Warum sagen viele bei uns "Ciao" bzw. werden im Ausland auch deutsche oder bayrische Grußformeln verwendet?

9 Antworten

In Bayern ist es so, dass man sehr sorgfältig bei der Wahl der Abschieds-Formel sein muss. Ciao ist noch am Neutralsten. Da wird man nicht gleich als "Zuagroaster" abgeurteilt. ;-D 

Als Dazugehörig wird man eingestuft, wenn man sich mit "Pfiad di", "Pfiads eich", "Seavas" oder "Habe d`Ehre" verabschiedet. Aber es ist nicht jedermanns Sache, sich mit der Aussprache dieser mundartlichen Gepflogenheiten anzufreunden und wenn die Betonung nicht sitzt oder man leicht zögert, ist es auch gleich geschehen um die Dazugehörigkeit. :-D 

Als Zugereist, also als Außenstehender, wird man abgeurteilt, wenn sich mit "Auf Wiedersehen", "Ade", "Tschüss" oder gar "Tschüsschen" verabschiedet. Wenn man dann weg ist, sagt meist einer der Ortsansässigen "Des woar koa Hiasiga ned." oder, noch schlimmer: "Jetzad is a dahi, da Preiß." 

Gerade in Bayern ist es also schwierig, eine geeignete Abschiedsformel in ein passendes Klangkorsett zu gießen. Da ist, denke ich, Ciao auch wegen der relativ einfachen Aussprache, die beste Alternative. Man wird dann am ehesten Neutral von den anderen eingestuft, also am wenigsten als Außenstehender abgeurteilt. :-)  :-D 

Findest du? Ok, für einen Nicht-Bayern mag "Ciao" vielleicht wirklich noch die beste Alternative sein (jedenfalls noch besser als "Tschüss"), aber was bei mir regelmäßig Brechreiz auslöst sind ja die Bayern selbst, die statt "Servus", "Pfiad di" oder "Pfia god" lieber "Ciao" sagen. Den "Preissn" nehm ich es ja gar nicht mal übel.

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@Franz577

Gerade in Bayern liegt das auch am Schulsystem, wo es den Kindern von Klein an abgewöhnt wird, in Mundart zu sprechen. Sobald man in die Nähe von Großstädten kommt, beherrscht keiner mehr einen richtigen Dialekt. Am Stammtisch hört man die genannten Formeln recht häufig, ebenso wie ein "I muaß Roasn.", aber ich denke, sobald der Bayer unter gemischtes Volk (also eine Gruppe, wo auch Nicht-Bayern drin sind) kommt, fühlt er sich mit seinem Dialekt nicht mehr so richtig wohl und greift dann lieber auf "Ciao" zurück. 

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@Lohengrimm

Mag sein, aber genau das ist eben das Traurige, daß wir inzwischen schon so weit gekommen sind, daß man sich als Bayer sogar in der Heimat nicht mehr traut, sich zu seiner Identität zu bekennen.

Also ich wirke dieser Entwicklung entgegen, wo ich nur kann, denn ich sehe nicht ein, daß ich mich den Nicht-Bayern anpassen soll, sondern die müssen sich uns anpassen. Damit meine ich nicht, daß sie auch krampfhaft versuchen sollen, bayrisch zu sprechen, denn das klingt noch bescheuerter. Dann lieber bei ihrem Dialekt oder beim Hochdeutsch bleiben, aber wir Bayern sollten wenigstens nicht einknicken und immer mehr "Tschüss" oder "Ciao" sagen.

Und ist das mit dem Abgewöhnen wirklich nur ein bayrisches Problem oder betrifft das nicht auch andere Dialekte?

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@Franz577

Naja, es geht ja auch um Verständigung. Wenn du mal in die Großstadt kommst und jemanden fragst, wo es "an gscheide Jausn und an Radi" gibt, dann wird dir die Svetlana oder der Mustafa nicht unbedingt weiterhelfen können. Klar kannst du dann mit einem "Schloach di und learn east amoi Boarisch, wannst ma helfn wuist" sagen, aber das verhilft dir nicht unbedingt zur gewünschten Mahlzeit. 

Natürlich ist es super, wenn du die Mundart pflegst. Ich selber war längere Zeit in der Tölzer/Lenggrieser Region. Gerade die gstandenen Bayern lassen sich da auch nicht von ihrem Bayrisch abbringen. Aber sobald man in Kontakt mit Städtern oder gar mit unseren ausländischen Mitbürgern (...) kommt, ist es wohl häufig erforderlich, sich dem Sprachschatz des Empfängers anzupassen. 

Ist aber auch ein gesamtdeutsches Phänomen, denke ich. Durch die Vermischung der Kulturen kommt es immer mehr darauf an, erstmal überhaupt eine Gesprächsbasis zu haben, bevor man dann eventuell zur Mundart übergehen kann. In der Gegend um den Hauptbahnhof in München kommt man eh mit Zeichensprache am besten voran, weil da kaum mehr jemand Deutsch spricht...  ;-D 

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@Lohengrimm

Du hast ja insofern recht, daß man sich als Bayer im Ausland oder alleine schon außerhalb von Bayern an den Dialekt oder Nicht-Dialekt anpassen sollte. Aber in Bayern selbst würde ich das eben nicht einsehen. Da bin ICH ja daheim und daher sind es die anderen, die sich anzupassen haben und nicht ich.

Abgesehen davon ist "Jausn" nicht bayrisch, sondern österreichisch. ;-)

In Bayern heißt das "Brotzeit".

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@Franz577

Stimmt. Aber die Österreicher drängen teilweiise auch schon rein nach  Bayern und umgekehrt... wie gesagt, es vermischt sich alles ein bisschen. 

Bin gerade im tiefsten Österreich und hab gestern ein Jausn-Brettl gegessen. Daher der Faux-pas mit der Jausn. :-D 

Aber es ist super, wenn du dein Ding machst. Leute, die sich für andere anpassen gibt`s genug. 

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@Franz577

Das "Abgewöhnen" betrifft auch andere Dialekte. Mein eigenes Dialekt (Moselfränkisch) habe ich mir schon recht früh abgewöhnt, dennoch finde ich, dass es wie auch die anderen Dialekte bewahrt werden sollte.

Heute ist eben die Mobilität größer als früher, und Menschen verschiedener dialektaler Herkunft müssen täglich miteinander kommunizieren. Auch wenn ich selber ein Fan von Dialekten bin, bin ich doch jemand, der viel "mischt".

Meine Mutter ist aus dem Rheinland, mein Vater aus dem Saarland, meine Frau aus Niedersachsen. Meine Kollegen schwäbisch oder auch schweizerdeutsch.

Zur Zeit lerne ich Schwedisch (und etwas Finnisch). Fast jeden Tag brauche ich zudem Englisch (wegen verschiedener Kollegen). Es ist klar, dass eine gewisse "Mischung" da nicht ausbleibt.

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Spontan fällt mir ein, dass man in Ungarn z. B. "Küss die Hand" sagt, wenn man jemanden besonders höflich begrüßen will. "Ciao" wird in Deutschland seltsamerweise als Abschiedgruß verwendet, während es in Italien mehr ein Willkommensgruß ist. "Ciao" kommt vom venetischen "s'ciao", was soviel wie Sklave oder Diener heißt. Die Grußformel "ciao" wurde hauptsächlich von den Offizieren der österreichisch-ungarischen Marine verwendet, die ja zu einem Großteil Veneter oder Dalmatiner waren und an der Marineakademie Venedig studiert haben (wie etwa der berühmte Admiral Tegetthoff. "Ciao" ist daher hauptsächlich in Norditalien verbreitet und ist erst in jüngster Zeit infolge von Fernsehen und Filmen auch in den Süden vorgedrungen. Inzwischen ist dieses Grußwort ja auch in den deutschsprachigen Raum vorgedrungen. Die Offiziere des österreichischen Landheeres begrüßten sich mit "Servus", was ebenfalls Sklave oder Diener heißt. Servus hat sich daher vor allem in Österreich verbreitet und ist dann von Bayern übernommen worden. Tschüss kommt vom Spanischen Adios, das bayerisch-österreichische "Pfiati" ist eine Verballhornung von Behüte dich Gott. Es wird in der Form "fiati" auch von Italienern verwendet.

Interessant, das mit Ungarn wußte ich nicht!

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@Franz577

Ich dachte, dass man als Mann einer Frau gegenüber ruhig "kézet csókolom!" (küss' die Hand!) sagen darf in Ungarn. Unter Männern scheint mir das eher unüblich zu sein.

Ich denke, das ist eine Übersetzung aus dem österreichischen Sprachgebrauch (ins Ungarische).

Aber so gut Ungarisch kann ich nicht, ich bin schon froh, wenn ich den nyugati palyaudvar finde.

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Ich benutze recht gerne "ciao". Übrigens ist "servus" nicht deutsch, sondern (natürlich) lateinisch ("Diener"). Ein Kollege von mir benutzt das regelmäßig.

Auch das beliebte "tschüß" ist wahrscheinlich herstammend von "(ad) deus".
Hier bei uns im Schwabenland ist "adé" (mit selber Herkunft) weit verbreitet.
Französisch "à dieu" > "adieu"

Schweden sagen zur Begrüßung "hej" und die Finnen ebenso "hei".
Auch wenn man zur Verabschiedung eher "hej då" sagt, so verstehen die Schweden auch "adjö". 

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