Ich befinde mich gerade in einer Kennenlernphase und frage mich ehrlich, wo die Grenze zwischen Geduld und Selbstaufgabe liegt.
Wir kennen uns jetzt seit ungefähr zwei Monaten. Am Anfang hat es sehr gut funktioniert: Trotz Arbeit, Uni und Alltag haben wir uns regelmäßig gesehen, es kam Initiative von beiden Seiten und es war ein guter Ausgleich zwischen Schreiben und Treffen da. Er hat selbst mehrfach gesagt, dass man sich in einer Kennenlernphase mindestens einmal pro Woche sehen sollte und dass reden jeder kann – am Ende zählen die Taten.
Irgendwann ist das Ganze aber gekippt. Es wurde emotional anstrengender, wir haben uns häufiger gestritten, und durch diese Streitereien haben wir uns auch immer seltener gesehen. Rückblickend haben wir uns von diesen zwei Monaten gefühlt fast einen ganzen Monat gar nicht gesehen. Treffen wurden mit der Zeit sehr sporadisch oder nur noch spontan. Spontanität ist grundsätzlich okay, aber auf Dauer wünscht man sich ja auch wieder geplante Treffen und etwas Verlässlichkeit.
Charakterlich sind wir sehr unterschiedlich: Ich bin ein starker Overthinker, der Dinge verstehen, absichern und klären will. Er ist eher jemand, der sich bei Druck zurückzieht. Er sagt selbst, dass es ihn stark abturnt, wenn wir Themen bereits geklärt haben und ich dann ein oder zwei Tage später wieder mit Fragen dazu komme – vor allem mit Fragen, auf die ich die Antworten eigentlich schon kenne. Für ihn fühlt sich das dann so an, als würde alles wieder von vorne anfangen, und er bekommt Angst, dass es erneut toxisch wird.
Für mich entsteht dieses Nachfragen allerdings nicht aus dem Nichts, sondern oft dann, wenn sich an der Situation im Alltag nichts ändert und dadurch wieder Unsicherheit entsteht.
Dazu kommt, dass er Vollzeit arbeitet, während ich Studentin bin. Letzte Woche hatte ich dadurch sehr viel Zeit und habe gemerkt, dass mir etwas die Disziplin gefehlt hat und ich mich ein Stück weit habe gehen lassen. Das hat er auch angesprochen und mir gesagt, ich solle wieder mehr rausgehen, meinen Alltag strukturieren und meinen Fokus mehr auf mich legen. Das sehe ich ein und arbeite auch daran.
Nach den letzten Streitereien haben wir wieder ruhig miteinander geredet und vieles ein bis zwei Tage lang geklärt. Wir haben gesagt, dass wir es jetzt noch einmal bewusst versuchen wollen. In diesem Gespräch hat er mir auch gesagt, dass er sich wünscht, dass wieder mehr Initiative von mir kommt – also dass ich z. B. frage, wann wir uns sehen oder wann es zeitlich passt.
Genau das habe ich dann auch gemacht. Gestern habe ich ihn gefragt, wann wir uns wiedersehen, weil ich keine Lust habe, ihn schon wieder so lange nicht zu sehen. Seine Antwort war allerdings nur: „die Tage, Inschallah“, ohne konkreten Gegenvorschlag.
Das verunsichert mich, weil von mir viel kommt (Ansprechen von Treffen, Anrufe, Gespräche), von ihm aber oft wenig Konkretes folgt. Gleichzeitig sagt er, dass er zu 100 % dabei ist, schickt lange Audios und erklärt mir immer wieder seine Standpunkte.
Er hat mir aber auch klar gesagt, dass er mir das, was ich brauche (z. B. Sicherheit oder Nähe), nicht geben kann, wenn ich wieder anfange, dieselben Fragen zu stellen und alte Themen hochzuholen. Sinngemäß meinte er: Wenn das wieder passiert, kann er mir nicht das geben, was ich will.
Meine Sicht darauf ist: Eine Hand wäscht die andere. Ich verstehe, dass ich an meinem Overthinking und meiner inneren Stabilität arbeiten muss. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass mir das nur gelingt, wenn ich im Gegenzug etwas Sicherheit und Verlässlichkeit bekomme. Das eine funktioniert für mich nicht ohne das andere.
Aktuell ist es so, dass wir uns am Montag wieder zwei Wochen nicht gesehen haben. Wir sagen zwar, dass wir uns annähern wollen, aber diese Annäherung findet fast ausschließlich über Schreiben und Reden statt und kaum über reale Treffen.
Ich möchte niemanden chase’n, mich nicht verrennen und mich selbst nicht verlieren. Gleichzeitig frage ich mich, wie viel Geduld hier noch fair und gesund ist.
Meine Fragen sind deshalb:
Wie viel Geduld ist in so einer Situation noch gesund?
Ab wann wird Geduld eher zu Warmhalten?
Und ist es sinnvoll, bewusst nichts mehr anzusprechen, um keinen neuen Streit auszulösen – oder verliert man sich damit selbst?
Mir geht es nicht um Vorwürfe oder Drama, sondern um eine realistische Einschätzung, wann Geduld noch angebracht ist und wann man besser einen Schritt zurückgeht.