Warum werden fremde Menschen oder Freunde "Onkel/Tante" genannt?

7 Antworten

Im Englischen nennt man dies "fictive kinship", also fiktive Verwandtschaft. Dies gibt es in vielen Kulturen. In Mexiko gibt es den "compadre" (wörtlich "Mit-Vater"), der Patenonkel kann auch dann diese Rolle einnehmen, wenn er kein echter Onkel ist. Früher spielten Paten auch bei uns eine höhere Rolle (auch in der Kindererziehung), als dies heute üblich ist.

In Schweden ist es nicht unüblich, dass man Fremde gegenüber Kindern als "farbror" ("Onkel", wörtlich "Vaterbruder") bezeichnet. Zumindest war dies früher zu hören.

Dass die Krankenschwester eine "Schwester" ist, ebenso wie eine Nonne eine "Schwester" ist (und ein Mönch ein "Bruder"), ist auch so eine fiktive Verwandtschaft.

Es gibt den "Blutsbruder", und junge Leute nennen sich auch oft dann "Bruder" (oder Bro oder Bratan o.ä.), wenn sie nicht verwandt sind (finde ich noch besser als das heute übliche "Alter").

In alten Texten ist die Anrede "mein Sohn" (z.B. von Geistlichen gegenüber jungen Männern) nicht unüblich gewesen. Das ist heute natürlich unüblich geworden.

https://en.wikipedia.org/wiki/Fictive_kinship

Mag sein, dass es auch regionale Unterschiede gibt.

Bei mir war es jedenfalls so, dass ich Freunde meiner Eltern auch als Onkel oder Tante ansprach. Andere Leute im Ort, die man zwar vom Sehen her kannte, wurden aber auch nicht einfach so Onkel oder Tante oder Oma/Opa genannt. Bin zwar in einem kleineren Ort aufgewachsen, der aber eher ein Vorort einer größeren Stadt war und der in der Zwischenzeit auch eingemeindet wurde. Also ganz so ländlich lebte man da nicht.

Allerdings lebte ich mal kurzzeitig bei Verwandten im Allgäu auf einem Bauernhof, als mein Vater von seinem Arbeitgeber dorthin versetzt wurde. Und da war ich wohl noch zu klein, um mitzubekommen, wie man dort andere Leute ansprach, die nicht verwandt waren.

Die Erzieherinnen im Kindergarten nannten wir damals auch Tante.

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@tanztrainer1

Total Fremde haben wir aber nie als Onkel oder Tante angesprochen.

Hab oft den Eindruck, dass man das eher abwertend meint, wenn heutzutage ein Erwachsener eine Frau als Tante anspricht.

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Das kommt vom früheren Dorfleben. Im Dorf hat sich ja jeder untereinander gekannt, und die Leute haben sich gegenseitig unterstützt und geholfen. Die Beziehungen zu Vereinskollegen, Nachbarn, und entfernten Verwandten waren damals auch noch enger. So ging man dann eben auch etwas herzlicher miteinander um, und die anderen erwachsenen Dorfbewohner waren für die Kinder dann Onkel und Tante.

In meinem Heimatdorf war das früher auch so. Die ganz alten Leute wurden dann nur mit "Oma/Opa" und dem Nachnamen betitelt.

Woher ich das weiß:eigene Erfahrung

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