Stoiker und Epikoreer - wie stehen sie zu selbstmord

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Ein Ansatz ist, einerseits die Einstellungen der philosophischen Richtung im Rahmen ihrer Kerngedanken auf dem Gebiet der Ethik zu verstehen und anderseits nach Äußerungen zum dem Thema zu suchen.

Zur Ethik allgemein enthalten Bücher Darstellungen, z. B.:

Michael Erler, Epikur. In: Die hellenistische Philosophie. Erster Halbband (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 4/1). Herausgegeben von Hellmut Flashar. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1994, S. 146 - 148 und S. 153 – 170

Malte Hossenfelder, Epikur. Originalausgabe. 3., aktualisierte Auflage. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 520), S. 57 – 109

Maximilian Forschner, Die stoische Ethik : über den Zusammenhang von Natur-, Sprach- und Moralphilosophie im altstoischen System. 2., durchgesehene und um ein Nachwort und einen Literaturanhang erweiterte Auflage. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1995. ISBN 3-534-12633-5

Peter Steinmetz. Die Stoa In: Die hellenistische Philosophie. Zweiter Halbband (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 4/2). Herausgegeben von Hellmut Flashar. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1994, S. 541 – 549, S. 574 – 576, S. 612 – 618, S. 656 – 660 und S. 690 – 693

1) Epikureer

a) Ethik allgemein

Nach Epikurs Meinung ist die Seele als Körperwesen (bestehend aus glatten, festen und feinen Atomen) mit dem Leib verbunden, entsteht daher mit dem Körper und vergeht mit ihm.

Nach epikureischer Auffassung besteht Glück in der Empfindung von Lust. Lebewesen streben von Natur aus nach Lust. Lust ist ein angenehmer Zustand des Wohlbefindens. Epikur liegt in seiner Ethik daran, Unlust, Schmerz und Leid zu vermeiden (ihre Abwesenheit ist Ziel und der Hedonismus insofern von der negativen Seite her aufgezogen). Wichtig ist ihm eine innere Ruhe. Angestrebt wird aufgrund mit Einsicht getroffener Entscheidungen ein Zustand der Seelenruhe, die Ataraxie („Unerschütterlichkeit“, griechisch ἀταραξία). Der Weg besteht in einer Konzentration auf die wirklich notwendigen Bedürfnisse (aber kein Leben ohne Bedürfnisse). Einsicht und Übung sollen zu einem vernünftig reflektierten Genießen mit einer anhaltenden Daseinsfreude führen.

Glückseligkeit enthält eine Zufriedenheit, einen friedvoller Zustand der Sicherheit über eine Erfüllung von Wünschen. Die Bewertung dieses Zustandes als höchster Wert ist keine Sache weiterer rationaler Begründung, sondern einer Gegebenheit der Sinnlichkeit (der Zustand wird so empfunden). Epikurs Glücksrezept erklärt das Wertvolle zum Verfügbaren. Er versucht Lust als ein Gut zu erweisen, das Menschen stets zur Verfügung steht. Dazu versteht er Lust als Freiheit von Unlust Die Menschen sollen nach ihm klären, ob Begierden natürlich und notwendig sind oder leer. Mit leeren Begierden sind die gemeint, die einem bloßen Wunsch nach Luxus entspringen und durch maßlose Gier Rastlosigkeit verursachen, weil die Menschen das quält, was sie nicht haben.

b) Thema Selbsttötung

Epikur lehrt, die Menschen sollten keine Furcht vor dem Tod haben. Denn diese Furcht sei nichtig. Solange die Menschen existieren, ist der Tod nicht da; wenn der Tod da ist, existieren die Menschen nicht mehr. Das aus Atomen zusammensetzte Gebilde hat sich aufgelöst. Der Weise (σοφὸς) verschmäht weder das Leben noch fürchtet er das Nichtleben (das er für kein Übel hält). Der Weise erntet nicht eine möglichst lange Zeit, sondern eine möglichst angenehme Zeit (Epikur, Brief an Menoikeus 125 – 126).

Gnomologium Vaticanum 9: κακόν ἀνάγκη, αλλ’ οὐδεμία ἀνάγκη ζῆν μετὰ ἀνάγκης

„Notwendigkeit/Zwang ist schlecht/schlimm, aber es besteht keine Notwendigkeit/kein Zwang, mit einer Notwendigkeit/einem Zwang zu leben.

Nach Epikur ist das richtige Ziel, das Leben überlegt zu genießen. Unüberlegte Selbsttötung ohne guten Grund, nur aus Verwirrung der Leidenschaften oder nichtigen Ängsten, bejahen die Epikureer nicht (vgl. dazu Lukrez, De rerum natura 3, 79 – 90). Eine unbedingte Ablehnung der Selbsttötung vertreten die Epikureer nicht. Wenn übermäßiges Leiden und Schmerz, nicht durch Lust und Freude ausgeglichen, dauerhaft und nicht abzuwenden vorhanden sind und kein anderer Ausweg bleibt, wird von der epikureischen Lehre nicht untersagt, sein Leben selbst zu beenden.

2) Stoiker

a) Ethik allgemein

Die stoische Ethik vertrat die Lehre, in Übereinstimmung mit der Natur zu leben. Eine Grundbestrebung in der Welt ist die Oikeiosis (οἰκείωσις; „Einhausung“; „Aneignung“; „Zueignung“; lateinisch gibt es keine völlige sprachliche Entsprechung, Cicero übersetzt mit commendatio und conciliatio, Seneca verwendet neben commendatio die Begriffe amor sui und conservatio sui). Jedem Lebewesen geht es um den spezifischen Bestand seines eigenen Seins, Nützliches/Förderliches/Zuträgliches wird angestrebt, Schädliches/Abträgliches gemieden. Ausgehend von der Selbstzugewandtheit bezieht sich die Zuwendung nicht nur auf das eigene Selbst, sondern auch auf die anderen, verbindet schließlich die ganze Menschheit.

Der menschliche Geist (animus) wird als Teil einer göttlichen, den Kosmos lenkenden Allvernunft, eines ihn erfüllenden Logos (ratio) verstanden. Gemäß der Natur leben bedeutet gemäß dieser Vernunft leben (secundum rationem vivere).

Eine zentrale Lehre in der stoischen Ethik war das Anstreben von „Apatheia" (ἀπάθεια; lateinisch impassibilitas; nicht einfach mit „Apathie" als Mattheit, Stumpfsinn und Gleichgültigkeit gleichzusetzen). Dies bedeutet wörtlich einen Zustand der Erleidenslosigkeit. Dieser wird durch Leidenschaftslosigkeit erreicht, eine seelische Verfassung, die gegen das Erleiden einer Gemütsbewegung unempfänglich macht. Die Gleichgültigkeit bezieht sich auf nicht Verfügbares.

Der ideale Mensch, der stoische Weise (sapiens), ist frei von den Leidenschaften (Affekten) Lust und Schmerz. Diese beruhen auf irrigen Meinungen und er verweigert solchen von außen an ihn herantretenden Vorstellungen seine bewußte Zustimmung. Damit wird nicht das Gefühlsleben schlechthin verworfen, sondern nur unangemessene Emotionen. Allerdings hielten die Stoiker die meisten Gefühle tatsächlich für Abirrungen; so galt Furcht insgesamt als unvernünftig. Affekte stören nach ihnen die Seelenruhe und sind ein Hindernis für das glückliche Leben. Auch andere philosophische Richtungen vertraten Selbstbeherrschung als anzustrebende Haltung, die Stoiker aber besonders weitgehend und als wesentliche Grundlage des guten Handelns und des Glücks.

In der stoischen Ethik ist das einzige Gute die Tugend (virtus). Allein die innere Einstellung ist zu beeinflussen, bei der die Vernunft von außen an sie herantretenden Vorstellungen, die ein Streben in Bezug auf eine Verwirklichung auslösen können, ihre bewußte Zustimmung erteilt oder nicht. Tugend besteht dabei darin, nicht irrigen Meinungen zu verfallen, somit den richtigen Weg zum Glück zu beschreiten.

Körperliches gehört nach stoischer Lehre zu äußeren Dingen, die unverfügbar sind (sie folgen den Kausalgesetzen der Natur). Moralisch neutrale Dinge (Adiaphora) sind in sittlicher Hinsicht nicht von Belang (ἀδιάφορα „nicht Unterschiedenes“, also Gleichgültiges; lateinisch indifferentia).

Außersittliche Dinge können völlig gleichgültig, Bevorzugtes (προηγμένα; lateinisch: praeposita oder praecipua bzw. commoda), also ein positiver Wert (ἀξία), oder Zurückgesetztes (ἀποπροηγµένα; lateinisch reiecta bzw. incommoda) sein, also ein negativer Wert (ἀπαξία). Positive Dinge (bona) sind in körperlicher Hinsicht z. B. Gesundheit, Stärke oder Schönheit, in äußerer Hinsicht z. B. Reichtum oder Ruhm. Dies sind aber keine sittlichen Güter.

b) Thema Selbsttötung

Die Stoiker lehnen Selbsttötung nicht auf jeden Fall und unbedingt ab. Da sie die Welt für vom Logos erfüllt halten und dies eine Ordnung mit insgesamt vernünftiger Zielrichtung nahelegt, ist das Ausscheiden aus der Welt nicht ganz leicht als wählbare Möglichkeit nachvollziehbar. Zugleich einen als Notwendigkeit/Schicksal geschehenden Verlauf anzunehmen und trotzdem eine Freiheit zu denken, mit der Vorstellungen eine Zustimmung erteilt werden kann oder nicht, ist nichts widerspruchslos Zusammenpassendes.

Der Tod ist für Stoiker etwas, das in sittlicher Hinsicht etwas Indifferentes (Gleichgültiges) ist (ἀδιάφον/indifferens).

Die Stoiker haben Selbsttötung unter bestimmten Umständen für erlaubt und berechtigt gehalten. Dabei handelt es sich um eine gut abgewogene Entscheidung aufgrund guter vernunftgemäßer Gründe. Selbsttötung aufgrund von Affekten oder als Kurzschlußreaktion wird von den Stoikern nicht gutgeheißen.

Ein Beispiel ruhmvoller Selbsttötung ist bei ihnen Marcus Porcius Cato (46. v. Chr. in Utica, um nicht von der Gnade des Alleinherrschers Gaius Iulius Caesar leben zu müssen, was seiner dignitas [Ehre/Würde] entgegen gewesen wäre). In der Kaiserzeit hat es auch von Kaisern befohlen Selbsttötungen stoischer Senatoren gegeben, so bei Lucius Annaeus Seneca (der in bestimmten Fällen eine Selbsttötung für gerechtfertigt hielt, sich dabei aber freiwillige bezog).

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Lucius Annaeus Seneca, Epistulae morales ad Lucilium („Moralische Briefe an Lucilius" bzw. mit besserer Wiedergabe des Sinns „Briefe über Ethik an Lucilius") 70, 4 – 6:

Itaque sapiens vivet quantum debet, non quantum potest. Videbit ubi victurus sit, cum quibus, quomodo, quid acturus. Cogitat semper qualia vita, non quanta sit. Si multa occurrunt molesta et tranquillitatem turbantia, emittit se; nec hoc tantum in necessitate ultima facit, sed cum primum illi coepit suspecta esse fortuna, diligenter circumspicit numquid illic desinendum sit. Nihil existimat sua referre, faciat finem an accipiat, tardius fiat an citius: non tamquam de magno detrimento timet; nemo multum ex stilicidio potest perdere. Citius mori aut tardius ad rem non pertinet, bene mori aut male ad rem pertinet; bene autem mori est effugere male vivendi periculum.

„Deshalb lebt der Weise so lange, wie er schuldet/soll/die Pflicht hat, nicht solange er kann. Er wird schauen, wo, mit wem, wie er leben und was er tun wird. Er denkt darüber nach, wie beschaffen das Leben ist, nicht wie lange. Wenn ihm viel Beschwerliches/Belastendendes und die Seelenruhe Störendes entgegentritt, schickt er sich heraus; dies tut es nicht nur in äußerster Not, sondern sobald sein Schicksal ihm verdächtig vorzukommen beginnt, blickt er sorgfältig rings herum, ob er dort ein Ende machen muß. Er schätzt als unwesentlich für sich selbst ein, ob er das Ende ausführt oder empfängt, ob es früher oder später geschieht; er fürchtet sich nicht davor wie vor einem großen Verlust/einem großen Schaden/einer großen Einbuße; niemand kann viel beim Entschwinden des Lebens verlieren. Früher zu sterben oder später ist nicht wichtig/ist nicht von Belang/hat keinen Zweck, ob man auf eine gute oder schlechte Art stirbt, ist wichtig/ist von Belang/hat Zweck; auf gute Art sterben aber heißt der Gefahr eines schlechten Lebens zu entfliehen.“

Ulf Gregor Hamacher, Senecas 82. Brief an Lucilius : Dialektikkritik illustriert am Beispiel der Bekämpfung des metus mortis ; ein Kommentar : München ; Leipzig : Saur, 2006 (Beiträge zur Altertumskunde ; Band 230), S. 225 – 227: (zu Seneca, Epistulae morales ad Lucilium 82, 1): „Die personificatio der mors (abstulit, pertubatio) streicht heraus, dass dem Tod zwei Eigenschaften zugeschrieben werden […]: zum einen in letzter Konsequenz befreiende Wirkung (abstulit); zum anderen kann der Tod in verschiedener Hinsicht Verwirrung stiften, nämlich dann, wenn der passende Zeitpunkt zum Selbstmord verpasst worden ist, wenn die Leiden überhand nehmen und das Leben als ἀδιάφον (vgl. epist. 4,8; 61,4; 70,4 f.; 75,17; 77,4.20; 93,7 f. […]; epist. 99,12; 111,5 […] nicht mehr lebenswert erscheint.

Im Vordergrund steht die befreiende Wirkung, insofern er die melior pars des Menschen […] vom corpusculum trennt; vgl. dial. 5,15, 3 f.; epist. 23,6; 70,16; benefic. 1,11,4; SVF III 601). Die Ohnmacht Fortunas offenbar sich für Seneca besonders deutlich darin, dass der Mensch sich durch Selbstmord jederzeit ihrem Einfluss entziehen kann; vgl. epist. 12,10; 17,6; 24,11.17; 26,10; 51,9; 70,14.19 ff.; 77,14; 91,21; 99,11 f.; 101,14; 104,10; 117,21 f.; dial. 1,6,6–9; 1,7 ff.; 2,8, 3; 6,19,5 f.; 6,20,1–3; 6,22,2 f.; 7,25,3; 11,9,4–7.9; benefic. 7,1,7; nat. 6,32,4.12 […]; FDS 11f.

Wie die Alliteration (ante abstulit animum) in Kombination mit der ante betonenden Tmesis (antequam) hervorheben, legt Seneca Wert auf die Beachtung der Umstände, unter denen sich der Mensch zum Selbstmord entschließen kann. Selbstmord im Sinne der Stoiker ist keineswegs eine planlose, im Affekt (conturbavit) vollzogene, sondern eine ganz bewusste, nach sorgfältigem Abwägen ausgeführte, abgeklärte Handlung des denkenden Einzelnen, vgl. epist. 4,4 f.; 24,22 f.; 37,4; 58,36; 70,15.18.26. Daher bezeichneten die Stoiker den Selbstmord als eulogos exagoge; vgl. SVF I 288; III 757–768 […]. Vgl. den von einem Affekt, nicht ratio geleiteten Wunsch nach dem Tod in epist. 4,4; vgl. 24,11,25 f.; 26,10; 30,2 ff. 15.; 51,9; 54,6 f.; 58,29-34; 70,4; 71,15; 77,4.614-16; 78,2 f.5; 98,16; 101,15; 104,3-5; dial. 1,6,7-9 […]; dial. 7,20,5. Ob Zenon sich selbst umgebracht hat, mag auf biographische Erfindung zurückgehen; […].

Die meditatio ist daher absolut notwendig, um zu erkennen, wann der rechte Zeitpunkt für den Selbstmord gekommen ist; vgl. dial. 1,2,10 […]; epist. 70,2-6.27 f.; […].

Der […] Widerspruch zur der dem Weisen unterstellten Gleichgültigkeit allen externa gegenüber (epist. 71,11), worunter auch die problematischen ἀποπροηγµένα gefasst werden müssen, ist einerseits erklärbar durch den Stolz des Stoikers […], andererseits durch die absolute Besonderheit, gegen den metus mortis anzukämpfen; […]. Der Selbstmord ist eben auch für Stoiker nur als ultima ratio vertretbar; vgl. epist. 24,22-26. Wo Seneca vor den beiden gegensätzlichen Gemütsverfassungen metus mortis und libido moriendi warnt.“

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S. 227 Anm. 259: „Im Ganzen ist Seneca gleichwohl in der Frage, wann Selbstmord erlaubt sei, eine gewisse Kasuistik nicht zu übersehen; vgl. epist. 13,14; 17,5,9; 24,6 ff.; 26,10; 29,12; 30,2; 51,9; 58,32 ff.; 65,22; 69,6; 70,5-11.19 ff.; 74,21; 77,5-9.14 f.; 98,16-18; 99, 12 […]; epist. 104,3 f.; 87,2 […]; dial. 5, 15,3; benefic. 7,20,3.“

3) Utilitarismus

Utilitaristen beurteilen eine Handlung aufgrund des Nutzens Folgen als gut oder schlecht. Eine prinzipielle Ablehnung des Selbstmordes aufgrund eines Verstoßes gegen eine Pflicht einen oder uneingeschränkten, nicht von Folgen abhängigen Wert gibt es daher nicht. Leben ist allerdings eine ermöglichende Voraussetzung für Lust/Freude/Vergnügen. Die Einstellung wird daher Ähnlichkeit mit dem Standpunkt der Epikureer haben. In der Abwägung des zu erwarteten Nutzens wird Selbsttötung nur in seltenen Ausnahmefällen vorzuziehen sein. Über die individuelle Ebene hinausgehend, auf das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl ist denkbar, unter bestimmten Umständen eine Selbsttötung zu billigen.

Informationen zu einigen philosophischen Richtungen (allerdings nicht zum Utilitarismus) enthält:

Hans Ebeling, Selbstmord. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 9: Se – Sp. Basel : Schwabe, 1995, Spalte 493 – 494:
„Der Begriff ‹ S.[elbstmord]› ist eine Neubildung des 17. J[ahr]h.[underts] in Anlehnung an n[eu]lat.[einisch] ‹suicidium› (Selbsttötung) mit implizitem Rückgang auf das lat.[einische] ‹homicidium› (in der Bedeutung von 'Mord'), die sich unter dem Einfluß der christlichen Theologie in der neuzeitlichen Metaphysik der Sitten vorzüglich seit I.[mmanuel] KANT durchsetzt. Im Gegenzug zu dieser Tradition wird zu Beginn des 20. J[ahr]h.[undert] ‹Freitod› geprägt im Anhalt an lat.[einisch] ‹mors voluntaria› (der freiwillige Tod). Von den kontroversen Deutungen des Phänomens, die sich in der weitverzweigten Nomenklatur auf eindringliche Weise spiegeln, sind noch am wenigsten betroffen ‹Suizid›, ‹Selbsttötung› als die dem Wort nächste Übersetzung sowie ‹Selbstvernichtung›."

Spalte 494 (zu Platon, Nomoi 873 c – d): „Der Gesetzesstaat betrachtet die Selbsttötung wie eine Handlung, in der einer seinen vertrautesten Freund tötet, deutet also die Selbstbezüglichkeit in der Aktion und Passion der Selbstvernichtung am Modell der Zusammengehörigkeit zweier voneinander getrennter Personen. Die Selbsttötung ist ein strafwürdiges Verbrechen, wenn weder ein rechtmäßiges Todesurteil der Polis vorliegt noch ein Handlungszwang auf Grund unentrinnbarer, übergroßer Schmerzen oder eine Situation auswegloser, unerträglicher Entwürdigung gegeben ist, sondern der Tod in träger Feigheit gegenüber den Anforderungen des Lebens vollzogen wird.“

Spalte 494 (zu Aristoteles, Nikomachische Ethik 5, 15 1138 a; 9, 4 1166 a – b): „Das Gesetz verbietet – wenn auch nur indirekt – die Selbsttötung, da sie ein Unrecht gegenüber der Polis und ihren Interessen ist. Gegen sich selbst jedoch begeht einer, der über sich den Tod verfügt, kein Unrecht, da er freiwillig die Folgen seiner Aktion auf sich nimmt, die sich eben gegen seine eigene und keine andere Person richtet, niemand aber freiwillig ein Unrecht erleidet. Zwar bleibt Aristoteles im übrigen in der Nähe Platons. Sich zu töten, weil einen etwas bedrückt wie Armut oder Liebeskummer, zeugt von Feigheit, denn es bedeutet nur die Furcht vor dem Übel. So töten sich gerade auch solche, die Verbrechen begangen haben. Aber Aristoteles kennt dabei keinen Katalog von Momenten, die die Selbsttötung in Ausnahmesituationen doch rechtfertigen könnten, und damit ist bei ihm indirekt doch eine uneingeschränkte Verwerfung der Selbsttötung abzulesen.“

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Spalte 494 – 495: „Für die kynischen, kyrenaischen, epikureischen und stoischen Schulen kann die Möglichkeit der Selbstvernichtung nicht mehr Egone relativ exzentrische Frage bleiben, da die Ausrichtung auf den praktischen Lebensvollzug zu ihrem vorgängigen Thema wird und demgemäß auch die Frage nach dem angemessenen Lebensausgang zu ihren ausgezeichneten Grundfragen zählen muß, wenn sie nicht gar zur impliziten Grundfrage wird. Der Machtanspruch der Polis wie überhaupt die Bestimmung des Einzelnen aus dem Horizont der menschlichen Gemeinschaft werden zurückgewiesen oder doch erheblich beschränkt. Die bei allen Unterschieden der Schulen gemeinsame ungewöhnliche Freiheit des Denkens gegenüber der Freiheit zum Tode erreicht ihrerseits einen gesellschaftlichen Einfluß, der bis in die Gegenwart hinein ohne vergleichbares Beispiel ist. « Sich selbst aus dem Leben herauszuführen» (ἐξάγειν ἑαυτοὺς τοῦ βίου), wie ANTISTHENES sagt, wird als eine grundsätzlich dem Menschen eingeräumte Freiheit anerkannt und proklamiert. Das Recht der Selbstbestimmung zum Tode droht freilich von einer Kasuistik zersetzt zu werden, die im wesentlichen die bei Platon genannten Momente nun in erheblich ausgeweitetem Spielraum erörtert und dabei deren Distanzen nicht selten dem Räsonnement bloßer Subjektivität anheimgestellt. Für die alte Zeit liegt die größte Spannweite zwischen HEGESIAS πεισιϑάνατος (dem «Todesüberredner»), der den nicht umkehrbaren Umschlag von der Lebenslust zur Lebensverlorenheit markiert, und EPIKUR, der zu standhaftem Lebensgenuß ermuntert und dabei nicht minder meint, daß « Notwendigkeit ein Übel ist, aber keine Notwendigkeit besteht, mit einer Notwendigkeit zu leben» (ἀνάγκη, αλλ’ οὐδεμία ἀνάγκη ζῆν μετὰ ἀνάγκης).

Die weitläufigste und wirksamste Entfaltung gibt die Stoa von ZENON bis MARK AUREL mit einer Aufgipfelung bei SENECA. Das Leben und der Tod sind als solche ἀδιάφορα (Indifferentes, belangloses), belangvoll ist nur ein vernunftgemäßes leben; ist aber das nicht mehr möglich, so bleibt als letzter Akt der «wohlerwogene Lebensausgang» (εὔλογος ἐξαγωγή), der stoische Terminus für die vernunftgemäße Lebensvernichtung. Die im Interesse der Mitmenschen sogar Pflicht werden kann. Es gehört zur Charakterisierung des Weisen, in Übereinstimmung mit der im Kosmos offenbaren Gottheit zu wissen, wann es Zeit ist für das selbstgesetzte Ende und wann nicht. Es gilt dabei auch der Altersphase zuvorzukommen, in der selbst die Freiheit zu dieser Distinktion erloschen ist.“

Antisthenes (Kyniker): Athenaios 4, 157

Hegesias (Kyrenaïker): Diogenes Laertios 2, 93 – 96

Epikur: Gnomologium Vtaicanum 9

Seneca: Epistulae morales ad Lucilium 70 und anderswo

Lebensausgang: Stoicorum Veterum Fragmenta (SVF) 3, 187 – 191

Pflicht: Diogenes Laertios 7, 130

Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen (Τὰ εἰς ἑαυτόν; lateinisch: Ad se ipsum) 3, 1

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Epikur lehrt, dass man vor dem Tod keine Furcht zu haben brauche, da sich mit dem Tod Körper und Seele in ihre Atome auflösen und andere Verbindungen eingehen. Für den epikureischen Weisen gilt, dass er eigentlich bei entsprechendem Leben gar nicht in eine ausweglose Situation kommen sollte, die nur mit Selbsttötung zu lösen sei. Da er aber sicher davon ausgehen konnte, dass nicht alle Epikureer perfekt sind, wird er im Zweifel keine Einwände haben, ein auswegloses Leben durch Selbsttötung zu beenden, weil für ihn die Würde des Lebens wichtiger war als Angst vor einem Tod, der nur ein Ende bedeutet.

SelbstMORD würde Epikur NIE sagen, da jede Person für ihn das volle Recht über sich selbst hat, auch sich selbst zu töten. Das Wort Selbstmord entstammt einem chritstlichen Weltbild, wo nur Gott die Verfügung über das Leben zusteht. Ähnlich werden es auch einige Stoiker interpretiert haben, da sie sich in Verantwortung vor dem Weltordnung stiftenden Logos sahen. Der lebens- und ordnungsstiftende Logos und ein Lebensplan, der eine vorzeitige Beendigung des Lebens einschließt, sind ein Widerspruch. Der Stoiker Seneca musste da schon einige Ausreden finden, seine von Nero befohlene Selbsttötung innerhalb der stoischen Philosophie zu begründen. Allerdings war er Römer, und für Römer war ein ehrenvoller Tod immer erstrebenswerter als ein schmachvolles Leben.

<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Stoiker#Ethik" target="_blank">http://de.wikipedia.org/wiki/Stoiker#Ethik</a>

das Wort Selbstmord kommt hier zwar nicht vor, aber der Artikel erklärt so schön leicht die Aspekte der Lehre, dass es sich nach aufmerksamen Lesen von selbst erklärt , wie die Anhänger der Stoa dazu standen. Weiterführende links zu o.g. Themen etc. wie immer reichlich vorhanden. Ich jedenfalls werde mich jetzt wieder meinem Kaffee zuwenden und mit stoischer Gelassenheit auf all die Referate und Vorträge zurückblicken, die mich zu Schulzeiten noch endlose Stunden Bibliotheken-Recherche gekostet haben...

Stoiker akzeptieren den Suizid. Epikoreer lehnen ihn ab.

Thomas Bronisch: Der Suizid: Ursachen- Warnsignale- Prävention. Beck-Verlag 2007, ISBN 9783406559679, S. 84

http://books.google.es/books?id=_EwVrvmBqB4C&pg=PA84&dq=stoiker+suizid

Das habe ich auch gelesen.

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Es ist schlicht und einfach unerheblich, was oder ob Epikoreer die Selbsttötung ablehnen.

Denn jeder Mensch hat einen freien Willen und kann selbst entscheiden. Keiner tötet sich aus purer Lust und Laune. Immer steht ein verdammt elendiges Gefühl und eine Situation dahinter, die deshalb das Leben unerträglich werden lassen und auch nicht mehr lebenswert erscheinen lassen.

Alleine gelassen oder auf sich gestellt, abgeschnitten von dem Rest der Welt und ohne jede Hilfe von außen, weis sich mancher selbst nicht mehr zu helfen um sich aus dem Dilemma herauszuziehen!

Das bedeutet, nur noch der Tod bedeutet die Erlösung. Er ist noch der letzte Rest von Selbstachtung!

Oft bedeutet es eine Schande für unsere Gesellschaft, wenn Mitmenschen daran beteiligt sind, andere regelrecht in den Tod zu treiben.

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