Wieso wird unser Urteilsvermögen durch Emotionen geschwächt?

12 Antworten

Das wird es nicht immer. 

Die schnelle Erklärung ist, dass der neuronale Weg von deinem Thalamus zur Amygdala kürzer ist als der zum Cortex. Auf deutsch: deine Wahrnehmungen erreichen zuerst dein Gefühlszentrum, dass schon Handlungen auslösen kann, bevor es im Verstand überhaupt angekommen ist.

Beispiel: dein kleiner Bruder springt mit einer Scream-Maske auf dich zu, du brüllst vor Schreck bis du danach erst begreifst, dass es dein kleiner Bruder ist.

Beispiel 2: Du bist eifersüchtig auf deine Freundin, die mit dem Briefträger geflirtet hat und rastest voll aus und machst im Affekt Schluss vor Wut. Nach einigem Nachdenken wird dir klar, dass du es doch nicht so schlimm findest, dass du die Beziehung für immer beenden willst.

Jedoch fließen Gefühle auch in logische Entscheidungen mit ein, was sogar zu besseren Entscheidungen führen kann. 

Beispiel: Deine Freundin ist reich und nett zu dir und du kannst in der Firma ihres Vaters arbeiten. Du hast aber das unbestimmte Gefühl, dass du sie nicht wirklich liebst. Der reine Verstand würde sagen: Quatsch, sie macht dein Leben sehr viel besser, gib nichts auf unbestimmte Gefühle. Doch langfristig glücklich würdest du dennoch nicht werden, da das Gefühl nicht mehr weggeht und dich jeden Tag zweifeln lässt und quält.

Beispiel 2: Intuition ist zwar sehr verrufen, aber eine gute Sache. Du lernst jemanden kennen, der super nett und witzig ist und sich mit dir anfreundet. Dennoch hast du ein leises Misstrauen, dass sich mit dem Verstand nicht bestätigen lässt, denn es gibt keine objektiven Gründe für Misstrauen. Als du ihn zu dir nach Hause einlädst, klaut er dein ganzes Bargeld und verschwindet. Hättest du auf das Gefühl gehört, welches dein Unterbewusstsein erzeugt hat weil der Typ vielleicht einen Ticken ZU nett war und das linke Auge etwas gezuckt hat, was du vor X Jahren schon mal bei einem Lügner gesehen, aber bewusst nicht mehr erinnert hast, wäre das nicht passiert.

Hoffe, das ist nicht zu kompliziert erklärt ^^

Eine der hilfreichsten wenn nicht sogar die hilfreichste Antwort! Alles klar und deutlich verstanden. Vielen Dank :)

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Ich kann Deine Frage aus biblischer Sicht beantworten. Ich hoffe, das stört Dich nicht.

In der Bibel wird das Herz häufig mit dem Geist in Verbindung gebracht, was auf ein enges Verhältnis schließen läßt. 

Vom sinnbildlichen Herzen heißt es, es sei mit den Gefühlen und Neigungen eng verbunden. Es ist maßgeblich an der Entwicklung des Geistes (der vorherrschenden geistigen Einstellung) beteiligt, die jemand bekundet. 

Deshalb wird in der Bibel großer Wert auf die Notwendigkeit gelegt, den Geist zu beherrschen. „Wie eine erbrochene Stadt ohne Mauer ist der Mann, der seinen Geist nicht im Zaum hält“ (Spr 25:28). 

Wenn er provoziert wird, mag er handeln wie der Unvernünftige, der ungeduldig ‘all seinen Geist herausfahren läßt’, während der Weise ‘ihn bis zuletzt ruhig hält’ (Spr 29:11; 14:29, 30). 

Jemand, der „langsam ist zum Zorn, . . .[ist] besser als ein Starker, und wer seinen Geist beherrscht, als einer, der eine Stadt einnimmt“ (Spr 16:32). 

Dazu ist Demut erforderlich: „Wer aber demütigen Geistes ist, wird Herrlichkeit erlangen“ (Spr 29:23). 

Erkenntnis und Unterscheidungsvermögen helfen einem, „kühlen Geistes“ zu sein und seine Zunge zu beherrschen (Spr 17:27; 15:4). 

Emotionen bewirken oft, dass wir uns nicht mehr beherrschen können. Unser Urteilsvermögen wird eingeschränkt. Das führt zu Handlungen, die nicht mehr vom "Geist" (Verstand) gesteuert werden, sondern vom "Herz". 

Unter dem Urteilsvermögen wird in der Regel das rationale Bewerten einer Situation, einer bestimmten Problemkonstellation oder einer anstehenden Entscheidung verstanden. Bei einem so gelagerten Vorgang ist primär das widerspruchsfreie, logisch saubere und konsistente Denken gefordert, das sich möglichst von allen denkbaren Irrationalitäten frei hält. 

Emotionen sind nun im Gegensatz dazu Phänomene, deren Entstehung eben diesem Denken weitgehend entzogen sind. Sie steigen auf aus unbewussten Anteilen unserer archaischen Lebenswelt und sind verwoben mit kaum zugänglichen Erfahrungen mit unseren Mitmenschen, situativen Gegebenheiten und gefühlsmäßig erlebten Anmutungen, die alle relativ unreflektiert in einer opaken Gemengelage unser Handeln mit erheblicher Bestimmtheit steuern.

Genau dieser Konflikt wird nun in sehr vielen Fällen zu Gunsten der dominanten Emotionen entschieden und löst bei nicht betroffenen Beobachtern dann bisweilen erhebliches Erstauen aus, weil diese im Regelfall nur die äußerlich erkennbaren sachlichen Gegebenheiten der Problematik erkennen und bewerten können. 

Damit ist deine Beobachtung, dass unser Urteilsvermögen durch Emotionen geschwächt ist, eindeutig bestätigt, was in unserer Gesellschaft dazu geführt hat, möglichst viele der wirklich wichtigen Entscheidungen nicht durch einzelne, sondern durch Gremien von etlichen Personen vornehmen lassen, weil man da hoffen kann, dass sich die emotionalen Entscheidungs-Komponenten mehrerer Personen partiell neutralisieren, während sich die rationalen Entscheidungsanteile durch ihre innere Logik in gleichsinniger Weise verstärken.

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