Philosophie- Egoismus

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Dass der Mensch ein rein egoistisches Wesen ist wie das Tier, dürfte wohl niemand für möglich halten. Kein Philosoph kann leugnen, dass der Mensch eine Vernunft hat, die ihn zu altruistischem Verhalten befähigt. Nur in Anbetracht der Vernunftkräfte im Menschen konnte Goethe sein berühmtes Gedicht „Das Göttliche“ mit dem Satz „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut...“ beginnen lassen (wohlgemerkt: er „sei“ gut!). Allerdings gibt es Philosophen, die den Menschen nicht als vernunftbeherrscht, sondern als von egoistischen Antrieben beherrscht darstellen. Dazu zählen neben Hobbes (hier der Mensch im Naturzustand) und Machiavelli auch Schopenhauer und vor allem Nietzsche. Nietzsche ist der Philosoph des „Willens zur Macht“. Zum Wesen der „Welt“ sagt er: Sie „ist Wille zur Macht und nichts außerdem“. Und zum Wesen des Menschen: Er ist ebenfalls „Wille zur Macht und nichts außerdem“ (siehe Nietzsche „Der Wille zur Macht“ oder „Jenseits von Gut und Böse“, 2. Hauptstück). Das bedeutet: Der Mensch muss die Machtpotentiale in sich (gemeint: Talente, Fertigkeiten aller Art) „gnadenlos“ zur Entfaltung bringen; moralische Erwägungen wie Rücksicht auf Schwächere oder Mitleid sind nach Nietzsche fehl am Platze. Doch er erkennt immerhin an, dass der Mensch auch zur Güte befähigt ist, nur erklärt er die Güte anders als üblich: „Güte ist Wille zur Macht!“ (gemeint: der Mächtige verfügt über so viel Macht, dass er davon mitunter gerne den Schwächeren etwas zukommen lässt. Also auch hier wird die Fähigkeit des Menschen zum Guten nicht ausgeschlossen!). - Schopenhauer ist zwar der Meinung, der Mensch sei auch zum Mitleid fähig. Aber dann müsse er den starken Willen in sich (das Egoistische) dämpfen oder gar ausschalten. Einige machen das, die meisten jedoch denken nicht daran. In „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (Teil 4) sagt Schopenhauer Folgendes über den menschlichen Egoismus: „In dem auf den höchsten Grad gesteigerten Bewusstsein, dem menschlichen, muss, wie die Erkenntnis, der Schmerz, die Freude so auch der Egoismus den höchsten Grad erreicht haben und der durch ihn bedingte Widerstreit der Individuen auf das Entsetzlichste hervortreten. Dies sehen wir denn auch überall vor Augen, im Kleinen wie im Großen, sehen es bald von der schrecklichen Seite im Leben großer Tyrannen und Bösewichter und in weltverheerenden Kriegen.... Aber am deutlichsten tritt es hervor, sobald irgendein Haufen Menschen von allem Gesetz und Ordnung entbunden ist: da zeigt sich sogleich aufs deutlichste das bellum omnium contra omnes (Krieg aller gegen alle)....“ (wie bei Hobbes die Menschen im Naturzustand).

Thomas Hobbes ist als gemeinter Philosoph nun schon genannt.

Die Theorie wird als psychologischer Egoismus bezeichnet.

Eine Selbstbezogenheit und eine wesentliche Orientierung an eigenen Interessen sind beim menschlichen Handeln naheliegend. Ziel eines Strebens ist etwas, das als gut für sich selbst beurteilt wird.

Anfechtbar wird die These des psychologischen Egoismus darin, welcher Art der behauptete Egoismus ist und was als Beweggrund menschlichen Verhaltens bestritten wird.

Bei einer ausschließliche Darstellung des Menschen als Egoist in dieser Weise (eingensüchtig) mangelt es an wichtigen Unterscheidungen, die andere Gesichtspunkte beachten und nicht nur auf einen Begriffsgegensatz Egoist- Altruist (der doch genau untersucht nicht sich gegenseitig ausschließend ist) fixiert sind.

Unterschiede in den Zielen und in den Verhaltensweisen haben aber Bedeutung. Eine Beschränkung auf das eine Wort „Egoist“ ist nicht geeignet, dies zu erfassen. Zu fragen ist auch, ob das, was gut/nützlich/angenehm zu sein scheint, dies tatsächlich ist.

Bei Handlungen, die altruistisch zu sein scheinen, wird vom psychologischen Egoismus stets die Unterstelllung eines „eigentlich“/„in Wahrheit“/„in Wirklichkeit“ letztlich ausschlaggebenden egoistischen Beweggrundes als Erklärung vorgenommen. Alles erscheint so als eigensüchtig. Ein Beweggrund, etwas auch um der Sache selbst willen unabhängig von direkten eigennützigen Interessen anzustreben, wird ausgeschlossen.

Hobbes ist nicht der einzige Philosoph, der den Menschen als wesentlich durch und durch egoistisch verstanden hat.

Bernard Mandeville hat eine Bienenfabel (The fable of the bees) geschrieben, in der egoistische Motive als zu für die Gesamtheit nützlichen Folgen führend dargestellt werden.

Schon in der Antike hat es Gedanken einer egoistischen menschlichen Natur gegeben. Ansätze, die in diese Richtung gehen, äußern Platons Dialogfiguren Thrasymachos (im Dialog „Politeia“) und Kallikles im Dialog „Gorgias“).

Niccolò Machiavelli deutet den Menschen auch als Egoisten.

Wolfgang Kersting, Niccolò Machiavelli. Originalusgabe. 3., durchgesehene und aktualisierte Auflage. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 515), S. 35:
„Machiavellis Anthropologie sieht den Menschen von einer im Kern unveränderlichen Trieb- und Bedürfnisstruktur bestimmt.“

S. 36: „Die menschliche Natur ist für Machiavelli dynamische Bedürfnisstruktur, durch unersättliche Begehrlichkeit charakterisiert.“

„In Machiavellis Augen ist der Mensch ein seine Begierde unaufhörlich expandierendes Triebwesen. Das herausstechende Merkmal menschlicher Begehrlichkeit – und eben darin unterscheidet sie sich von tierischer Bedürftigkeit – ist die innere Unbegrenztheit und Maßlosigkeit. Der Mensch ist unersättlich. Seine Begierden richten sich auf alles, kennen keine interne Verfassung, sind unstillbar. Dieser natürliche Hang zur Pleonexie wird angesichts der prinzipiellen Begrenztheit der natürlichen und gesellschaftlichen Befriedigungsmittel zur Fundamentalursache einer sozialschädlichen, letztlich mörderischen Konkurrenz, zum Motor aggressiver Wettbewerbe und Verteilungskämpfe. Er versetzt die Gesellschaft in rastlose Bewegung und bewirkt ein gereiztes Klima. Den Individuen bringt er eine unruhige Seele; sie werden ungenügsam und verlieren alle Glücksfähigkeit.“

S. 37: „Machiavellis politische Anthropologie nimmt unverkennbar wichtige Züge des Hobbesschen Menschenbildes vorweg. Für beide Denker ist das appetitive Streben eine prinzipiell nicht abschließbare, sich immer erneuernde, in keiner teleologischen Struktur zu beruhigende Bewegung.“

S. 37 – 38: „Als Schlüsselbegriff der politischen Anthropologie Machiavellis kommt dem Ehrgeiz die Rolle eines systematischen Vorläufers der Begriffe des Eigennutzes und Selbstinteresses zu, doch mit dem entscheidenden Unterschied: Machiavellis ambizione enthält nicht die Nebenbedeutung der ökonomischen Rationalität. Der Ehrgeiz kann nicht kalkulieren, ihn fehlt die den Begriff des Eigennutzes und Selbstinteresses beigesellte instrumentelle Vernunft. Der Ehrgeiz ist blind drängend und durch keinerlei Folgekostenbetrachtung und Kosten-Nutzen-Erwägung aufklärbar.“

Thomas Hobbes erklärt, Ziel aller Willensakte jedes Menschen etwas für ihn selbst Gutes (z. B. Leviathan Kapitel 14). Das grundlegend Gut ist nach Hobbes die Selbsterhaltung (lateinisch: sua ciuque conservatio; englisch: self-preservation), z. B. De homine Kapitel 11 Bemerkung 6, Leviathan Kapitel 17.

Thomas Hobbes hat seine politische Philosophie vor allem in seinem Werk „Leviathan“ dargelegt. Er beginnt bei den einzelnen Individuen. Er stellt eine egoistische Nutzenmaximierung als wesentlich dar. Das Streben nach Selbsterhaltung schließt nach seiner Auffassung die Bereitschaft ein, alle zur Verwirklichung dieses Ziels erforderlichen oder förderlichen Mittel zu erhalten und anzuwenden. Thomas Hobbes erklärt das menschliche Handeln insgesamt durch ein bindungsloses (keiner normativer Einschränkung unterliegendes) Selbstinteresse (es kann soziale Regungen einschließen, muß es aber nicht). Alle wünschen ihr Wohlergehen und haben die gleichen Leidenschaften.

Ohne staatliche Ordnung befinden sich nach Hobbes Menschen in einem Naturzustand. Konkurrenz, Mißtrauen und Ruhmsucht prägen das Verhalten. Leidenschaften, Gier und rationale Vorsorge lassen dabei aggressives Verhalten erforderlich werden. Die Menschen müssen um ihr Leben fürchten, wünschen aber persönliche Sicherheit. Alle sind aus Gründen der Selbsterhaltung genötigt, Gewalt und List, die Raubsucht wilder Tiere, zu Hilfe zu nehmen. Es herrscht Krieg aller gegen alle (bellum omnium in omnes). Der Möglichkeit nach kann der Mensch gierig nach Beute sein und für Vorteile andere vernichten. Dies ist bedrohlich. Menschen belauern sich im Naturzustand, als ob sie sie einander jederzeit zerfleischen würden (Hobbes meint nicht, sie täten dies tatsächlich immerzu). Menschen sind deswegen schon aus Mißtrauen genötigt, sich so zu verhalten, als ob die anderen aggressiv und ungerecht wären.

Herfried Münkler, Thomas Hobbes. Frankfurt/Main; New York : Campus Verlag, 1993 (Campus Einführungen ; Band 1968), S. 81:
„In der Literatur zu Hobbes ist immer wieder von dem extremen Individualismus seiner Theorie die Rede. Gemeint ist damit deren Fundierung auf einem Bild des Menschen, das diesen als egoistischen Nutzenmaximierer entwirft, dessen gesamtes Handeln an der Verfolgung seiner Eigeninteressen orientiert ist.“

S. 83: „Er sucht die Kritiker seiner Annahme, der Mensch sei wesentlich egoistischer Nutzenmaximierer, dadurch zu widerlegen, daß er Inkonsistenzen zwischen ihren expliziten Aussagen und den ihrem eigenen Verhalten implizitem Verhaltensunterstellungen aufzeigt.“

S. 86: „Kehren wir aber zunächst noch einmal zu der Annahme zurück, Hobbes’ Menschenbild sei stärker heuristischer Natur als dass es empirisch gehaltvolle Aussagen über das Verhalten der Menschen enthalte. Was dabei hervorsticht, ist ein durchgängiger Interessenreduktionismus, der menschliches Verhalten grundsätzlich als interessengesteuert begreift und es danach zu entschlüsseln sucht. Folgt man der Hypothese vom heuristischen Charakter des Hobbesschen Menschenbildes, so besagt Hobbes’ interessenreduktionistischer Ansatz keineswegs, dass alle Menschen tatsächlich ausschließlich gemäß ihren Interessen handeln, sondern nur, dass die Reduktion von Handlungsmotiven auf Interessen die Fülle der Motive und Motivbündel menschlichen Handelns durchsichtig und für die politische Theorie handhabbar macht und dass obendrein das Problem der friedlichen Koexistenz unfriedlicher Nutzenmaximierer leichter zu lösen wäre, wenn sie alle rational agieren würden.“

S. 89: „Der Schlüssel dieser Konzeption ist für Hobbes der Gedanke der Selbsterhaltung, den er dem menschlichen Handeln als Hauptmotiv zugrundelegt.
«Das erste Gut ist für jeden die Selbsterhaltung. Denn die Natur hat es so eingerichtet, daß alle ihr eigenes Wohlergehen wollen. Um das erlangen zu können, müssen sie Leben und Gesundheit wünschen, und für beide, soweit es möglich ist, Gewähr für die Zukunft. Auf der anderen Seite steht unter allen Übeln an erster Stelle der Tod, besonders der Tod unter Qualen; denn die Leiden des Lebens können so groß werden, daß sie, wenn nicht ihr nahes Ende abzusehen ist, uns den Tod als Gut erscheinen lassen.» (Hom., 24)
In diesem Sinne gibt es für Hobbes nur zwei Bewegungsformen, auf die alle menschlichen Regungen zurückgeführt werden können, nämlich Erstreben und Vermeiden.“

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