei angemessener/schicklicher als den Tod/die Ermordung seines Großonkels zu rächen und seine Verfügungen zu schützen, hat er eilig/unverzüglich/sofort, sobald er aus Apollonia zurückgekehrt ist, beschlossen, Brutus und Cassius sowohl mit Gewalt, solange sie ahnungslos waren, als auch, weil vorhergesehene Gefahr sie in heimlicher Flucht entzogen hatte, mit Gesetzen anzugreifen und sie als Angeklagte in Abwesenheit des Mordes anzuklagen.“

necopinantis ist Akkusativ Plural des Partizips Präsens Aktiv, der Nominativ Singular ist necopinans (Zusammensetzung aus der Verneinung nec und dem Verb opinare bzw. opinari [dieses Deponens wird gewöhnlich verwendet]). absentis (zu reosque gehörend) ist Akkusativ Plural des Partizips Präsens Aktiv der Nominativ Singular ist absens (vom Verb abesse).

Marcus Iunius Butus und Gaius Cassius Longinus verließen im April 44 v. Chr. die Stadt Rom und begaben sich in verschiedene Städte Italiens, im Spätsommer/Frühherbst 44 v. Chr. fuhren sie nach Athen, später ging Brutus nach Makedonien, Cassius nach Syrien, um den Ostens des römischen Reiches unter republikanische Kontrolle zu bringen.

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Napoleon Bonaparte ist nicht ausschließlich nur das eine oder andere (von den genannten Deutungsalternativen „Vollender“ oder „Überwinder“) gewesen, sondern unter bestimmten Gesichtspunkten in gewissem Ausmaß beides, überwiegend aber Beender/Überwinder der Französischen Revolution (1789 – 1799). 1804 hat er sich selbst zum Kaiser gekrönt und eine erbliche Monarchie errichtet.

Eine differenzierte Beurteilung ist am zutreffendsten.

Vollenden bedeutet, etwas zu vervollständigen, zu vervollkommnen, zu einem krönenden Abschluss zu bringen. Überwinden kann besiegen, bezwingen bedeuten. Überwinden kann auch ein Beenden unter Bewahrung von Teilen/Errungenschaften bedeuten, das nicht einfach zum vorherigen Zustand (in diesem Fall eine absolutistische Monarchie mit einem Ständesystem) zurückgeht, nicht alles beseitigt und abschafft.

Napoleon Bonaparte hat die Französische Revolution (1789 – 1799) beendet, durch einen Staatsstreich am 9. November 1799 (18. Brumaire des Jahres VIII nach dem französischen Revolutionskalender). Einige Leute aus dem Direktorium und einige Abgeordnete wollten eine Veränderung der Verfassung und suchten dafür einen General, der dies unterstützte. Napoleon nutzte dies aus, um die Vorherrschaft zu erreichen und auch politisch die Führung zu übernehmen. Dabei begünstigte ihn ein Wunsch großer Teile der Bevölkerung nach Stabilisierung.

Napoleon hat die Revolution zum Stillstand gebracht, sich durch einen Staatsstreich an die Spitze gesetzt (zuerst wurde er Erster Konsul, dann 1804 Kaiser), Volkssouveränität und eine demokratische Wahl einer Volksvertretung abgeschafft. Andererseits hat Napoleon auch einen Teil der Errungenschaften der Französische Revolution bewahrt und zum Abschluss gebracht (die bedeutendste Leistung ist dabei wohl der Code civil).

In seiner eigenen Sicht hat Napoleon sowohl die Revolution beendet als auch vollendet. Der Anspruch, ihr Vollender zu sein, kann aber mit guten Gründen bezweifelt werden und ist in seinem Ausmaß nicht berechtigt.

Zur Veröffentlichung der neuen Konsulatsverfassung, die in einer Volksabstimmung bestätigt werden sollte, haben die Konsuln im Dezember 1799 eine Proklamation erlassen:

„La Constitution est fondeé sur les vrais principes du Gouvernement représentatif, sur les droits sacrés de la propriété, de l'égalité, de la liberté. Les pouvoirs qu'elle institue seronts forts et stable, tels qu'il doivents, être pour garantir les droits des citoyens et les intérêts de l'Etat. Citoyens, la Revolution est fixée aux principes qui l'ont commencée: elle est finie.”

„Die Verfassung beruht auf den wahren Prinzipien der repräsentativen Regierung und auf den geheiligten Rechten des Eigentums, der Gleichheit und der Freiheit. Die von ihr eingesetzten Gewalten werden stark und beständig sein, wie sie sein müssen, um die Bürgerrechte und die Staatsinteressen zu garantieren. Bürger, die Revolution ist auf die Prinzipien, die an ihrem Anfang standen, festgesetzt: sie ist beendet."

Die Aussage ist doppelbödig. Napoleon trägt eine bestimmte Darstellung vor, die auf Zustimmung zielt. Napoleon nimmt für sich in Anspruch, Errungenschaften der Revolution zu befestigen und zu sichern, andererseits erklärt er sie für beendet und damit abgeschlossen. Er möchte ein Einverständnis der Anhänger der Revolution, denen einige am Anfang stehende Grundsätze wichtig sind und die inzwischen eingetretene Eigentumsverhältnisse bewahrt sehen möchten. Anderseits greift er Wünsche nach einer Stabilisierung (sowohl gegenüber radikalen Revolutionären als auch royalistischer Gegenrevolution) und ein Ende von Wirren und revolutionären Exzessen auf. Das Beenden kann auch als ein Stoppen revolutionärer Dynamik, wie sie vor allem 1793 - 1794 auftrat, verstanden werden.

Tatsächlich hat Napoleon sich nur zum Teil an die genannten Grundsätze gehalten (das bürgerliche Gesetzbuch – Code civil - von 1804 hat z. B. etwas davon in das Recht aufgenommen; außer diesem Gesetzbuch zum Zivilrecht gab es noch den Code pénal [Strafgesetzbuch] von 1810, den Code de procédure civile [Zivilprozessbuch] von 1806 , den Code de commerce [Handelsgesetzbuch] von 1807 und den Code d’instruction criminelle [Strafprozessordnung] von 1808). Er hat eine Alleinherrschaft ausgeübt (1804 krönte er sich selbst zum Kaiser) und politische Freiheitsrechte abgebaut.

Gesellschaftlich wurde denen, die bei der Revolution Gewinne erzielt hatten, ihr Besitz gesichert, die Unterschichten dagegen weitgehend ausgegrenzt.

Beendet hat Napoleon die Französische Revolution in Bezug auf:

  • politische Dynamik seitens der Bevölkerung einschließlich der Unterschichten/Volksmassen
  • starke Prägung durch heftige Richtungskämpfe und Streit um die richtige revolutionäre Lehre bis hin zu vielen Todesurteilen bei diesen Auseinandersetzungen
  • Volkssouveränität (Volksabstimmungen dienten nur noch als plebiszitäre Bestätigung des schon Beschlossenen)
  • politische Freiheit (weitgehend abgeschafft, es gab Pressezensur und Verbannungen)
  • tatsächlich demokratische Teilhabe an politischen Entscheidungen (die Volksvertretung, das Parlament, hatte kaum machtpolitische Bedeutung; durch die Konsulatsverfassung wurden ein Verfassungsrat/Senat [„Sénat conservateur“] und eine Art Parlament aus zwei Kammern, dem Tribunat und der gesetzgebenden Körperschaft [„Corps législatif“], eingerichtet [am 1. Januar 1800 begann ihre Tätigkeit). Tribunat (100 Mitglieder, nach einer am 5. August 1802 in Kraft getretenen Verfassungsänderung nur noch 50] und gesetzgebende Körperschaft wurden vom Volk aus einer Liste von Wahlmännern [in mehrstufiger Wahl gewählt, bei der das allgemeine Wahlrecht nur ein Vorschlagsrecht mit der Möglichkeit war, eine lokale Liste von Männern mit einem Mindesteinkommen bzw. der entsprechenden Steuerleistung aufzustellen] vom Senat gewählt.)

Von Napoleon bewahrte Errungenschaften und Grundsätze der Revolution sind:

  • zivilrechtliche Rechtsgleichheit/Gleichheit vor dem Gesetz mit Freiheit zum Abschließen von Verträgen und Spielraum in der Wirtschaft
  • Zentralismus mit bürokratisch ausgeübter und wirkungsvoller Herrschaftsgewalt
  • Eigentumsordnung
  • Massenaufgebot für die Armee (im August 1793 war eine Massenaufhebung - Levée en masse – beschlossen worden; Napoleon hatte Erfolge bei den übernommenen Revolutionskriegen mitsamt Schaffung verbündeter Staaten unter zeitweise deutlich ausgeprägter französischer Hegemonie in Europa)

Vollender der Französische Revolution ist Napoleon in Bezug auf:

  • zivilrechtliche Rechtsgleichheit/Gleichheit vor dem Gesetz mit Freiheit zum Abschließen von Verträgen und Spielraum in der Wirtschaft
  • Zentralismus mit bürokratisch ausgeübter und wirkungsvoller Herrschaftsgewalt
  • Erfolge bei den übernommenen Revolutionskriegen mitsamt Schaffung verbündeter Staaten unter zeitweise deutlich ausgeprägter französischer Hegemonie in Europa
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Auf dem Bildausschnitt sind zu sehen:

Abgeordnete des Klerus: unten links

Abgeordnete des Adels: nur ein Stück von einem Bein am rechten Rand zu sehen

Abgeordnete des Dritten Standes: unten rechts

zu dem gesamten Bild:

Links oben ist auf einem großen Thron König Ludwig XIV. abgebildet, neben ihm König Marie Antoinette, außerdem Prinzen und Prinzessin. Im Bereich mit Stufen sitzen und stehen Männer des Königshofes, auf der einen Seite ist eine Tribüne für Damen des Hofes.

Zum Saal hin sind hinter einer Brüstung verhältnismäßig vorne aussehende Männer und Frauen, Dort stehen auch zwei Soldaten. Im Saul vor dem Stufenbereich seht ein Tisch, an dem Minister sitzen und bei dem Jacques Necker steht und eine Eröffnungsrede hält..

Im Saal sind die drei Stände Gruppen. Auf der linken Seite sitzt der Klerus. Vorne sind hohe geistliche Würdenträger zu sehen (Kleidung in roter bzw. lila Farbe). Seitlich stehen dort auch zwei Höflinge.

Auf der rechten Seite sitzt der Adel, mit weißem Seidenstrümpfen, Hüten in der Hand, bei veilen sind Schärpen zu bemerken,

In der Mitte sitzt der Dritte Stand, in überwiegend schwarzer Kleidung.

Der Maler scheint zumindest vom Dritten Stand am meisten zu erwarten. Er ist am meisten im Vordergrund dargestellt, die Personen erscheinen so am größten, Necker spricht in die Richtung der Abgeordneten des Dritten Standes. Zu ihnen hin leuchtet auch das Licht. Sie wirken am interessiertesten oder am lebendigsten. Stehend ist Mirabeau mit breitem Gesicht erkennbar.

übernommen aus.

https://www.gutefrage.net/frage/die-eroeffnung-der-generalstaende-in-versailles-am-5-mai-1789---august-couder

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Die SPD ist nicht nach der Reichstagwahl 1930 von der Regierung in die Opposition gewechselt, sondern eine von der SPD und anderen Parteien getragene Regierung ist am 27. März 1930 auseinandergebrochen und es wurde am 31. März 1930 eine neue Regierung unter Beteiligung auch einiger bisher nicht in der Regierung mitwirkender politischer Kräfte gebildet.

Die SPD stand zu dieser Regierung in Opposition, war aber grundsätzlich zu Verhandlungen bereit. Die Regierung ist ihr aber kaum entgegengekommen.

Im Juli 1930 stimmte die SPD bei wichtigen Abstimmungen im Reichstag gegen die Regierung. Am 14. September 1930 hat eine Reichtagswahl stattgefunden.

Vom 28. Juni 1928 bis zum 27. März 1930 gab es eine vom Reichskanzler Hermann Müller [SPD] geführte Regierung einer großen Koalition, getragen von SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands), DDP (Deutsche Demokratische Partei), Zentrum, (Deutsche Zentrumspartei), BVP (Bayerische Volkspartei) und DVP (Deutsche Volkspartei). Die politischen Überzeugungen und die Interessen der Beteiligten lagen zum Teil erheblich auseinander und bei manchen Entscheidungen war es nötig, mühsam tragbare Kompromisse zu suchen.

Die 1929 ausgebrochene Weltwirtschaftskrise brachte große Schwierigkeiten und es gab wegen sozialpolitischer Gegensätze Auseinandersetzungen innerhalb der Regierung. Am stärksten war dabei der Gegensatz zwischen der SPD, die den Arbeitern/Arbeitnehmern und Gewerkschaften nahestand, und der DVP, die den Arbeitgebern/Großindustriellen und Unternehmerverbänden nahestand.

Die Gelder der Arbeitslosenversicherung waren in der Weltwirtschaftskrise und bei steigender Arbeitslosenanzahl nicht ausreichend. Es ging darum, ob die Beiträge erhöht oder die Leistungen für die Arbeitslosen gekürzt wurden und inwieweit staatliche Zuschüsse an die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung gegeben wurden.

Die DVP hat zunächst einen Vorschlag abgelehnt (Beitragserhöhung auf 3, 75 %, nachdem die SPD zunächst für 4 % eingetreten war). Der Zentrums-Fraktionsvorsitzende Heinrich Brüning hat einen neuen Vorschlag mit einer Erhöhung auf 3, 5 %vorgelegt, dem die DVP zustimmte, den aber die Mehrheit innerhalb der SPD ablehnte. Dieser Vorschlag eines Kompromisses hätte die Entscheidung um wenige Monate verschoben. Danach war eher eine Abweichung von den Wünschen der SPD zu erwarten (die Ablehnung der SPD kann dennoch als taktisch unklug beurteilt werden).

Nach dem Rücktritt der Regierung wurde eine neue Regierung mit Heinrich Brüning als Reichskanzler gebildet. Neben den vorherigen Regierungsparteien außer der SPD wurde die Regierung von einigen politisch »rechts« (aber nicht extrem »rechts«) stehenden Kräften unterstützt. Diese kamen von der Reichspartei des deutschen Mittelstandes (Wirtschaftspartei), der CNBL (Christlich-Nationale Bauern- und Landvolkpartei) und Leuten, die etwas später die KVP (Konservative Volkspartei; gegründet am 23. Juli 1930, wobei sich einige vorher bei der DNVP [Deutschnationale Volkspartei] tätige Politiker mit der am 28. Januar 1930 gegründeten Volkskonservativen Vereinigung zusamenschlossen) bildeten.

Schon seit 1929 hatte es geheime Sondierungen gegeben, wie eine Regierung ohne die SPD und mehr nach »rechts« verlagert gebildet werden könnte. Einige Kreise aus Großindustrie, Großagrariern und Reichswehr wollten die SPD aus der Regierung herausdrängen und auch der Reichspräsident Paul von Hindenburg bevorzugte dies, sobald eine außenpolitische Angelegenheit (Beschlüsse, damit der Young-Plan verwrklicht werden konnte) zustandegebracht sei. Es war die Rede von einem „Hindenburg-Kabinett", das »antimarxistisch« und »antiparlamentarisch« ausgerichtet sein sollte.

1930 war keine feste Regierungsmehrheit im Reichstag möglich. Die SPD hatte relativ am meisten Stimmen, war aber von einer Mehrheit im Reichstag deutlich entfernt. Ohne politische Partner konnte sie nicht Regierungspartei sein.

Die neue Regierung war eine Minderheitsregierung und daher stark abhängig vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Der Reichspräsident hatte in der Weimarer Republik eine starke Stellung, vor allem wenn es im Reichstag keine politisch handlungsfähige Mehrheit gab. Der Reichspräsident konnte den Reichskanzler und auf dessen Vorschlag die Reichsminister ernennen und entlassen (Artikel 53), den Reichstag auflösen, wenn auch nur einmal aus dem gleichen Grund (Artikel 25), und Notverordnungen erlassen (Artikel 48 Absatz 2). In der entstandenen Lage konnte der Reichspräsident entscheiden, wen er regieren ließ und mit dem Verfügen von Notverordnungen stützte. Die Regierungen werden auch als Präsidialkabinette bezeichnet (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4sidialkabinett).

Die Regierung Brüning war für Mehrheiten im Reichstag darauf angewiesen, zusätzlich Stimmen von der DNVP oder der SPD zu bekommen. Sie bemühte sich mehr um die DNVP.

Die SPD störte, wie die Lasten der Weltwirtschaftskrise ziemlich einseitig den Arbeitern aufgebürdet werden sollten.

Am 16. Juli 1930 wurde im Reichstag ein Gesetz zur Deckung der Ausgaben im Staatshaushalt mit 256 : 193 Stimmen abgelehnt (unter anderem von der SPD). Am 18. Jul 1930 stimmte Reichtstag eine Mehrheit von 236 : 221 Stimmen dafür, eine verfügte Notverordnung mit der vorher abgelehnten Deckung der Ausgaben im Staatshaushalt außer Kraft zu setzen (Abstimmung: 236 : 221 Stimmen).

Reichspräsident Paul von Hindenburg reagierte am 18. Juli 1930 mit einer Reichstagsauflösung und gab als Grund an:

„Nachdem der Reichstag heute beschlossen hat, zu verlangen, daß meine auf Grund des Art. 48 der Reichsverfassung erlassenen Verordnungen vom 16. Juli außer Kraft gesetzt werden, löse ich auf Grund des Art. 25 der Reichsverfassung den Reichstag auf.“

Bei der Reichstagswahl vom 14. September 1930 erreichte die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) sehr starke Zugewinne, außerdem stieg die Stimmenanzahl für die KPD (Kommunistische Partei Deutschlands).

Nach diesem Ergebnis war die SPD mehrheitlich zu einer (begrenzten) Tolerierung der Regierung Brüning bereit (zumindest keine Unterstützung eines Misstrauensantrages gegen die Regierung oder eine Abstimmung im Reichstag für eine Forderung nach der Aufhebung einer Notverordnung) und Brüning äußerte eine Bereitschaft zu einem gewissen Entgegenkommen gegenüber der SPD.

Gründe für die Tolerierungspolitik der SPD: Geldwertstabilität wurde von vielen auch in der SPD nach den schlimmen Erfahrungen der Inflation für wünschenswert gehalten, es drohte ein Sturz der SPD-geführten Regierung (zusammen mit Zentrum und DDP [Deutsche Demokratische Partei]) in Preußen, die SPD folgte einer Logik des kleineren Übels. Unter den gegebenen Umständen hätte ein Zufallbringen der Regierung Brüning zu einer noch autoritäreren und weiter rechts stehenden Regierung geführt, möglicherweise mit den Nationalsozialisten als einer wichtigen Kraft.

Die SPD stand dabei allerdings auch kritisch zu einer zu einseitigen Belastung der Arbeitslosen und der Arbeitnehmer (vor allem der leicht kündbaren).

eine Internetseite mit einer Darstellung ist z. B.:

https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39537/zerstoerung-der-demokratie?p=all

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Inflation allgemein

Eine Inflation ist ein anhaltender Prozess der Geldentwertung, der sich durch in der Gesamtberechnung bemerkbare Preiserhöhungen zeigt. Mit einer Geldeinheit kann dann immer weniger gekauft werden. Geld verliert an Wert. Die Kaufkraft des Geldes veringert sich, das heißt pro Geldeinheit kann weniger an Wirtschaftsgütern (Waren und Dienstleistungen) gekauft werden.

Wenn von staatlicher Seite viel Geld gedruckt und in Umlauf gebracht wird, steigt die Geldmenge in einem Wirtschaftssystem.Wenn es bei dieser gestiegenen Geldmenge in dem Wirtschaftssystem die gleiche Menge an Wirtschaftsgütern wie vorher gibt, ändert sich das Verhältnis von Geldmenge und Menge der Wirtschaftsgüter. Wenn es in einem Wirtschaftssystem 10000 Geldeinheiten und Wirtschaftsgüter gibt und dann durch Drucken von Papiergeld noch 50000 zusätzliche Geldeinheiten im Umlauf gebracht werden, aber nicht mehr Wirtschaftsgüter als vorher produziert werden, verliert die Geldeinheit relativ an Wert (sie ist nur noch ein Sechstel wert, also etwas weniger als 17 Prozent). Auch wenn ein Wirtschaftsgut der Sache nach einen gleichen Wert hat, müssen die Menschen dafür mehr an Geldeinheiten bezahlen. Ein Schein Papiergeld, auf dem ein Betrag aufgedruckt ist, hat der Sache nach bei zunehmender Inflation immer weniger wert (im Extremfall fast gar nichts).

Ein Internetseite mit kurzer Information:

https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/19723/inflation

Inflation während der Französischen Revolution (1789 – 1799)

Kurzgesagt hatte die Französische Revolution das Problem der hohen Staatsverschuldung und des drohenden Staatsbankrotts geerbt, zur Finanzierung dann Kirchengüter verstaatlicht und dafür Schuldscheine (Assignaten) ausgestellt. Diese wurden dann zu einem Papiergeld und allgemeinen Zahlungsmittel. Vom Staat wurden immer mehr Assignaten ausgegeben. Der Sache nach überstieg die Summe stark den Wert der Kirchengüter. Irgendeine Maßnahme war aber nötig, um einen Staatsbankrott zu verhindern und ab Frühjahr 1792 den Krieg zu finanzieren. Das viele in Umlauf gebrachte Papiergeld trieb eine Inflation an.

Der Staat Frankreich gab Schuldscheine heraus, die Assignaten genannt wurden. Finanziell sollten diese durch den Einzug der Kirchengüter (Land, Gebäude und anderes Eigentum der Kirche) zu Nationalgütern (Eigentum der französischen Nation) und den späteren Verkauf der Kuchengüter gedeckt werden. Der Kirche wurde also Besitz weggenommen, der erst einmal zu staatlichem Besitz erklärt wurde (Verstaatlichung).

Menschen gaben dem Staat Geld und bekamen dafür Assignaten. Der Staat konnte mit diesem Geld seine Schulden abbezahlen, ohne den Verkauf von Nationalgütern abwarten zu müssen. Die Assignaten waren wie Staatsanleihen (der Staat leiht sich Geld mit der Zusage, später zurückzuzahlen). Die Assignaten wurden am Anfang verzinst (wer Assignaten hatte, bekam zusätzliches Geld), später nicht mehr.

Wer Assignaten hatte, konnte damit Nationalgüter (ehemalige Kirchengüter) erwerben. Die Nationalgüter wurden versteigert. Dies geschah als ein Eintauschen: Wer ein Nationalgut erwerben wollte, bot Assignaten als Kaufpreis an. Wer am meisten Assignaten anbot, bekam das Nationalgut.

Die Assignaten wurden zu einem Papiergeld und allgemeinen Zahlungsmittel. Weil vom Staat immer mehr Assignaten ausgegeben wurden und außerdem von manchen Leuten Fälschungen hergestellt und in Umlauf gebracht wurden, kam es zu einem Wertverfall der Assignaten (Inflation).

Am 2. November 1789 wurde aufgrund eines Beschlusses der Nationalversammlung (568 gegen 346 Stimmen) das Kirchengut „der Nation zur Verfügung gestellt“ (zum Nationaleigentum erklärt). Auf diese (noch nicht von neuen Eigentümern übernommenen „Nationalgüter“ wurden Assignaten ausgestellt, verzinzliche Schatzscheine, 5%ige Schuldverschreibungen; für die Rückzahlung waren die aus dem Verkauf der Nationalgüter zu erwartenden Beträge als Deckung zugewiesen („assigniert“). Der Erwerb (als Berechtigungsscheine) diente der Vorbereitung des Kaufs der Nationalgüter. Dies sollte eine Übergangsregelung bis 1790 sein, also bis zum Eintreffen der „patriotischen Steuer“. Weil der Güterkauf noch in der Zukunft lag und damit eine unsichere Sache war, wurden die Assignaten aber zunächst kaum angenommen. Außerdem kam die Steuer im April kaum herein (statt 150 Millionnen nur 9, 7 Millionen Franken).

Nun wurden Assignaten schrittweise (beginnend mit der Zulassung als Rentenzahlung im April 1790 bis zur förmlichen Verfügung über den Status als allgemeines Zahlungsmittel) am 29 September 1790) normales Zahlungsmittel, also doch Papiergeld, und unverzinslich. Der Staat nahm die Kirchengüter selber in die Hand und von der Nationalversammlung (nach Debatten von Juni bis September 1790) wurde die Veräußerung aller Nationalgüter zu günstigen Zahlungsbedingungen angeboten. Raten auf 12 Jahre, alte Belastungen übernahm der Staat.

Es kam zu einem riesigen Besitzwechsel. Bis Mai 1792 verloren die Assignaten 60 % ihres Wertes im Verhältnis zum Hartgeld. Nach gesetzlicher Untersagung des Druckens eigenen Papiergeldes durch lokale Kassen im Frühjahr 1792 stieg der Wert der Assignaten rasch wieder an. Durch stark ansteigende Ausgaben im Zeichen des Ausbaus der Kriegswirtschaft verloren die Assignaten seit 1793 dann zunehmend an Wert. Die Pressen zum Drucken der Assignaten wurden angesichts heftiger Inflation auf Beschluß des Direktoriums am 19. Februar 1796 zerstört. Weil auch die ersatzweise eingeführten Territorialmandate (mandats territoriaux) einen rapiden Wertverlust erlitten, schaffte das Direktorium im Februar 1797 alles Papiergeld ab und kehrte zum Hartgeld zurück.

Internetseiten mit Informationen:

https://www.kinderzeitmaschine.de/neuzeit/franzoesische-revolution/lucys-wissensbox/wirtschaft/was-sind-assignate-und-seit-wann-gab-es-den-franc/

https://de.wikipedia.org/wiki/Assignat

https://langzeitarchivierung.bib-bvb.de/wayback/20190716085814/https://www.historicum.net/de/themen/franzoesische-revolution/einfuehrung/wirkungsbereiche/artikel/ii-wirtschafts/ (2. Schuldenkrise und Geldpolitik)

„Das wohl belastendste Vermächtnis des Ancien Régime war ein Schuldenberg von etwa 5 Milliarden Livres. Die ersten Reformmaßnahmen der Nationalversammlung trieben die Ausgaben zudem weiter in die Höhe, während die Einnahmen aufgrund der Steuerausfälle deutlich hinter den Erwartungen zurückblieben.

Rasche Abhilfe sollte der Verkauf der verstaatlichten Kirchengüter schaffen. Auf den zu veräußernden Grundbesitz wurden gemäß eines Beschlusses vom 19. Dezember 1789 Schuldscheine ab einem Wert von 1.000 Livres ausgegeben.

Diese sog. Assignaten nahmen immer mehr den Charakter einer Parallelwährung an: Nach gut einem Jahr war das Papiergeld in Stückelungen bis zu 5 Livres erhältlich und diente als alltägliches Zahlungsmittel. Das Verfahren vergrößerte die zirkulierende Geldmenge beträchtlich und zeigte stark inflationäre Wirkung. 

Das Metallgeld verschwand weitgehend vom offenen Markt, Spekulation und Warenhortung waren weitere Folgen. Profitieren konnten die Besitzer von Sachwerten und Boden, das Nachsehen hatten Lohnempfänger, Kapitalrentiers und Produzenten, die ihre Rohstoffe im Ausland erwerben mussten, vom Abnehmer aber in Assignaten bezahlt wurden.

Die verheerenden Wirkungen der Inflation verstärkten die Existenzängste breiter Bevölkerungsschichten und ließen die Rufe nach dirigistischen Maßnahmen lauter werden. Insgesamt hatten die unbewältigten Finanzprobleme wesentlichen Anteil daran, dass der Revolution auch lange Zeit keine politische Stabilisierung gelang. 

Als die Assignaten nur noch einen Bruchteil ihres Ausgabewertes besaßen, wurden sie im Frühjahr 1796 eingezogen und konnten im Verhältnis 1:30 durch "Territorialmandate" ersetzt werden, welche ihrerseits im darauffolgenden Jahr eingestellt wurden.

Insgesamt wurden Assignaten im Wert von circa 45 Mrd. Livres ausgegeben. Dem gegenüber steht eine Schätzung des Gesamtwertes der Nationalgüter auf nur 4-5 Mrd. Livres.“

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König Ludwig XVI. hat dies unter dem Druck der Umstände am 27. Juni 1789 getan.

Ein vorausgegangener Versuch, einen revolutionären Schritt (Erklärung zur Nationalversammlung) rückgängig zu machen und wieder eine nach Ständen getrennte Beratung durchzusetzen war am 23. Juni 1789 am entschlossenem Widerstand der Abgeordneten und einer Scheu, eine Anordnung mit brutaler Gewalt bis hin zur Tötung aufzuzwingen, gescheitert. 

Er konnte die politische Entwicklung, die zur Entstehung einer Nationalversammlung führte nicht gut verhindern. Eine Anzahl von Abgeordneten des ersten Standes (Klerus) und des zweiten Standes (Adel) hatte sich bereits der Nationalversammlung angeschlossen.

König Ludwig XVI. hielt es in dieser Lage besser, zu einer gemeinsamen Versammlung aller Abgeordneten einzuladen. Dies konnte ihn als weiterhin gültige Autorität erscheinen lassen und seinen eigenen Einfluss innerhalb der Nationalversammlung durch Mitwirkung von Abgeordneten, die zu einer starken Stellung von Königtum, Adel und Kirche neigten vergrößern,

Die Abgeordneten des Dritten Standes (französisch: Tiers état) in den Generalständen (französisch: États Généraux) hatten sich mit großer Mehrheit am 17. Juni 1789 zur Nationalversammlung (Assemblée nationale) erklärt. Die anderen zwei Stände, Klerus (Geistliche; Clergé) und Adel (Noblesse), sollten nicht einfach völlig von der politischen Willensbildung ausgeschlossen werden, sondern eine Vertretung der Nation statt von einzelnen Ständen stattfinden. Die Vertreter der anderen Stände wurden von den Abgeordneten des Dritten Standes dazu aufgerufen, sich der Nationalversammlung anzuschließen.

Am 19. Juni 1789 stimmte eine knappe Mehrheit beim Klerus (149 gegen 137) dafür, sich der Nationalversammlung anzuschließen. Beim Adel war es zunächst nur eine Minderheit (80).

Am 20. Juni 1789 legten die Abgeordeten des Drittten Standes sowie eine wenige Abgeordnete des Klerus (am bekanntesten ist von ihnen Henri Grégoire, ein Abbé [katholischer Weltgeistlicher]) einen feierlichen Eid ab, sich nicht zu trennen und nicht auseinanderzugehen, bevor eine Verfassung geschaffen worden sei (Ballhausschwur).

Am 22. Juni wurde in der Kirche St. Louis eine Vereinigung mit der Mehrheit der Geistlichen und mit einer Anzahl Adliger realisiert.

König Ludwig XvI. glaubte nun stark auftreten zu müssen und versuchte, in einer königlichen Sitzung (séance royale) amit einer großen Gesamtsitzung der Stände am 23. Juli 1789 die revolutionären Schritte rückgängig zu machen. Dies scheiterte aber. Die Abgeordneten des Dritten Standes blieben trotz Aufforderung zum Auseinandergehen und Drohungen des Königs sitzen. Herangehenden Leuten des Königs stellten sich auch einige liberale Adlige entgegen.

Auf den König wirkten Einflüsse aus seiner Umgebung in verschiedene politische Richtungen ein. Ludwig XVI scheute vor einem blutigem Gemetzel und Auflösung der Nationalversamnmlung mit brutaler Gewalt zurück. Dies hätte auch sein Ansehen bei großen Teilen der Bevölkerung stark beschädigt. Es war mit Empörung von Volksmengen zu rechnen. Nicht alle militärische Truppen erweckten den Eindruck, bei einem solchen Vorgehen zuverlässig mitzumachen. Der Finanzminister Jacques Necker riet zu einem gewissen Nachgeben. Es drohte ein Staatsbankrott und erwünscht waren Beschlüsse, die zu mehr Einnahmen führten.

Wolfgang Kruse, Die Französische Revolution. Paderborn , München : Wien ; Zürich : Schöningh, 2005 (UTB : Uni-Taschenbücher : Geschichte ; 2639), S. 19:

„Nach weiteren erfolglosen Auflösungsversuchen lenkte der König schließlich ein und forderte die Vertreter von Adel und Klerus nun doch auf, sich dem Dritten Stand anzuschließen.“

Klaus Malettke, Die Bourbonen Band 2: Von Ludwig XV. bis zu Ludwig XVI. : 1715 - 1789/92. Stuttgart : Kohlhammer, 2008, S. 229:

„Auf Anraten Neckers und der Königin forderte Ludwig XVI. am 27. Juni die Mehrheit der Deputierten des Adels und den Rest des Klerus dazu auf, sich der Nationalversammlung anzuschließen. Er tat das in der bekundeten Absicht, Blutvergießen zu verhindern.“

Johannes Willms, Tugend und Terror : Geschichte der Französischen Revolution. München : Beck, 2014, S. 149:

„Nach dem Scheitern der Séance royale wurde die Nationalversammlung zum neuen Kraftzentrum. Diese Einsicht veranlasste die Mehrheit des Klerus dazu, sich ihr am 24. Juni anzuschließen. Dem Beispiel folgten tags darauf 48 Abgeordnete des Adels. Damit stand fest: Die Krone konnte sich auch nicht mehr auf die Unterstützung von Klerus und Adel verlassen. Die Einsicht in die eigene Schwäche zwang Louis XVI jetzt zu dem Schritt, den er lange verweigert hatte. Auf Betreiben Neckers, der dem Zaudernden nachdrücklich zusetzte, sprach der König in einem an die beiden privilegierten Stände gerichteten Schreiben vom 27. Juni die «Einladung» aus, sich mit dem Dritten Stand zu gemeinsamen Sitzungen zu versammeln. Das Schreiben formulierte die Kapitulation des Königs, der damit die Nationalversammlung förmlich anerkannte.

Tatsächlich hatte er keine andere Wahl, wie der Comte de MercyArgenteau urteilte, der dem österreichischen Kaiser Joseph II. am 4. Juli 1789 schrieb, Frankreich werde gerade von der heftigsten Krise erschüttert, die er hier je erlebt habe, «denn zwischen dem 23. und dem 27. Juni schwebte man in der unmittelbaren Gefahr einer Hungersnot, eines Bankrotts und eines Bürgerkriegs. Der Hof ging schon mit Plänen um, sich an einen sicheren Ort zu flüchten, was angesichts der Befehlsverweigerung der Truppen, für die es einschlägige Beispiele gibt, nicht leichtgewesen wäre. Hätte man dem abwegigen Gedanken, der von einigen Personen der königlichen Familie unterstützt wurde, nachgegeben und M. Necker verhaftet oder wenn der Minister zurückgetretenwäre, wie er es vorhatte, dann hätte sich das Volk empört, wäre ein Massaker von Klerus und Adel sehr wahrscheinlich gewesen, und die Revolution wäre ausgebrochen».“

https://langzeitarchivierung.bib-bvb.de/wayback/20190716085802/https:/www.historicum.net/de/themen/franzoesische-revolution/einfuehrung/verlauf/artikel/ii-beginn-der/

„Am 17. Juni erklärte sich die Tiers-Kammer auf Vorschlag des Abbé Sieyès zur "Nationalversammlung" (Assemblée Nationale ). In seiner Begründung vertrat Sieyès die Auffassung, dass die Nation nicht durch den König oder eine privilegierte Elite allein repräsentiert werden könne, sondern nur durch die Masse des Volks, den Dritten Stand. Mit dieser Proklamation der Volkssouveränität hatten die Vertreter des Dritten Standes einen revolutionären Weg beschritten, dem sich am 19. Juni nach knappem Mehrheitsbeschluss auch der Klerus anschloss.

Als die Abgeordneten am 20. Juni den Versammlungssaal verschlossen fanden, wichen sie ins nahe gelegene Ballspielhaus aus und schworen sich, "niemals auseinander zu gehen und sich überall zu versammeln ... bis die Verfassung geschaffen und auf dauerhaftes Fundament verankert ist." 

Schließlich gingen auch Teile des Adels zur allgemeinen Versammlung über, die sich am 9. Juli in Assemblée Nationale Constituante (Verfassungsgebende Nationalversammlung) umbenannte und damit ihrer wesentlichen Zielsetzung Ausdruck verlieh: Umbau von Staat und Gesellschaft auf dem Weg der Verfassungsgebung. Dem König - unschlüssig und in seiner Autorität deutlich geschwächt - blieb nichts anderes übrig, als der Nationalversammlung, die nun als konkurrierende Souveränität im Staate an seine Seite getreten war, seine Zustimmung zu erteilen.“ 

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In einem ersten revolutionären Schritt bei der Französischen Revoution (1789 - 1799) erklärten sich die Abgeordneten des Dritten Standes (französisch: Tiers état) in den Generalständen (französisch: États Généraux) mit großer Mehrheit am 17. Juni 1789 zur Nationalversammlung (Assemblée nationale). Die Benennung hatte Emmanuel-Joseph Sieyès vorgeschlagen. Dieser hat den Schritt damit begründet, nach dem Ergebnis der Wahlprüfung sei die Versammlung des Dritten Standes bereits aus Vertretern zusammengesetzt, die von wenigstens 96/100 der Nation entsandt worden seien. Die Abgeordneten haben den Gedanken der Volksouveränität verwendet, um den Willen der Vertretung einer Mehrheit der Nation als den Willen der Nation selbst zu legitimieren (rechtfertigen) und mit der Erklärung zur Nationalversammlung begonnen, dies in die Tat umzusetzen.

Die anderen zwei Stände, Klerus (Geistliche; Clergé) und Adel (Noblesse), sollten nicht einfach völlig von der politischen Willensbildung ausgeschlossen werden, sondern eine Vertretung der Nation statt von einzelnen Ständen stattfinden. Die Vertreter der anderen Stände wurden aufgerufen, sich der Nationalversammlung anzuschließen.

Am 19. Juni 1789 stimmte eine knappe Mehrheit beim Klerus (149 gegen 137) dafür, sich der Nationalversammlung anzuschließen. Beim Adel war es zunächst nur eine Minderheit (80).

Am 20. Juni 1789 legten die Abgeordeten des Drittten Standes sowie eine wenige Abgeordnete des Klerus (am bekanntesten ist von ihnen Henri Grégoire, ein Abbé [katholischer Weltgeistlicher]) einen feierlichen Eid ab, sich nicht zu trennen und nicht auseinanderzugehen, bevor eine Verfassung geschaffen worden sei (Ballhausschwur). Der Schwur war eine symbolische Bekräftigung eines revolutionären Schrittes und in Verbindung mit der Umsetzung in erfolgreichen Widerstand gegen den König (die Abgeordneten des Dritten Satzende blieben am 23. Juni 1789 trotz Aufforderung zum Auseinandergehen und Drohungen des Königs sitzen) eine zweite revolutionäre Tat. Begeisterte Zustimmung seitens des Volkes ermutigte sie.

Nach dem sich Abgeordnete aus den anderen Ständen angeschlossen hatte, erklärte sich diese Versammlung am 9. Juli zur Verfassunggebenden Nationalversammlung (Assemblée nationale constituante).

Es ereignete sich eine Revolution der Stadtbürger (der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 gehört dazu). Die Bürger übernahmen die Verwaltung. Die neuen Inhaber der Führungspositionen in den Städten zogen Polizei, Justiz und Lebensmittelversorgung an sich, schufen Bürgergarden/Nationalgarden, nahmen Waffen aus den königlichen Depots.

Es ereignete sich eine antifeudale Revolution der Bauern/einfachen Landbevölkerung, gegen den Feudalismus mit Abgaben und Dienstleistungen an die Grundherren als Gruppe mit Vorrechten gerichtet, bei der im Juli/August 1789 auch das Phänomen einer „Großen Furcht“ (Grande Peur) auftrat. Es kam zu Plünderungen, Forderungen und vor allem Zerstörung der Feudalarchive mit dem Ziel der Vernichtung von Urkunden. Die Bauern stürmten im Sommer 1789 (nach dem 14. Juli) Schlösser und verbrannten die feudalen Besitztitel (mit Verzeichnissen von Pachtzinsen, Naturalabgaben Arbeitsdiensten und Ähnlichem).

Menschenrechte

Die Nationalversammlung ist zur stärksten politischen Kraft geworden, von der eine Neuordnung der Verhältnisse erwartet wurde.

Am 7. Juli 1789 hat die Nationalversammlung einen Verfassungsausschuss (aus Abgeordneten bestehend) eingesetzt. Er kümmerte sich um die Ausarbeitung einer Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und um den Entwurf von Verfassungsbestimmungen. Auch die Nationalversammlung als Ganze hat beraten, diskutuert und mit mehrheitlicher Abstimmung beschlossen. 

Nach Beratungen der Abgeordneten miteinander wurde von der Nationalversammlung am 26. August die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen) verkündet.

In einer Präambel (Vorrede/Einleitung) und 17 Artikeln wurden natürliche und unveräußerliche Rechte als geltend erklärt.

Dazu gehörten Gleichheit an Rechten (Gleichheit vor dem Gesetz), Freiheit (die Ausübung von Freiheiten darf nur auf Grudnlage von Gesetzen eingeschränkt werden), Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung (Recht auf Widerstand gegen staatliche Willkür).

https://de.wikipedia.org/wiki/Erkl%C3%A4rung_der_Menschen-_und_B%C3%BCrgerrechte

http://www.verfassungen.eu/f/

Die Nationalversammlung nutzte eine Demonstation einer aufgebrachten Volksmenge, um auf den König Druck auszuüben, die Erklärung durch Untershrift in Kraft treten zu lassen.

Ein Menge vor allem aus Frauen zog am 5. Oktober 1789 nach Versalles und drang am frühen Morgen des 6. Oktober in das Schloss ein, weil der Eindruck eines Zögern und Hinausschiebens auf seitens des Königs Ludwig XVI., die Abschaffung der Privilegien und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte anzuerkennen, und ein vom König gegebener Befehl an ein nordfranzösisches Regiment zum Marsch nach Versailles beim Volk Furcht vor Gegenaktionen des Königs hervorgerufen hatte und weil sie von ihm Maßnahmen zur Lösung von Versorgungsschwierigkeiten fordern wollten (es gab einen Mangel an Brot). Auch die Nationalgarde zog nach Versailles.

Ludwig XVI., gab nach und unterzeichnete am 5. Oktober 1789 die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte sowie die Artikel einer vorläufigen Verfassung. Am 3. November 1789 ließ er sie in Kraft treten.

Verfassung

Es gab über die Verfassung Beratungen und Diskussionen im Verfassungsausschuss und im Plenum (Vollversammlung) der Nationalversammlung.

Schließlich wurde am 3. September 1791 mit Mehrheit eine Verfassung beschlossen. Danach wurde Frankreich eine konstitutionelle Monarchie und eine parlamentarische Demokratie mit Gewaltenteilung, wobei das Wahlrecht allerdings nur eingeschränkt demokratisch war (begrenzt auf sogenannte Aktivbürger, Männer mit einem bestimmten Mindestvermögen).

 König Ludwig XVI. hatte 20./21. Juni 1791 mit seiner Familie einen Fluchtvesuch unternommen, wurde aber abgefangen. Die Nationalversammlung nahm ihn stärker unter Konrolle, erklärre seine Flucht zu einer „Entführug“ und ließ ihn nach einer Untersuchug im Amt. Ludwig XVI. unterzeichnete die Verfassung am 14. September 1791 und ließ sie damit in Kraft treten.

http://www.verfassungen.eu/f/fverf91-i.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Franz%C3%B6sische_Verfassung_(1791)

einige Internetseiten zum Verlauf:

https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/233139/3-9-1791-frankreichs-erste-verfassung

https://langzeitarchivierung.bib-bvb.de/wayback/20190716085802/https:/www.historicum.net/de/themen/franzoesische-revolution/einfuehrung/verlauf/artikel/ii-beginn-der/

https://langzeitarchivierung.bib-bvb.de/wayback/20190716085806/https://www.historicum.net/de/themen/franzoesische-revolution/einfuehrung/verlauf/artikel/iii-konsolidie/

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Am 28. Oktober 1918 sind nach mehrheitlicher Zustimmung im Reichstag und im Bundestag Veränderungen der Verfassung des Deutschens Reichs vom 16. April 1871 in Kraft getreten.

Es hat sich also um eine Veränderung der Verfassung gehandelt, nicht um eine Ersetzung der ganzen bisherigen Verfassung durch eine neue Verfassung. Allerdings war die Veränderung für das Gesamtsystem erheblich, vor allem durch eine Parlamentarisierung. Die Stellung des Reichstages wurde gestärkt. Die veränderte Verfassung erreichte in der politischen Praxis aufgrund der Novemberrevolution 1918 nicht mehr eine große Wirkung.

Unterschiede der im Oktober 1918 veränderten Verfassung zur vorherigen Fassung der Verfassung

  • keine Kriegserklärungen und Friedensschlüsse ohne Zustimmung des Reichstages erlaubt, Beteiligung von Bundesrat und Reichstag an Entscheidungen über Kriegserklärungen und Friedensschlüsse durch erforderliche Zustimmung zu Vorgehen des Kaisers dabei in allen Fällen: Eine Zustimmung des Bundesrates war vorher bei Angriff auf das Bundesgebiet oder dessen Küsten nicht nötig. Eine Beteiligung des Reichstages an Kriegserklärungen und Friedensschlüssen war vorher verfassungsrechtlich nicht erforderlich, nur eine Genehmigung des Reichstages zu Verträgen mit anderen Staaten, die sich auf Angelegenheiten im Bereich der Reichsgesetzgebung bezogen. In Artikel 11 wurden die Absätze 2 und 3 durch neue Bestimmungen ersetzt. Absatz 2: „Zur Erklärung des Krieges im Namen des Reichs ist die Zustimmung des Bundesraths und des Reichstags erforderlich.“ Absatz 3: „Friedensverträge sowie diejenigen Verträge mit fremden Staaten, welche sich auf Gegenstände der Reichsgesetzgebung beziehen, bedürfen der Zustimmung des Bundesraths und des Reichstags.“
  • Einführung einer parlamentarischen Regierungsweise durch erforderliches Vertrauen des Reichstages zur Amtsführung des Reichskanzlers und seiner Stellvertreter (wie es Staatssekretäre sein konnten) und Verantwortlichkeit des Reichskanzlers für alle in Ausübung der ihm nach der Verfassung zustehenden Befugnisse ausgeübten Handlungen des Kaisers von politischer Bedeutung und Verantwortlichkeit des Reichskanzlers und seiner Stellvertreter gegenüber Bundesrat und Reichstag: In Artikel 15 wurden neue Bestimmungen hinzugefügt. Absatz 3: „Der Reichskanzler bedarf zu seiner Amtsführung des Vertrauens des Reichstags.“ Absatz 4: „Der Reichskanzler trägt die Verantwortung für alle Handlungen von politischer Bedeutung, die der Kaiser in Ausübung der ihm nach der Reichsverfassung zustehenden Befugnisse vornimmt. Absatz 5: „Der Reichskanzler und seine Stellvertreter sind für ihre Amtsführung dem Bundesrath und dem Reichstag verantwortlich.“ In Artikel 17 wurde bei der Gegenzeichnung des Reichskanzlers zu Anordnungen und Verfügungen des Kaisers der Hinweis gestrichen, damit die Verantwortung zu übernehmen, da jetzt schon in Artikel 15 das Tragen der Verantwortung enthalten war. Zur Verantwortlichkeit des Reichskanzlers gehörte nun auch die militärische Kommandogewalt des Kaisers.
  • Möglichkeit für Abgeordnete des Reichstages, ein Staatsamt anzunehmen, ohne ihr Abgeordnetenmandat zu verlieren: Vorher verloren sie in so einem Fall ihr Abgeordnetenmandat. Regierung und Parlament waren also vorher stärker getrennt. Gestrichen wurde Artikel 21 Absatz 2: „Wenn ein Mitglied des Reichstages ein besoldetes Reichsamt oder in einem Bundesstaat ein besoldetes Staatsamt annimmt oder im Reichs- oder Staatsdienste in ein Amt eintritt, mit welchem ein höherer Rang oder ein höheres Gehalt verbunden ist, so verliert es Sitz und Stimme in dem Reichstag und kann seine Stelle in demselben nur durch neue Wahl wieder erlangen.“
  • Aufhebung einer Trennung von ziviler Regierungsgewalt und militärischer Kommandogewalt, die militärische Anordnungen des Kaisers einer parlamentarischen Kontrolle entzog und das Militär aus einer Unterordnung unter die Regierung gelöst hatte: Vorher hatte der Kaiser bei militärischen Anordnungen eine Sonderstellung als Oberbefehshaber und war nicht gegenzeichnungspflichtig. So konnten Reichskanzler und Kriegsminister nicht in die Lage kommen, getroffene Maßnahmen vor dem Parlament rechtfertigen zu müssen. Die Regierung war nur fütr die Militärverwaltung zuständig, Dinge, die Geld kosteten und bei Haushaltsverhandlugen vor dem Reichstag zu vertreten waren. Die Gegenzeichnungspflicht des Reichskanzlers erstreckte sich durch Neuregelungen im Oktober 1918 auch auf Ernennung, Versetzung, Beförderung und Verabschiedung der Offiziere und Beamten der Marine durch den Kaiser und Besetzung der höchsten Kommandostellen im Heer durch den Kaiser. Bei der Ernennung, Versetzung, Beförderung und Verabschiedung der Offiziere und Militärbeamten eines Truppenkontingents durch die Bundesfüsten bzw. die Senate wurde eine Gegenzeichnungspflicht der Kriegsminister der entsprechenden Einzelstaaten eingeführt. In Artikel 53 Absatz wurde ein Satz hinzugefügt: „Die Ernennung, Versetzung, Beförderung und Verabschiedung der Offiziere und Beamten der Marine erfolgt unter Gegenzeichnung des Reichskanzlers.“ Artikel 64 Absatz 2 hatte nun als ersten Satz. „Der Höchstkommendirende eines Kontingents, sowie alle Offiziere, welche Truppen mehr als eines Kontingents befehligen, und alle Festungskommandanten werden von dem Kaiser unter Gegenzeichnung des Reichskanzlers ernannt.“ (hinzugefügt war „unter Gegenzeichnung des Reichskanzlers“) In Artikel 66 wurden die Absätze 3 und 4 hinzugefügt. Absatz 3: „Die Ernennung, Versetzung, Beförderung und Verabschiedung der Offiziere und Militärbeamten eines Kontingents erfolgt unter Gegenzeichnung des Kriegsministers des Kontingents.“ Absatz 4: „Die Kriegsminister sind dem Bundesrath und dem Reichstag für die Verwaltung ihres Kontingents verantwortlich.“
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Der Tag des Sturms auf die Bastille am 14. Juli 1789 ist französischer Nationalfeiertag geworden, weil das Ereignis eine starke symbolische Ausstrahlung entwickelt hat.

Das tatsächliche Geschehen beim Sturm auf die Bastille war für die Französische Revolution weniger bedeutsam als die symbolische Wirkung.

Sie begann sehr schnell und blieb lebendig.

Die Bastille wurde als Sinnbild des Despotismus einer Monarchie mit absolutistisch herschendem König gesehen. Die Einnahme nach Kapitulation wurde von vielen als großer Sieg des Volkes gefeiert. Es konnte als Kampf mit vielen Beteiligten stärker als spektakuläre Volksaktion erscheinen als eine Erklärung in einer Versammlung.

Am 14. Juli 1790 wurd ein Paris ein großes Bundesfest/Fest der Föderation (Fête de la fédération), das Einheit ausdrücken sollte, ausgerichtet.

Es wurden Sieger über die Bastille wie Helden bewertet, Listen der Beteiligten aufgestellt, später Pensionen für noch Lebende beantragt.

Der Sache nach ist der erste revolutionäre Schritt bei der Französischen Revoution (1789 - 1799) eine vor dem Sturm auf die Bastille stattfindende Erklärung gewesen: Die Abgeordneten des Dritten Standes (französisch: Tiers état) in den Generalständen (französisch: États Généraux) erklärten sich mit großer Mehrheit am 17. Juni 1789 zur Nationalversammlung (Assemblée nationale). Nach dem sich Abgeordnete aus den anderen Ständen angeschlossen hatte, erklärte sich diese Versammlung am 9. Juli zur Verfassunggebenden Nationalversammlung (Assemblée nationale constituante). Diese Nationalversammlung hat im August 1789 wichtige Beschlüsse zur Beseitigung von Privilegien (Vorrechten) vorgenommen, am 26. August die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen) verkündet und im September und Oktober 1789 vorläufige Verfassunsgbestimmungen beschlossen.

Es gibt also Gründe für ein Urteil, bei der Französischen Revolution hätte ein anderes Ereignis mehr verdient, gefeiert zu werden, als der Sturm auf die Bastille.

In der Französischen Republik (République française), die als Dritte Republik (Troisième République/ IIIe République) gezählt wird 81870 – 1940 bestehend), ist der 14. Juli gesetzlich als franzöischer Nationalfeiertag beschlossen worden, von der Nationalversammlung, (Assemblée nationale), die aus zwei Kammern (Unterhaus und Oberhaus) bestand, Abgeordnetenkammer (Chambre des députés) und Senat (Sénat).

Republikanische Abgeordnete wollten ein Ereignis nehmen, das in seiner Stoßrichtung als republikanisch und antimonarchisch erscheinen konnte.

Der Abgeordnete Benjamin Raspail (im Wahlkreis Seine in die Abgeordnetenkammer gewählt) hat am 21. Mai 1880 einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der den 14. Juli zum jährlichen französischen Nationalfeiertag bestimmte. 64 Abgeordnete unterzeichneten ihn. Es wurde nicht nur auf den Sturm auf die Bastille verwiesen, der manchen Abgeordnete als zu blutig und grausam vorkommen konnte, verwiesen, sondern stärker noch das auf Einheit und Versöhnung ausgerichtete Bundesfest/Fest der Föderation (Fête de la fédération) herausgestellt.

Die Abgeordnetenkammer (Chambre des députés) hat das Gesetz mehrheitlich am 8. Juni 1880 bechlossen, der Senat (Sénat) am 19. Juni 1880. Am 6. Juli wurde das gesetz verkündet und trat in Kraft. Vgl. https://fr.wikipedia.org/wiki/F%C3%AAte_nationale_fran%C3%A7aise

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variierte Aussage in Zeile 57 – 58

Abgewandelt worden ist der lateinische Ausspruch homo homini lupus est („Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“) und eine Aussage des Staatstheoretikers Thomas Hobbes.

Thomas Hobbes erklärt in der Widmung zu seinem Werk »De cive« (1657):

 „Profecto utrumque vere dictum est, homo hominis deus est, et homo homini lupus est: Illud si concives inter se, hoc si civitates comparemus.”

„Nun sind sicherlich beide Sätze wahr: Der Mensch ist dem/für den Menschen ein Gott, und: Der Mensch ist dem/für den Menschen ein Wolf; jener, wenn man die (Mit-)Bürger untereinander, dieser, wenn man die Staaten untereinander vergleicht.“

In einem Naturzustand des Menschen sind die Menschen einander eine mögliche Bedrohung- Sie können von Gier getrieben mit Gewalt und List vorgehen. 

https://de.wikipedia.org/wiki/Homo_homini_lupus

ethische Bedeutung der Religionskritik

Die Religionskritik befreit von einer Art der Religion, die willkürlich etwas als gottgewollt begründet und statt einer Zuwendung zum Leben, zum Menschen seine Kräfte vergeudet, den Menschen einem Gottesglauben aufopfert und die ethische Gesinnung zerstört. Die Religionskritik hat das Ziel, den Weg zur Gottheit des Menschen als Zweck/Endzweck der Religion zu bereiten, mit Liebe und Wohltätigkeit zu Menschen und Dankbarkeit dafür

Ludwig Feuerbach vollzieht einen Versuch, geschichtlich-kulturelle Objektivierungen (Erscheinungsformen, in denen sich nach idealistischer Auffassung Geistiges entäußert) auf das menschliche Wesen als ihren wahren Ursprungsort zurückzuführen (z. B. den absoluten Geist auf den konkreten Menschen, die verselbständigte Vernunft auf die Sinnlichkeit, die Religion auf die Liebe).

Er versteht seine Anthropologie als Synthese (Verbindung) von Idealismus und Materialismus.

Feuerbach bestimmt Religion als ein Verhalten des Menschen zu seinem Gattungswesen (Verhalten zu seinem – subjektiven - Wesen als zu einem anderen Wesen; das göttliche Wesen ist nichts anderes das von den Schranken des individuellen Menschen gereinigte und befreite Wesen des Menschen, als ein anderes, von ihm unterschiedenes, eigenes Wesen angeschaut und verehrt). Damit versteht er Religion als ein Produkt des Menschen selbst. Der Selbstbezug im Bereich der Religion werde allerdings nur indirekt bewusst. Der Mensch vergegenständliche sein Wesen und mache dann wieder sich zum Objekt dieses vergegenständlichten, in ein Subjekt verwandelten Wesens.

In „Das Wesen des Christentums, Schlußanwendung“ wendet sich Feuerbach dagegen, Moral und Recht auf Theologie zu gründen, statt alle wesentlichen Verhältnisse wie Moral und Recht durch sich selbst zu begründen.

In der Schrift „Das Wesen der Religion“ (1845) erklärt Feuerbach die Religionsentstehung einerseits mit einem Abhängigkeitsgefühl (subjektiver Faktor), andererseits mit der Natur (objektiver Faktor). Der Mensch ist von der Natur abhängig und fühlt sich von ihr abhängig. Die Aufhebung der Abhängigkeit von der Natur, die gefühlte Abhängigkeit in Freiheit zu verwandeln, sei Sinn des Opfers, in dem sich das ganze Wesen der Religion versinnliche und konzentriere. Das Gefühl der Abhängigkeit, die Gottheit der Natur sei Grund der Religion, die Freiheit von der Natur, die Gottheit des Menschen Zweck/Endzweck der Religion.

Ludwig Feuerbach, Das Wesen der Religion : ausgewählte Texte zur Religionsphilosophie. Herausgegeben und eingeleitet von Albert Esser. 4., überarbeitete Auflage. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2005 (Bibliothek klassischer Texte), S. 215 – 216:

„Im Christentum werden die moralischen Gesetze als Gebote Gottes gefaßt; es wird die Moralität selbst zum Kriterium der Religiosität gemacht; aber die Moral hat dennoch untergeordnete Bedeutung, hat nicht für sich selbst die Bedeutung der Religion. Diese fällt nur in den Glauben. Über der Moral schwebt Gott als ein vom Menschen unterschiedenes Wesen, dem das Beste angehört, während dem Menschen nur der Abfall zukommt. Alle Gesinnungen, die dem Leben, dem Menschen zugewendet werden sollen, alle seine besten Kräfte vergeudet der Mensch an das bedürfnislose Wesen. Die wirkliche Ursache wird zum selbstlosen Mittel, eine nur vorgestellte, eingebildete Ursache zur wahren, wirklichen Ursache. Der Mensch dankt Gott für die Wohltaten, die ihm der andere selbst mit Opfern dargebracht. Der Dank, den er seinem Wohltäter ausspricht, ist nur ein scheinbarer, er gilt nicht ihm, sondern Gott. Er ist dankbar gegen Gott, aber undankbar gegen den Menschen. So geht die sittliche Gesinnung in der Religion unter! So opfert der Mensch den Menschen Gott auf!“

S. 219: „Wo die Moral auf die Theologie, das Recht auf göttliche Einsetzung gegründet wird, da kann man die unmoralischsten, unrechtlichsten Dinge rechtfertigen und begründen.“

„Etwas in Gott setzen oder aus Gott ableiten, das heißt nicht weiter als etwas der prüfenden Vernunft zu entziehen, als unbezweifelbar, unverletzlich, heilig hinzustellen, ohne Rechenschaft darüber abzulegen. Selbstverblendung, wo nicht selbst böse, hinterlistige Absicht, liegt darum allen Begründungen der Moral, des Rechts durch die Theologie zugrunde.“

S. 219 - 220: „Hat die Moral keinen Grund in sich selbst, so gibt es auch keine Notwendigkeit zur Moral; die Moral ist dann der bodenlosen Willkür der Religion preisgegeben.

Es handelt sich also im Verhältnis der selbstbewußten Vernunft zur Religion nur um die Vernichtung einer Illusion – einer Illusion aber, die keineswegs gleichgültig ist, sondern vielmehr grundverderblich auf die Menschheit wirkt, den Menschen, wie um die Kraft des wirklichen Lebens, so um den Wahrheits- und Tugendsinn bringt;“

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Ja, das »Sozialistengesetz« („Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“) vom 21. Oktober 1878 ist nach dem formalen Maßstab der damaligen Verfassung (Verfassung des Deutschen Reiches vom 16. April 1871) gerade noch verfassungskonform gewesen.

Das Gesetz ist entsprechend den Bestimmungen der Verfassung über die Gesetzgebung zustandegekommen.

Der Gesetzesentwurf ist vom Reichstag am 19. Oktober 1878 mit 221 gegen 149 Stimmen als Gesetz beschlossen worden. Die erforderliche absolute Stimmenmehrheit (Artikel 28) ist damit erreicht worden. Auch der Bundesrat hat am 21. Oktober 1878 zugestimmt (Artikel 5: „Die Reichsgesetzgebung wird ausgeübt durch den Bundesrath und den Reichstag. Die Übereinstimmung der Mehrheitsbeschlüsse beider Versammlungen ist zu einem Reichsgesetze erforderlich und ausreichend.“). Kaiser Wilhelm I. hat das Gesetz am 21. Oktober 1878 unterzeichnet und es ist am 22. Oktober 1878 mit seiner Verkündigung in Kraft getreten (Artikel 17: „Dem Kaiser steht die Ausfertigung und Verkündigung der Reichsgesetze und die Überwachung der Ausführung derselben zu. Die Anordnungen und Verfügungen des Kaisers werden im Namen des Reichs erlassen und bedürfen zu ihrer Gültigkeit der Gegenzeichnung des Reichskanzlers, welcher dadurch die Verantwortlichkeit übernimmt.“).

Überlegt werden kann, ob Grundrechte verletzt worden sind. Die Reichsverfassung von 1871 enthielt keinen Grundrechteteil. Grundrechte standen aber in den Verfassungen der deutschen Einzelstaaten.

Das »Sozialistengesetz« hat in mehrere Grundrechte eingegriffen:

  • persönliche Freiheit: Möglichkeit von Verhaftungen und Gefängnisstrafen (§ 17 – 20 und § 25), Möglichkeit von Aufenthaltseinschränkungen mit einem Verbot des Aufenthalts in bestimmten Bezirken und Ortschaften (§ 22)
  • Meinungs- und Pressefreiheit: Verbot von Druckschriften mit sozialdemokratischen, sozialistischen oder kommunistischen auf den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichteten Bestrebungen in einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Eintracht der Bevölkerungsklassen gefährdenden Weise (§ 11)
  • Versammlungsfreiheit: Auflösung von Versammlungen, in denen sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische auf den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichtete Bestrebungen auftreten, Verbot von Versammlungen, die zur Förderung solcher Bestrebungen bestimmt sind (§ 9)
  • Vereinigungsfreiheit: Verbot von Vereinen und Verbindungen mit sozialdemokratischen, sozialistischen oder kommunistischen auf den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichteten Bestrebungen (§ 1)

Als Beispiel kann die Verfassungsurkunde für den Preußischen Staat (größter deutscher Einzelstaat im Deutschen Reich) vom 31. Januar 1850 genommen werden.

Artikel 5:

„Die persönliche Freiheit ist gewährleistet. Die Bedingungen und Formen, unter welchen eine Beschränkung derselben, insbesondere eine Verhaftung zulässig ist, werden durch das Gesetz bestimmt.“

Artikel 27:

„Jeder Preuße hat das Recht, durch Wort, Schrift, Druck und bildliche Darstellung seine Meinung frei zu äußern.

Die Censur darf nicht eingeführt werden; jede andere Beschränkung der Preßfreiheit nur im Wege der Gesetzgebung.“

Artikel 29:

„Alle Preußen sind berechtigt, sich ohne vorgängige obrigkeitliche Erlaubniß friedlich und ohne Waffen in geschlossenen Räumen zu versammeln.

 Diese Bestimmung bezieht sich nicht auf Versammlungen unter freiem Himmel, welche auch in Bezug auf vorgängige obrigkeitliche Erlaubniß der Verfügung des Gesetzes unterworfen sind.

Artikel 30:

„Alle Preußen haben das Recht, sich zu solchen Zwecken, welche den Strafgesetzen nicht zuwiderlaufen, in Gesellschaften zu vereinigen.

Das Gesetz regelt, insbesondere zur Aufrechthaltung der öffentlichen Sicherheit, die Ausübung des in diesem und in dem vorstehenden Artikel 29 gewährleisteten Rechts.

Politische Vereine können Beschränkungen und vorübergehenden Verboten im Wege der Gesetzgebung unterworfen werden.“

Das »Sozialistengesetz« hat in starkem Aumaß in Grundrechte eingegriffen. Aber die Verfasungen der deutschen Einzelstaaten erlaubten Einschränkungen von Grundrechten im Rahmen von Gesetzen.

Ein dauerhaftes Verbot einer politischen Vereinigung wäre allerdings anfechtbar gewesen (so ermöglichte z. B. die preußische Verfassung, Artikel 30, nur vorübergehende Verbote).

Das »Sozialistengesetz« galt zunächst nur befristet bis zum 31. März 1881, wurde mehrfach verlängert und 1890 nicht mehr.

Auch wenn formal mit dem »Sozialistengesetz« nicht gegen die Verfassung verstoßen wurde, stand es in Gegensatz zu Grundsätzen eines freiheitlichen Rechtsstaates.

Es war ein Ausnahmegesetz gegen eine bestimmte politische Richtung.

Der Deutungsspielraum für Bestrebungen, die den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung bezweckten, war groß, schon die Absicht einer deutlichen Veränderung konnte als strafbar eingeordnet werden und es war für Erlaubtheit und Nichterlaubtheit nicht ausschlaggebend, auf welche Weise Ziel verfolgt wurden.

Beim Vorgehen in der Sache konnten die Polizeibehörden ohne richterliche Kontrolle entscheiden.

Bedenklich kann erscheinen, ob Rechtsgleichheit (Geichheit vor dem Gesetz) verletzt wurde, indem Grundrechte für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe außer Kraft gesetzt wurden (preußische Verfassung, Artikel 4: „Alle Preußen sind vor dem Gesetz gleich.“). Formal kann allerdings das Gesetz mit dem Argument verteidigt werden, es seien nur Pesonen mit Umsturzabsichten betroffen.

Einwände gab es außer von den Sozialdemokraten, Regionalparteien und Vertretern nationaler Minderheiten (Deutsch-Hannoversche Partei [DHP], Elsaß-Lothringer, Polen, Dänen) auch von einem erheblichen Teil der Liberalen (vor allem wegen eines Ausnahmegesetzes statt Anwendung ordentlicher Gesetze) und von der Deutschen Zentrumspartei (kurz: Zentrum; Vertretung des politischen Katholizismus).

Ludwig Windthorst (Zentrum) sagte in der 55. Sitzung des Reichstags am 24. Mai 1878 unter anderem (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstages. 3. Legislaturperiode. II. Session 1887. Erster Band. S, 1530 und S. 1531):

„Meine Herren, es ist hiernach die Frage. Mit welchen Mitteln will diese Vorlage die Sozialdemokratie bekämpfen? Und da antworte ich: mit den nackten Mitteln der polizeilichen Präventivmaßregeln o h n e  j e g l i c h e  r i c h t e r l i c h e

K o n t r o l l e .“

„Endlich, meine Herren, handelt es sich hier um ein reines Ausnahmegesetz gegen eine bestimmte Klasse von Staatsbürgern, und wenn zwar Ausnahmegesetze nicht etwas ganz neues sind im deutschen Reich und in Preußen, so muß ich doch sagen, daß dieses ein recht kriantes sein würde, obwohl andere kaum minder kriant waren.“

Georg Arbogast von und zu Franckenstein verlas in der 8. Sitzung des Reichstags am 9. Oktober 1878 eine Erklärung der Mitglieder und Hospitanten der Zentrumsfraktion (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstages. 4. Legislaturperiode. I. Session 1887. Erster Band. Von der Eröffnungssitzung am 9. September bis zur 17. Sitzung am 19. Oktober 1878. S. 112). Diese enthielt unter anderem die Aussagen:

„Wir erachten es jedoch weder für gerecht, noch für nothwendig und heilsam, dieser Agitation durch ein polizeiliches Ausnahmegesetz, nach Art des von den verbündeten Regierungen vorgelegten, entgegenzutreten.

Dasselbe bedroht mit den verwerflichen zugleich auch berechtigte Bestrebungen. Es gefährdet in hohem Maße die Gemeindefreiheit und stellt die Rechtssicherheit der Staatsbürger in Frage, indem es in weitem Umfang das polizeiliche Ermessen an Stelle des richterlichen Urteils setzt."

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Unterschied moralischer Überlegungen von Klugheitserwägungen

Moralische Überlegungen beziehen sich nach Auffassung von Immanuel Kant auf das, was gut an sich ist, also in sich selbst einen inneren Wert hat und unbedingt gilt.

Klugheitserwägungen beziehen sich auf das, was zum Erreichen bestimmter Ziele zweckmäßig ist, aber nicht gut an sich, sondern als Mittel zu etwas gut. Es gilt nur bedingt, nämlich unter der Voraussetzung, die bestimmten Ziele zu haben, also abhängig von Zwecken, die eine Person verfolgt.

Bei moralischen Überlegungen geht es um einen kategorischen Imperativ, bei Klugheitserwägungen um einen hypothetischen Imperativ. Ein kategorischer Imperativ ist ein unbedingt geltendes Gebot, seine Befolgung Pflicht. Ein hypothetischer Imperativ ist ein Gebot, das unter Bedingungen/Voraussetzungen gilt. Die Gültigkeit steht unter einschränkenden Voraussetzungen. Wenn ich x möchte, dann ist y notwendig. Die Absicht/der Vorsatz ist dabei aber nicht notwendig. Hypothetische Imperative haben bloß subjektive Gültigkeit, sie gelten nur unter der Bedingung/Voraussetzung, irgendwelche Zwecke als angestrebtes Ziel zu haben. Dann geht es darum, die zur Verwirklichung geeigneten Mittel zu verwenden. Eine Handlung ist dabei nur insofern notwendig, als sie als Mittel zu etwas anderem dient. Es geht um eine Wenn - dann - Beziehung (wenn ich einen bestimmten Zweck verfolge, dann ist es ratsam und eine kluge Wahl, bestimmte Mittel zu verwenden, um Erfolg beim Erreichens des Zwecks zu haben). Danach, ob der Zweck selbst vernünftig und gut ist, fragt ein hypothetischer Imperativ nicht. Bei Vorschriften der Klugheit ist  eine Handlung Mittel zu etwas ist und es besteht eine Abhängigkeit von äußeren Umständen der Erfahrungswelt.

ein hypothetischer Imperativ ist:

  • subjektiv
  • bedingt/zufällig
  • nicht allgemeinverbindlich

ein kategorischer Imperativ ist:

  • objektiv
  • unbedingt/als Pflicht notwendig
  • allgemeinverbindlich

moralisches Gesetz beim Beispiel des lügenhaften Versprechens

Das moralische Gesetz ist das, was der kategorische Imperativ gebietet.

Der kategorische Imperativ als allgemeines Gesetz kommt in verschiedenen Formulierungen vor.

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785. 2. Auflage 1786). Zweiter Abschnitt. Übergang von der populären sittlichen Weltweisheit zur Metaphysik der Sitten. AA IV, 421/BA 52:

„Der kategorische Imperativ ist also nur ein einziger und zwar dieser: handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.

Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788). Erster Teil. Elementarlehre der reinen praktischen Vernunft. Erstes Buch. Die Analytik der reinen praktischen Vernunft. Erstes Hauptstück. Von den Grundsätzen der reinen praktischen Vernunft. II. Von der Befugnis der reinen Vernunft im praktischen Gebrauche zu einer Erweiterung, die ihr im spekulativen für sich nicht möglich ist. § 7 Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft. AA V, 30/A 54:

„Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

Kants kategorischer Imperativ fordert, nur nach eine Maxime (eine Maxime ist ein subjektiver Grundsatz) zu handeln, von der zugleich gewollt werden kann, ein allgemeines Gesetz zu werden.

Es wird überprüft, ob die Maxime einer Handlungsmöglichkeit widerspruchslos (sowohl auf das Denken als auch auf das Wollen bezogen) auf bestimmte Weise verallgemeinert werden kann.

Das Vorgehen ist also:

1) Beschreibung einer überlegten Handlungsweise

2) Formulierung der Handlungsweise als allgemeiner Grundsatz (Maxime des Willens)

3) Überprüfung dieses allgemeinen Grundsatzes auf widerspruchsfreie Verallgemeinerbarkeit zu einem Gesetz als einem Bestandteil einer allgemeinen Gesetzgebung der Vernunft

Eine Maxime wird als dem kategorischen Imperativ entsprechend und daher moralisch richtig anerkannt, wenn sie in einer Verallgemeinerung sowohl widerspruchsfrei gedacht als auch widerspruchsfrei gewollt werden kann.

Widerspruchsfreie Denkbarkeit wird daran geprüft, ob die Maxime überhaupt widerspruchsfrei als Bestandteil einer allgemeinen Gesetzgebung der Vernunft gedacht werden kann. Es geht um logische Möglichkeit oder Unmöglichkeit.

Bei der Möglichkeit, eine Maxime widerspruchsfrei als Bestandteil einer allgemeinen Gesetzgebung der Vernunft zu wollen, wird geprüft, ob der Wille dabei mit sich selbst übereinstimmt oder nicht. Bei der Verneinung ist es unmöglich zu wollen, diese Maxime solle allgemeines Gesetz sein, weil der Wille dabei in einen Widerspruch zu sich selbst geraten würde.

Beispiel einer Maxime bei einem falschen Versprechen

Ein Beispiel ist das Vorgehen eines Lügners, sich von jemand mit einem falschen Versprechen, es später zurückgeben zu wollen, Geld zu leihen. Er steht unter dem Druck von Geldnot, weiß aber, das geliehene Geld nicht zurückzahlen zu können. Trotzdem hat er Lust, dies zu versprechen, um an das Geld zu kommen.

Die Maxime einer solchen Handlungsweise ist, sich in Geldnot Geld mit dem Verprechen einer Zurückzahlung zu leihen, obwohl eigenes Wissen vorhanden ist, die Zurückzahlung werde niemals geschehen.

Als allgemeines Gesetz kann dies nicht gedacht und gewollt werden, weil es nicht mit sich selbst zusammenstimmen kann, sondern ein Widerspruch auftritt. Ein Versprechen würde zugleich als ein eine verbindliche Zusage enthaltendes Versprechen und als eine unverbindliche Aussage, die nach Belieben gebrochen wird, also gar kein echtes Versprechen ist, gedacht. Ein solches allgemeines Gesetz würde Versprechen und den mit ihnen verfolgten Zweck unmöglich machen. An die Erfüllung von Versprechen kann ja dabei vernünftigerweise nicht geglaubt werden. Das Vertrauen, auf dem das Akzeptieren von Versprechen beruht, würde untergraben. Weil Versprechen nicht vertraut würde, würde nicht auf ein Versprechen der Zurückzahlung Geld geliehen. Das, was die Absicht beim falschen Versprechen ist, würde nicht erreicht. Daher kann die Maxime nicht als allgemeiner Grundsatz gewollt werden.

Das moralische Gesetz gebietet Ehrlichkeit und verbietet Lügen/falsche Versprechen.

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Moralische Überlegungen beziehen sich nach Auffassung von Immanuel Kant auf das, was gut an sich ist, also in sich selbst einen inneren Wert hat und unbedingt gilt.

Klugheitserwägungen beziehen sich auf das, was zum Erreichen bestimmter Ziele zweckmäßig ist, aber nicht gut an sich, sondern als Mittel zu etwas gut. Es gilt nur bedingt, nämlich unter der Voraussetzung, die bestimmten Ziele zu haben, also abhängig von Zwecken, die eine Person verfolgt.

Bei moralischen Überlegungen geht es um einen kategorischen Imperativ, bei Klugheitserwägungen um einen hypothetischen Imperativ. Ein kategorischer Imperativ ist ein unbedingt geltendes Gebot, seine Befolgung Pflicht. Ein hypothetischer Imperativ ist ein Gebot, das unter Bedingungen/Voraussetzungen gilt. Die Gültigkeit steht unter einschränkenden Voraussetzungen. Wenn ich x möchte, dann ist y notwendig. Die Absicht/der Vorsatz ist dabei aber nicht notwendig. Hypothetische Imperative haben bloß subjektive Gültigkeit, sie gelten nur unter der Bedingung/Voraussetzung, irgendwelche Zwecke als angestrebtes Ziel zu haben. Dann geht es darum, die zur Verwirklichung geeigneten Mittel zu verwenden. Eine Handlung ist dabei nur insofern notwendig, als sie als Mittel zu etwas anderem dient. Es geht um eine Wenn - dann - Beziehung (wenn ich einen bestimmten Zweck verfolge, dann ist es ratsam und eine kluge Wahl, bestimmte Mittel zu verwenden, um Erfolg beim Erreichens des Zwecks zu haben). Danach, ob der Zweck selbst vernünftig und gut ist, fragt ein hypothetischer Imperativ nicht. Bei Vorschriften der Klugheit ist  eine Handlung Mittel zu etwas ist und es besteht eine Abhängigkeit von äußeren Umständen der Erfahrungswelt.

ein hypothetischer Imperativ ist:

  • subjektiv
  • bedingt/zufällig
  • nicht allgemeinverbindlich

ein kategorischer Imperativ ist:

  • objektiv
  • unbedingt/als Pflicht notwendig
  • allgemeinverbindlich
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Von der Mesoteslehre des Aristoteles können in sich schlechte Handlungen und Regungen nicht bestimmt werden, indem eine richtige Mitte, die sie bilden, gezeigt wird.

Nach der von Aristoteles vertretenen Ethik gibt es Handlungen und Regungen (Leidenschaften/Affekte; griechisch: πάθη [pathe]; Singular: πάθος [pathos]), die keine (richtige) Mitte haben. Ihrer Art nach können sie unmöglich die richtige Mitte annehmen.

Dies sind Handlungen und Regungen (Leidenschaften/Affekte), die in sich schlecht sind. Sie als solche falsch und schlecht, nicht wegen eines Ausmaßes.

Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 6, 1107 a nennt als Beispiele für Regungen (Leidenschaften/Affekte, bei denen keine richtige Mitte möglich ist, Schadenfreude (griechisch: ἐπιχαιρεκακία), Unverschämtheit/Schamlosigkeit (griechisch: ἀναισχυντία) und Neid (griechisch: φθόνος). Als Beispiele für Handlungen, bei denen keine richtige Mitte möglich ist, nennt er Ehebruch (griechisch: μοιχεία), Diebstahl (griechisch: κλοπή) und Mord (griechisch: ἀνδροφονία).

Zu dem, das immer falsch ist und nicht die richtige Mitte darstellen kann, gehören die Extreme des Zuviel (Übermaß/Übertreibung) und des Zuwenig (Mangel/Unzulänglichkeit). Dazu gehören z. B. zuviel Angst/Furcht (griechisch: φόβος) und zuviel Mut/Zuversicht (griechisch: θάρσος) und entsprechend Tollkühnheit/maßlose Verwegenheit/sinnloses Draufgängertum (griechisch: θρασύτης [thrasytes]) und Feigheit (δειλία [deilia]).

Begründung

Was in sich schlecht (negativ) ist, kann nicht gut sein.

Es ist unmöglich, mit in sich schlechten Handlungen und Regungen (Leidenschaften/Affekten) das Richtige zu treffen. Es gibt bei ihnen nur das Falschmachen.

Sie sind tadelnswert, weil sie in sich schlecht sind, nicht nur dann, wenn sie in einer Übersteigerung oder einem unzureichenden Ausmaß auftreten.

Bei der Bewertung, ob sie gut oder nicht gut sind, ist kein Schwanken des Urteils möglich, weil diese Bewertung nicht von den genauen Umständen abhängt, sondern immer die Feststellung trifft, sie seien nicht gut.

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Offenbar geht es um Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 5, 1106 b. Aristoteles entwickelt zur Bestimmung, was Tugend/Vortrefflichkeit/Tüchtigkeit (das griechische Wort ἀϱετή [arete] bedeutet der Wortherkunft nach - ἄϱιστος [aristos] = „bester“ ist als Superlativ eine Steigerung von ἀγαϑός [agathos] = „gut“ - etwas wie „Bestheit“ bzw. ein „hervorragendes Gutsein“) in der Ethik der Art nach ist, den Gedanken einer richtigen Mitte. Diese ist in der Ethik etwas Mittleres in Bezug auf eine Person, wobei es ein Mehr und ein Weniger und dabei ein Zuviel und Zuwenig gibt.

Wiedergabe in eigenen Worten

Wer sich auf einem Gebiet auskennt und Fachwissen dazu hat, vermeidet das Zuviel und das Zuwenig und strebt nach dem Mittleren. Dabei wird nicht einfach das quantitativ genau Mittlere gewählt, sondern das Mittlere in Bezug auf die Person selbst.

Wenn jede Kunstfertigkeit ihr Werk durch eine Ausrichtung auf das Mittlere und eine möglichst große Annäherung daran vollendet (bei gut ausgeführten Werken ist ein Urteil üblich, es könne weder etwas davon weggenommen noch etwas hinzugefügt werden, was die Überzeugung enthält, dass ein Zuviel und ein Zuwenig die gute Beschaffenheit des Werkes zerstören, die Mitte sie bewahrt) und die guten Künstler so vorgehen, ergibt sich in einer Schlussfolgerung, da Vortrefflichkeit wie auch die Natur genauer und besser als Kunstfertigkeit ist: Vortrefflichkeit hat ihrem Wesen nach das Mittlere in Bezug auf die Person selbst als Ziel. Mit Vortrefflichkeit ist in diesem Zusammenhang Charaktertugend gemeint. Denn sie bezieht sich auf Leidenschaften und Handlungen und dabei gibt es ein Zuviel, ein Zuwenig und das Mittlere.

Erklärung

Aristoteles verwendet einen Vergleich von Charaktertugend und einem gelungenen Kunstwerk (das griechische Wort τέχνη [techne] bedeutet sowohl „Kunst(fertigkeit)“als auch „Technik). Er verdeutlicht so ein Merkmal der Charaktertugend. Die Entsprechung von Charaktertugend und Kunstfertigkeit stützt sich auf die Gemeinsamkeit, Tugend/Vortrefflichkeit/Tüchtigkeit (griechisch: ἀϱετή [arete]) zu sein und das Gute als Ziel des Strebens zu haben.

Die (richtige) Mitte liegt zwischen zwei Extremen, einem des Zuviel (Übermaß/Übertreibung) und einem des Zuwenig (Mangel/Zurückbleiben).

Bei einem Kunstwerk wird das Werk schlecht, wenn ein Übermaß oder ein Mangel (es fehlt etwas an dem, was erforderlich ist) entsteht. Richtig ist eine Ausrichtung auf eine angemessene Mitte. Bei einem gelungenen (vollendeten) Kunstwerk kann nichts weggenommen oder hinzugefügt werden, ohne seine gute Qualität (Beschaffenheit) zu zerstören. Das Ganze wird beeinträchtigt, das Verhältnis ist nicht mehr ausgewogen, die Dinge passen nicht gut zusammen. Die beiden Extreme ergeben also eine Zerstörung des Guten, die richtige Mitte bewahrt das Gute.

Ethische Tugend/Charaktertugend/Vortrefflichkeit des Charakters/sittliche Tüchtigkeit hat auch eine Mitte in Bezug auf die Person selbst als Ziel. Dies ist ein Merkmal, das ethische Tugend/Charaktertugend/Vortrefflichkeit des Charakters/sittliche Tüchtigkeit dem Wesen nach hat. Ethische Tugend/Charaktertugend/Vortrefflichkeit des Charakters/sittliche Tüchtigkeit ist eine feste innere Haltung/Einstellung und bezieht sich auf Leidenschaften und Handlungen. Dabei gibt es zwei Extreme, eines des Zuviel (Übermaß/Übertreibung) und eines des Zuwenig (Mangel/Zurückbleiben), und das Mittlere. Das Mittlere ist nicht einfach immer quantitativ genau in der Mitte (gleicher Abstand zu den Extremen), sondern auf die Person bezogen und das Angemessene in einer Lage. Die richtige Mitte ist hinsichtlich des Guten das Beste (Optimum).

Beispielsweise sind bei dem Umgang mit dem, das Angst und Schrecken erzeugen kann, die Extreme, die falsch sind, Feigkeit (zuwenig Mut/Zuversicht) und Tollkühnheit (zuviel Mut/Zuversicht). Die richtige Mitte ist die Tapferkeit.  

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