Ist Konditor wirklich so ein "blöder" Beruf?

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Mal ganz direkt gesagt:

  • Nahrungsmittel und Drogen (dazu gehören u.a. die Pharma-, Nikotin-, Alkohol-, Koffein-, und eben auch die Zuckerindustrie) sind hinter fossilen Ressourcen die profitablste Industrie der Welt.
  • Gebäck/Desserts haben den Luxus, die hochpreisigste und gleichzeitig am meisten gesellschaftlich akzeptierte Branche der Drogen zu sein. (Und ich meine „Drogen“ nicht wertend.)
  • Die Leute werden immer essen. Die Chancen daß die Branche plötzlich kein Geld mehr abwirft, ist praktisch null. Grad für die, die etwas schaffen, was heraussteht und besonders ist und andere nicht haben. Was in der Branche besonders leicht ist, wegen der folgenden beiden Gründe:
  • Konditor ist ein Kreativberuf. Damit wird er immer mehr Spaß machen und interessanter und abwechslungsreicher sein als die meisten anderen Berufe. Du machst Kunst, mit der sich im Gegensatz zu gewöhnlicher Kunst auch noch toll den Lebenunterhalt bestreiten läßt, weil sie ja immer wieder gegessen werden will.
  • Konditoreien sind meist eher regional. Und Leute mögen das. Denn es geht ja dabei grad nicht um globalen Einheitsbrei. Dein Konkurrenzkreis ist also natürlich begrenzt. Was der Grund für die haltbaren hohen Preise ist. Grad wenn man was hat was die anderen nicht haben, und in seiner Gemeinschaft dank der persönlichen Kontaktmöglichkeiten und des Feedbacks einen Ruf weg hat. Großindustrie wird das niemals haben können. „Bestenfalls“ werden sie es versuchen auf diese gruselige Psychopathen-Art zu imitieren, die etwa so rüberkommt: https://imgur.com/gallery/VAeA885
  • Wenn du genug freie Hand hast, wird der Beruf dir immer Spaß machen. Was wesentlich wichtiger ist, als zusätzlich Geld zu machen das man eh nicht braucht, um sich Dinge zu kaufen, die einen davon ablenken daß man dafür kein Leben mehr hat. Denn dann ist der Beruf Leben! :) Und man kann Abends stolz nach Hause gehen, im Wissen, selber schönes geschaffen zu haben, und die Welt schöner gemacht zu haben.

Jetzt erzähl mir bitte, warum das nicht einer der besten Berufe der Welt sei? :D

Ja, buckeln in irgendeiner Großkonditorei oder Fabrik ist nicht was ich meine. Mach das nur, wenn du am Verhungern bist, grad absolut keine Geschäftsidee hast, und dir absolut bewußt bist, daß du dann erst Recht keine Zeit und Energie haben wirst, wieder rauszukommen. (Nein, wirst du nicht!)

Wichtig ist halt, daß du den Profit einstreichst, und nicht nur ’ne Arbeitsdrohne bist. Denn Geld macht man damit gut. Aber halt nicht als Arbeitsrobotersklave. Sei dein eigener Chef, sobald du irgendwie kannst. Mach alles davor nur zu diesem Zweck! (Alles Wissen mitnehmen was du kannst, und geübt werden.)

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(Oh, und ich empfehle dir mal, “The Art Of Game Design” von Jesse Schell zu lesen. Mit „Game“ ist hier die Übermenge von Bildung, Kunst, Unterhaltung, Sport und generell tollen Erlebnissen gemeint. Bietet erstaunliche psychologische Schätze, wenn man das für deinen zukünftigen Beruf appliziert. Von “Wie kann man die Sinne des Verzehrers lenken und ein schönes Erlebnis daraus machen.” zu “Wie sollte die Reihenfolge der Schichten des Gebäcks und der Pralinen sein, um die Tollheit des Erlebnisses zu maximieren?“ zu “Wie verkauf ich meine Ideen am besten?“. Genau das was einen aus der Masse herausstellt also.)

Darf ich fragen ob du selber Konditor bist oder in der Branche gearbeitet hast? Das ganze klingt nämlich traumhaft - und leider meilenweit entfernt von der Realität.

LG, eine Konditorin

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@suuusu

@suusu: Ja, sowas gibt es in der Praxis sehr selten. Aber bedenke: Die CHEFS der Läden machen ja sehr wohl Kohle. Und das ist es, was ich meinte: Man muß halt CHEF sein. So bald wie irgend möglich! … Cheffe hat’s ja auch geschafft. Cheffe ist auch nur ein Mensch. Chefs prahlen immer gerne damit, wie sie so erfolgreich wurden. Frag sie, und machs genau so. Statt automatisch davon auszugehen daß das nicht geht, und es „wie alle“ zu machen. Die Laufbahn und die Art Dinge anzugehen ist für die Art von Herangehensweise nämlich ganz anders als „Standard“. (Z.B. muß man generell die Denke haben, zu delegieren, und andere für einen arbeiten zu lassen.) → Arbeitnehmerdenke VS Arbeitgeberdenke.

Der einzige Haken ist, wie meist, die Finanzierung. … Da kann man sich anschauen, wie die ersten Bonzen der Industrialisierung überhaupt zu Bonzen wurden: Das waren nämlich fast alles Adelige. Die haben das gesamte Geld ihrer Familie genommen, und sind damit zu allen wohlhabenden Freunden und Bekannten (und heute auch generell Investoren, wobei man da vorsichtig sein muß, da man, fast per Definition, gelinkt werden kann), und haben ihnen ihren Traum (Egal ob echt oder vom Pferd) erzählt, und Teilhaberschaft versprochen, wenn sie investieren. Dann sind sie mit der gesamten Kohle zur Bank, und haben da das selbe gemacht. Und mit dem Geldberg haben sie dann die ersten Fabriken gebaut. … Gearbeitet haben darin nur die anderen. Wenns was zu tun gab, wurde dafür einfach ein Experte eingestellt. Inklusive Manager. Die einzige Leistung der neuen Geschäftsführer war, drauf zu schauen daß das Ganze sich rentiert. Dann waren die Gläubiger irgendwann abbezahlt, und selbst von Teilhaberschaften konnte man sich durch Abspaltungen befreien. … TADAA! Bonze!

Man beachte, wie das so garnichts mit der Expertise in dem eigentlichen Feld zu tun hat, und wie es präzise darum geht, nicht zu arbeiten, sondern auf dem Rücken anderer zu schmarotzen. Weswegen es immer so dreist ist, wenn sie Sozialleistungs-Empfängern Schmarotzertum vorwerfen.

Aber man braucht (und sollte) ja nicht zu schmarotzen, um sich die Methode zu nutze zu machen. Vor allem weil man seine Passion ja nicht aufgeben will. … So manch einer endet nämlich darin, das Management dann doch zu machen, weil er es nicht über sich bringt, diesen letzten Schlüsselteil auch wegzudelegieren. (Das machen dann meist aber die Erben, zumindest teilweise.)

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@suuusu

Allerdings!

Um selbstständig arbeiten zu können, brauchst du deinen eigenen Betrieb- heißt also, erstmal den Meister machen.

Und eine eigene Betriebsaustattung kostet- je nachdem was man machen will- leicht einen 6stelligen Betrag. Und mit einem Schuldenberg anzufangen, hat schon so manchen "Dickhäuter" nervlich ruiniert.

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Ich habe den Beruf in den 80ger Jahren gelernt. Damals fing es gerade an, dass sich Convenienceprodukte etablierten.

Heutzutage wird in fast allen Betrieben ausschließlich mit Fertig- und Halbfertiprodukten gearbeitet. Der kreative Teil bleibt fast völlig auf der Strecke, selbst der Dreisatz, den man früher für die Errechnung einer Menge benötigte fällt heute weg, weil die Mengenangaben auf den Verpackungen schon drauf stehen.

Die Lehrlinge heutzutage wissen kaum noch was eine Zweikesselmasse ist, geschweige denn, eine Dreikesselmasse.

Feingebäck? Wird fast überall von der BäKo zugekauft und nur noch in eigene Tütchen umgepackt. Auch die Schokobrötchen, Croissants, Berliner...(fast) alles Tiefkühlware die nur noch kurz aufgewärmt wird. Pralinen stellen die wenigsten überhaupt noch selber her. Marzipan modellieren? Viel zu zeitaufwändig, Dekor wird (fast) überall zugekauft! Figuren ebenfalls.

Durch die Industrialisierung stehen die Konditoren heutzutage auch schon um 5.00 ind mittelständischen, gemischten Betrieben auch schon um 2.00 in der Backstube- nicht so wie zu meiner zeit in der Woche um 7.30 und am Wochenende um 6.00.

Wochenend- und Feiertagsarbeit, 6-Tagewochen ist wie gehabt beruftstypisch- allerdings ohne die Wochenend und Nachtarbeitszuschläge wie in anderen Branchen. Dafür heißt es jetzt "Durchschnittslohn".

Wenn du diesen Beruf erlernen willst, dann such dir einen traditionellen Betrieb, reine Konditorei, kein gemischter Betrieb!, und schau dir die Auslagen ganz genau an. Ein geübtes Auge erkennt den Unterschied zwischen Handarbeit und Massenproduktion!

Mach dich auf 3 harte und entbehrungsreiche Lehrjahre mit sehr wenig Geld und viel Arbeit gefasst, meist gepaart mit einem üblen Arbeitsklima und abwertendem Umgangston. Arbeit im Schweinsgalopp, körperlich unter Umständen sehr anstrengend- und an die wirklich schönen Arbeiten kommst du während der Lehrzeit vielleicht garnicht ran.

In den ersten Gesellenjahren geht es u.U. genauso weiter- je nachdem wo du arbeitest. Dieser Beruf ist Berufung, so wie Kindergärtnerin oder Altenpfleger. Eigentlich wie jede Arbeit, wenn man sie liebt und das Geld nicht im Vordergrund steht.

Woher ich das weiß:Beruf – Gelernte Konditorin alter Schule

Das Meiste klingt so, als wäre das ein schlimmer Beruf. Besonders in den Lehrjahren.

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@cismuffin

Ja, ist es.

Man muss schon ein dickes Fell mitbringen um das durchzustehen. Ist genauso schlimm wie eine Kochausbildung nur dass die unangenehmen Seiten etwas anders liegen.

Aber der besch... Umgangston ist beiden Berufen gemeinsam. Es gibt aber auch gute Betriebe!

Such dir Praktikumsstellen- nicht nur eine!- und schnuppere in verschiedene Firmen rein, dann weißt du ob der Beruf zu dir passt.

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Eeem, niemand zwingt dich, mit (fremden) Halbfertigprodukten zu arbeiten. Und Halbfertigprodukte behindern doch nicht deine Kreativität! Sie machen nur die Schritte deiner Idee, die es schon gibt, wesentlich leichter.

Aber die Hälfte der Kunst besteht halt auch darin, den Wert der individuellen Dinge klar machen und verkaufen zu können! Und hey, automatisieren kann ich auch selber! Finde ’nen Makerspace in deiner Gegend, und bastel deine eigenen Pralinenmaschinchen. Hab ich schon gemacht, und damit geht der Preis dann auch nicht nennenswert über das Fertigzeug. Denn Fertigzulieferer wollen ja auch den Profit maximieren. Was du nur bedingt so sehr willst oder so weit treibst wie ein paar psychopathische Schlipse aus Übersee.

Wenn Automatisierung dich dazu zwingt früher aufzustehen, machst du was sehr grob falsch. Idealerweise solltest du deine Idee codieren, und dann kurz vor Ende reinkommen und nur noch die Dinge du bereits von den Maschinen machen gelassen hast zusammenfügen. Also das was übrigbleibt. Leute die keine Ahnung haben, implizieren immer fälschlicherweise, Maschinen würden Kreativität behindern. Sag das mal bitte Beardyman, wenn er sein Beardytron 5000 benutzt. Ich sag nur „one album in an hour“. und nicht weniger kreativ, sondern genau deswegen mehr!

Ich impliziere halt in meiner Antwort, daß man ein selbstständiges und selberdenkendes Individuum ist. Die meisten Menschen werden leider von Geburt an mit aller Kraft in die Form des Arbeitssklaven gepresst. Bloß nicht selber denken oder selber was auf die Beine stellen. Die Lehrzeit ist nur, um schnell das mitzunehmen was schon schnell verfügbar ist. Und natürlich kann man immer bei jemand gutes in die Lehre gehen.

Wir haben in meiner Stadt ’ne Menge unabhängiger kleiner Konditoren, die auch genau deswegen beliebt sind. Niemand will den Industriescheiß. Selbst Bäcker werben damit, keine fertigen Teiglinge zu verwenden. (Nie vergessen, damit aktiv zu werben! Vom rumstehen und hoffen daß jemand erkennt daß man besser ist, kommen keine Kunden.)

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@Evi1M4chine

Da hast du natürlich vollkommen recht.

Aber leider ist es so, dass mittlerweile die meisten mittelständischen Betriebe genauso arbeiten, wie ich es beschrieben habe.

Dazu kommt auch noch ein starkes Nord-Süd Gefälle. Ich lebe im Norden und hier wird (leider) weitgehend so gearbeitet wie ich beschrieben habe. Fahre ich in den Süden, finde ich in einer kleinen süddeutschen Landbäckerei ein besseres Angebot an Konditoreiwaren, als hier im Norden in Betrieben, die sich Konditorei schimpfen.

Der Trend geht auch hier langsam wieder zu den kleinen Manufakturen, allerdings haben die im ländlichen Bereich so gut wie keine Überlebenschancen. Gute Betriebe muss man hier mit der Lupe suchen.

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Ich kenne mich bei diesem Beruf zwar überhaupt nicht aus. Du kannst ja aber nach der Ausbildung und ein paar Jahren Erfahrung selbstständig werden und eine eigene Konditorei gründen. So wird das Gehalt sicher größer sein, wenn du dich mit diesem Thema auch befasst.

oder es wird mit einem derbe verlust und verschwendeter investition enden weil der Laden nicht läuft

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Deswegen habe ich auch geschrieben „wenn du dich mit dem Thema auch wirklich befasst“. Denn wenn sie sich auskennt und auch Talent in dem Beruf hat, ist es zwar möglich aber unwahrscheinlich. Ein Risiko besteht immer, wenn sie ganz normal in einer Konditorei arbeitet kann sie auch gefreut werden.

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@Dukar

Konditor ist ein meisterpflichtiger Beruf. Da musst du erstmal deinen Meister machen was so um die 20.000 kostet- und da sind die Investitionen für einen eigenen Betrieb noch außen vor.

In der Zeit der "Geiz ist geil" Mentalität ein schier aussichtsloses Unterfangen, zumal die Gewinnspannen mittlerweile marginal sind.

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Ok, so genau kannte ich mich nicht aus in diesem Beruf.

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"nach der Ausbildung und ein paar Jahren Erfahrung selbstständig werden" stimmt nicht so ganz. Ja, man kann sich als Geselle selbstständig machen, aber wenn man keinen Meister einstellt (teuer!), darf man nicht außer Haus verkaufen. Sprich: Nur Café, nix zum mitnehmen und keine Bestellungen - und entsprechend dann in der Regel auch kein großes Gehalt. Also lieber selber die Meisterprüfung machen, aber auch die kostet Zeit, Geld und Nerven (vor allem wenn man das neben einem Vollzeitjob macht).

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