Wieso wurden andere Philosophen nach Sokrates nicht getötet

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Auch nach der Hinrichtung des Sokrates hat es Tötungen von Philosophen gegeben. einige Beispiele aus der Antike: Der Philosoph und Geschichtsschreiber Kallisthenes von Olynth (Neffe des Aristoteles) wurde wegen angeblicher Beteiligung an einer Verschwörung zur Ermordung des makedonischen Königs Alexander III. („Der Große“) 327 v. Chr. hingerichtet. Lucius Annaeus Seneca wurde von Kaiser Nero zur Selbsttötung 65 n. Chr. aufgefordert, Publius Clodius Thrasea Paetus Lucius tötete sich 66 n. Chr. nach einem Todesurteil gegen ihn. Politische Gründe waren beim Tod der beiden Stoiker entscheidend. Anicius Manlius Severinus Boethius wurde wegen Hochverrats verurteilt und irgendwann im Zeitraum 524 – 526 n. Chr. hingerichtet.

Die Neuplatonikerin Hypatia wurde 415 oder 416 n. Chr. in Alexandria von einer Menge fanatischer Christen ermordet.

Im Fall des Sokrates ist die besondere Situation in dieser Zeit und das davon geprägte politische, gesellschaftliche und geistige Klima ein gewichtiger Umstand.

Athen hatte eine Niederlage im peloponnesischen Krieg (431 – 404 n. Chr.) erlitten, dann einen Umsturz der Verfassung mit einer Schreckensherrschaft radikaler Oligarchen 404 – 403 n. Chr. (die sogenannten 30 Tyrannen), eine Spaltung des Staates der Athener in Athen und Eleusis (als Machtbereich der Oligarchen) mit einem damit verbundenen Gefühl des Bedrohtseins bis zum Sieg über die Oligarchen und der Wiedereingliederung im Jahr 400.

Dies hatte bei vielen Athenern eine starke Erschütterung und tiefe Verunsicherung bewirkt. Dies führt leicht zu einer Suche nach Gründen und Schuldigen. Traditionelle Verhaltensweisen und Weltsichten werden betont, was sie zu zersetzen scheint, wird verschärft abgelehnt.

Gegen Sokrates hat es in einem von unglücklichen Ereignissen geprägten politischen Klima eine Anklage wegen Asebie (ἀσέβεια [asebeia]; Gottlosigkeit/Religionsfrevel) gegeben und seine Verurteilung zum Tod kann als Fehlurteil eingeschätzt werden. Dies war aber kein typischer, sich häufig wiederholender Fall.

Sokrates ist in der Antike von den meisten als Sophist eingeordnet worden (Aristophanes, die Wolken – eine 423 v. Chr. aufgeführte Komödie – ist dafür kennzeichnend). Sokrates wich in manchem von der konventionellen Religion an, so mit der Hochschätzung seines Daimonions, einer warnenden inneren Stimme. Die Ankläger Anytos, Lykon und Meletos warfen ihm vor, damit neue Götter einzuführen und mit seinen Lehren die Jugend zu verderben. Zugleich gab neben diesen eher verschwommenen Vorwürfen einen politischen Hintergrund, der allerdings aufgrund einer Amnestie als direkter Gegentand einer Anklage ausgeschlossen war.

Sokrates wurde damals von einem Teil der Bürger als Oligarchenfreund betrachtet und (unberechtigt) verdächtigt, ein Volkshasser (μισόδημος) zu sein. Er gehörte zu den Athenern, die in Athen bleiben, als die Oligarchen herrschten und Rechte als Vollbürger nur 3000 Athenern geben wollten. Zwar verweigerte er eine Aufforderung, sich durch Herbeischaffen eines Mannes, den die Oligarchen aburteilen wollten (Platon, Apologie 32 c – d; Platon, 7. Brief 324 – 325 [Echtheit des Briefes umstritten]), und auch Demokraten wie Chairephon gehörten zu seinen Schülern. Aber er hatte auch Umgang mit Leuten, die verdächtigt wirkten, wie im Fall von Alibiades, dessen Rolle zumindest zwielichtig wirkte, und den aufgrund ihres brutalen Vorgehens verhaßten Oligarchen Kritias und Charmides. Anscheinend erregte Sokrates nach seinem Bleiben in Athen Mißtrauen und Abweichungen von gewöhnlichen religiösen Anschauungen und Kontakte zu politisch unangenehm in Erscheinung getretenen Personen kamen zu der Vorstellung schädlicher Einflüsse zusammen (Kritias als Ergebnis der Erziehung durch Sokrates gesehen).

Prozesse gegen Athener, die in Athen geblieben waren, hat es in dieser Zeit mehrere gegeben, so gegen Eryximachos, Eratosthenes und Hippotherses.

Sokrates wurde nur mit knapper Mehrheit schuldig gesprochen. Bei weniger Aufrechthalten seines Anspruchs und mehr beflissener Rechtfertigung und bei Nachgiebigkeit statt Herausforderung in seiner Rede vor der Entscheidung über das Strafmaß hätte er vielleicht die Todesstrafe vermieden. Auch eine Flucht ins Exil hätte in Betracht kommen können, wurde aber von ihm als nicht mit seinen ethischen Überzeugung übereinstimmend abgelehnt (Platon, Kriton gibt dazu eine Darstellung).

Platon und andere Sokrates-Schüler begaben sich nach der Hinrichtung des Sokrates zunächst einmal nach Megara zu Eukleides (Diogenes Laertios 2, 106; 3, 6).

In Athen haben sich die Lage und das politische Klima wieder beruhigt. Platon hat sich auch mit öffentlichen Äußerungen zurückgehalten.

Diogenes von Sinope war hinsichtlich der Lebensweise und den dazu vertretenem Ansichten schon ziemlich radikal, aber einen scharfen öffentlichen Angriff auf Religion mit den Staatgottheiten und öffentlichem Kult hat er nicht unternommen. Diogenes galt eher als manchmal unterhaltsamer Sonderling, der zu Verrücktheiten neigt, aber von dem keine gefährlichen bedrohlichen Einflüsse ausgehen.

Erklärungen zur Verurteilung des Sokrates enthalten z. B.:

Klaus Döring, Sokrates [2]. In: Der neue Pauly (DNP) : Enzyklopädie der Antike ; Altertum. Herausgegeben von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 11: Sam -Tal. Stuttgart ; Weimar, Metzler, 2001, Spalte 675 – 676

Klaus Döring, Sokrates, die Sokratiker und die von ihnen begründete Tradition. In: Sophistik, Sokrates, Sokratik, Mathematik, Medizin (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 2/1). Herausgegeben von Hellmut Flashar. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1998, S. 146 – 155 (Biographie)

Jochen Bleicken, Die athenische Demokratie. 2., völlig überarbeitete und wesentlich erweiterte Auflage. Paderborn ; München ; Wien ; Zürich : Schöningh, 1994, S. 379 – 392 (Sophistik und Rhetorik)

Jürgen Malitz, Sokrates im Athen der Nachkriegszeit (404-399 v.Chr.). in: Sokrates-Studien. Herausgegeben von Herbert Kessler. Band 2: Sokrates. Geschichte, Legende, Spiegelungen. Kusterdingen : Die Graue Edition, 1995 (Die Graue Reihe ; Band 14), S. 11 – 38

Peter Scholz, Der Prozeß gegen Sokrates : ein ‹Sündenfall› der athenischen Demokratie? In: Große Prozesse im antiken Athen. Herausgegeben von Leonhard Burckhardt und Jürgen von Ungern-Sternberg. München : Beck, 2000, S. 157 – 173 und S. 276 – 279 (Literatur und Anmerkungen)

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Philosophen wurde auch nach Sokrates verfolgt und teils auch hingerichtet. Das bekannteste Opfer der Inquisition ist Giordano Bruno, kannst Du ja mal googeln. Auch der Stoiker Seneka und der Neuplatonist Boethius erlitten einen gewaltsamen Tod. Auch Jesus ist ja immerhin der "Gotteslästerung" angeklagt worden. Bei Sokrates ist zu beachten, dass man bei seiner Beurteilung nicht allein von der idealisierten Darstellung Platons ausgehen kann. Außerdem gehörte Platon selbst der Aristokratie an, die teils hinter dem Komplott gegen Sokrates steckte. Die Frage ist nicht immer, wie radikal jemand ist, sondern eher, wie sehr er bestimmten Mächtigen im Weg ist und zu gefährlich wird. Wenn jemand wie Diogenes allgemein als Spinner gilt, ist er niemandem wirklich gefährlich.

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