Wenn man urdu kann kann man dann auch hindi?

1 Antwort

Man kann jedes Text in Hindī oder Urdū in jeder der beiden Schriften (Davanāgarī und Perso-Arabisch in seiner Urdū-Variante) schreiben, wenn man die Sprache kennt. Es wäre z.B. vorstellbar, daß jemand eine Vorlesung hält und manche Studenten ihre Mitschrift in Davanāgari und andere in Arabisch anfertigen.

Im Prinzip ist das auch bei geschriebenen Texten möglich, aber man muß auf zwei Fallen aufpassen.

Die Übertragung Devanāgarī→Arabisch ist dadurch erschwert, daß das arabische Urdū-Alpha­bet alle arabischen Zeichen beibehält, auch wenn sie für Laute stehen, die im Urdū gar nicht vorkommen; man benutzt sie zum Schreiben von arabischen Fremd­wör­tern (die sind in Urdū viel häufiger als in Hindī). Das kannst Du grob damit ver­glei­chen, daß wie (mit ein bißchen Übertreibung) im Deutschen den Buch­sta­ben Y nur für grie­chi­sche Fremd­wör­ter im Alphabet mitschleppen.

Das Devanāgarī-Alpha­bet schreibt dagegen grundsätzlich so wie gesprochen, daher hat es keine derartigen Extra-Buchstaben. Das Devanagari-TA त muß z.B. gleicher­maßen für das ت teh und das ط tah stehen. Wer einen Text von Devanāgarī ins ara­bi­sche Alpha­bet überträgt, muß also selber wissen, wann er welchen arabischen Buch­sta­ben schreibt.

Umgekehrt gibt es natürlich das Problem der Vokale, weil das arabische Alphabet kur­ze Vokale nicht schreibt und bei den langen die Vokalqualität nicht immer angibt. Aber je­der, der sicher weiß, wie man Urdū ausspricht, sollte keine großen Schwierig­kei­ten ha­ben, einen Text in Devanāgarī zu verfassen.

P.S.: Ich erkläre die möglichen Schwierigkeiten vielleicht nochmals an einem Beispielwort:

Sowohl im Hindī als auch im Urdū gibt es ein Wort aslī, das soviel wie ‘rein, echt, un­ver­fälscht’ bedeutet. Es kommt letztlich über das Persische aus dem Arabischen und hängt mit dem arabischen Substantiv أصلي aṣl ‘Ursprung’ zusammen. Diese Wort­wur­zel ent­hält den Buchstaben ص , ds ist ein „emphatisches“ s, wie es in Persisch, Urdū und Hindī nicht vorkommt; dort spricht man es wie ein gewöhnliches s aus, be­hält aber den „fremden“ Buchstaben aus Respekt vor der arabischen Sprache bei.

Auf Hindī schreibt man es असली, was man als a-sa-lī wiedergeben kann, aber nach den Regeln der Hindī-Phontik (Urdū genauso) muß das a in der zweiten Silbe unter­drückt werden, weil in der nächsten Silbe ein langer Vokal folgt. Daher ist die Aus­sprache eindeutig aslī.

Wenn ein Hindī-Sprecher es in arabischen Zeichen schreiben will, dann weiß er, daß er die Buchstaben A,S,L,Ī braucht. Bei dreien davon ist es klar, wel­che Zeichen er neh­men muß, aber beim S steht er vor dem Problem, daß er sich für ent­weder س seen (das normale S, das für alle Wörter indischen Ursprungs ver­wen­det wird) oder ص sad (das emphatische S, das in manchen arabischen Wörtern steht) entscheiden muß. Das ist also ähnlich wie bei deutsch Kaiser, wo Du einfach wissen mußt, daß man es mit AI und nicht EI schreibt.

Auf Urdū schreibt man es اصلی A-Ṣ-L-Ī, also mit dem arabisch–emphatischen S. Aus die­ser Schreibweise geht nicht klar hervor, wie das Wort zu lesen ist; es könnte z.B. auch asulī oder esilī oder islī lauten, weil das ا alef am Wortanfang für jeden Vokal steht (das Wort Urdū schreibt man mit demselben Zeichen als اردو A-R-D-W) und weil auch aus der Schrei­bung nicht hervorgeht, ob zwischen dem Ṣ und dem L ein kurzer Vokal hin­ge­hört (und wenn ja, welcher). Ein Hindī-Sprecher, der zwar arabi­sches Alpha­bet kann, aber nicht geübt im Urdū-Lesen ist, muß sich also ein bißchen an­stren­gen, um das Wort über­haupt zu erkennen.

Umgekehrt muß aber auch ein Urdū-Sprecher, der dieses Wort nach Devanāgari tran­skr­i­bieren will, eine Hürde schaffen: Außer der richtigen Schreibung असली a-sa-lī könn­te er nämlich auch अस्ली a-slī in Betracht ziehen, weil beide gleich aus­ge­spro­chen würden. Die Regeln legen nämlich nur fest, wann ein geschriebenes A nicht ge­spro­chen wird, aber nicht so ohne weiteres, wann ein nicht gesprochenes A zu schrei­­ben ist. Auch das muß man also wissen, genauso, wie man im Deutschen ein­fach ler­nen muß, ob man Saal mit Doppel-A oder Dehnungs-H schreibt.

Du siehst also, daß man für eine erfolgreiche Transkription eines geschriebenen Tex­tes beide Schreibsysteme genau kennen muß. Zwar kann jeder Sprecher von Hindī oder Urdū die andere Sprache gut verstehen und auch schnell lesen lernen, aber um sie schreiben zu können, braucht man mehr Wissen als nur eine Buchstabentabelle und allgemeine Regeln.

Woher ich das weiß:Eigene Erfahrung – Lebe seit einigen Jahren meist in Indien, Nepal etc.

Super Antwort 👍🏼

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@miamia99

Dankeschön. Also ist hindi und urdu eigentlich des gleiche wird nur anders geschrieben

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@Kiana773

Ich habe noch ein bißchen in der Antwort ergänzt.

Im Prinzip sind die Sprachen dasselbe, plusminus ein paar Details, die nicht schlim­mer sind als innerhalb Deutschland: In Brandenburg verwendet man vielleicht mehr russische Fremd­wörter und im Saarland mehr französische, und der Rheinländer ist am Arbeiten, was sonst keiner sagt aber jeder versteht.

Aber die Schriftsysteme haben ihre Tücken. Sie sind nicht so giftig wie englische oder fran­zö­si­­sche (oder gar thai­landi­sche, tibetische oder japanische) Ortho­graphie, aber es ist auch nicht so ein­fach wie im Türkischen, wo Du jedes Wort nach Gehör schrei­ben und je­den ge­­schrie­­be­­nen Text buch­staben­weise aussprechen kannst, selbst wenn Du die Sprache gar nicht verstehst.

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