Ich komme damit nicht klar, schwul zu sein. Wie kann ich damit umgehen lernen?

13 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Hi,

ich will mich auch mal kurz zu Wort melden. Wenn ich Sätze wie die folgenden Lese: 

Ich finde Homosexualität eher gewöhnungsbedürftig und irgendwie komisch, obwohl ich selbst schwul bin. Das ist das verwirrende. Ich kann mich selbst nicht akzeptieren

... dann erinnert mich das exakt an meine Jugend. Ich bin jetzt Anfang 30, führe ein ganz normales, glückliches - und ja: schwules Leben, was ich mir mit 16 Jahren niemals hätte vorstellen können. Und ich erinnere mich genau, wie ich mich in deinem Alter gefühlt habe - so ähnlich wie du. Warum schreibe ich "so ähnlich"? Ich hatte keinen religiösen Druck in der Familie, aber in meinem Dorf gab es halt einfach keine Homosexualität. Punkt. Also gab es auch in meiner kleinen Welt damals einfach keinen Raum für die Vorstellung, dass man schwul sein könnte, und trotzdem irgendwie ein normales Leben führen könnte. Jeder Gedanke daran war irgendwie mit Schuldgefühlen behaftet und ich hab damals noch ein paar Jahre gebraucht, mich überhaupt soweit akzeptieren zu können, dass ich sagen konnte, ja - ich bin schwul. Insofern bist du ja schon einen Schritt weiter - du kannst dir eingestehen, dass du schwul bist. 

Du musst es von der Seite sehen: Wir alle gehören der Spezies "Mensch" an - und zu dieser (wie auch zu anderen Spezies) gehört es eben auch, dass 5-10% homosexuell sind. Wer auch immer diese Welt erschaffen hat - er hat es so gewollt, das sehen wir, wenn wir in die Schöpfung schauen. 100e von Tierarten zeigen Formen von Homosexualität. In keiner Tierart wird Homosexualität irgendwie sanktioniert, außer beim Menschen. Denn der kennt gesellschaftliche Zwänge, Religion und hat sein kleines trauriges Weltbild davon, was richtig und falsch zu sein hat. 

Dass du in dem Alter Schuldgefühle hast, weil du schwul bist, verstehe ich. Das ist normal. Die hat wohl jeder. Du bist schließlich stets in der Annahme erzogen worden und aufgewachsen, du wärst heterosexuell. Das geht jedem Schwulen so. Und jeder Schwule nimmt das irgendwann als Erwartung von allen anderen wahr, dass er heterosexuell zu sein hat. Das hat meistens niemand je gefordert, aber man nimmt es so wahr. Bei dir ist es noch einen Zacken schärfer - deine Eltern haben direkt thematisiert, dass sie von Homosexuellen nichts halten. Was ich sagen will: Mit 16 Jahren ist dein Weltbild nach ganz stark von deinem Umfeld und vor allem deiner Familie geprägt. Dass du dadurch automatisch Schuldgefühle hast, weil du eben in dieses Weltbild nicht hineinpasst, ist logisch. Du musst dir aber klar machen - am Ende hast du nur ein Leben - und du möchtest doch das beste für dich daraus machen.

Deshalb - höre auf, dich vor dir selbst zu schämen. Du bist immer noch du selbst. Du hast dir das nicht ausgesucht. Dass der eine oder andere von uns schwul ist, gehört halt zu der Tatsache dazu, dass wir alle Menschen sind. 

Selbst wenn du in deiner Familie damit wenig Rückhalt haben wirst - glaube mir einfach wenn ich sage: In dieser Welt und vor allem in Deutschland ist viel mehr möglich, als du dir mit 16 vorstellen kannst. Wenn mir mit 16 einer gesagt hätte, dass ich mit 30 mit einem Mann verheiratet bin, mit ihm zusammenlebe, dass die Menschen um mich herum alle wissen, dass ich schwul bin und es niemand stört - das hätte ich für Wunschdenken gehalten, aber es nicht geglaubt. Ich glaube, es ist einfach wichtig im Leben, sich mit den Menschen zu umgeben, die einem gut tun. Und es kommt vor, dass die eigene Familie nicht dazu gehört. Das ist dann traurig - aber es gibt 1000e von tollen Menschen da draußen, die dein Leben bereichern können und deren Leben du bereichern wirst, da bin ich mir sicher. Ich habe viele Freunde, die mir zum Beispiel viel wertvoller sind, als entfernte Verwandte - Freunde sind die Familie, die man sich aussucht.

Sei dir einfach selbst treu, arbeite darauf hin, dass du irgendwann selbst bestimmen kannst, in welchen Kreisen du verkehrst, und wenn du Angst vor der Reaktion deiner Familie hast, dann lass sie doch zumindest so lange im Dunkeln, bis du auf eigenen Füßen stehst. Und was die Religion angeht. Naja - das musst du selbst wissen. Ich bin kein großer Fan davon, dass einige wenige Menschen der Meinung sind, Gottes/Allahs Wille genau zu kennen, obwohl es im krassen Gegensatz zu Gottes Werk - der Schöpfung - steht. Wie kann eine Religion es verbieten, Mensch zu sein und zu lieben, wenn ganz offensichtlich Homosexualität zu unserer Spezies dazu gehört. Wie kann ein Schöpfer uns mit Verstand segnen, und dann verlangen, ihn auszuschalten und ohne zu Hinterfragen einfach zu glauben. Der Vogel hat auch Flügel und käme gar nicht auf die Idee, sie nicht zu nutzen, nur weil es ihm einer sagt. Wir haben unseren Verstand. Nutzen wir ihn. Ich sage nicht, dass man nicht glauben kann - ich finde nur, man sollte nie blind folgen. Und am Ende ist es ja wohl unser Schöpfer der über uns urteilt - nicht die anderen Menschen - also sollten die sich das auch nicht anmaßen. 

danke für diesen Beitrag☺. es hat mir so einiges klar gemacht

0

Es sind zwei getrennte Dinger. Einmal mußt du lernen, es für dich selbst zu akzeptieren. Und das kannst du. Du mußt wissen, daß es nichts schlimmes ist. Du hast halt immer eine negative Einstellung dem gegenüber gehabt und deswegen findest du es unangenehm, daß du nun selbst so bist. Aber versuch einfach mal eine offene tollerante Einstellung für dich zu gewinnen.

Die andere Sache ist die, wie dein Umfeld reagiert. Und wenn du meinst, daß du es lieber verheimlichen willst, dann mach es ruhig. Zumindest zunächst einmal. Sollte es sich ergeben, daß du wirklich in einer längerfristigen glücklichen Beziehung bist, dann kannst du dir immer noch überlegen, ob du dich nun dazu bekennen willst oder nicht. Aber solange du keine feste Beziehung hast, geht es eigentlich ganz gut, wenn du es für dich behälst.

Was die Religion angeht: Die Religion ist immer das, was man für sich für richtig hält. Institutionen versuchen da zwar Vorgaben zu machen. Aber man muß nicht alles für sich annehmen und kann trotzdem ein guter Christ oder Moslem sein.

Ich behalte es wirklich erstmal für mich. danke☺

0

Ich denke, eine Daumen kann man hierlassen :)

0

Das mit deinen Eltern ist natürlich ein Problem...Versuche vlt., Filme/Serien zu gucken, in denen dieses Problem auch behandelt wird. Dann lernst du passiv. (pretty little liars...) Liest du? Kennst du City of Bones/Chroniken der Unterwelt? Dort ist einer der Hauptpersonen schwul, und er kommt auch nicht klar damit, bis sich dann einer in ihn verliebt und ihm hilft, mit sich selbst klarzukommen. Dieses Pärchen ist übrigens für viele Fans das Lieblingspärchen, sogar vor den Hauptpersonen! (Google mal: Malec - City of bones - the mortal instruments) Es ist ja ein bekanntes Problem, dass man sich nicht getraut, sich zu outen. Oft verliebt ein Schwuler, der sich bereits getraut hat, in jemanden, der noch nicht so weit ist, und oft kann er dann demjenigen helfen durch seine eigenen Erfahrungen. Und: du darfst dich nicht von einer Religion und Meinungen anderer, insbesondere deine Eltern, einschüchtern lassen!

das mit den serien ist eine tolle idee. danke☺

0

Bitte, cool, dass ich helfen konnte (:

0

Jeder, der schwul oder lesbisch ist, ist zuerst verwirrt. Niemand möchte anders sein, niemand möchte plötzlich gegen den Strom schwimmen. 

Die erste Stufe ist somit, sich selbst so zu nehmen, wie man eben ist. Du kannst es nicht ändern, niemand kann das. Du kannst es annehmen - oder du kannst es verleugnen. Dich selbst und alle anderen anlügen. Macht dich das glücklich? Nein.

Also: Nimm dich so, wie du bist. Du bist Leben16, ein wunderbarer Mensch, von Gott/Allah/Jahwe/Brahma/der Natur/dem Universum genau so gemacht, wie du eben bist. Lerne, dich zu lieben. Dass du auf Männer stehst macht nur einen kleinen Teil deiner Persönlichkeit aus. Häng es nicht daran auf, sondern sieh das einfach als gegeben. Du bist toll, genau so wie du eben bist.

Dass deine Familie nichts davon wissen will, ist ihr Problem - nicht deins. Das geht sehr vielen jungen Menschen so, egal ob sie in streng konservativen christlichen, jüdischen oder islamischen Familien aufwachsen. Es gibt auch Leute, die sind überhaupt nicht religiös und verurteilen schwule und lesbische Menschen. Das hat also kaum was mit Religion zu tun.

Wenn die Familie dich nicht so nehmen kann, wie du bist, dann sag ihnen nichts. Familie hat nichts mit Blut zu tun - du findest eine andere mit Menschen, die dich lieben mit all deinen Facetten.

Der Islam und die Homosexualität lassen sich sehr wohl verbinden, das geht auch mit dem Judentum oder dem Christentum. Die Schriften sind alt, sie stellen die Idee der Welt vor tausenden Jahren dar. Sie müssen interpretiert werden. Es gibt sogar Schriftgelehrte, die Homosexualität als für den Islam okay sehen, da er nie explizit im Koran erwähnt wird.

Hier ein kleines Beispiel für dich http://www.ismailmohr.de/islam_homo2.html

Es hat keinen Zweck, die Familie bekehren zu wollen. Lebe dein Leben, ziehe von zu Hause aus und lass sie sein, was sie sind. Vielleicht findest du auch Gesprächspartner und Hilfe bei einer schwulen Jugendorganisation in deiner Nähe.

So oder so, die zwei Möglichkeiten hast du: Sei du selbst und lebe dein Leben - oder lebe das Leben deiner Familie, heirate eine Frau, mach ihr einige Kinder und merke dann mit 40, dass du immerzu nur gelogen hast und dein Leben verpasst hast.

Sei du selbst, genieße dein Leben und schau zu dir!

oh mein gott du hast mir irgendwie aus meiner seele gesprochen. danke. du bist so eine warmherzige und Verständnisvolle person. ich will doch auch nur mein leben genießen und glücklich sein und ich glaube das kann ich auch ohne Eltern

0

Vorab: Du hast erkannt für dich erkannt, von dem du dachtest, dass es anders ist. Natürlich ist das erst einmal ein Schock - als ganz simples Beispiel: Stell dir vor, du wachst morgen früh ohne Haare auf dem Kopf auf. Tiefergreifend können wir dir allerdings nicht helfen, was genau dich daran stört. Ich vermute, neben deinem Identitätsproblem kommt auch viel Druck durch dein Umfeld, welches dir Schlechtigkeit der Homosexualität suggeriert.  Aber, wie gesagt: Wir können hier kein fachliches Urteil abgeben. 
Wie es auf mich wirkt, scheint dir Religion eher im kulturellen als im wahrlich religiösem Sinne wichtig zu sein. So wäre mein Rat, dass du dich für DEIN freies Leben entscheidest, also für das, was DU willst; nicht das, was man dir für dich vorzuschreiben versucht. In diesem Falle läuft das wohl auf ein 'Nein, Islam.' hinaus. 
Es gibt extra Anlaufstellen für Leute, die Probleme mit ihrer Sexualität bzw. dem Leben damit haben. Von Beratung bis zur Hilfe des 'Outings' kann man dort Hilfe finden. 
Wichtig wäre noch zu wissen: Warum willst DU denn nicht homosexuell sein? Solltest du auf Männer stehen, so ist das doch kein Problem. Jeder soll glücklich werden, wie es ihm beliebt.  Das größte Problem ist wohl, dass wir lernen müssen, offen mit Sexualität umzugehen - Sexualität ist natürlich und nichts, wofür man sich schämen müsste! ;)
Alles Gute! :)

danke. es hat auch mit der kultur zu tun. deshalb bin ich wohl so abgeschreckt

0

Was möchtest Du wissen?