Karikatur "Das hohe Ross"

...komplette Frage anzeigen Das ist die Karikatur - (Geschichte, Karikatur, Industrialisierung)

2 Antworten

Ich versuche mich daran, wobei die grundlegende Aussage deutlich ist, aber Einzelheiten zum Teil schwieriger genau zu erfassen und deuten sind.

Die Karikatur „Das hohe Roß“ ist in einer Zeitschrift erschienen: Simplicissimus. Illustrierte Wochenschrift. 1. Jahrgang (1896/1897), Nr. 17., 25, Juli 1896. S. 8

http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/01/01_17.pdf (unten, Seite 8)

Angegeben ist: Zeichnung von J. B. Engl

Josef Benedikt Engl (1867 – 1907) war Illustrator (Maler und Zeichner), Karikaturist und Autor von Gedichten.

Die Karikatur ist offenbar gesellschaftskritisch. Sie zielt insbesondere auf den Begriff »Ehre« und der Rolle, die dieser in den gesellschaftlichen Verhältnissen hat.

Das hohe Roß ist wie ein Spielzeugpferd dargestellt, aus Holzteilen zusammensetzt, mit aufgemalten Flecken. Vier dünne lange Stangen sind die Beine. Sie sind auf einer Platte mit vier Rändern befestigt.

Kopf, Hals und Rumpf erheben sich so hoch über dem Boden, die tragenden Bestandteile sind aber dünn, erwecken nicht den Eindruck massiver Stabilität. Die Karikatur hat einen Bezug zur Redewendung „auf hohem Roß sitzen“. Dies bedeutet: eingebildet/hochmütig/arrogant/überheblich/aufgeblasen/hochnäsig/blasiert sein; sich als etwas Besseres empfinden/fühlen

Die Leute, die sich oben befinden, können als die reichen, vornehmen, angesehenen Leute gedeutet werden, diejenigen mit einem hohen sozialen Status, in der Gesellschaft oben angesiedelt.

In großen Buchstaben ist seitlich auf den Rumpf des Rosses „Ehre“ geschrieben. Ehre kann Ansehen und Anerkennung in der Gesellschaft bedeuten. Bei Ehre gibt es eine innere Seite, die Ehrenhaftigkeit, und eine äußere Seite, die entgegengebrachte Ehre/Ehrung/Wertschätzung/Anerkennung. Ein Verlust der Ehre kann Stellung und Einfluß in der Gesellschaft beschädigen.

In der Karikatur sind die Leute offenbar hinsichtlich der äußeren Seite der Ehre oben. Die Ehre scheint eher etwas Abgehobenes, von Bodenhaftung Entferntes zu sein.

An der Stelle sitzend, wo der Rumpf in den Hals übergeht, sitzt ein Mann in Anzug mit dickem Leib, dünnen Beine, langen Füßen und verhältnismäßig kleinem Kopf, und hat Zaumzeug in der Hand. Sein Klagen ist mit Eichenlaub dekoriert und er trägt eine Zopf mit Schleife (ein Zopf kann als reaktionär gedeutet werden). Er wirkt wie der Typ Bürokrat. Der Mann trägt als Hut einen Zweispitz mit der Spitze nach vorne, auf dem das Zeichen für einen Paragraphen (§) abgebildet ist. Dies läßt an den Ausdruck »Paragrafenreiter« für jemand denken, der geistig eher beschränkt ist und kleinlich auf der Einhaltung von Vorschriften besteht, an ihren Buchstaben klebend. Unter den rechten Arm ist eine große Schreibfeder geklemmt, ein Tintenklecks fällt herab. In die Jackentasche ist eine Akte gesteckt.

Breitbeinig steht auf dem Pferderücken ein hochgewachsener schlanker Mann mit ernsten, grimmigen Gesichtszügen, schwarzem Zylinder, Anzug mit Stehkragen und Schuhen. In den beiden erhobenen Händen trägt er jeweils meine Pistole. Er hat große Segelohren, als ob er lauschend alles gut mitbekommen will. Sein Escheinungsbild wirkt förmlich, mit ehre einengender/einzwängender Kleidung. Der Mann steht wahrscheinlich für den Brauch des Duells, mit dem Ehrenstreitigkeiten/Ehrenhändel ausgetragen wurden. Es ging darum, „Ehre“ zu wahren bzw. wiederherzustellen. Nicht alle galten als satisfaktionsfähig, sondern nur Angehörige der „besseren Gesellschaft“.

Quer auf dem Rumpf sitzt ein älterer, dicker Mann mit Hut, Brille, Anzugsjacke, Hemd, anscheinend ein Abzeichen vor der Brust, gestreifter Hose und schwarzen Schuhen. Die Augen sind geschlossen, die Hände vor dem Rumpf verschränkt, er wirkt träge, schläfrig, kaum etwas mitbekommend. Der Mann sieht wie ein reicher Bürger aus. Auffällig ist ein großes Hirschgeweih das aus dem Hut herauskommt. In einer Redewendung hat jemand ein Geweih auf, der von seiner Frau hinsichtlch der ehelichen Treu betrogen wird (ähnlich wieder Ausdruck, jemandem würden Hörner aufgesetzt [gehörnter Ehemann]).

Die umgekehrt neben ihm sitzende, rauchende Frau, mit hochgesteckter Frust, Ohrring und elegantem Kleid ist wahrscheinlich seine Ehefrau. Mit der rechten Hand langt sie in seine Jackentasche, wo sich Geldscheine befinden. Sie ist anscheinend vor allem an dem interessiert, was er finanziell bieten kann. Mit der linken Hand hat sie den Arm eines jungen Mannes ergriffen, mit dem sie vermutlich eine Affäre hat.

Dieser junge Mann trägt Unform und eine Monokel (eine Kette dazu ist deutlich zu bemerken), das ein Statussymbol, das in Karikaturen z. B. bei der Darstelllung eines (adligen) Offiziersvorkommt. Er sitzt mit lang ausgestreckten Beine umgekehrt hinten am Pferderumpf, mit Blickrichtung rückwärts, den Kopf erhoben und anscheinend eine Pfeife rauchend. Diese Haltung erzeugt einen hochnäsigen Eindruck.

Ein junger Mann mit Jacke, Knickerbockern und Halbschuhen klammert sich mit beiden Händen am Schweif des Rosses fest und drückt die Füße an den Rumpf. Mit dem Mund hält er das Band einer Mütze. Diese sieht nach der Mütze einer Studentenverbindung aus. Anscheinend wird ein Student dargestellt. Er möchte einen hohen gesellschaftlichen Rang, befindet sich aber in Gefahr, abzurutschen und herunterzufallen/abzustürzen. Wohl aus der Jackentasche sind Papiere herausgefallen und fallen herab, auf einem Stück ist „Wechsel“ lesbar, was auf finanzielle Schwierigkeiten deuten könnte.

An einem Bein des Rosses ist ein eher dünner Mann hochgeklettert, mit Anzugsjacke oder Frack, und hält mit seinem linken Arm seinen Hut so hin, daß er Dinge (Geldstücke?) auffängt, die oben vom dicken reichen Mann herabfallen. An einem Band hängt eine Art Schild an ihm (dies deutet eventuell auf einen bestimmten Beruf, aber für eine genauere Angabe wären erst andere Beispiele, wo deutlichere Rückschlüsse möglich sind, heranzuziehen). Dieser Mann ist weniger reich, weniger angesehen und gesellschaftlich weniger weit oben befindlich.

Unten sitzt hinten auf der Platte ein Mann in dunklem Anzug und mit Hut, der mit der einen Hand ein Bild hält, das er betrachtet, und mit der anderen Hand eine Pistole gegen seinen Kopf richtet. Anscheinend steht er davor, Selbsttötung (Suizid) zu begehen. So etwas konnte nach damals verbreitetem Ehrverständnis bei Bankrott die Ehre der Familie retten und sie vor sozialer Schande bewahren.

Vorne ist auf der Platte ein Geschütz angebracht, aus dem Kopf und Oberkörper eines Soldaten herausragen, wie eine Galionsfigur. Er trägt einen Helm mit Spitze („Picklelhaube), der 1843 in der preußischen Armee eingeführt wurde. Ein großer Helmbusch ist daran angebracht. Der Soldat hat einen höchst energischen Gesichtsausdruck, sein Mund ist weit aufgerissen, Zähne sichtbar, er scheint laut zu rufen/schreien. Er steht wohl für die Rolle und Bedeutung des Militärischen und des Befehlstones.

Die auf der Platte halb sitzende, halb liegende Frau ist Justitia (lateinisch: Iustitia), die Personifikation von Recht/Gerechtigkeit. Erkennbar ist sie an der Augenbinde und dem Schwert (Richtschwert mit der Aufschrift „Justiz“). Diese Asttribute stehen für Rechtsprechung ohne Ansehen der Person und Durchsetzen des Rechts mit Stärke und gegebenenfalls nötiger Härte. Justitia ist aber gefesselt (am rechten Arm und am rechten Bein angebunden). Derr Arm mit dem Schwert ist matt herabgesunken. Aus einem großen Krug mit der Aufschrift „Chloroform“ steigen Dämpfe auf. Justitia ist anscheinend damit betäubt worden. Die Aussage ist, Recht und Gerechtigkeit seien ausgeschaltet und mißachtet.

Den Untergrund bilden zahlreiche Totenschädel. Sie könne als die toten Opfer des Ehrverständnisses/der praktizierten Auffassung von Ehre verstanden werden. Eine Auffassung von Ehre, mit der Leute in dieser Art auf einem hohen Roß sitzen möchten, führt zu vielen Toten (z. B. aufgrund von Duell und Suizid).

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@Albrecht

Chapeau für diese Arbeit! DH! Den dünnen Mann, der am rechten Vorderbein des Rosses hängt, halte ich für einen Künstler; m.E. hat er eine Maler-Palette umhängen.

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oben toll eingerichtet aber keinen bodenkontakt .

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