Glaubt ihr, die Aussage "Die Lehre von der Gleichheit ist das Ende der Gerechtigkeit" ist korrekt?

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Nein, die Auffassung, die Lehre von der Gleichheit sei das Ende der Gerechtigkeit, ist nicht richtig.

Das Gerechte beruht auf einem Gleichheitsprinzip. Die Beschaffenheit dieses Gleichheitsprinzips ist in einer Ethik näher zu überlegen. Ein strikter Egalitarismus, bei dem alle Menschen in jeder Hinsicht immer genau gleich viel bekonmmen, kann mit begründeten Einwänden abgelehnt werden. Aber eine gerechte Verteilung hat ein Gleichheitsprinzip zur Grundlage, indem eine Entsprechung zwischen Personen bzw. Gruppen und ihren Eigenschaften, Verhältnissen, Zuständen und Handungen, und dem, was sie bekommen, stattfindet. Und es ist die Menschenwürde (etwas grundsätzlich Gleiches) und eine Achtung für eine Person als Person (worauf auf dieser elementaren Ebene gleichermaßen Anspruch besteht) zu berücksichtigen.

Friedrich Nietzsche (das Zitat in der Frage ist eine ungenaue Wiedergabe) scheint bei der Lehre von der Gleichheit, die er angreift, an einen strikten Egalitarismus zu denken, bei dem alle Menschen in jeder Hinsicht immer genau gleich viel bekonmmen. Denn er setzt ihr als von ihm als wahr beurteilte Aussage zur Gerechtigkeit entgegen: den Gleichen Gleiches, den Ungleichen Ungleiches. Wenn er sich darauf beschränken würde, strikten Egalitarismus sorgfältig zu kritisieren, wäre eine Zustimmung möglich. Aber Nietzsche unternimmt einen überzogenen Angriff, lehnt undifferenziert allgemein ein Gleichheitsprinzip als Grundlage der Gerechtigkeit ab.

Gegen einen strikten Egalitarismus, bei dem alle Menschen in jeder Hinsicht immer genau gleich viel bekonmmen, kann eingewendet werden, daß Personen bzw. Gruppen und ihre Eigenschaften, Verhältnisse, Zustände und Handungen nicht völlig gleich sind. Bei der Vergabe von Positionen unterschiedlich gute Fähigkeiten nicht zu berücksichtigen, bei Ehrungen nicht die Verdienste, Fleiß und Faulheit keinerlei Auswirkungen haben zu lassen und dergleichen ist nicht gerecht.

Das Gerechte kann außer an einem allgemeinen Prinzip der Gleichheit in der näheren Bestimmung an verschiedenen Maßstäben/Kriterien festgemacht werden wie Verdienst, Fähigkeit/Qualifikation, Leistung, Bedarf/Bedürftigkeit. Die Anwendung ist Sache der praktischen Vernunft.

Die Äußerung von Nietzsche steht in einem polemischen Zusammenhang gegen Rousseau und die Französische Revolution.

Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert (1889). Streifzüge eines Unzeitgemässen. 48.  

Fortschritt in meinem Sinne. — Auch ich rede von „Rückkehr zur Natur“, obwohl es eigentlich nicht ein Zurückgehn, sondern ein Hinaufkommen ist — hinauf in die hohe, freie, selbst furchtbare Natur und Natürlichkeit, eine solche, die mit grossen Aufgaben spielt, spielen darf… Um es im Gleichniss zu sagen: Napoleon war ein Stück „Rückkehr zur Natur“, so wie ich sie verstehe (zum Beispiel in rebus tacticis, noch mehr, wie die Militärs wissen, im Strategischen). — Aber Rousseau — wohin wollte der eigentlich zurück? Rousseau, dieser erste moderne Mensch, Idealist und canaille in Einer Person; der die moralische „Würde“ nöthig hatte, um seinen eignen Aspekt auszuhalten; krank vor zügelloser Eitelkeit und zügelloser Selbstverachtung. Auch diese [.], welche sich an die Schwelle der neuen Zeit gelagert hat, wollte „Rückkehr zur Natur“ — wohin, nochmals gefragt, wollte Rousseau zurück? — Ich hasse Rousseau noch in der Revolution: sie ist der welthistorische Ausdruck für diese Doppelheit von Idealist und canaille. Die blutige farce, mit der sich diese Revolution abspielte, ihre „Immoralität“, geht mich wenig an: was ich hasse, ist ihre Rousseau’sche Moralität — die sogenannten „Wahrheiten“ der Revolution, mit denen sie immer noch wirkt und alles Flache und Mittelmässige zu sich überredet. Die Lehre von der Gleichheit!… Aber es giebt gar kein giftigeres Gift: denn sie scheint von der Gerechtigkeit selbst gepredigt, während sie das Ende der Gerechtigkeit ist… „Den Gleichen Gleiches, den Ungleichen Ungleiches — das wäre die wahre Rede der Gerechtigkeit: und, was daraus folgt, Ungleiches niemals gleich machen.“ — Dass es um jene Lehre von der Gleichheit herum so schauerlich und blutig zugieng, hat dieser „modernen Idee“ par excellence eine Art Glorie und Feuerschein gegeben, so dass die Revolution als Schauspiel auch die edelsten Geister verführt hat. Das ist zuletzt kein Grund, sie mehr zu achten. — Ich sehe nur Einen, der sie empfand, wie sie empfunden werden muss, mit Ekel — Goethe…“

Nietzsche scheint allgemeine Prinzipien in der Ethik abzulehnen (was kaum stimmig durchgehalten werden kann und auf jeden Fall Raum für Willkür und Beliebigkeit gibt). Er vertritt eine geistesaristokratische Einstellung mit einer Rangordnung, bei der eine kleine Elite oben steht. Nur solchen „höheren Menschen“ will er Gerechtigkeit als eine Gegenseitigkeit (bei gleicher oder nahezu gleicher Macht) zubilligen.

Der Menschheit zu dienen, einen allgemeinen Nutzen und das Glück der Meisten (im Utilitarismus, der in England als ethische Theorie entwickelt worden ist, vertreten) verwirft er als Ziel.

Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft (1886). Siebentes Hauptstück: unsere Tugenden. 228.  

„Keins von allen diesen schwerfälligen, im Gewissen beunruhigten Heerdenthieren (die die Sache des Egoismus als Sache der allgemeinen Wohlfahrt zu führen unternehmen - ) will etwas davon wissen und riechen, dass die „allgemeine Wohlfahrt“ kein Ideal, kein Ziel, kein irgendwie fassbarer Begriff, sondern nur ein Brechmittel ist – dass, was dem Einen billig ist, durchaus nicht dem Andern billig sein kann, dass die Forderung einer Moral für Alle die Beeinträchtigung gerade der höheren Menschen ist, kurz dass es eine Rangordnung zwischen Mensch und Mensch, folglich auch zwischen Moral und Moral giebt.“

Gleichen Gleiches, Ungleichen Ungleiches zuzuteilen, ist schon in der Antike vertreten worden, z. B. bei Platon und Aristoteles. Aber Aristoteles hat in der Nikomachischen Ethik, Buch 5, eine weit bessere Gerechtigkeitstheorie aufgestellt als Nietzsche. Das Gerechte versteht Aristoteles als das proportional Gleiche. Es gibt Verteilungsfragen, bei denen das proportional Gleiche je nach Person unterschiedlich ausfällt. Bei anderen Verteilungsfragen ergibt sich das Gerechte ohne Ansehen der Person (im Recht ist dies die Gleichheit vor dem gesetz). Wenn z. B. ein Schaden zugefügt worden ist, soll dieser entsprechend gutgemacht/ausgelichen werden, unabhängg davon wer die Personen sind.

Aristoteles vertritt also einen Gleichheitsgrundsatz als Grundlage der Gerechtigkeit und damit einen gemäßigten/eingeschränkten Egalitarismus. Keine völlig gleiche Gerechtigkeitsheorie, aber auch einen gemäßigten/eingeschränkten Egalitarismus vertritt z. B. John Rawls.

Dies..ist vielleicht die beste Antwort... die man bekommen kann....So viel Arbeit..Wahre Kunst !

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Das Zitat ist nicht von Nietzsche. Es findet sich nur in irgendwelchen Vorlagen für platte Sprüche zu FDP-Parteitagen.

Im Original lautet das Zitat:

Die Lehre von der Gleichheit!… Aber es gibt gar kein giftigeres Gift: denn sie scheint von der Gerechtigkeit selbst gepredigt, während sie das Ende der Gerechtigkeit ist…


(Götzen-Dämmerung: Streifzüge eines Unzeitgemässen, § 48. 1888)




Nein. Die Gerechtigkeit hört schon viel früher auf.

Aber dass eine vollständige Gleichheit völlig ungerecht ist, halte ich für offensichtlich. Sonst wäre es z. B. gerecht, allen Schuhe derselben Größe zukommen zu lassen.

(Damit haben wir einen offensichtlich unsinnigen Grenzfall und wir haben Anlass, zu überlegen, bis wohin eine Erhöhung der Gleichheit zu mehr und ab wo zu weniger Gerechtigkeit führt. Beides ist natürlich von der Definition der Gerechtigkeit abhängig.)

Ja. Je mehr Gleichheit; desto weniger Freiheit und Gerechtigkeit. 

Zitat:  Das Gesetz in seiner großen Weisheit hat sowohl dem armen Schlucker als an Bill Gates verboten, ein Brot zu stehlen. Beide sind ,,gleich" vor dem Gesetz. Nur macht es für Bill Gates nichts aus, dem armen Schlucker droht der Hungertod.

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