hatte die weimarer republik jemals eine chance gehabt oder war sie zum scheitern verurteilt?

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In der Geschichte gibt es meiner Meinung nach keinen völlig zwangsläufigen Verlauf (es wirken nur zum Teil schwerwiegende Ursachen/Gründe), weil dieser auch von menschlichen Entscheidungen abhängt und Menschen, auch wenn Einflüsse vorliegen, in ihrem Wollen frei sind (ein radikaler Determinismus hat dazu eine anderen Standpunkt, aber dessen Argumentation überzeugt mich nicht). Einzelne Personen und Gruppen der Bevölkerung hätten sich auch anders verhalten können.

Von einer tatsächlichen Lage aus ist der weitere Verlauf bei einem hypothetischen etwas anderen Gang der Entwicklung zwar nur für sehr kurze Zeit einigermaßen deutlich abschätzbar, aber als völlig chancenlos können nicht alle denkbaren Entwicklungen schon von der Ausgangslage her abgestempelt werden.

Die Weimarer Republik ist nicht an einer von Anfang an vorhandenen eindeutigen und offensichtlichen, ihre Gründung unvermeidlich zu einem aussichtslosen Versuch machenden Ursache gescheitert (dann hätte sie wohl kaum mehr als höchstens wenige Jahre Bestand gehabt, nicht über 1923 hinaus), sondern an einem verwickelten Geflecht von Ursachen/Gründen.

Die Weimarer Republik war nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt, sondern nur erheblich gefährdet und insgesamt nicht besonders stabil. Ihr Scheitern vollzog sich nicht zwangsläufig. Die Zerstörung der Demokratie war kein unausweichliches Ende. Es gab Alternativen zu den tatsächlichen Entscheidungen und Entwicklungen. Einige Schwierigkeiten waren zu vermuten. Die Voraussehbarkeit hängt auch vom Zeitpunkt ab. Eine Frage ist, welche Wahrscheinlichkeit eine bestimmte Prognose über etwas zu einer bestimmten Zeit beanspruchen konnte.

Die Ausrufung der Republik am 9. November 1918 ohne große Vorbereitung ist für sich genommen kein schwerwiegender Umstand. Der Staat bestand ja danach eine Reihe von Jahren. Zu der Verfassung selbst gab es Überlegungen, Beratungen und Diskussionen. Die Weimarer Republik ist zwar eine „improvisierte Demokratie“ genannt worden. Aber sie war mehr als eine Verlegenheitslösung und knüpfte an demokratische Gedanken und Ansätze in der deutschen Geschichte an.

Die Demokratie in Deutschland hatte damals ungünstige Rahmenbedingungen und die Weimarer Republik war Belastungen ausgesetzt.

Es gab Erblasten, die das Deutsche Kaiserreich hinterlassen hatte (z. B. verlorener Krieg und dessen weitgehende Finanzierung über Kredite, die ein wichtiger Grund für eine starke Inflation waren). Der Versailler Vertrag hatte ungünstige psychologische Folgen und führte zum langandauernden Problem der Reparationszahlungen, was radikalen Kräften Agitationsmöglichkeiten mit Angriffen gegen auf Kompromisse, internationale Verständigung und Einsicht in reale Bedingungen ausgerichtete Demokraten bot. Die Dolchstoßlegende und andere sachlich unzutreffende Deutungen zum Weltkrieg und der Entstehung der Weimarer Republik waren schädlich.

Alte Machteliten mit einer konservativ-autoritären Einstellung behielten eine starke Stellung.

Die Verfassung hatte Schwächen (Machtfülle des Reichspräsidenten durch Kombination von Möglichkeit von Notverordnungen, Recht auf Reichstagsauflösung und Ernennung/Entlassung des Reichskanzlers, destruktives Misstrauensvotum gegen Regierung möglich, keine Unveränderlichkeit von Grundrechten und demokratischen Grundprinzipien im Wesenskern). Aber die politische Ordnung war grundsätzlich für eine staatliche Existenz tauglich und am Anfang hatte es inhaltlich tragfähige Grundkompromisse gegeben.

Zu Anfang war eine Mehrheit zu einem demokratischen Weg bereit. Eine antidemokratische Mentalität spielte eine starke Rolle und hat Menschen zu einer Gegnerschaft beeinflußt. Aber Argumente, eine bessere politische Kultur und Erfahrungen mit praktischer Politik (auch die von Parteien mit Abneigung gegen Demokratie wie der DNVP) hätten in dieser Hinsicht auch wieder zu günstigere Verhältnisse herbeiführen können, da viele keine feste Weltanschauung hatten, sondern oft vor allem desorientiert waren.

1920 verloren die „Parteien der Weimarer Koalition“, von denen die demokratische Verfassung hauptsächlich getragen wurde, die Mehrheit bei Wahlen zum Reichstag. Aber auch für eine grundsätzlich andere politische Ausrichtung gab es lange Zeit über keine Mehrheit.

Die Weimarer Republik hat 1919 – 1923 beträchtliche Schwierigkeiten und Angriffe überstanden. 1924 – 1928 gab es verhältnismäßig gesehen eine Stabilisierung. Es gab trotz fortbestehender Problemfaktoren eine Chance auf eine Weiterentwicklung mit allmählicher Konsolidierung bei mehr Zeit.

Erst in der Weltwirtschaftskrise kam es zu voranschreitenden beträchtlichen Auflösungsprozessen in der politischen Ordnung. Aber bis 1933 gab es Handlungsspielräume und Handlungsalternativen. Es vollzog sich kein Geschehen mit absoluter Notwendigkeit, wie groß oder klein auch immer die Verwirklichung von einzelnen Alternativen beurteilt wird (im Ganzen gesehen nahmen ab 1929/1930 die Chancen zunehmend ab).


Albrecht  19.01.2013, 23:56

Ursachen/Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik werden in wissenschaftliche Darstellungen über die Weimarer Republik erörtert (z. B. in einer neuen Gesamtdarstellung bei: Ursula Büttner, Weimar : die überforderte Republik 1918 - 1933 ; Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Stuttgart : Klett-Cotta, 2008, S. 498 – 509). Für eine Urteilsbildung ist es günstig, sich mit der Zeit näher zu befassen und dabei auch mehrere Erklärungen und Deutungen zu vergleichen (aufgeführte Ursachen/Gründe und ihre Gewichtung).

Zum Scheitern der Weimarer hat nicht allein eine einzige Ursache/ein einzelner Grund geführt, sondern eine Anzahl verschiedener Ursachen (teil aus der Vergangenheit stammen, teils neu entstanden) und ihr Zusammenwirken. Verschiedene Arten von Ursachen/Gründen können überprüft, in ihrer Bedeutung gewichtet und auf den Spielraum, den sie ließen, untersucht werden:

  • Versailler Vertrag und die Reaktion darauf

  • Weltwirtschaftskrise

  • starke Stellung von Führungskräften des Kaiserreiches in Verwaltung, Justiz, Militär (Reichswehr) und Wirtschaft

  • antidemokratische Denken

  • Strukturschwächen der politischen Ordnung/Verfassung

  • Unterschätzung der NSDAP und ihrer Gefährlichkeit

  • Abbröckeln der Zusammenarbeit von Kräften der Mitte, in der Arbeiterbewegung verwurzelten Sozialdemokraten und im Bürgertum verankerten Parteien (vor allem Zentrum [politischer Katholizismus] und Deutsche Demokratische Partei [DDP, liberal], zeitweise auch andere wie die Deutsche Volkspartei [DVP; rechtsliberal-konservativ)

Äußere Bedingungen wie die außenpolitische Lage/die Bestimmungen des Versailler Vertrag und die Weltwirtschaftskrise erklären nur einen Teil von auftretenden Schwierigkeiten. Sie erklären für sich genommen nicht, warum der demokratische Staat selbst abgelehnt wurde.

Der Umgang mit solchen Rahmenbedingungen hätte innerhalb des politischen Systems einer Demokratie bleiben können, wenn nicht andere Faktoren gewesen wären.

Eberhard Kolb/Dirk Schumann, Die Weimarer Republik. 8., überarbeitete und erweiterte Auflage. Oldenbourg : München, 2013 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte ; Band 16), S. 276 skizziert ein komplexes Ursachengeflecht:

  • institutionelle Rahmenbedingungen

  • ökonomische Entwicklungen mit ihren Auswirkungen auf politische und gesellschaftliche Machtverhältnisse

  • Besonderheiten der politischen Kultur in Deutschland (mitverantwortlich für weitgehende Republikferne der Eliten)

  • Veränderungen im sozialen Gefüge (Umschichtungen)

  • ideologische Faktoren (autoritäre Tradition, extremer Nationalismus, Führererwartung und Hoffnung auf einen charismatischen „starken Mann“)

  • massenpsychologische Momente (Erfolgschancen einer massensuggestiven Propaganda infolge kollektiver Entwurzelung und politischer Labilität breiter Bevölkerungskreise)

  • Rolle einzelner Personen (vor allem Hindenburg, Schleicher, Papen)

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Albrecht  19.01.2013, 23:57

S. 150 – 152: „Angesichts des Unheils, das die Herrschaft des Nationalsozialismus über Deutschland und die Welt gebracht hat, steht die Beschäftigung mit der Weimarer Republik notwendigerweise immer unter der Frage, ob das Scheitern der Demokratie – und ein Scheitern mit gerade jener Konsequenz einer Machtergreifung der Hitler-Partei – unvermeidlich war, ob und welche Alternativen es gegeben hat (und vielleicht bis zuletzt gegeben hat), in welchem Maße strukturelle Gegebenheiten, interessengeleitete Aktivitäten sowie soziale Gruppen und individuelle Entscheidungen einzelner Funktionsträger für die Zerstörung des Staates von Weimar und die Etablierung des NS-Regimes verantwortlich waren. Eine Antwort auf diese Fragen ist nicht einfach und es kann daher nicht überraschen, daß sehr unterschiedliche Antworten gegeben wurden und gegeben werden.

Gewiß war die erste deutsche Republik im Ergebnis der Gründungsphase mit einer fundamentalen Schwäche behaftet. In ihrer 1919 konstituierten konkreten Gestalt wurde die parlamentarische Demokratie nur von einer Minderheit wirklich akzeptiert und mit kämpferischem Elan verteidig, breite Bevölkerungsschichten verharrten in Distanz, Skepsis und offener Ablehnung, bereits im Verlauf der Gründungsphase organisierten sich auf der politischen Rechten und der äußersten Linken die antidemokratischen Kräfte zum Kampf gegen die Republik. Unter diesen Umständen muß es als ein kleines Wunder – und als eine beachtliche Leistung – gelten, daß es den republikanischen Politikern gelang, die Weimarer Demokratie durch die von komplexen innen- und außenpolitischen Gefährdungen Anfangsjahre hindurchzuretten und schließlich einen bemerkenswerten Grad von politischer und wirtschaftlicher „Normalisierung“ zu erreichen. Aber schon in diesen Jahren einer relativen Stabilisierung setzte auch jene Entwicklung ein, die dann seit 1929 in eine rasch voranschreitende Desintegration des politischen Systems überging: die Abkehr großer Teile des Bürgertums und insbesondere der alten Führungseliten vom pluralistischen Sozialstaat Weimarer Prägung und damit vom „Gründungskompromiß“ der Jahre 1918/19, durch den der Staat von Weimar auf einem politischen Zusammengehen von sozialdemokratischer Arbeiterschaft und demokratischem Bürgertum aufgebaut wurde. Zu diesem „Gründungskompromiß“ gehörte auch und vor allem der partnerschaftliche Interessenausgleich von Arbeit und Kapital, der von den Unternehmern seit dem Ruhreisenstreit von1928 schrittweise aufgekündigt wurde. In dieser Perspektive gewinnen die Vorgänge und Entscheidungen der Jahre 1929/30 ihre signifikante Bedeutung als eigentliche Weichenstellung auf dem Weg in die Katastrophe. Mit dem Übergang zum Präsidialsystem wurde nämlich einen Abwendung von der parlamentarischen Regierungsweise vollzogen und die Position gerade der republiktreuen und staatsbejahenden Kräfte empfindlich geschwächt, noch ehe die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise die sozialen Ängste ins Unermeßliche steigerten und die Loyalität breiter Bevölkerungsschichten gegenüber der bestehenden Staatsordnung immer mehr schwinden ließen, so daß die extrem nationalistische und demokratiefeindliche NSDAP jenen Auftrieb erhielt, der sie zur Massenbewegung machte. Aber trotz aller Erfolge der Massenmobilisierung und an den Wahlurnen war die NSDAP nur deshalb schließlich siegreich, weil die alten Eliten in Großlandwirtschaft und Industrie, Militäraristokratie und Großbürgertum zur autoritären Abkehr von Weimar entschlossen waren und glaubten, die nationalsozialistische Massenbewegung für sich nutzen zu können. Zwar erstrebten sie nicht eine totalitäre Diktatur, wie sie seit dem 30. Januar 1933 Wirklichkeit wurde, aber im Kampf gegen Demokratie, Parlamentarismus und organsierte Arbeiterschaft war die NSDAP für sie ein akzeptabler Bundesgenosse.

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Albrecht  19.01.2013, 23:58

Wohl wird man behaupten dürfen, daß die nationalsozialistische Machtergreifung auch seit Sommer 1932 nicht unvermeidlich war. Aber unter den Voraussetzungen der bestehenden politischen Frontstellungen, Zielsetzungen und Kräfteverhältnisse sowie des inzwischen erreichten Grades der Aushöhlung des Verfassungssystems bestand seit 1932 zweifellos ein außerordentlich starker Trend in Richtung einer Hitler-Lösung. Um diesen vermeintlichen Ausweg aus der Systemkrise zu blockieren, hätte es eines hohen Maßes an politischer Phantasie und an politischem Verantwortungsbewußtsein bedurft, vor allem bei jener Gruppe eigentlicher Entscheidungsträger, die seit der Errichtung des Präsidialregimes das parlamentarische Machtvakuum ausfüllten, Aber gerade in diesem Kreis war der Wille zum Erhalt einer demokratischen Ordnung in Deutschland nur schwach entwickelt. Es dominierte der Wille zur autoritären Umgestaltung von Staat und Gesellschaft, und damit reduzierte sich das Spektrum möglicher politischer Kombinationen so sehr, daß an einem Arrangement mit der Hitler-Partei kaum vorbeizukommen war, sofern man nicht entschlossen war, sich auf den Weg des Staatsnotstands zu begeben. Bezeichnenderweise kam dieses Arrangement in dem Moment zustande, als die NSDAP beträchtliche Rückschläge hinnehmen mußte, sich andererseits aber mit Schleicher – nach der Auffassung einflußreicher republikfeindlicher Kräfte – eine Bündniskonstellation anbahnte, die der Arbeiterbewegung die Rückkehr auf die politische Bühne hätte ermöglichen können. Um dies zu verhindern, ging man den Pakt mit dem Nationalsozialismus ein, dessen die ideologisches Fundament die gemeinsame Frontstellung gegen die organisierten Arbeiterinteressen und die republikanische Ordnung war.“

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Im Prinzip hat lyrange Recht.

Trotzdem versuche ich eine kurze Antwort.

Ich glaube, nein. Demokratie setzt voraus, dass eine solide Mehrheit der Bevölkerung für diese politische Verfassung ist, vor allem für Meinungsfreiheit und Minderheitenschutz (also anders als in den frischen arabischen "Demokratien").

Um eine solche Mehrheit war es ab 1919 schlecht bestellt. Die Rechte - unter Einschluss praktisch aller bürgerlicher Parteien - war monarchistisch eingestellt. Ihre Kräfte saßen an all den Schalthebeln der Macht, deren Besetzung nicht unmittelbar durch allgemeine Wahlen geändert werden konnte.

Auf der Linken war eigentlich nur die SPD demokratisch in dem Sinne, dass sie uneingeschränkt bereit war, sich Mehrheitsentscheidungen zu beugen. Sie war auf Dauer aber eine 20-30%-Partei, also allein nicht mehrheitsfähig.

Natürlich kann eine (aufgezwungene) Demokratie sich trotzdem stabilisieren - und zwar dann, wenn ein lang anhaltendes Wirtschaftswachstum es erlaubt, den Lebensstandard aller zu steigern, so dass heftigere soziale Verteilungs ("Klassen-") ausbleiben oder selten werden, jedenfalls nicht in eine Systemkrise münden.

Solche wirtschaftlichen Voraussetzungen waren in der Zwischenkriegszeit aber nicht gegeben.


Maxieu  19.01.2013, 22:26

Es fehlt bei mir im Text das Wort "-kämpfe" nach Verteilungs("Klassen-")

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Albrecht  20.01.2013, 00:03

Welche Parteien sind denn mit den praktisch allen bürgerlichen Parteien gemeint, die monarchistisch eingestellt gewesen seien?

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Ich möchte mal grundsätzlich zu solcher Art Fragen anmerken, dass man sie kaum beantworten kann. Die Geschichte ist extrem komplex. Beim Scheitern der WR spielen politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, ideengeschichtliche Fragen eine Rolle und zwar auf nationaler, wie auf internationaler Ebene. Eine Fülle von Einzelpersönlichkeiten, Bevölkerungschichten und Interessengruppen haben sich so und so verhalten und hätten sich vielleicht auch ... Das führt nirgendwo hin.


evelynbrown  13.11.2016, 11:10

Was wäre denn ein Grund warum die WR nicht von Beginn an zum Scheitern verurteilt wäre?

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Die hohe Arbeitslosigkeit und die Depressionen des verlorenen 1. WK haben die Weimarer Republik zerstört. Sie wäre auch ohne die NS zerbrochen, dann vielleicht eher durch den Kommunismus.


Ja. Denn nur wenige haben sie verteidigt.