Ab wann ist es Nostalgie?

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Nostalgie hat keine spezifische Zeitlimite, ab wann sie "legitim" oder "echt" wird. Der Definition nach ist Nostalgie ein schmerzhaft-süsses Gefühl von Wehmut und Sehnsucht nach vergangenen Zeiten. Typisch für Nostalgie ist, dass dieses Gefühl vergangene Zeiten oft romantisiert und idealisiert ("früher war alles besser"). Das Gefühl entsteht oft durch ein Unbehagen und/oder eine Überforderung mit der Gegenwart. Im Vergleich zur stressigen, anstrengenden, chaotischen, beängstigenden und verwirrenden Gegenwart wird die Vergangenheit oft als simpel, behütet, friedlich, strukturiert und harmonisch empfunden.

Diese idealisierte Vergangenheit kann 70 Jahre zurückliegen, oder sie kann 2 Jahre zurückliegen. Der Unterschied ist bloss, dass der Grad der Idealisierung mit der zeitlichen Distanz vom Erlebnis selbst zunimmt. Also wenn du 80 bist, wirst du deinen ersten Urlaub ohne Eltern viel stärker idealisieren als wenn die Erfahrung nur 5 Jahre her ist. Das liegt an der Art, wie das menschliche Gehirn Erinnerungen verarbeitet. Viele Leute glauben, dass unser Gedächtnis wie eine Computerfestplatte funktioniert: Wir erleben etwas, das Erlebnis wird im Kopf gespeichert, und später erinnern wir uns daran. In Wirklich werden Erinnerungen jedoch ständig überschrieben. Jedes Mal, wenn du an etwas zurückdenkst, wird die Erinnerung dieses Erlebnisses erneuert. Das führt dazu, das wir uns nicht an die Erlebnisse selbst erinnern, sondern an eine Erinnerung einer Erinnerung einer Erinnerung einer Erinnerung...... des Erlebnisses. Und jedes Mal, wenn dein Gehirn die alte Erinnerung überschreibt, ändert es diese auch ein wenig. Das Ganze funktioniert ein wenig wie das Telefon-Spiel, aber in unseren Köpfen. Und je weiter du dich zeitlich vom Erlebnis selbst entfernst, desto mehr unterscheiden sich das faktische Erlebnis von deiner Erinnerung. Mit 80 denkst du dann vielleicht an deinen ersten Kuss zurück und bist überzeugt, dass es ein wunderschöner Sommerabend mit Sonnenuntergang im Hintergrund war. In Wirklichkeit hat es aber geregnet und du hast gefroren.

Ein weiterer Grund für die Entstehung von Nostalgie ist, dass wir Menschen evolutionär dazu neigen, nur die positiven Dinge in Erinnerung zu behalten. Das hat einen simplen Zweck: Menschen, die sich eher an positive Dinge erinnern, haben tendenziell einen positiveren Ausblick aufs Leben. Und ein positiver Ausblick aufs Leben steigert die Überlebenschance. Vor 100.000 Jahren wäre sehr hohe Suizidrate fatal gewesen, weil sie das Aussterben der menschlichen Spezies bedeutet hätte. Daher sind wir sehr gut darin, die schlechten Dinge der Vergangenheit in die hinterste Ecke unseres Gedächtnisses zu verbannen und ausschliesslich an die schönen Dinge zu denken.

Und ja, natürlich kann man auch Nostalgie für eine Zeit empfinden, die man nie selber erlebt hat. In diesem Fall entsteht die Romantisierung nicht durch persönliche Erinnerungen, sondern durch fremde Erzählungen und Medienkonsum. Ich würde sagen, dass es bei dieser Art der Nostalgie einfach besonders wichtig ist, sich stets daran zu erinnern, dass man die Vergangenheit gerade romantisiert. Wenn man sich z.B. wünscht, im Mittelalter zu leben, sollte man stets daran denken, dass das Leben damals genauso komplex und vielschichtig war wie heute. Manche Dinge waren definitiv besser als im 21. Jahrhundert und danach darf man sich sehnen. Aber andere Dingen sind heute viel besser als damals. Und das gilt auch für die 1980er-Jahre und für jede andere, historische Epoche.

Ich denke, dass all das was Du aufgeführt hast, legitim ist. Auch dann, wenn man eine schwierige Zeit durchleben muss, denn Tagträume können Krafttanks sein.

Nur darf die Realität dabei nicht vergessen werden. 🍀🍀🍀