Eine gute Frage. Auch im Römischen Reich war das Christentum zunächst auch nur eine Religion unter mehreren - es gab ja auch eine Christenverfolgung, die von römischen Kaisern ausging. Wenn man mal in Rom ist, kann man u.a. die Katakomben besichtigen, dorthin zogen sich Christen zurück, um sich dort ungestört treffen zu können.
Aber ein wichtiger Punkt war die Übernahme des Christentums als Staatsreligion unter Konstantin - dies nennt man auch die "Konstantinische Wende" um 380 n.Chr.
Konstantinische Wende – Wikipedia
Und die Römer hatten gerade im Süden und im Westen Deutschlands einen großen Einfluss (und auch im Alpenraum, wo dann später Schweiz und Österreich entstanden). So war z.B. Trier (wo man noch heute mind. 2 bedeutende Kirchen besichtigen kann, unter anderem den romanischen Dom) eine Gründung der Römer (in ansonsten keltischen Gebieten). Auch Köln ist zu nennen.
170 n.Chr. bauten die Römer ein Stadttor in Trier, die "Porta Nigra".
Vor 300 entstand auch die "Porte de Mars" in Reims in Nordfrankreich.
Doch das Imperium kam auch mal zu einem Ende. Die politischen Strukturen der Römer brachen zusammen, es kamen immer mehr Germanen von Nord- nach Süddeutschland und in den Alpenraum. Das Christentum war zwar bekannt, führte aber eine Zeit lang ein paralleles Dasein mit den germanischen Vorstellungen.
Noch im 9. und 10. Jahrhundert n.Chr. gab es germanische Vorstellungen über Religion bei uns, das zeigen die Merseburger Zaubersprüche. Und der "Muspilli", ein Text in althochdeutscher Sprache, zeigt ein Nebeneinander: der Text ist zwar christlich geprägt, hat aber deutliche Anklänge an Eddische Texte - Elias wird dort sozusagen als eine Art "Thor" gezeigt, der sich im Endkampf den bösen Mächten stellt. Und ob dort nun "Armageddon" (aus der Bibel) oder "Ragnarök" (aus der Edda) dargestellt ist: irgendwie verschmilzt dort beides zu einem.
Der Text verwendet Vokabeln wie "Mittelgart" (Midgard) und "Muspille" (Muspellsheim war ein fiktiver Ort der germanischen Mythologie, er steht für das Feuer), die Wörter kennt man ansonsten eher aus den nordischen Texten (wie den beiden Texten der Edda). Dort wird das Wort Muspell u.a. im Kontext mit Loki genannt.
Wichtig war nun aber die Irische Mission. Noch vor 600 n.Chr. gab es Gründungen christlicher Kloster durch irische oder schottische Mönche. Sowohl die Klöster in Sankt Wendel (Saarland) als auch in Sankt Gallen (Schweiz) (der heilige "Gallus" wurde zumindest mal "Gallier" genannt, auch "Wendalinus", zu deutsch "Wendel", soll aus keltischen Gebieten gekommen sein) sind zu nennen (und Luxeuil in Frankreich).
Irische Mission – Wikipedia
Karl der Große war bedeutend, er war Christ und sorgte dafür, dass auch die Sachsen christianisiert wurden (Sachsenkriege um 800). Gemeint war vor allem Niedersachsen. Damals war Dänemark noch nicht christlich, Gorm war der letzte König dort, der noch dem alten Glauben anhing. Erst sein Sohn Harald "Blauzahn" wendete sich dem Christentum zu, ich vermute, dass dies auch praktische Gründe hatte: damals durften Christen nur mit Christen handeln, und der Handel war ihm wohl wichtig, zudem wollte er keinen Ärger mit den (nun christlichen) Sachsen haben.
Karl der Große wurde in Aachen (weit im Westen Deutschlands) beerdigt. Wo seine Taufe war, weiß man nicht (womöglich irgendwo in Frankreich?).
Karl der Große – Wikipedia
In Skandinavien dauerte es, bis sich auch dort das Christentum durchsetzen konnte. In Norwegen kämpften die Bagler (die Papsttreuen) gegen die Birkebeiner, die vom Papst nichts hielten und eine eigene norwegische Königslinie aufrechterhalten wollten. Darüber gab es einen recht guten Spielfilm.
Bekannt sind die beiden Torstein ("Torsten") und Skjervald, die einen Thronfolger (damals noch ein kleines Kind) per Skifahrt retteten. Noch heute gibt es das Birkebeiner-Rennen (Skilanglauf).
In Norwegen war also Bürgerkrieg, zudem war die Lage in den Fjorden so eng, dass viele Söhne das Land verlassen mussten, da gar nicht genug Platz da war, um alle über die Landwirtschaft ernähren zu können. Einige gingen nach Island (oder auf die Färöer-Inseln). Jedenfalls schrieb Snorri Sturluson (geboren im westlichen Island) nach 1200 n.Chr. die Prosa-Edda. Vor allem aus diesen Schriften wissen wir von Odin, Thor, Baldur, Loki und anderen Protagonisten der germanischen Mythologie.
Aber schon die ersten isländischen Siedler kannten das Christentum (sie kamen meist aus Norwegen, wo das Christentum schon Einzug gehalten hatte). Und die Normannen, die ja auch mal Nordmänner waren, lernten in Frankreich (in der "Normandie") die französische Sprache und das Christentum kennen.
Ich erwähne auch gerne Finnland, auch dort gab es eigene Glaubensvorstellungen (man glaubte an Ukko und Akka, noch heute ist ukkonen = Donner in der finnischen Sprache). Aber auch diese wichen dem Christentum (wenngleich auch dort nicht ohne Rückschläge). Ich habe einen Teil der Kalevala in deutscher Übersetzung, die Kalevala zeigt einen Ausschnitt der früheren finnischen Vorstellungen, diese haben stets viel mit der Natur zu tun (so hatte man Bären direkt angesprochen, als ob sie das verstehen könnten).
Übrigens gab es auch in Schweden Rückschläge bei der christlichen Mission, so wurde Bischof Eskil von den "Heiden" umgebracht, als er ein Opferfest ("Blót") verhindern wollte. Das war noch 1087 n.Chr. - recht spät also.
Eskil (Bischof) – Wikipedia
Vieles wurde auch umgedeutet, das Julfest wurde zu Weihnachten (heißt immer noch "jul" in Schweden oder in Norwegen). Und einige sagen ja auch, dass Ostern ein umgedeutetes germanisches Fest sei (und erwähnen eine "Ostara" und verweisen dabei auf Beda Venerabilis). Die Inhalte der Feiern haben sich geändert, aber die Termine gab es wohl schon in vorchristlichen Zeiten.
Der Mittwoch heißt in Schweden immer noch "onsdag" (Odinstag). Und "wednesday" ist im Grunde "Wotanstag" (von der westgermanischen Bezeichnung Odins abgeleitet). Übrigens war der Eingang zur Hölle in Skandinavien (in der früheren Vorstellung) ein ganz irdischer Ort: der Vulkan Hekla im Süden Islands.
Auch "Muspellsheim(en)" (Reich des Feuers) wird wohl in Island gewesen sein, und "Jötunheimen" (Riesen-Heim) ist die Bergwelt im Süden Norwegens. Immerhin kommen von dort die Trolle - zumindest in der früheren Vorstellungswelt. :)