Benutzt ihr beim Sprechen das Plusquamperfekt?

22 Antworten

In anderen Sprachen, vor allem Spanisch, werden Zeiten sehr streng angewandt. Alleine an der Zeitauswahl erhältst du dort jede Menge Zusatzinformation, ob nun etwas gerade her ist, noch am Laufen ist, früher die Ausnahme oder die Regel war, du im Begriff warst, etwas zu tun oder eben schon gemacht hattest, ja selbst ob es heute noch so ist oder nicht (vgl. te quería vs. te quise).

Im Deutschen ist es dagegen so, dass man die Zeiten ziemlich flexibel einsetzt, sie haben nicht das absolute Gewicht wie z.B. im Spanischen. Dadurch wird die Sprache etwas wischi-waschi, was durchaus gewollt ist, denn wenn man korrekt Deutsch spräche, würde das der meisten Menschen zu hochnäsig klingen. Also findet generell im Deutschen folgendes statt:

  1. Das Imperativ klingt zu streng. Es wird immer abgeschwächt, außer man setzt es als Druckmittel ein.
  2. Im Deutschen werden häufig Worteinschübe verwendet, um die Strenge eines Satzes abzuschwächen oder um die genauere Bedeutung oder Zeitschiene zu bestimmen. Im Spanischen hast du das schon durch die richtige Zeitenwahl erledigt.
  3. Das Genitiv wird oft vermieden, da zu amtsdeutsch und besserwisserisch.
  4. In Norddeutschland benutzt man eher das Präteritum, in Süddeutschland eher das Perfekt. Das Präteritum klingt korrekter, wird von daher öfter in der Schriftsprache verwendet. Für Süddeutsche klingt es aber zu abgehoben und weltfremd. Dagegen klingt das Perfekt vertraulicher, für Norddeutsche jedoch zu simpel. Ob man jedoch Präteritum oder Perfekt nimmt, spielt grammatikalisch keinerlei Rolle, man kann sie sogar im Satz mischen. In anderen Sprachen geht das nicht.
  5. Somit ist auch das Plusquamperfekt "vorbelastet", denn es wird ja aus dem Präteritum von sein oder haben + Partizip gebildet. So wird auch dieses, vor allem im Süddeutschen raum, vermieden, wo es nur geht.

Ich benutze das Plusquamperfekt, um eben die Vorvergangenheit auszudrücken. Die Genauigkeit der Zeitbestimmung geht verloren, wenn man es nicht benutzt. Der genaue oder ungenaue Sprachgebrauch hängt natürlich von der Genauigkeit des Denkens ab, ABER umgekehrt ist es auch der Fall. Das merkt man, wenn man sich in einer Sprache ausdrücken muss, die man nicht gut beherrscht: Man vereinfacht das, was man sagen will, weil man die Feinheiten nicht beherrscht. Man vereinfacht also auch das Denken.

Wenn jemand geschrieben hat, das Plusquamperfekt werde kaum noch verwendet, dann kann das nur für "bildungsferne" Sprecher zutreffen. Die gibt es allerdings.

Woher ich das weiß:Beruf – Sprachdienstleister

Plusquamperfekt wird in der gesprochenen Umgangssprache vergleichsweise selten verwendet -- sehr oft werden stattdessen Imperfekt (Präteritum) oder Perfekt verwendet. 

Auch bei anderen Zeiten sind wir großzügig: Das Präsens wird mit großem Abstand am häufigsten verwendet und ersetzt ganz oft das Futur, ebenso oft als "dramatisches Präsens" das Imperfekt.

Es gibt aber durchaus Situationen, in denen auch in der gesprochenen Sprache ganz automatisch das Plusquamperfekt korrekt verwendet wird. Dies gilt vor allem immer dann, wenn man die zeitliche Abfolge der Ereignisse ganz besonders betonen möchte.

Beispiel: Ich hatte alles schon eingetippt und dann ist der Rechner abgestürzt!

Das Problem mit dem Plusquamperfekt ist, dass man es nur in bestimmten Situationen korrekt anwenden kann.
Krasser find ich den Unterschied "Perfekt" / "Imperfekt".. habe immer das Gefühl, dass in Süddeutschland das Imperfekt komplett aus der gesprochenen Sprache verbannt wurde.. :-)

Da bin ich komischerweise auch sehr "korrekt"... Ich verwende das Präteritum und das Perfekt fast analog zum Simple Past und Present Perfect im Englischen :D

Ich glaub außer mir macht das niemand...

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@Gringacho

@ Gringacho: Dass englische "Present Perfect" ist aber nicht mit dem deutschen Perfekt vergleichbar (außer in der Bildung).

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@adabei

Ja.. im Deutschen ist das Problem nun mal, dass das Imperfekt für viele Leute.. stilistisch zu hoch klingt und viele Leute die Konjugationen auch gar nicht kennen.. ich kenne kaum einen der, außer bei den Verben "sein" und "haben", das Imperfekt in der gesprochenen Sprache noch verwendet und ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich gehe davon aus, dass das Imperfekt irgendwann umfunktioniert wird und so enden wird, wie das französische "passé simple".. :-)

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Da liegt daran, dass es im Deutschen keinen Bedeutungsunterschied zwischen Präteritum und Perfekt gibt. Die in den germanischen Sprachen ursprünglichen Zeiten Präsens und Präteritum genügen für das fließende Sprechen, das Perfekt übernimmt in Süddeutschland jedoch der Bedeutungsgleichheit wegen die Rolle des Präteritums. Die Zeiten Plusquamperfekt aber auch Futur I und II sind (und das Perfekt ist es auch) einfach nur der Versuch der Imitation des lateinischen Zeitensystems in der deutsche Sprache, der kläglich gescheitert ist. 

Viel bedrückender finde ich den Schwund des Genitivs, die Nachlässigkeit hinsichtlich der Konjungtive und dass das Dativ-e derart missachtet wird.

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Ich benutze das Plusquamperfekt beim Sprechen so gut wie nie. Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir nicht mal ein Beispiel ein, da ich es benutzen könnte. 

Ich finde es aber auch nicht dramatisch, wenn jemand "die falsche Zeitform" benutzt. Oftmals sind es regionale Unterschiede, die so was bedingen. ;)

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