Sind der christliche Glaube und der Zen-Buddhismus irgendwie vereinbar?

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Nein, ist es nicht. Zen-Buddhismus (und ich rede jetzt von der ursprünglichen Form, wie er in Japan entstanden ist) lehnt die geschriebene Sprache als Quelle irgendwelcher Weisheit ab. Das Christentum baut aber ganz fest auf die Bibel als Gottes Wort. Und auch sonst - Wiedergeburt vs einmaliges irdisches Leben, Erleuchtung statt Vergebung, verlieren des (oberflächlichen) Ich vs gottgegebene Individualität, Meditation statt Gebet, und die Tatsache, dass der dreieinige Gott im Buddhismus quasi ein Nicht-Faktor ist..."christliche Zazen Gruppen", die tatsächlich verstehen, was Buddhismus ist bzw. was christlicher Glaube bedeutet, kann ich mir nicht vorstellen.

Also in den "Außenbereichen" wie der Ethik und der Moral gibt es da sicherlich viele Übereinstimmungen. Auch bei manchen Kulturtechniken (Gebet / Meditation). Darauf beziehen sich Menschen, die von der Vereinbarkeit von Religionen sprechen, zumeist. Da dies allerdings die Bereiche sind, die sehr stark "nach außen" wirken (also in dieser Welt in Erscheinung treten), sollte man solche Übereinstimmungen nicht kleinreden. Es sind oft die Bereiche, in denen man Menschen anderer Religion sehr leicht als Geschwister sehen und ihnen mit Liebe begegnen kann.

Du hast aber m.E. Recht, dass die Grundlagen durchaus andere sind. Ein paar Beispiele.

Das negieren eines Bewusstseins widerspricht dem freien Willen im Christentum.

Einen "Gott" als von mir unabhängiges, souveränes, schöpfendes Wesen gibt es im Buddhismus nicht. Darum wird der Buddhismus auch oft als Philosophie und nicht als Religion bezeichnet.

Der Buddhismus strebt nach Selbsterlösung ("Erleuchtung"), während das Christentum der Meinung ist, dass Erlösung und Erkenntnis nur von Außen - von Gott - kommen kann (Offenbarungsreligion).

Nicht zuletzt gibt es im Christentum natürlich diesen starken Anspruch von Jesus: "niemand kommt zum Vater außer durch mich". Wobei die Buddhisten ja gar nicht zu irgendeinem Vater kommen wollen. ;o)

Es gibt ein Bild, dass die menschlichen Religionen wie Blinde sind, die einen Elefanten jeder an einer anderen Stelle betasten und ihn beschreiben ("Eine sanfte Schlange" - "Eine runzelige Wand" - "Ein Baumstammm"). Jeder hat Recht - und keiner sieht das Ganze.

Im Grunde ist jede Religion ein über Jahrhunderte gewachsenes und daher in sich sehr geschlossenes und stringentes System, das sich, wenn man es ernst nimmt, nicht so einfach mit anderen "kombinieren" lässt. Viele Menschen tun das trotzdem und finden eine Möglichkeit für sich. Das geht meistens nicht, ohne Kernsätze BEIDER Religionen zu negieren oder zu ignorieren, aber das ist ja nicht illegal. ;o)

Für eine Antwort kommst also nicht drum herum, dich selbst intensiv mit beiden Religionen zu befassen und die für dich "stimmigere" zu finden (oder eine stimmige Kombination.)

Meine persönliche Herangehensweise: Ich bin Christ. Aber einige "Techniken" des Buddhismus, der sich viel wissenschaftlicher mit Bereichen wie z. B. der Meditaion auseinandergesetzt hat, finde ich recht inspirierend.

Ich bin Soto-Zen-Buddhist und werde versuchen, dir bei der Beantwortung deiner Frage zu helfen.

Praxis

Viele Formen buddhistischer Meditationspraxis, wie etwa Zazen, beinhalten keine Anbetung eines Gottes, daher sind sie eigentlich mit jeder Konfession kompatibel.

Viele Menschen meditieren heutzutage ohne religiösen Geist, weil sie hoffen, sich durch Entspannung und Stressreduktion selbst irgendwie optimieren zu können.

So besuchen auch einige Menschen die ich kennen gelernt habe Zen-Dojo auch nur zum gemeinsamen üben, weil sie die förderliche Atmosphäre dort spüren.

Sie verlassen das Dojo auch vor den anschließenden. Abschlusszeremonien, weil sie mit diesen religiösen Formen nichts anfangen können.

Beim Zazen hat man kein Ziel, nicht einmal "Erwachen/Erleuchtung", so dass auch keine ideologische Diskrepanz zu anderen Konfessionen besteht.

Wer also nur "buddhistische Meditationspraxis" üben will, muss dafür (je nach Methode) kein bestimmtes Gedankengebäude übernehmen, oder gar seine Konfession wechseln.

Theorie

Rein theologisch-philosophisch betrachtet gibt es aber natürlich große Differenzen zwischen Christentum und Buddhismus.

Wer also "christlicher Buddhist" oder "buddhistischer Christ" sein wollen würde, müsste eine ganze Reihe von Diskrepanzen überwinden und erklären müssen.

Je konservativer jemand seine Religion auslegt, desto schwieriger ist es, sie mit anderen Lehren in Einklang zu bringen, oder Gemeinsamkeiten zu sehen.

Ja, das Gedankengebäude von Zen und Christentum sind verschieden und viele westliche Buddhisten werden ihre christliche Prägung auch nie wirklich los.

Gerade im Bezug auf Moral folgen sie dann zB Dualismen, die zwar im Christentum möglicherweise üblich, aber untypisch für den Buddhismus sind.

Warum ist eigentlich das Bewusstsein eine Illusion?

Das "Ich-Bewusstsein" ist ein Ergebnis der Gehirnaktivität. Es existiert aus buddhistischer Sicht nicht außerhalb unserer persönlichen Beschränkungen.

Das Bewusstsein ist nur so lange real, so lange die körperlichen Voraussetzungen (Kreislauf, Sauerstoffversorgung, Hormone, Elektrizität) vorhanden sind.

Sobald diese Dinge wegfallen, verlischt auch das Bewusstsein.

In der Natur verdorren Pflanzen, Tiere verenden, ganze Gewässer trocknen aus und sogar Gebirge werden durch Erosion abgetragen. Es ist nichts unveränderlich.

Weshalb sollte die Persönlichkeit, das "Selbst" oder die "Seele" des Menschen eine Ausnahme machen und nicht dem natürlichen Lauf der Dinge folgen?

Eine "ewige Konstante" gibt es im Buddhismus nicht.

Persönliches

Ich selbst sehe keine großen Diskrepanzen in der christlichen Haltung zum Leben und der Zen-Praxis wie ich sie verstehe und praktiziere.

In beiden Fällen ist die Entwicklung von Weisheit und Mitgefühl entscheidend, der Mensch bekommt bestimmte ethische Maßstäbe für sein Verhalten vermittelt.

Er soll sich selbst und anderen Wesen kein Leiden zufügen, weder durch Worte noch durch Taten, nicht an Dingen anhaften, sondern großzügig und barmherzig sein.

Der Christ geht im Gebet in die Stille und findet eine Innerlichkeit, die nicht von seinen egoistischen Wünschen und materiellen Anhaftungen getrübt wird.

Der Buddhist geht durch Meditation in die Stille und erlebt dabei eine Innerlichkeit, die sich aus meiner Sicht nicht substantiell unterscheidet.

Das sind die Gemeinsamkeiten, auf deren Ebene man sich begegnen kann.

Die Existenz einer Seele, die Existenz Gottes, oder die Existenz eines Paradieses - das sind theologische Dinge, die aus meiner Sicht nicht im Weg stehen.

Woher ich das weiß:Eigene Erfahrung – Seit mehr als 30 Jahren praktizierender Buddhist

Nachtrag

Viele moderne christliche Zen-Lehrer stammen aus der Sanbo-Kyodan-Linie des Zen, eine relativ neue Bewegung die erst 1954 gegründet wurde und die Lehren von Soto-Zen und Rinzai-Zen miteinander vermischt.

Die Autorität von Lehrern der zugrundeliegenden Harada-Yasutani-Linie wird mitunter in Zweifel gezogen und es wird vorgeworfen, dort würden zu schnell Lehrer "produziert" deren Qualifikation daher nicht immer eindeutig sei.

Das kann man natürlich unterschiedlich sehen - allerdings lässt schon diese Grundlage in einer "synkretischen Bewegung" vermuten, dass es leichter fällt, Sanbo-Zen "anzupassen" oder zu "verwässern" (je nach Sichtweise).

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@Enzylexikon

Ich kann diese beiden Weltbilder für mich nicht überbrücken.

Mein buddhistisches Weltbild sieht so aus: In Wahrheit gibt es einen Fluss. Der "Durchschnittsmensch" - meine das nicht überheblich - glaubt er sei ein unveränderlicher getrennter Wassertropfen. Und die anderen Wassertropfen sind gut, lieb, freundlich oder sogar Feinde oder böse. Der Buddhist sieht den Fluss. Und der Fluss ist wichtig, weil er im Unterschied zu einem See in Bewegung ist.

Ich denke, der Christ glaubt auch er sei ein Wassertropfen.

Ist nur in diesem Moment meine Meinung, also das mit dem Fluss, vielleicht ändert sich die noch.

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Hier ist ein Radiobeitrag von BR2 "Die Welle ist das Meer - Zen und die christliche Mystik":

https://www.youtube.com/watch?v=S8So7ghBsuY

"Der Benediktinermönch Willigis Jäger hat eine Vision der west-östlichen Spiritualität entwickelt, die vermeintliche Widersprüche zwischen Christentum und Buddhismus auflöst."

Autorin: Gerda Kuhn

- Willigis Jäger verkörpert eine konfessionsunabhängige zeitgenössische Spiritualität, die den spirituell Suchenden des 21. Jahrhunderts Antworten auf ihre drängenden Fragen gibt.

Als Zen- und Kontemplationsmeister ist er sowohl von der christlich-abendländischen Mystik als auch dem östlichen Zen geformt und geht gleichzeitig über beide Konfessionen hinaus auf das, was allen spirituellen Wegen des Westens und des Ostes zugrunde liegt. Sein Verständnis der West-Östlichen Weisheit basiert auf der Philosophia perennis, die ihren aktuellen Ausdruck im integrativen Denken und Handeln findet. Teil dieser Vision ist die Einbeziehung der modernen Naturwissenschaften, sowie das wirtschaftlich-politisch-soziale Handeln, im dem sich die Übung im Alltag manifestiert.

Willigis Jäger ist der Begründer des Benediktushofes in Holzkirchen, einem Zentrum für spirituelle Wege, wo er lebt und arbeitet. Er ist Mitbegründer und Initiator zahlreicher Zentren in Deutschland und Europa. Seine Vision einer globalen und konfessionsübergreifenden Spiritualität findet ihren Ausdruck in zahlreichen Büchern und in der breiten Anerkennung durch Weggefährtinnen und Weggefährten in Ost und West. Er wurde sowohl von japanischen wie auch von chinesischen Zenlinien als Zen- (chin. Chan-) Meister bestätigt. Als Gründer der Zenlinie „Leere Wolke“ und Erneuerer der abendländischen Kontemplation begleitet er weltweit zahlreiche Menschen auf ihrem spirituellen Weg.

Er ist Stifter der „West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung“, die den Menschen, die sich durch seine Vision angesprochen fühlen, eine international tätige Plattform bietet.

Woher ich das weiß:Eigene Erfahrung – Seit gut 40 Jahren praktizierender Buddhist ( Theravada )...

Es gibt eine reiche Tradition des christlichen Zen - mindestens seit Pater Lassalle:

https://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Makibi_Enomiya-Lassalle

Sehr bekannt im deutschen Sprachraum sind auch Willigis Jäger, Doris Zölls und Klaus Brantschen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Willigis_J%C3%A4ger

https://de.wikipedia.org/wiki/Doris_Z%C3%B6lls

https://de.wikipedia.org/wiki/Niklaus_Brantschen

Lies Dich mal bei denen ein oder gib die Namen auf Youtube ein. Besser als die kann ich es auch nicht erklären.

Ich habe selbst lange Zeit christliches Zen praktiziert und fand nicht, dass das einen Widerspruch darstellt.

Wenn Du magst, kannst Du mich gerne adden und wir können uns darüber austauschen. Die "Widersprüche", die Du nennst, finde ich aus einer christlich-mystischen Perspektive, die Zazen mit einbezieht, alle durchaus überwindbar.

Ich kann das jetzt allerdings nicht in zwei Sätzen erklären. Mein Tipp: geh weiter aufs Kissen und bete weiter - dann lösen sich die vermeintlichen Widersprüche irgendwann auf.

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