was Mittelalter wirklich so finster?

... komplette Frage anzeigen

5 Antworten

Wie in jeder Epoche der Menscheitsgeschichte gab es auch im Mittelalter Phasen des Aufschwungs und des Niedergangs. Da der Zeitraum, über den wir hier sprechen, ein volles Jahrtausend umfasst, kann man so salopp nicht vom "finsteren Mittelalter" sprechen. Zwar fallen einige sehr furchtbare Ereignisse wie der hundertjährige Krieg, die Kreuzzüge und vor allem die große Pest wirklich ins Mittelalter und die Menschen, die unter diesen Ereignissen litten, hätten ihr Leben sicher als "Jammertal" und "finster" beschrieben. Insgesamt war es das Mittelalter gar nicht so furchtbar, wie man oft denkt.

Oft wird behauptet, dass die Zivilisation im Mittelalter gegenüber der Antike einen herben Rückschritt erlebt hat. Das ist eigentlich mehr falsch als richtig. Zwar gingen einige Technologien der Römer und der Griechen verloren beziehungsweise wurden nicht mehr verwendet, aber auch im Mittelalter wurden eine Menge neue Erfindungen gemacht, die den Menschen ihr Leben erträglicher gemacht haben. Gerade im Spätmittelalter blühte ein reger Erdindergeist geradezu auf, der direkt in die Rennaissance mündete und dort fortgesetzt wurde. Kunst, Lyrik und Literatur wurden im Mittelalter ebenfalls weitergeführt, allerdings wegen der geringen Alphabetisierungsrate weit weniger fruchtbar als in der Zeit der großen Autoren der Antike.

Im Mittelalter fanden darüber hinaus die meisten Städtegründungen auf heutigem deutschen Boden statt. Mit Ausnahme von Köln wurden alle heutigen deutschen Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern im Mittelalter gegründet. Die Architektur blühte hier in jener Zeit ebenfalls auf und leistete angesichts der vielen monumentalen Kirchbauten überragendes, das selbst die römische Architektur in den Schatten stellte.

Übrigens fanden die meisten der grausamen, "finsteren" Ereignisse, die dem Mittelalter oft unterstellt werden, gar nicht im Mittelalter statt: Hexenwahn und Ketzerverfolgung sind Phänomene der frühen Neuzeit und begannen erst im sehr späten Mittelalter. Im Prinzip war das Mittelalter also eine sehr dynamische Epoche, die Europa (besonders Mitteleuropa) einen großen Aufschwung brachte.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von OliverGlaser
23.11.2016, 19:37

Da haben wir wohl nahezu zeitgleichen einen ähnlichen Sermon verfasst ^^

1

Das kommt wie immer darauf an, was du mit "finster" meinst. Meistens wird der Ausdruck "finsteres Mittelalter" ja dazu verwendet, sich als moderner, fortschrittlicher Mensch von den "rückständigen" Lebensweisen und -formen des Mittelalters abzusetzen. 

Zur Erzeugung von "Alterität", d.h. Andersartigkeit, werden dann Aussagen postuliert wie: "Das Mittelalter war gewalttätiger", "Die Menschen im Mittelalter dachten, die Erde sei flach". Häufig wird also der Ausdruck "finster" auf eine mutmaßlich erhöhte Konfliktbereitschaft mit Hang zur Gewalteskalation oder auf im Vergleich zu Antike und Moderne stark verringerten Wissensbestand bezogen. 

Dabei sind zahlreiche Alteritätskonstruktion häufig übertrieben oder sogar falsch. Selbstverständlich wusste man "im Mittelalter", dass die Erde eine Kugel ist und Gewalteskalation, die bis heute Teil des sozialen Miteinanders sind, waren normativ meist ebenso mit negativen Sanktionen verbunden, wie dies heute der Fall ist. 

"Finster" war das Mittelalter auf jeden Fall in zweierlei Hinsicht. Burgen hatten selten mit Glas versehen Lichtschächte (genannt Fenster) und elektrischen Strom gab es auch noch nicht. "Finster" war es aber auch deshalb, weil man es bei der Erforschung des Mittelalters mit einer Quellenarmut im Vergleich zur Antike und zur frühen Neuzeit zu tun hat. Aber selbst das Postulat der Quellenarmut ist an zahlreichen Punkten zu relativieren. 

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von ArnoldBentheim
23.11.2016, 20:03

Ich will nur eine kleine Korrektur anbringen:

"Finster" war es aber auch deshalb, weil man es bei der Erforschung des Mittelalters mit einer Quellenarmut
im Vergleich zur Antike und zur frühen Neuzeit zu tun hat. Aber selbst das Postulat der Quellenarmut ist an zahlreichen Punkten zu relativieren.

Eigentlich ist die Antike im Vergleich die quellenärmste Zeit.  :-)

0

Im Mittelalter wurden zum einen andauernd Kriege geführt. Gucke dir mal diese Karte hier an: http://deutschland-im-mittelalter.de/bilder/landkarten/deutschland-1378-g.jpg

Du siehst, wie zerteilt Deutschland war und alles war ständig umkämpft, ständig wurde das Land aufgeteilt, erobert, vereint. Deshalb war das Mittelalter eine Zeit, in der fast dauerhaft Kriege herrschten.

Dazu waren die hygienischen Bedingungen sehr schlecht und viele Menschen starben an Krankheiten. Auch Hungersnöte gab es immer wieder.

Und dann waren da noch die armen Bauern, die Leibeigene waren und von ihrem reichen Grundbesitzer extrem unterdrückt wurden. So ist zumindest das Bild, das wir haben. Das stimmt nicht ganz. Meistens waren die Grundbesitzer selbst arm und waren darauf angewiesen, von den Bauern Abgaben zu bekommen. Dafür boten sie den Bauern aber auch Schutz.

Religion war auch ein Problem. Das ganze Leben musste streng an das Christentum angepasst werden, was auch nicht immer einfach war. Dazu wurde jegliche Widerrede streng bestraft und die Kirche verdiente sich an den armen Menschen haufenweise Geld.

Um es mal zusammenzufassen: Es gab viele Kriege, sehr kleine Staaten, was auch nicht immer förderlich ist, Hungersnöte, Leibeigenschaft, der Machtmissbrauch von Herrschern sowie der Kirche und hygienische Mängel führten dazu, dass das Mittelalter im Wesentlichen schon sehr dunkel war. Aber es blühte auch der Handel, niemals wurden so viele Städte gegründet und es entstanden tausende mächtige Burgen, also ganz so extrem war es dann auch nicht.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von Jerne79
23.11.2016, 20:00

Die Zahl der Kriege sinkt auch in der frühen Neuzeit nicht, die hygienischen Bedingungen werden nach dem Mittelalter in der Regel sogar noch schlechter, auch Hungersnöte gab es davor wie danach.

0

Naja, elektrisches Licht und Gaslicht gab es noch keines, nur Kienspäne, Fackeln und Kerzen. Die Fenster waren in der Regel sehr klein und ließen nur wenig Licht in die Stuben, da Glas mundgeblasen und sehr teuer war. Es gab wesentlich mehr Wald als heute, und die Wälder waren sehr finster, da das Unterholz kaum beseitigt wurde. Und last, but not least, gab es auch viele finstere Gesellen, die ihr Unwesen trieben.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von MarkusPK
23.11.2016, 19:42

Das mit dem Wald ist falsch. Im Frühmittelalter mag das noch stimmen, aber die weitläufigen Urwälder Germaniens wurden schon im Hochmittelalter großzügig gerodet. Während der Hochzeit der Hanse im 13. bis 14. Jahrhundert gab es in Deutschland sogar weniger Wald als heute! Vor allem Norddeutschland war damals eine weitläufige Heidelandschaft, in der kaum noch ein einziger Baum stand, wie es in den Quellen heißt. Geologisch kann man dies heute noch an den vielen Kiesböden im Gebiet der Lüneburger Heide nachweisen.

0
Kommentar von Jerne79
23.11.2016, 19:56

Auch die Mär von den teuren Fenstergläsern muss man relativieren. Im städtischen wie ländlichen Umfeld waren im Spätmittelalter in so gut wie jedem Haus Glasfenster, deren Scherben wir auch bei jeder Grabung finden.

0
Kommentar von Herb3472
23.11.2016, 20:45

@MarkusPK: ich habe nicht von Urwäldern gesprochen, sondern dass die Wälder nicht so gepflegt und "licht" waren wie heute, und dass es viel mehr Unterholz gab. Außerdem hatten wir hier in Österreich relativ wenig mit der Hanse zu tun, in Österreich und Bayern gab es wesentlich mehr Wald als heute. @Jeme: im Mittelalter gab es noch kein industriell hergestelltes Flachglas, daher war Glas mundgeblasen und relativ teuer gegenüber dem heutigen Fensterglas. Das allein war allerdings wohl nicht ausschlaggebend für die kleinen Fenster, sondern wahrscheinlich eher die winterliche Kälte.

0
Kommentar von Herb3472
23.11.2016, 20:48

@Jerne: wenn Du glaubst, das sei eine Mär mit dem teuren Glas, dann frag' halt einmal beim Glaser nach dem Quadratmeterpreis für mundgeblasenes Fensterglas.

0
Kommentar von Herb3472
23.11.2016, 20:52

@Jerme: aber ob mit oder ohne Glas is ja eigentlich wurscht, denn darum gings ja nicht, sondern um die kleinen Fenster, die nur wenig Licht in die Stuben ließen. Gibt ja auch heute noch vereinzelt so finstere alte Keuschen, zumindest hier bei uns am Land.

0

Zappenduster war es da.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Was möchtest Du wissen?