Warum hassen wir? Und was ist Hass eigentlich genau?

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Bei der Frage, was Hass genau ist, ist der Begriff zu untersuchen, der dem jeweiligen Wortgebrauch zugrundeliegt.

Hass ist eine Leidenschaft, ein Gefühl starker Abneigung. Weitergehend (mit einem Verständnis als Agressionsaffekt) kann zusätzlich ein wesentliches Merkmal der Wunsch darstellen, Personen zu schaden (bis hin zu zerstören und vernichten). Es gibt ja den Ausdruck, jemanden mit seinem Hass zu verfolgen, und wer Gegenstand des Hasses ist, wird (zumindest innerlich) angefeindet. Hass ist eine negative Zuwendung des Denkens, Fühlens, Wollens und Handelns. Er tendiert zur Verletzung, Zerstörung und Vernichtung des Objekts/der Person. Auch eine Entfernung aus der Kontrolle der leitenden Vernunft und ein Streben nach Schädigung/Vergeltung, das sich von Recht und Gerechtigkeit losgelöst hat, können in einem Begriff des Hasses enthalten sein.

Im Unterschied zur Verachtung wird dem Gehassten auf jeden Fall Wichtigkeit beigelegt. Bloßer Abscheu vor etwas/vor jemand könnte sich auch anschließend (nach einem Zusammentreffen) abwenden. Anders als Zorn ist bei Hass ein fester Bestandteil, von einiger Dauer zu sein. Hass ist nicht nur an der Oberfläche (so etwas kann sich auch einfach und schnell legen), sondern hat sich mehr oder weniger tief eingewurzelt.

Hass ist nicht unbedingt blindwütig, sondern kann auch klar und überlegt sein. Ausgeschaltetes Denken ist er nicht. Denn er beruht auf Gedanken, auf abzulehnende Art beeinträchtigt zu sein/etwas Schlechtes erlitten zu haben. Ein Urteil, jemand sei hassenswert, liegt zugrunde. Beim Hassen kann die Vernunft von einer leitenden Rolle beim Denken ausgeschaltet sein.

Bei den menschlichen Affekten (Leidenschaften) ist Hass etwas, das der menschlichen Natur nach möglich ist. Zu dieser gehörten Fähigkeit zu Denkurteilen und Empfindungen. Etwas als gut oder schlecht zu erfassen ist von Gefühlen begleitet. Leidenschaften sind mit Gefühlen der Lust und Unlust verbunden.

Hassen ist mit einem negativen Urteil verbunden und im Denken kann es eine Entscheidung für dieses Urteil gegeben haben. Notwendig ist dies aber nicht und auch eine Abkehr vom Hassen ist möglich. Wer Willensfreiheit annimmt, hat eine Grundlage, eine selbst durchführbare Änderung der Einstellung für möglich zu halten und eine Zwangsläufigkeit (auch wenn Einflüsse auf Handlungen und Gefühle eingeräumt werden) verneinen.

Hass ist kein notwendiges Bedürfnis. Bedürfnisse richten sich darauf, Wünsche zu erfüllen und einen unerwünschten Zustand zu beseitigen. Hass wurzelt aber nur in einer zumindest subjektiv so empfundenen Verletzung und Kränkung von Bedürfnissen oder Wünschen. Der Zustand des Hasses ist ein Anzeichen für Mangel. Er steht in Gegensatz zu Erfüllung und danach (nach Nichterfüllung) gibt es kein Grundbedürfnis. Menschliche Bedürfnisse sind Anerkennung, Zuneigung und Liebe. Keine Freude ausdrückende Emotionen können eine Belastung anzeigen.

In der schwachen Form der Abneigung ist Hass eine individuelle Wahlentscheidung. In einer starken Form gilt er in vielen Ethiken – im Gegensatz zum Zorn, der zum Teil auch als möglicherweise berechtigt beurteilt wird - als verwerflich, weil er sich nicht an ethischen Prinzipien, Werten oder einem sittlichen Gesetz orientiert. Weitgehender Hass dieser Art kann die Innenwelt entstellen und eine Person selbst schädigen.

Schützen können ein Festhalten an der Leitung der Vernunft und eine feste innere Einstellung, bei der Liebe/Zuneigung den Vorrang hat und das Streben auf das Gute ausgerichtet bleibt (zusammenfassend könnte die erwünschte Wirkung Kultivierung der Affekte genannt werden). Eine Einsicht in eine mögliche Anfälligkeit, bei denen ein Anschein oder eine Meinung/Vorstellung zu Fehlern aufgrund einer Blickverengung und einer Fixierung auf Vorurteile oder einseitige Gesichtspunkte führt, ist nützlich. Sich in andere hineinzuversetzen/Einfühlungsbereitschaft kann möglicherweise zu einem besseren verstehen führen.

Ein interessanter Text zum Thema:

Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Erster Teil. Anthropologische Didaktik. Drittes Buch. Vom Begehrungsvermögen. Einheilung der Leidenschaften. B. Von der Rachbegierde als Leidenschaft. § 83:

„Da Leidenschaften nur von Menschen auf Menschen gerichtete Neigungen sein können, so ferne diese auf, mit einander zusammenstimmende oder einander widerstreitende, Zwecke gerichtet, d. i. Liebe oder Haß sind, der Rechtsbegriff aber, weil er unmittelbar aus dem Begriff der äußern Freiheit hervorgeht, weit wichtiger und den Willen weit stärker bewegender Antrieb ist, als der des Wohlwollens, so ist der Haß aus dem erlittenen Unrecht, d. i. die Rachbegierde, eine Leidenschaft, welche aus der Natur des Menschen unwiderstehlich hervorgeht, und, so bösartig sie auch ist, doch die Maxime der Vernunft, vermöge der erlaubten Rechtsbegierde, deren Analogon sie ist, mit der Neigung verflochten und eben dadurch eine der heftigsten und am tiefsten sich einwurzelnden Leidenschaften, die, wenn sie erloschen zu sein scheint, doch insgeheim immer noch einen Haß, Groll genannt, als ein unter der Asche glimmendes Feuer, überbleiben läßt.

Die Begierde, in einem Zustande mit seinen Mitmenschen und in Verhältnis zu ihnen zu sein, da jedem das zuteil werden kann, was das Recht will, ist freilich keine Leidenschaft, sondern ein Bestimmungsgrund der freien Willkür durch reine praktische Vernunft. Aber die Erregbarkeit derselben durch bloße Selbstliebe, d. i. nur zu seinem Vorteil, nicht zum Behuf einer Gesetzgebung für Jedermann, ist sinnlicher Antrieb des Hasses, nicht der Ungerechtigkeit, sondern des gegen uns Ungerechten, welche Neigung (zu verfolgen und zu zerstören), da ihr eine Idee, obzwar freilich selbstsüchtig angewandt, zum Grunde liegt, die Rechtsbegierde gegen den Beleidiger in Leidenschaft der Wiedervergeltung verwandelt, die oft bis zum Wahnsinn heftig ist, sich selbst dem Verderben auszusetzen, wenn nur der Feind demselben nicht entrinnt, und (in der Blutrache) diesen Hass gar zwischen Völkern erblich zu machen, weil, wie es heißt, das Blut des Beleidigten, aber nach nicht Gerächten, schreie, bis das unschuldig vergossene Blut wieder durch Blut – sollte es auch das eines seiner unschuldigen Nachkommen sein – abgewaschen wird.“

DH für diese Frage, die man nicht mal so nebenbei beantworten kann.

Fest steht auch, dass Hass ein absolut leidenschaftliches Gefühl ist - leider "nimmt es die falsche Bahn"...

das Wort Hass wird insbesondere von der jüngeren Generation heute ebenso inflationär verwendet, wie das Wort Liebe.

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