Wieso gibt es in der Bibel 2 Schöpfungsgeschichten?

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Die Schöpfungsberichte sind Mythen und Legenden und keinesfalls Berichte von tatsächlichen Abläufen, sie sind von Menschen verfasst nach den damaligen Vorstellungen von der Entstehung der Welt. Und deshalb weichen sie auch ab, die Bibel ist ein Sammelsurium von solchen Erzählungen von unterschiedlichsten Verfassern, bei jeder neuen Abschrift tauchten Veränderungen auf. Es gibt allerdings Menschen, die glauben, sie wortwörtlich als Wahrheit darstellen zu müssen. Sie irren aber gewaltig.

Hallo Jeannine,

du musst bedenken, dass die beiden Schöpfungsgeschichten aus verschiedenen Zeiten stammen und die Autoren somit verschiedene Weltanschauungen und Intentionen hatten, deshalb kann der Text variieren, jedoch bleibt die Kernaussage gleich. 

Insgesamt kann man sagen, dass sich die Schöpfungsgeschichten ergänzen und uns dabei helfen die Schöpfung Gottes zu verstehen.

Dein Reli-Team vom #TFG

Gleason L, Archer benatwortet in seinem Buch "Schwer zu verstehen" diese Frage genau (S. 81, Stellen 1. Mose 1 und 2 nicht zwei verschiedene Schöpfungsreihenfolgen dar?)

  1. Mose 2 beinhaltet keinen Schöpfungsbericht, sondern den Abschluss des göttlichen Schöpfungswerks aus dem ersten Kapitel. Die ersten drei Verse von 1. Mose 2 führen die Schilderungen aus Kapitel 1 zu ihrem letztendlichen und logischen Schluss, wobei dasselbe Vokabular und derselbe Stil benutzt werden, wie im vorangegangenenen Kapitel. Es beschreibt die Fertigstellung des gesamten Schöpfungswerks und die besondere Heiligkeit des siebten Tages als Symbol und Gedenken an Gottes Schöpfungswerk. 1. Mose 2,4 fasst dann das ganze Werk, das gerade noch begutachtet wurde, mit den Worten zusammen:

"Dies ist die Entstehungsgeschichte der Himmel und der Erde, als sie geschaffen wurden. An dem Tag, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte....."

Nachdem er den Gesamtüberblick über dieses Thema abgeschlossen hat, führt der Autor ein wichtiges, bereits erwähntes Merkmal genauer aus: die Erschaffung des Menschen.

Kenneth Kitchen sagt dazu:

Als Abschluss einer Reihe erwähnt 1. Mose 1 die Erschaffung des Menschen, ohne ins Detail zu gehen. In 1. Mose 2 ist der Mensch jedoch das Zentrum des Interesses; hier werden genauere Einzelheiten über ihn und seine Umgebung beschrieben. Es grenzt an Aufklärungsfeindlichkeit, den ergänzenden Charakter der thematischen Unterscheidung nicht zu erkennen, der zwischen einer provisorischen Skizzierung der ganzen Schöpfung einerseits und der Konzentration auf den Menschen und seine unmittelbare Umgebung anderseits besteht. (Ancient Orient, S117)

Wenn wir den Rest von 1. Mose 2 untersuchen, stellen wir fest, dass er sich mit einer Beschreibung der idealen Umgebung befasst, die Gott für den Lebensanfang von Adam und Eva schuf. Dort konnten sie als seine gehorsamen Kinder in liebevoller Gemeinschaft mit ihm leben. Verse 5-6 beschreiben den unsprünglichen Zustand der "Erde" oder des "Erdbodens" im Gebiet des Gartens Edens, bevor er unter dem speziellen Bewässerungssystem, das der Herr zu seiner Entfaltung benutzte, eine reiche Vegetation hervorsprießen ließ. Vers 7 stellt Adam als neu gebilteteten Bewohner vor, für den Eden gemacht wurde. Vers 8 berichtet, wie er dort hineingesetzt, um die Schönheit und den Reichtum seiner Umgebung zu erkennen und zu genießen. Verse 9-14 beschreiben die verschiedenen Baumarten und die üppige Vegetation, die durch das Wasser der Flüsse getränkt wird, die aus Eden in die Gebiete außerhalb seiner Grenzen flossen. Vers 15 deutet die Tätigkeit an, die Adam als Erhalter und Aufseher dieses großen Naturgebiets übertragen wurde. Aus den ersten fünfzehn Versen des 2. Kapitels wird deutlich, dass sie überhaupt nicht als Schöpfungsgeschichte gedacht waren. Durchsucht man alle Kosmogonien der alten nahöstlichen Zivilisation, wird man unter ihnen nicht einen einzigen Schöpfungsbericht finden, der weder die Erschaffung der Sonne, des Mondes und der Sterne noch der Ozeane erwähnt - in 1. Mose 2 fehlt dies alles. Deshalb ist 1 Mose1 ganz offensichtlich der einzige Schöpfungsbericht in den hebräischen Schriften, der als Hintergrund für 1. Mose 2 bereits vorausgesetzt wird. Selbst von den Tieren ist erst die Rede, als ein Tier nach dem anderen zu Adam gebracht wird und er jeder Tierart einen passenden Namen gibt (V.18-20). Doch bevor Adam diese Erfahrung macht, wird er in eine Bundesbeziehung mit Gott gebracht, der ihm den Genuss der Früchte jedes Baumes im Garten zugesteht, mit Ausnahme des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen (V.16-17) Vers 18 zeigt dann, wie Jahwe Adams vorausgesehenem Bedürfniss nach Gemeinschaft nachkommt - zuerst durch die Gesellschaft der Tiere (V.19-20) und anschließend, nachdem dies sich als unbefriedigend herausstellte, durch die Gesellschaft einer Frau, die aus einem Knochen gebildet wurde, der Adams Herz am nächsten war (V.21-22). Das Kapitel schlißet mit der anschaulichen Darstellung , wie Adam seine neue Hilfe freudig annimmt und sich ihr rückhaltlos in Liebe verpflichtet.

Der Aufbau von 1. Mose 2 steht in deutlichem Gegensatz zu jedem Schöpfungsbericht, der der vergleichenden Literaturwissenschaft bekannt ist. Das Kapitel war nie als Schöfpungsbericht gedacht, außer insofern, als die Umstände der Erschaffung des Menschen als Kind Gottes beschriebenwerden: Er wurde in seinem Bild, mit seinem Lebensodem geschaffen und in eine vertraute persönliche Beziehung mit dem Herrn gebracht. Kapitel 2 baut ganz deutlich auf der Grundlage von Kapitel 1 auf und stellt gegenüber dem ersten Kapitel keine andere Überlieferung und keinen von der Schöpfungsreihenfolge abweichenden Bericht dar.

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