Wenn man eine Frage stellt und sie wird beantwortet, entstehen oft weitere neue Fragen zur Antwort. Kann man diese Kaskade als kognitiven "Urknall" betrachten?

4 Antworten

Ein Urknall passiert einmal. Denken zündet immer wieder. Was du beschreibst, ist eine selbstverstärkende Kettenreaktion in einem Wissensnetz, das nahe an der Kritikalität arbeitet. Das Gehirn ist eine Vorhersagemaschine. Es baut Modelle der Welt und jagt Vorhersagefehler herunter. Genau dort setzt Neugier an. Die Informationslücken-Theorie von George Loewenstein zeigt, dass Fragen entstehen, wenn zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir wissen wollen, eine moderate Lücke klafft. Eine Antwort schließt die Lücke nicht einfach. Sie verschiebt den Rand des Bekannten und legt neue Lücken frei. In der Sprache des "predictive processing" erzeugt jede Korrektur neue Fehlerbegriffe am Rand des Modells. So entsteht die Kaskade. Auf der Ebene der Inhalte wächst Wissen als Netzwerk. Neue Begriffe werden als Knoten eingespeist und verknüpfen sich bevorzugt mit bereits gut vernetzten Knoten. Genau dieses "preferentielle Anheften" erklären Steyvers und Tennenbaum in ihren Arbeiten zu semantischen Netzen. Unsere Begriffslandschaft hat "small world" und "scale free" Eigenschaften, die dafür sorgen, dass ein einziger neuer Knoten die Zahl sinnvoller Verbindungen überproportional erhöhen kann. Jede zusätzliche Stück Erklärung macht weitere, naheliegende Fragen probabilistisch wahrscheinlicher, weil mehr Kanten offen daliegen. Darum fühlt sich eine gute Antwort nicht wie ein Punkt an, sondern wie eine Tür, hinter der drei weitere Türen warten. Stuart Kauffman nannte den Raum dieser neu entstandenen Möglichkeiten das "adjacent possible" das direkt Benachbarte, das erst existiert, nachdem etwas Neues da ist.


Hallo SpezialAntwort!

Der kognitive Urknall jeder Person ist für mich die Entdeckung des Ich.

LG

gufrastella

Moin,

tolles Bild, prima Idee. Schade, zu spät gesehen,- auch zwei gute Beiträge zu deiner Frage.

Aber im Nachtrag hier noch folgende Anregung.

Ich würde eine zeitlich-sachliche "Ablauf- / Entwicklungsfolge" so strukturieren:

Die Reihenfolge ergibt sich daraus, dass 2) eher die inhaltliche Konfiguration dessen ist was in 1) entsteht.

Zu 2) würde ich jedoch ergänzen, dass das Gehirn keinesfalls im Schwerpunkt eine Vorhersagmaschine ist. Das ist zwar ein wichtiger Teil unserer Motivation Wahrnehmung in Informationen zu transformieren (die Evolution hat uns darauf trainiert wissen zu wollen was auf uns zukommt). Aber mindestens ebenso zentral ist die Funktion des Gehirns als rekursive Analyse- und Integrationsmaschine zu Zweck der Selbstwahrnehmung, Selbstdefinition und Selbstentwicklung.

Deine Frage veranschaulicht sehr schön den systemtheoretischen Hintergrund des Menschen als >Offenes System<. - jede Information ist nicht nur Sachinformation sondern auch Träger von Selbstwahrnehmungsinformationen.

Das System löst in seiner Umwelt Ereignisse aus, deren Rückkoppelungen als Verhaltens- und Verarbeitungsimpulse vom System integriert werden müssen und dabei / dadurch sowohl die System-Umwelt - Grenze für dieses System informationell sichtbar macht wie auch seine internen Zustände durch Veränderung reflektiert .

So funktioniert Selbstwahrnehmung eines autoaktiven und autopoietischen Systems Namens Mensch. System-Umwelt - Interaktion generiert Selbstwahrnehmung.

So gesehen ist jede Frage die du an die Welt hast das Potential und jede Antwort, die du bekommst die Freisetzung einer weiteren Selbstwahrnehmungs- und Selbstentwicklungsdynamik oder auch gerne -kaskade.

Im Übrigen ist auch gar nicht abschließend geklärt, ob es tatsächlich nur "einen" oder Urknall gab oder ob es nicht oder nicht viele davon gab oder immer noch gibt. Die Crux bei einem wäre die Lokalität. EIN physikalisches Ereignis ann auch nur EINEN räumlich konkreten Ort haben. Wo war der? Für manche schaut das eher nach einer Neuauflage des geo- versus heliozentrischen Weltbildes aus - nur in anderen Dimensionen.

Ich finde, du kannst ruhig bei der schönen Metapher bleiben. - Passt schon. ;-)

Woher ich das weiß:Studium / Ausbildung – Studium - Lebenspraxis - Verbindung von beiden

Eher als kognitives "Universum", das zum Beispiel aus den philosophischen Grundfragen I. Kants entstand; diese wären dann der relativ immer neu zu beantwortende "Urknall".