Gab es den Begriff "Jahresendfigur mit Flügeln" wirklich im DDR-Sprachgebrauch?

16 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Ich denke, das ist eine vielen Urban-Legends, die über die DDR im Umlauf sind. Ich kenne diesen Begriff ebenso wenig, wie du und ich kenne auch niemenden, der jemals bestätigt hätte, dieses Wort zu DDR-Zeiten gehört zu haben.

Allerdings kann es sein, dass Ernst Röhl als Redakteur der Satirezeitschrift "Eulenspiegel" in einem satirischen Beitrag diesen Begriff erfunden hat. Leute, die das dann für bare Münze nahmen und für bare Münze nehmen wollten, gab es nach der Wende bis heute mehr als genug. Das passte einfach viel zu gut in das konstruierte Klischee, als dass man es einfach als Satire abtun wollte.

"Ernst Röhl, Jahrgang 1937, lebt heute als Rentner am Stadtrand von Berlin. Er habe so manches vergessen, sagt er, aber an die Jahresendfigur erinnere er sich noch. Es war Anfang der achtziger Jahre, da besuchte er einem Kunstgewerbegeschäft, vielleicht auf dem Berliner Alexanderplatz, genau weiß er es nicht mehr. Über dem Tisch mit den Weihnachtsengeln habe ein er ein Pappschild gesehen, das "Jahresendflügelfiguren" angeboten habe. Für Röhl steht fest: "Das Wort ist keine Erfindung, ich habe es vorgefunden und mich erst hinterher in meinem Buch darüber lustig gemacht." "

"Skurrile Blüten trieb aber nicht nur die Sprache der DDR. So gab es die "Rauhfutter verzehrende Großvieheinheit" auch in der westdeutschen Agrarsprache. Gemeint war eine Kuh. "Die Neigung zu Bürokratismen ist ein gesamtdeutsches Phänomen", resümiert Sprachforscher Schlosser. Und vielleicht ist diese Wahrheit geeignet, nach den langen Jahren der Sprachteilung wieder Frieden zu stiften unter den gesamtdeutschen Jahresendbäumen.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/wortmysterium-jahresendfluegelfigur-wer-sagt-denn-so-was-a-456541.html

2
@Dummie42

Na ja, im Zuge der Diskussion und den Äußerungen derer, die in der DDR lebten, muss man wohl konstatieren, dass dieses Wort definitiv nicht zum Sprachgebrauch gehörte, sondern, wenn es denn wirklich als Wortschöpfung existierte, eine einzelne Entgleisung war, die umso freudiger aufgenommen und verallgemeinert wurde.

4

Danke für den Stern!

2

Ich bin auch gelernter DDR-Bürger ... Habe es kurz vor der Wende gehört, dass es sowas gäbe. Und kurz vorm Ende der DDR hatte ich bei einem Bäcker in Schwerin tatsächlich eine solche Beschriftung gesehen. Ich kann mich leider nicht mehr ganz genau erinnern, zumal es da verschiedene Varianten in Umlauf sind. Aber ich glaube das stand Jahresendflügelfigur ... Hab's nur ein einziges Mal gesehen.

Das muss die Erfindung eines Vertriebsleiters gewesen sein. Eine Bekannte erzählte mir schon Anfang der 80er, sie hätte in einem Laden einen Karton mit der Aufschrift "Jahresendpüppchen mit Flügeln" gesehen, in dem ein Weihnachtsengel lag. Wir konnten es gar nicht glauben und haben uns kaputtgelacht. Natürlich macht so etwas die Runde, auch wie das unten genannte Schild auf dem Alexanderplatz, und das fand dann auch Eingang in die Satirezeitschrift "Eulenspiegel". Die brachte einmal einen "Jahresendmann" aufs Titelbild. Damals sprach man auch nicht mehr von Betriebsweihnachtsfeiern, sondern von Jahresendfeiern.

Was ich allerdings mit eigenen Augen gesehen habe: Eine Weihnachtspyramide mit den üblichen Kurrendesängern, allerdings aus Plastik, die als "Figurenkarussell" im Schaufenster stand.

Woher ich das weiß:eigene Erfahrung

Dass auch die DDR-Bürger sich den Weihnachtsenkel nicht nehmen lassen wollten, glaube ich gern. Aber die offizielle Bezeichnung des Verkaufsgegenstandes war so und es gab so einige Begriffe, die typisch DDR waren, an die sich heute aber keiner mehr erinnern mag. Es wird mittlerweile auch bestritten, dass es den Mufuti je gegeben hat. Ich kann mich aber sehr genau daran erinnern, dass eine Tante aus Ost-Berlin den Begriff in meiner Kindheit häufig verwendet hat, weil sie besonders stolz auf ihren Multifunktionstisch war. Wenn wir zu Besuch waren, wurde das Hochfahren und Ausklappen desselben regelrecht zelebriert und der Mufuti als ein typisches Beispiel innovativen DDR-Designs gelobt.

Eine weitere Situation, mit deren Beschreibung ich mir bestimmt den Unmut vieler Brüder und Schwestern aus den neuen Bundesländern zuziehen werde, ist mir aus der Zeit nach der Wende in Erinnerung, als wir mit Kollegen meines Mannes in Charleston (South Carolina) unterwegs waren. Ich habe dort im Antikhandel als Souvenir ein entzückendes Salz- und Pfefferset erstanden. Der Ossi-Kollege meines Mannes fragte mich allen Ernstes, was das sein sollte und rief auf meine Erklärung aus: "Ach eine Gewürzmaschine". Einen antiken zierlichen silbernen Salzstreuer als Maschine zu bezeichnen, hatte schon etwas sehr proletarisches.

Du hast nicht verstanden "Dummie", dass der Euch eine "druntergejuckt" hat ... man sagte ja auch z.B. aus Spaß Waschmaschine zu einem Waschlappen (gibt da so eine nette Tombola, ggf. erinnert sich der eine oder andere, wird bei uns bei Geburtstagen auch immer noch gern zur Belustigung der Gäste genutzt) ... warum das nun gleich "proletarisch" sein soll entzieht sich meinem Verständnis, hat man in bürgerlichen Kreisen also keinen Humor ... oder fehlt es einfach daran die Doppeldeutigkeit zu erkennen???

2
@bigheizer1975

Nein, das meinte der nicht humorvoll, sondern bierernst, genau wie seinen anschließenden Vortrag über die Dekadenz des Westens. Proletarisch ist an dieser Haltung das absolute Fehlen jeden Verständnisses für schöne Dinge, in dem Fall Antiquitäten und regelrechte Verachtung für Menschen, die das anders sehen und darauf dann auch noch stolz zu sein. Ich gebe zu, bei dem war das extrem, aber insgesamt ist mir diese Art bei Ossis immer wieder begegnet.

0
@Dummie42

Das ist wohl wahr, doch findest du derlei Verständnislosigkeit natürlich auch in der alten BRD und jetzt im Gesamtdeutschland. Proletarier sind gemeinhin keine Ästheten, ihr konkretes Arbeitsleben verhindert das!

3
@Dummie42

dummie

Wenn ich die Storys aufzählen würde, die mir nach der sog. "Wende" hier mit meinen "Brüdern" und "Schwestern" aus "Alt-Bundeslandien" untergekommen sind, v. a. hinsichtlich der Kenntnisse über die ehemalige DDR, dann würde mein Wort-Account hier sehr schnell mehrfach überzogen werden! Mach Dich nicht lächerlich mit solchen Episoden.

Es gab und gibt auf jeder Seite Deppen.

Nach 25 Jahren muss ich allerdings immer wieder feststellen, dass ihre Anzahl auf der Westseite die auf der anderen Seite um das Mehrfache übersteigt.

PISA lässt grüßen!

0

Nein, den Begriff gab es nicht. Ich war zu DDR Zeiten oftmals auf Weihnachtsmärkten wie in Dresden oder besonders im kath. Eichsfeld. Den Begriff habe ich weder gehört noch gelesen.

Was möchtest Du wissen?