Zahlwörter deklinieren?

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Hier haben wir eine anständige Tabelle (aus meiner ständigen Geheimwaffe: Schmid, Einführung in die deutsche Sprachgeschichte. Das solltest Du Dir be­sor­gen, not­falls aus dem Internet runterladen). Dabei geht Althochdeutsch bis grob 1000, Mittel­­hoch­­deutsch bis grob 1450 und Frühneuhochdeutsch bis grob 1750.

Die Genitivendung -er kam erst im Mittelhochdeutschen dazu, geklaut von den Pro­nomi­na. In Analogie dazu wurde die Dativendung im Fnhd. zweisilbig. Die Ne­utrums­­form zwei wurde erst im Neuhochdeutschen auf alle Genera verallgemeinert; seither ist die maskuline Form zwe(e)n ausgestorben, und die feminine Form zwo gilt nur noch als Variante. Im Gen und Dat gab es nie genusspezfische Formen.

Bei drei sieht es ähnlich aus, nur daß der Verlust der Genusdifferenzerung schon früher auftrat.

Hätte sich die weibliche Form driu [dryː] ins Neuhochdeutsche fortgesetzt, dann müß­te sie vermutlich heute dreu [drɔɪ] heißen. Ganz sicher bin ich mir aber nicht, weil al­le Bei­spiel­wörter, die man dazu findet (z.B. hiute→heute) das eu im Wort­inne­ren ha­ben; der weibliche Artikel diu→die hat aber das alte [yː] zu [iː], nicht [ɔɪ], um­ge­baut; viel­leicht wäre also auch drie [dʁiː] herausgekommen.

Ab vier waren die Zahlwörter bereits im Althochdeutschen indeklinabel.

Woher ich das weiß:Hobby – Angelesenes Wissen über Sprach­geschich­te und Grammatik
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Das hätte ich wohl nicht so früh abschicken sollen, denn im Grammatikbuch von Gott­sched (≈1750), das andreasolar verlinkt hat, stehen auch geschlechts­diffe­ren­zierte For­men für Gen und Dat, während meine Tabelle einheitliche Formen angibt. Der Wider­­spruch verlangt nach Aufklärung.

Wer hat recht? Dazu eine illustrative Stelle aus dem Nibe­lun­gen­lied (Siegfried berät Gunther, wie man die Sache mit seiner Braut einfädeln sollte). Ich werfe Dir die ganze Strophe 349 aus Handschrift C an den Kopf und übersetze sie einmal so wörtlich wie möglich, dann etwas relaxter.

Wir svln in rechen wise varn zetal den Rin.
die wil ich iv nennen, die daz svln sin:
zv vns zwein noch zwene vn niemen me.
so erwerben wir die frowen, swiez vns dar nach erge.
Wir sollen in Recken-Weise fahren den Rhein zutal
Die will ich Euch nennen, die das sein sollen
Zu uns zweien noch zween und niemand mehr
So erwerben wir die Frau, wie es uns auch nachher ergehe
Wir sollten nach Art der Helden den Rhein abwärts fahren
Und ich will Euch sagen, wer da mitkommen wird:
Zu uns zweien noch zween und keiner sonst
So kriegen wir die Frau, was auch immer dann geschehe

Du siehst also, die Formen entsprechen dem, was ich aufgeschrieben habe: Der Dativ ist zwein, der Akkusativ zwen. Den Genitiv finde ich z.B. in von zweir helde handen ‘von den Händen zweier Männer’ und weiblich in der unsterblichen Stelle von zweier frowen bagen wart vil der degene verlorn ‘durch zweier Frauen Zan­ken gingen viele Helden verloren’. Einen weiblichen Nominativ haben wir in einer Kapitel­über­schrft wie sich die zwo konigin schulde ‘wie die zwei Königinnen mit­ein­ander stritten’ (das Verb ist schelten, scholt, gescholten).

Bleibt die Frage, warum Gottsched das anders sieht. Ich nehme an, seine Pedan­te­rie hat ihn zu einem Hyperkorrektismus getrieben, und er hat übergeneralisiert (vermutlich hielt der die geschlechtsneutralen Formen für eine neumodische Entartung). In der mündlichen Sprache waren die geschlechtsdifferenzierten Formen für Nom/Akk wahrscheinlich gar nicht mehr enthalten, und er wollte päpstlicher als der Papst sein und sie auch unhistorisch für Dat/Gen verwenden.

Das ist ein Fehler, den Sprachpfleger oft machen: Sie sehen, daß ein bestimmtes Merkmal aus der Umgangssprache verschwindet, stemmen sich dagegen und setzen es auch dort ein, wo es gar nicht hingehört. Das kannst Du z.B. heute bei Leuten sehen, die trotz fälsch­lich mit dem Genitiv verwenden: Sie strengen sich so sehr an, bei wegen immer den Genitiv zu nehmen, und glauben dann, daß sie dasselbe auch bei trotz machen soll­ten, um dop­pelt fein zu klingen.

Vor langer Zeit haben wir mal über die Konjugation von werden im Präteritum gesprochen; die veralteten literarischen Formen sind ich ward, du ward(e)st, er ward; z.B.So schonungs­los wardst du dahingegeben! (Schiller, Maria Stuart) Auch das ist ein Hyper­korrek­tis­mus, denn die 2 Sg hat im Deutschen seit Beginn der Überlieferung u-Vokalis­mus; der a-Vokal ist auf die 13 Sg beschränkt. Dasselbe gilt für die ande­ren west­germa­ni­schen Sprachen, während Nord- und Ostgermanisch im Sg durch­gehend a ha­ben. Die Über­tra­gung des Plural-Vokalis­mus auf die Singularform ist eine westgerma­ni­sche In­nova­tion und war daher auch im Altengli­schen zu finden. Die Form du wardst ist also unhistorisch, und tatsächlich findet man du wurdest auch in der klas­sischen Literatur viel häufiger, auch bei Schiller (Du wurdest abgeschnitten auf dem Marsch, Wallenstein III).

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Ja, dazu hatte ja indiachinacook bereits die Tabellen für die deutschen Wörter zwei und drei angeführt. Heute ist davon (was für den Lernenden ja gut ist) nicht mehr sehr viel übrig geblieben, aber man kann immer noch "zwo" als Alternative zu "zwei" hören (zudem verwendet man durchaus noch manchmal die gebeugten Formen wie z.B. im Genitiv "ein Mann zweier Welten").

Regelmäßig verwendet wird die komplette Variation der Zahlwörter 1, 2, 3 und 4 im Isländischen und im Färöischen. Isländisch kennt somit auch die Formen fjórir (4, männlich), fjórar (4, weiblich) und fjögur (4, neutral) inklusive gebeugter Formen.

Es sind vor allem die Genitivformen, die noch recht oft benutzt werden (tveggja = zweier, þriggja = dreier, fjögurra = vierer).

 https://en.wiktionary.org/wiki/tveir#Icelandic 

Auch Luxemburgisch verwendet verschiedene Formen für die 2 (nicht für die 3 oder 4). Daher sagt man

zwéi Beem = zwei Bäume (männlich)
zwou Fraen = zwei Frauen (weiblich)
zwee Kanner = zwei Kinder (neutral)

https://lb.wikipedia.org/wiki/Zwee

Aber auch da zeichnet sich ab, dass eine Form davon in der Zukunft wahrscheinlich verschwinden wird ("zwéi" wird immer mehr durch "zwee" ersetzt, was aber noch als falsch gilt).  

Immerhin benutzt Luxemburgisch noch die althochdeutsche Unterscheidung der zwo (als echt feminine Form), nämlich zwou. 

Übrigens kennt Färöisch noch eine weitere Unterscheidung: zur maskulinen Zwei, tveir, gesellt sich eine sog. "Paarform" der Zwei, tvinnir, also würde man sagen:

tveir hundar (zwei Hunde)
tvinnir sokkar (zwei Socken, ein Paar Socken)  

Die Ähnlichkeit zu englisch "twins" (Zwillinge) fällt auf.

Heute werden Zahlen kaum noch dekliniert. Es gibt aber Ausnahmen, guck mal hier.

https://deutschegrammatik20.de/adjektiv/zahlen-kardinalzahlen-ordinalzahlen/deklination-kardinalzahlen/

Ansonsten ist das ein Thema, womit sich nur Linguisten beschäftigen. Deshalb habe ich das mal als Thema ergänzt.

Das hier finde ich beim Googeln, aber da heißen die Zahlen auch noch anders:

https://books.google.de/books?id=mhzZBQAAQBAJ&pg=PA188&lpg=PA188&dq=deklination+der+Kardinalzahlen+altdeutsch&source=bl&ots=QxvLrSLbSH&sig=ACfU3U2vERXFBdkPFuyksjxYe9dgR4JGMQ&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwiUyY6Bpb3qAhVE-aQKHSAkBscQ6AEwEnoECAgQAQ#v=onepage&q=deklination%20der%20Kardinalzahlen%20altdeutsch&f=false

Das habe ich tatsächlich noch nie gesehen. Da muss ich für meine voreilige Antwort um Entschuldigung bitten.

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