Antike Fluchtafeln hatten beispielsweise Gerichtsprozesse, Geschäftskonkurrenz in Handel und Gewerbe, Liebes- und Trennungszauber, sportlichen Wettkampf (bei den Römern z. B, Wagenrennen im Circus) und Gebete um Gerechtigkeit (zum Schutz von Eigentum und Ansehen) zum Inhalt.
Fluchtafeln beruhen auf einem Glauben an Flüche und ihre Wirksamkeit. Grundlage ist eine Vorstellung einer Möglichkeit von Schadenszauber aus dem Bereich Religion und Aberglaube. Sie ist mit magischem Denken verknüpft. Nach Auffassung von Wolfgang Speyer, Fluch. In: Reallexikon für Antike und Christentum : Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt. Im Auftrag der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften bearbeitet im Franz-Joseph-Dölger-Institut der Universität Bonn. Begründet von Franz Joseph Dölger, Theodor Klauser, Helmut Kruse, Hans Lietzmann, Jan Hendrik Waszink. Band 7: Exkommunikation - Fluchformeln. Bearbeitet im Franz Joseph Dölger-Institut an der Universität Bonn. Herausgegeben von Theodor Klauser in Verbindung mit Carsten Colpe, Albrecht Dihle, Bernhard Kötting, Jan Hendrik Waszink. Stuttgart : Hiersemann, 1969, Spalte 1163 (digitalisiert: https://archive.org/details/reallexikon-fur-antike-und-christentum/Reallexikon%20f%C3%BCr%20Antike%20und%20Christentum/RealLexAC.%20Bd.%2007.%20Exkommunikation-Fluch/page/n583/mode/2up) gehört der Fluch zu den Grundvorstellungen aller Völker und Zeiten.
Glauben an Flüche und Anwendung von Flüchen hat es im Vorderen Orient und Ägypten belegbar schon im Altertum gegeben (Karl Jansen-Winkeln und Klaus Koch und M. [= Manfred] Krebernik, Fluch I. Alter Orient, Ägypten, Altes Testament. In: Der neue Pauly (DNP) : Enzyklopädie der Antike ; Altertum. Herausgegeben von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 4: Epo – Gro. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 1998, Spalte 572 – 573; digitalisiert: https://archive.org/details/der-neue-pauly-addition/DNP%201996-2008/DNP%2004%20%281998%29%20Epo-Gro/page/n147/mode/2up). Eine genaue Entstehung ist in einer schriftlosen Zeit nicht greifbar.
Flüche werden bereits in der Ilias erwähnt (z. B. Homer Ilias 9, 453 - 457; 9, 565 – 572) und einen Glauben an einen »Bindezauber« (griechisch: κατάδεσμος [katadesmos]; lateinisch: defixio) kennt mit Ablehnung einer solchen Praxis Platon (Platon, Politeia 364 b - c; Platon, Nomoi 932 e – 933 a).
Fluchtafeln haben Schrift als Voraussetzung. Informationen beruhen vor allem auf archäologischen Funden (bisher etwas über 1500 Fluchtafeln bekannt). Fluchtafeln sind beschriebene dünne Streifen aus Metall, gewöhnlich Blei.
Die ältesten Fluchtafeln haben griechische Texte und stammen aus dem späten 6. oder frühen 5. Jahrhundert v. Chr. , aus der Stadt (als griechische Kolonie gegründet) Selinunt (griechisch: Σελινοῦς [Selinous]: lateinisch: Selinuntum) auf der Insel Sizilien, auch aus der griechischen Kolonie Olbia am Schwarzen Meer, etwas später in Attika (vor allem Athen), die älteste gefundene lateiische Fluchtafel aus eine samnitisch-römischen Grab (2. Jahrhundert v. Chr.) aus Pompeii, in ältere Zeit scheinen etruskisch-römische Fluchtafeln zurückzugehen (auf das 3. Jahrhundert v. Chr. datierter Fund).
Hendrik S. [= Simon] Versnel. Übersetzung: B. [= Brigitte] Schaffner, Defixio. In: Der neue Pauly (DNP) : Enzyklopädie der Antike ; Altertum. Herausgegeben von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 3: Cl - Epi. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 1997, Spalte 364: „Sie erscheinen erstmals im späten 6. Jh. v. Chr. in Sizilien und Olbia, etwas später auch in Attika, v. a. in Athen.“ (digitalisiert: https://archive.org/details/der-neue-pauly-addition/DNP%201996-2008/DNP%2003%20%281997%29%20Cl-Epi/page/n115/mode/2up)
Fritz Graf, Fluch II. Griechenland und Rom. In: Der neue Pauly (DNP) : Enzyklopädie der Antike ; Altertum. Herausgegeben von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 4: Epo – Gro. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 1998, Spalte 574 (seit dem 5. Jahrhundert) (digitalisiert: https://archive.org/details/der-neue-pauly-addition/DNP%201996-2008/DNP%2004%20%281998%29%20Epo-Gro/page/n147/mode/2up)
K. [= Karl] Preisendanz, Fluchtafel (Defixion). In: Reallexikon für Antike und Christentum : Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt. Im Auftrag der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften bearbeitet im Franz-Joseph-Dölger-Institut der Universität Bonn. Begründet von Franz Joseph Dölger, Theodor Klauser, Helmut Kruse, Hans Lietzmann, Jan Hendrik Waszink. Band 8: Fluchtafel (Defixion) – Gebet. Bearbeitet im Franz Joseph Dölger-Institut an der Universität Bonn. Herausgegeben von Theodor Klauser in Verbindung mit Carsten Colpe, Albrecht Dihle, Bernhard Kötting, Jan Hendrik Waszink. Stuttgart : Hiersemann, 1972, Spalte 18 – 19 (in Selinunt etwas 500 oder 450 v. Chr.) (digitalisiert: https://archive.org/details/reallexikon-fur-antike-und-christentum/Reallexikon%20f%C3%BCr%20Antike%20und%20Christentum/RealLexAC.%20Bd.%2008.%2Fluchtafel%20%28Defixion%29%20-%20Gebet%20I/page/n13/mode/2up).
Hypothesen zum Ursprung der Fluchtafeln
1) im assyro-babylonischen Kulturraum (Mesopotamien) und im griechische Kulturraum nebeneinander entstanden, bei gegenseitiger Beeinflussung der religiösen Vorstellungen
2) Ursprung im griechischen Kulturraum
Römer
Die Römer haben die Verwendung von Fluchtafeln wahrscheinlich aus dem griechischen Kulturraum übernommen. Sie waren bei ihnen vor allem in der römischen Kaiserzeit in Gebrauch
Begründung:
- griechische Schrift der frühesten gefundenen Fluchtafeln
- deutliche spätere Zeit der frühesten gefundenen Fluchtafeln im römischen Bereich im Vergleich zum griechischen Kulturraum
Anna Bohlen. Fluch und Religion: Lateinische Fluchtafeln als Ausdruck privater Religiosität? Dissertation Universität Oldenburg 2018 (digitalisiert: https://oops.uni-oldenburg.de/3693/1/bohflu18.pdf)
S. 36:
„Eine Hypothese zur Klärung des Ursprungs der Fluchtafeln besteht in der Annahme, dass die religiösen Vorstellungen der assyro-babylonischen Welt einerseits und griechischen Welt andererseits sich gegenseitig beeinflussten und sich parallel die Form der Fluchtafeln als Schadenzauber entwickelte.“
S. 37:
„Eine weitere Hypothese zur Entstehung dieser Ritualform geht von ihrem Ursprung im griechisch-römischen Kulturkreis aus. Demnach habe sich das Phänomen der Fluchtafeln ausschließlich auf den griechisch-römischen Kulturraum beschränkt und die Ursprünge dieses Zauberrituals seien alleine in Griechenland zu suchen. Diese Behauptung wird durch die derzeitige Quellenlage gestützt, die bezeugt, dass die frühesten Fluchtafeln, die gefunden wurden, sowohl zeitlich (sechstes vorchristliches Jahrhundert) als auch räumlich (Selinunt) auf die griechische Kultur hinweisen. Zudem sind die meisten bisher gefundenen Täfelchen in griechischer Sprache verfasst, was auf eine große Verbreitung und regelmäßige Inanspruchnahme dieser Ritualform im griechischen Kulturraum schließen lässt.
Im römischen Kulturraum verbreiteten sich die Fluchtäfelchen vermutlich von Griechenland aus, denn zunächst wurden die Täfelchen auch hier auf Griechisch
verfasst. Man geht davon aus, dass die Ritualform bereits im dritten vorchristlichen
Jahrhundert von italischen Völkern von den Griechen übernommen und praktiziert
wurde. Dies wird mit dem Fund mehrerer Bleitäfelchen in der etruskischen Stadt
Volterra und weiteren ähnlichen Funden auf dem Gebiet Italiens begründet, die auf
diese Zeit datiert werden können und nach dem Modell griechischer Fluchtafeln
gefertigt zu sein scheinen.“