Was sind mögliche Ursachen für Homophilie?

16 Antworten

Hi

Kindliches Trauma ist keine Ursache für Homosexualität.

Wenn du weißt dass es taktlos ist nach "Anomalien" zu fragen, warum wählst du das Wort.

Homosexualität ist nicht selten, und nicht rein biologisch determiniert. Sie hat eindeutig eine genetische Komponente. Hier braucht man aber nicht mehr nach einer Mutation oder so zu suchen, es ist komplizierter. Das gilt auch für die nicht genetische Komponente, auch dort ist es keinesfalls so dass simple oder besonders auffällige Erklärungen es sein werden.

Man muss als allererstes festhalten, dass homosexuelles Verhalten im Tierreich sehr weit verbreitet ist. Es ist unter anderem dokumentiert bei sämtlichen Menschenaffenarten, bei vielen anderen Primaten, Delfinen, Elefanten, Giraffen, Löwen, Geier, Pinguinen, Schwänen und vielen mehr. Sogar bei Wirbellosen wurde schon von homosexuellem Verhalten berichtet. Man muss mit einer gewissen Einschränkung aber anmerken, dass Tiere in den allermeisten Fällen nicht ausschließlich homosexuell agieren. Am ehesten könnte man noch sagen, dass die meisten Tiere einfach bisexuell sind. Es gibt gute Gründe dafür, dass man auch für uns Menschen annehmen kann, dass die meisten von uns mehr oder weniger stark bisexuell und nicht heterosexuell sind. Über diese Hypothese habe ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben.

Oder gibt es doch evolutionäre oder naturliche Gründe.

Die gibt es in der Tat. Man muss aber zwischen den proximaten und den ultimaten Gründen unterscheiden.

Mit proximaten Ursachen sind die physiologischen und biochemischen Mechanismen gemeint, die zur Homosexualität führen. Anders gesagt, man stellt sich die Frage: Was verursacht Homosexualität? Man kann auch allgemeiner fragen, nämlich: Was beeinflusst die sexuelle Orientierung im Allgemeinen? Denn man kann ja ebenso gut fragen, warum ein Mensch heterosexuell ist.

Eine der größten Zwillingsstudien aus Schweden durchgeführt von Niklas Långström und Kollegen zeigte, dass Homosexualität wohl zumindest teilweise genetisch festgelegt ist, größtenteils aber wohl Umweltfaktoren daran beteiligt sind. In der Studie wird geschätzt, dass der Anteil genetischer Einflüsse bei Männern zwischen 34 - 39 % und bei Frauen zwischen 18 - 19 % liegt. In einer genomweiten Assoziationsstudie (GWAS) aus diesem Jahr fanden Andrea Ganna und ihre KollegInnen verschiedene genetische Marker, die wahrscheinlich mit der sexuellen Orientierung korrelieren. Der Einfluss jedes einzelnen Markers allein wird aber als gering eingeschätzt. Ein einzelnes "Homo-Gen" (genauer gesagt Homo-Allel) gibt es aber nicht.

Darüber hinaus wird diskutiert, ob Einflüsse während der Schwangerschaft zur Homosexualität führen könnten. Denkbar wäre etwa ein hormoneller Einfluss, dass z. B. ein Junge dann homosexuell wird, wenn er während einer bestimmten Phase in seiner Fetalzeit einer großen Menge an Östrogenen (weiblichen Sexualhormonen) ausgesetzt ist.
Eine Studie von Anthony F. Bogert und Kollegen, die 2018 in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht wurde, untersuchte einen Sachverhalt, den Bogaert schon früher festgestellt hatte. Er hatte festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Sohn homosexuell ist, steigt, wenn er einen älteren Bruder hat und nannte dies den older brother effect (Älterer-Bruder-Effekt). Die Forscher vermuten, dass das Immunsystem der Mutter auf ein bestimmtes Protein reagiert, welches ausschließlich von männlichen Feten produziert wird (das Gen dazu befindet sich auf dem Y-Chromosom, das nur Männer besitzen) und Antikörper bildet. Dieses Protein ist für die männliche Differenzierung des Fetus notwendig und im Fall einer neuen changerschaft mit einem Jungen könnte das Immunsystem der Mutter umgehend mit der Produktion dieser Antikörper beginnen. Der ältere Sohn würde sozusagen wie eine "Impfung" gegen dieses Protein wirken. Beim jüngeren Bruder würde die daraus resultierende verringerte Proteinmenge dann zur Homosexualität führen.

Eine Hypothese von Rice et al. aus dem Jahr 2012 verfolgt einen ganz anderen Ansatz. Sie geht davon aus, dass Homosexualität eine Folge der Vererbung epigenetischer Muster ist. Epigenetik fasst alle Mechanismen zusammen, welche die Aktivität der Gene regulieren, ohne den genetischen Code (= die Sequenz der DNA) selbst zu verändern. Durch epigenetische Einflüsse werden manche Gene stumm geschaltet, andere bleiben aktiviert oder können sogar in ihrer Aktivität hochgefahren werden. Die Forscher argumentieren, dass beispielsweise ein Vater sein epigenetisches Muster (das bei ihm eine Präferenz für das weibliche Geschlecht auslöst) auf eine Tochter vererben könnte, die dann ebenfalls diese Präferenz haben wird, also lesbisch sein wird. Umgekehrt könnte ein Sohn dann schwul werden, wenn er das epigenetische Muster seiner Mutter (mit männlicher Präferenz) erbt. Allerdings ist bislang noch kein Mechanismus bekannt, bei dem epigenetische Muster beim Menschen vererbt werden. Für gewöhnlich werden sie in jeder Zygote gelöscht und es entstehen individuell neue epigenetische Muster.

Mit ultimaten Gründen sind die Fragen nach dem Nutzen einer Verhaltensweise gemeint. Es geht also um die Frage: Wozu ist Homosexualität gut und was ist sein evolutiver Wert?

Auch hierzu gibt es zahlreiche Überlegungen, die meist soziobiologischer Natur sind. Die wahrscheinlich älteste Erklärung von Homosexualität liefert die auf William D. Hamilton zurückgehende Idee der Verwandtenselektion. Ein Individuum kann seine biologische Fitness (den Beitrag seiner Allele zum Genpool) nämlich nicht nur durch eigenen Nachwuchs steigern, sondern auch durch Verwandte. Aus genetischer Sicht teilt der eigene Nachwuchs beispielsweise ebenso viele Gene mit einem selbst wie ein Vollgeschwister. Man kann also eine genauso große biologische Fitness erreichen, wenn man den Eltern beim Aufziehen von Geschwistern hilft wie wenn man eigene Nachkommen zeugt. Homosexuelle, so die Überlegung, könnten ihre Verwandten beim Großziehen der Nachkommen helfen, ohne dabei aber selbst die Kosten zu tragen, die eine eigene Reproduktion verursachen würde. Ein Homosexueller könnte so unter Umständen sogar eine höhere Fitness erreichen als durch eigene Nachkommen, wenn die Umweltbedingungen so schlecht sind, dass eigene Nachkommen wahrscheinlich nicht überleben werden.

Ein anderer Vorteil von Homosexualität wird deutlich, wenn wir uns vor Augen führen, dass der Mensch ein soziales Lebewesen ist und dass sich unsere Sexualität von ihrem ursprünglichen Zweck, der Fortpflanzung, losgelöst hat (Menschen praktizieren Sex auch während der unfruchtbaren Phase der Frauen, nach der Menopause sowie einfach zum Vergnügen). Ähnlich ist es auch beim Bonobo (Pan paniscus), der gemeinsam mit dem Schmpansen (Pan troglodytes) als unser nächster Verwandter gilt. Bonobos sind für ihre Sexualität berühmt- berüchtigt. Bei Bonobos ist Sex von der Reproduktion weitgehend losgelöst und ist ein wichtiges Mittel, um in der Gruppe Konflikte zu vermeiden bzw. beizulegen. Das schließt auch die Versöhnung unter gleichgeschlechtlichen Artgenossen mit ein. In der Tat sind Bonobos eine durch und durch bisexuelle Spezies. Insbesondere bei den Weibchen ist der Anteil homosexueller Handlungen extrem hoch, kommt aber auch unter Männchen vor. Insgesamt machen homosexuelle Handlungen am gesamten Sexualverhalten der Bonobos rund 60 % aus. Es ist also denkbar, dass Sex auch bei unseren Vorfahren ein wichtiges Mittel zum Beilegen von Konflikten gewesen sein könnte. Um Konflikte mit gleichgeschlechtlichen Artgenossen beizulegen, ist es natürlich erforderlich, dass man für derartige homosexuelle Avancen auch empfänglich sein muss.

Bleiben wir bei unseren nächsten Verwandten und schauen uns die Schimpansen an. Bei ihnen sind, anders als bei Bonobos, die Männchen dominant. Das Männchen, das die Alpha-Position einnimmt (das ranghöchste Männchen also) darf in der Regel für sich auch den größten Paarungsanspruch für sich beanspruchen. Es ist aber oft nicht leicht, sich an dieser Position zu halten - denn andere Männchen könnten einen Putschversuch starten. Daher kann es vorteilhaft sein, ein Alphamännchen schmiedet Allianzen mit anderen Männchen, sucht sich also Verbündete. Es ist gut möglich, dass bei diesem Schmieden von Allianzen auch homosexuelle Leistungen als "Belohnung" für die Treue ein Mittel sein könnten. Das homosexuell agierende Männchen profitiert dann davon, weil es sich an seiner Position halten kann und somit größeren Fortpflanzungserfolg bei den Weibchen hat (wobei das Männchen streng genommen natürlich bisexuell und nicht homosexuell ist).

Möglicherweise ist Homosexualität also vielleicht einfach nur das Resultat davon, dass Bisexualität von der Evolution gefördert wird. Diskutiert wird in diesem Zusammenhang so etwas ähnliches wie ein Heterozygotenvorteil. Es könnte sein, dass bisexuelle Männchen (= Heterozygote) promisker oder dominanter sind als heterosexuelle (= Homozygote) Männchen und mehr Nachkommen zeugen. Homosexuelle Männchen wären dann das Resultat davon, dass es gelegentlich auch zur Homozygotie dieser "bisexuellen" Allele kommt. Die Evolution würde dann also eigentlich nicht auf die homozygoten (homosexuellen) Träger wirken, sondern auf die heterozygoten (bisexuellen).

Und schließlich wird auch die Möglichkeit diskutiert, dass (männliche) Homosexualität die Folge einer eigentlich auf die Weibchen gerichteten Evolution sein könnte. Hierzu wäre es notwendig anzunehmen, dass Homosexualität x-chromosomal vererbt wird. Da X-Chromosomen in Weibchen doppelt vorkommen, bei Männchen aber nur einmal, verbringt ein Gen, das sich auf einem X-Chromosom befindet, durchschnittlich mehr Zeit in einem weiblichen Individuum als in einem Männchen. Möglicherweise fördern diese Gene die Fruchtbarkeit des Weibchens und würden von der natürlichen Selektion aufgrund der längeren Verweildauer in Weibchen deshalb auch dann bevorzugt werden, wenn sie im anderen Geschlecht den Reproduktionserfolg (gen Null) senken. Allerdings ist in der oben genannten GWAS-Studie kein x-chromosomaler Marker gefunden worden, sämtliche Marker dort wurden autosomal (also nicht auf einem Geschlechtschromosom) vererbt.

Quellen

Bogaert, A. F., Skorska, M. N., Wang, C., Gabrie, J., MacNeil, A. J., Hoffarth, M. R. et al. (2018). Male homosexuality and maternal immune responsivity to the Y-linked protein NLGN4Y. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 115(2), 302–306.

Ganna, A., Verweij, K. J. H., Nivard, M. G., Maier, R., Wedow, R., Busch, A. S. et al. (2019). Large-scale GWAS reveals insights into the genetic architecture of same-sex sexual behavior. Science (New York, N.Y.), 365(6456).

Långström, N., Rahman, Q., Carlström, E. & Lichtenstein, P. (2010). Genetic and environmental effects on same-sex sexual behavior: a population study of twins in Sweden. Archives of Sexual Behavior, 39(1), 75–80.

Rice, W. R., Friberg, U. & Gavrilets, S. (2012). Homosexuality as a Consequence of Epigenetically Canalized Sexual Development. The Quarterly Review of Biology, Vol. 87(4), 343–368.

Zrzavý, J., Burda, H., Storch, D., Begall, S. & Mihulka, S. (2013). Evolution. Ein Lese-Lehrbuch (2., vollständig überarbeitete Aufl. 2013). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.

Woher ich das weiß:Studium / Ausbildung – Biologiestudium, Universität Leipzig

mögliche Ursachen?

Die meisten Menschen leben in Ihrem eigenen Kopf... haben ein eigenes Weltbild, und eine Vorstellung davon wie die Welt zu funktionieren hat.

Wenn dann etwas passiert was mit diesem Weltbild nicht vereinbar und kompatibel ist, tritt die sogenannte Kognitive Dissonanz in den Vordergrund....und dann wird's irrational.

Wenn man erstmal verinnerlicht, das man 1.) nicht alleine ist in seiner Weltanschauung, und das andere Menschen das eventuell komplett anders sehen und 2.) das prinzipiell jeder Mensch einen anderen Knall / Vorliebe / Fetisch etc hat, dann wird vieles vom denken her wesentlich einfacher.

Da hast du deine Erklärung ;-)

Habt Ihr euch mal selber analysiert?
Was ist euer Knall?

Also ich bin nicht schwul, aber ich steh auf Tattoos.

Ich hab mehrmals den Faden verloren, während ich gelesen habe.

Wer so oft sagt, dass er etwas so aber nicht meint, macht den Anschein, dass er sich selbst überzeugen muss.

Eigentlich wurde schon alles gesagt. Auch im Tierreich ist Homosexualität ein Thema. Am Besten kommt man der Sache auf die Spur, wenn man sich einfach mehrere Quellen nimmt und diese durch arbeitet.

P.s. es ist wirklich schräg, wie das geschrieben wurde ...

Als Konversionstherapeut, diplom-Psychologe und ehemaliger Heiltherapeut auf dem Gebiet der Psychotherapie habe ich zulängliche Kenntnis auf dem Thema der Homophilie und ich muss schon sagen, ich pflichte Herrn Saciri vollends bei!

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Es ist nur eine Überlegung von mir, also eine Theorie:
Man weiß ja, dass Männer deswegen Brustwarzen haben, da in dem embryonalen Stadium erst die weitere Entwicklung zu Mann oder Frau, stattfindet.
So kann sein, dass in dem Moment im Gehirn die sexuelle Information in den gewissen Fällen, weiblich bleibt obwohl man zum Mann wird und deswegen später eher zu Männern hingezogen wird.

Du weißt das es auch Homosexuallität bei Frauen gibt?

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