Was soll ich denken? Früher waren die Menschen doofer?

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Die Menschen in der Antike und im Mittelalter gehörten auch zur Spezies (Art) Homo sapiens. Die Meinung die Menschen vor 2000 oder 3000 Jahren seien deutlich dümmer als die heutigen Menschen gewesen, halte ich für falsch. Ein Nachweis einer signifikant gestiegenen biologischen Leistungsfähigkeit (z. B. Gehirnkapazität) ist mir für diesen in Bezug auf die Evolution auch nichts besonders langen Zeitraum nicht bekannt. Beim Menschen scheint seit einiger Zeit hauptsächlich eine kulturelle Evolution stattzufinden. Diese ist keineswegs einfach eine stetige Verbesserung in jeder Hinsicht und verläuft nicht geradlinig in eine einzige Richtung.

Eine Herangehensweise mit dem Vorurteil, heutige Menschen seien den Menschen in der Antike und im Mittelalter in ihren geistigen Fähigkeiten überlegen, halte ich für verfehlt.

Geringschätzige Beurteilungen wie die genannten beruhen meiner Meinung nach auf Begriffsverwechslungen, Resten eines auf zeitliche Entwicklung bezogenes Geschichtsbildes, und der Verbindung von Klischees und geringen Kenntnissen. Weisheit, Klugheit oder Intelligenz sind etwas anderes als Wissen im Sinn einer großen Informationsmenge. Aus dem Nichtverfügen über bestimmte Informationen zu einer bestimmten Zeit auf geringe Weisheit, Klugheit oder Intelligenz der damals lebenden Menschen Zurückzuschließen, ist nicht berechtigt und zeigt einen Mangel an sorgfältiger Begriffsunterscheidung.

Es hat einmal (vor allem in der Neuzeit, insbesondere im Zeitalter der Aufklärung) ein Fortschrittsdenken gegeben, das an ein erreichbares im wesentlichen ständiges Voranschreiten zum Besseren glaubte. Die Erwartungen habe sich nicht erfüllt. Der Begriff, der ein lineares Zeitmodell nahelegt, ist aber nicht völlig verschwunden und kann in abgeschwächter Form Vorstellungen beeinflussen.

Das Mittelalter ist in einer Abwendung in der Neuzeit das „finstere Mittelalter“ geworden. Wenn auf einen niedrigen Stand und im Gegensatz zur Vernunft Stehendes verwiesen wird, kann allerdings auch tatsächliche Vielfalt aus dem Blick geraten. Überkommene Allgemeinplätze können Klischees transportieren und bei geringen eigenen Kenntnissen die Sichtweise beherrschen. Pauschale und holzschnittartige Aussagen sind die Folge.

In den frühen Hochkulturen wie z. B. in Ägypten, Mesopotamien, Indien und China gab es beachtliche Kenntnisse und Leistungen.

In Naturwissenschaften und Technik ist der heutige Stand weiter. Auch die Menge der Informationen (wobei auch falsche Informationen eingeschlossen sind) allgemein und die Zugangsmöglichkeiten haben zugenommen.

In der persönlichen Lebensführung und im sozialen Verhalten sind nicht generell die heutigen Menschen weiser, klüger und intelligenter als Menschen früherer Zeiten.

Die Leistungen in Literatur, bildender Kunst oder Philosophie (im antiken Griechenland mit hervorragenden Gedanken hervorgetreten) bzw. Weisheitslehren waren nicht im Vergleich zu dem, was heutzutage geschaffen wird, geringwertig.

Gerade das, was Grundbedingungen menschlichen Daseins betrifft, kann immer noch stark ansprechen.

Die Dichterin Sappho, die um 600 v. Chr. (von Ende des 7. bis Anfang des 6. Jahrhunderts) lebte, kann mit den Gedanken und Gefühlen des lyrischen Ich in ihren Gedichten (nur teilweise erhalten) vieles ausdrücken, das im Kern auch heute noch Bedeutung hat, ein Beispiel:

Sappho, Gedichte : griechisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Andreas Bagordo- Düsseldorf : Artemis & Winkler, 2009 ( Sammlung Tusculum), S 61:

Οἰ μὲν ἰππήων στρότον, οἰ δὲ πέσδων,

οἰ δὲ νάων φαῖσ’ ἐπὶ γᾶν μέλαιναν

ἔμμεναι κάλλιστον, ἐγὼ δὲ κῆν’ ὄττω τις ἔραται.

„Die einen sagen, ein Reiterheer, die anderen ein Fußvolk,

noch andere sagen, eine Flotte sei auf der schwarzen Erde

das Schönste – ich aber: das, worin man verliebt ist.“

Früher waren die Menschen weniger gebildet aber keines falls doof oder dumm.

Und Zivilisationen gabe es schon lange vor Erfindung des Stroms oder der Dampfmaschine, die Zivilisationen waren damals nicht anders als heute. Nur die Mobilität und verschwendung wie wir sie heute kennen gab es damals halt nicht.

Männer erlernten ihr Handwerk vom Vater und entweder wurde der Betrieb übernommen (Erstgebohrener) oder man zog in ein anderes Dorf und baute seinen eigenen Betrieb auf. Frauen lernten von ihren Müttern wie man einen Haushalt führt, heirateten dann einen Mann mit Handwerk und führten dann den Haushalt. Ohne die ganzen elektrischen helferlein und moderne Chemie war ein Haushalt ein Vollzeitjob. Man konnte also entweder Geld verdienen ODER einen Haushalt führen, man musste Heiraten und die geschlechtlich vorgegebene Rolle spielen um zu leben.

Die Unterschiede liegen wohl auf anderen Feldern als dem Zwischenmenschlichen oder den weisheitlichen / 'philosophischen' Betrachtungen - diese Dinge können zeitlos und zeitlich nachvollziehbar sein und bleiben. Die Lebensbeschreibungen des Augustinus von Hippo aus dem 4. Jahrhundert kamen mir beim Lesen auch sehr 'vertraut' oder zumindest in einer Weise vor, dass dieses auch heute passieren könnte. Was im Heute anders läuft, ist z.B. das allgemeine Schulsystem, die Diversifikation von Lebens- und Arbeitsformen und Bildungsinhalten. Zwischen uns und diesen fernen Zeiten liegen viele Jahrhunderte aufgezeichneter Geschichte, auf die heute ein geistiger, politischer und wissenschaftlicher Aufbau und Rückgriff möglich ist. Das ist eben auch ein kollektiver Lernprozeß. Was nicht heißt, dass es heute nicht ungebildetere, geistig unfittere Individuen gibt als zu früheren Zeiten ...

schöne antwort

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Dümmer? Sie waren ungebildeter. Man muss da die Gesamtheit betrachten, nicht einen einzelnen Menschen. Wenn du schon das "finstere Mittelalter" ansprichst: da hat kaum eine Frau etwas schreiben KÖNNEN. Weil kaum einer schreiben und lesen konnte.

In der heutigen Zeit ist zumindest in Europa eine Schulbildung Pflicht und quasi jeder hat die Möglichkeit, so viel zu lernen wie er möchte (allein z.B. Zugang zu Büchereien).

Der Mensch an sich in seinen Verhaltensweisen, Instinkten und seinem angeborenen Sozialverhalten hat sich ja auch nicht verändert in den letzten 2000 Jahren.

Es geht in Bildungsbelangen ja eben nicht nur im den Input an mehr oder weniger vergänglichen und zweitrangigen Fakten, sondern um die Schulung des Denkens 'an sich', d.h. die Fähigkeit selbst zu denken, selbst stringente Schlüsse zu ziehen und daraus einen Vorteil in Denkvorgängen zu erlangen.

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Ich glaube kaum, dass die Menschen damals dümmer waren. Hätte ihnen vor 2000 Jahren die schulische Bildung und das erlangte Wissen, welches sich über die Jahrtausende angesammelt hat zur Verfügung gestanden, dann wären sie genauso gewesen wie wir heute sind. Da war der Bildungsdurchschnitt auch ganz anders festgelegt. Wenn man Lesen und Schreiben konnte hat man sich schon von der Masse abgehoben. Heute ist man deshalb noch lange kein Genie. Durch die gesellschaftliche Entwicklung liegt die Messlatte ein wenig höher. Hätte jeder die Möglichkeit gehabt seine "Bauernweisheiten" niederzuschreiben, dann wären wir sicherlich überrascht, wie sehr wir uns in ethischer Hinsicht mit der ganz normalen Mittelschicht identifizieren können.

Außerdem haben wir uns zu dem was wir heute sind auch nur durch schlaue und Wissbegierige Menschen entwickelt. Wenn einem damals gesagt wurde alle Rothaarigen seien böse Hexen, dann hat das auch keiner Hinterfragt, sondern einfach so hingenommen. Wenn man heutzutage den Schülern noch erzählen würde, dass die Erde eine Scheibe sei, dann würden sie das wahrscheinlich Kopfnickend akzeptieren. Das Desinteresse ist nämlich unglaublich groß geworden, seit Bildung kein Privileg mehr ist. Natürlich gibt es heute auch noch schlaue Köpfe - die erfinden zwar nichts Weltbewegendes mehr, wie die Dampfmaschine sondern halt das neue iPhone.

In sozialer Hinsicht hatten sie uns jedoch einiges vorraus. Damals war es noch üblich sich mit anderen Menschen persönlich zu Unterhalten, was heute dank moderner Kommunikationsmittel allmählich vom Aussterben bedroht scheint. Durch ihre strenge Erziehung war der Tonfall auch noch gesitteter. Da gab es zwar auch schon die frechen "Lausbuben", aber diese hätten sich auch nie angemaßt die Mutter anderer Leute zu beleidigen. Das Niveau sinkt mit jeder Generation seit dem Mauerfall, zumindest kommt es mir so vor.

Ich halte dieses "Früher-war-alles-besser"-Denken im Hinblick auf das soziale Miteinander nur für eingeschränkt berechtigt. Ja, z.B. Familie hatte einen (notgedrungen) anderen Stellenwert - aber wir dürfen nicht davon ausgehen, dass Menschen "früher" allgemein gerechter, moralischer oder friedlicher (oder auch weniger eigennützig und egoistisch) waren als heute.

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@HektorPedo

Ich gebe dir da grundsätzlich Recht und dass früher alles besser war sollte in diesem Sinne auch gar nicht so rüberkommen. Da ich selbst noch am Anfang meiner 20er Jahre bin, kann ich das auch gar nicht so beurteilen.

Man merkt dies ja auch daran an wie viele Konflikte, damals wie heute, mit Waffen und körperlicher Gewalt herangegangen wird. Oder dem Stellenwert des Geldes und der Intoleranz gegenüber Andersartigen (Apartheid, Verachtung homosexueller Menschen, etc.). Der Mensch wies schon immer negative Eigenschaften wie Egoismus, Feindseligkeit, und Engstirnigkeit auf und wird es wohl auch immer tun.

Allerdings finde ich, dass sich die heutige Art der Kommunikation einiger junger Leute, verglichen mit Früher wirklich verschlechtert hat, was zum Teil an den "aufgelockerten" Erziehungsmethoden und am sozialen Umfeld liegt. Wäre jemand meiner Urgroßmutter (Gott hab sie selig) mit einem Spruch wie "Deine Mudda is so dumm, alter." gekommen, dann hätten sie noch eins mit dem Kochlöffel rüberbekommen. Manchmal kann und will ich mich da gar nicht mit meiner Generation identifizieren, da ich mich, um es nett auszudrücken, fremdschäme.

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@FiammeNelCielo

Aber ist es nicht schon ein fortschrittliches Novum, dass Kochlöffel heute nur noch beim Kochen Verwendung finden? ;-D

Dein Text ist gut.

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