Wie stand Epikur zur Religion?

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6 Antworten

Der Philosoph Epikur (Ἐπίκουρος [Epikouros]) hat keinen Atheismus vertreten. Er hat die Existenz von Gottheiten angenommen. Epikur hat Religion bzw. religiöse Vorstellungen kritisiert, indem er sich mit Auffassungen auseinandergesetzt hat, die er für falsch gehalten hat, und ihnen die seiner Meinung nach richtigen Aufassungen entgegenstellt hat. Epikur hat sich insbesondere gegen Auffassungen, denen zufolge die Menschen Gottheiten fürchten müssen (z. B. drohende Bestrafungen), und gegen Aberglauben gewendet. Er will die Menschen vor Götterfurcht befreien. Epikur versucht rationale Erklärungen zu geben.

Epikurs Theologie/Religionsphilosophie hat zum praktischen Zweck, das gute Leben (εὐ ζῆν = gut leben) oder anders gesagt das Glück (εὐδαιμονία [eudaimonia]) zu fördern, indem die Menschen ein glückseliges Leben der Gottheiten als Vorbild nehmen und das, was an Auffassungen und Verhaltensweisen für das Glück der Menschen hinderlich und schädlich ist, beseitigt wird. Epikur hät ein Freisein von Unlust/Schmerz/Leid für vorrangig. Furcht vor Gottheiten ist für die Seelenruhe (ἀταραξία [ataraxia]; „Unerschütterlichkeit“) abträglich, einen Zustand heiterer Gelassenheit, der nach Auffassung des Epikureismus Endzweck/Erfüllung/Vollendung (τέλος [telos]) des (glück)seligen Lebens ist. Epikur hat die Auffassung, es gebe Götter/Gottheiten, es sei aber falsch, sie zu fürchten oder etwas von ihnen zu erbitten, weil sie weder die Menschen strafen noch ihnen durch ein Eingreifen helfen.

wesentliche Aussagen Epikurs:

  • Götter/Gottheiten sind unsterbliche/unvergängliche und glückselige Wesen.
  • Die Welt ist keine göttliche Schöpfung.
  • Alle Dinge können rein natürlich erklärt werden.
  • Götter/Gottheiten kümmern sich nicht um die Angelegenheiten der Menschen und lenken/leiten nicht die Welt.
  • Furcht gegenüber Göttern/Gottheiten ist unnötig und falsch.
  • Aberglauben soll überwunden werden.
  • Frömmigkeit gegenüber den Göttern/Gottheiten besteht darin, über sie richtige Auffassungen zu haben und sie als Vorbilder zu verehren.

Existenz von Gottheiten

Epikur hat die Existenz von Gottheiten angenommen, sie aber für unvergängliche und glückselige Lebewesen gehalten, die sich nicht um die Angelegenheiten der Menschen kümmern und nicht die Welt lenken/leiten/regieren, da mühselige Geschäfte, Sorgen, Zornesausbrüche und Gunsterweise mit Glückseligkeit unverträglich seien (Epikur, Brief an Herodot [Diogenes Laertios 10, 76 – 77]; Epikur, Brief an Menoikeus [Diogenes Laertios 10, 123 – 124]). Erscheinungen am Himmel und auf der Erde, alles, was zwischen Himmel und Erde geschieht, kann nach Epikurs Auffassung natürlich, ohne Einwirkung von Gottheiten, erklärt werden und diese Erklärung übernimmt die Naturlehre/Naturphilosophie. Himmelserscheinungen verkünden nicht göttliche Strafen. Furcht vor Göttern/Gottheiten ist tatsächlich der Sache nach unbegründet und falsch. Die Beseitigung solcher Furcht trägt zu einem glücklichen Leben bei (Wegfall einer Beunruhigung der Seele).

Die Existenz von Göttern/Gottheiten ergibt sich aus Epikurs Erkenntnistheorie. Danach ist Erfahrung Grundlage von Wissen/Erkenntnis (dieser Standpunkt wird Empirismus genannt) und zwar die Erfahrung der Sinne (dieser Standpunkt wird Sensualismus genannt). Da Menschen (bildhafte) Vorstellungen von Göttern/Gottheiten haben (dies war bei den damaligen Menschen sehr allgemein so), geht dies nach Epikurs Erkenntnistheorie auf etwas in der Wirklichkeit Vorhandenes zurück.

Lebensraum der Gottheiten

Die Gottheiten lenken/leiten die Welt nicht, sondern halten sich von den menschlichen Angelegenheiten fern. Sie leben demnach anscheinend in einem Bereich fern von den Menschen. Bei Epikur selbst ist in den erhaltenen Schriften noch nicht ausdrücklich die Rede davon, daß die Gottheiten Zwischenwelten (griechisch: μετακόσμια; lateinisch : intermundia) bewohnen, verhältnismäßig leere Räume zwischen zahllosen Welten. Spätere Epikureer haben anscheinend diese Vorstellung ausgedrückt (vgl. Marcus Tullius Cicero, De finibus 2, 75; Marcus Tullius Cicero, de natura deorum 1, 18; Lukrez, De rerum natura 3, 18 – 30).

Wesen und Eigenschaften der Gottheiten

Epikur wendet sich gegen ein falsches Verständnis von den Göttern/Gottheiten. Die Masse habe über sie falsche Meinungen. Epikur zeigt durch begriffliche Untersuchung, wie dabei widersprüchliche Aussagen auftreten. Mit Begriffen zu Göttern/Gottheiten, die der Definition nach feste Wesensmerkmale sind/zum Kern ihrer Eigenschaften gehören, sind weitere Zuschreibungen unvereinbar: Der Begriff von Göttern/Gottheiten als glückselige Wesen schließt aus, daß sie mit den Mühen einer Erschaffung, Erhaltung und Lenkung der Welt und einer Sorge für die Menschen belastet sind. Ihre Glückseligkeit, Unvergänglichkeit/Unsterblichkeit und völlige Unanfälligkeit für Übel (nichts kann ihnen schaden) schließt Affekte (Leidenschaften) wie Zorn, Haß, Neid, Mißgunst und auch begünstigende Gefälligkeit aus. Götter/Gottheiten können unmöglich solche Empfindungen haben und sind nicht durch Gebete und Opfergaben bestechlich.

Götter/Gottheiten sind nach Epikur beste und erhabenste Wesen. Sie zeichnen sich durch Weisheit und Tugend/Vortrefflichkeit aus und haben daran Freude. Sie besitzen selbstgenügsame Unabhängigkeit (Autarkie). Sie genießen Glückseligkeit. Ihre Leben ist von Lust/Freude geprägt, sie haben eine frohe, heitere Gemütsruhe.

Epikur denkt anscheinend die Gottheiten als anthropomorph (menschengestaltig) und in der Anzahl unbegrenzt, unter den Gottheiten werden Freundschaftskreise gepflegt.

Ablehnung der Annahme einer Gottheit Zufall oder einer Schicksalsmacht mit strikter und allumfassender Notwendigkeit

Epikur spricht im Brief an Menoikeus (Diogenes Laertios 10, 133) davon, wie jemand mit der richtigen Auffassung das von einigen als Herrin von allem eingeführte Schicksals verlacht/verspottet und eher sagt, daß das eine aufgrund/gemäß der Notwendigkeit (κατ' ἀνάγκην) geschieht, anderes aus Zufall (ἀπὸ τύχης), anderes durch uns (παρ' ἡμᾶς). Er wolle eher dem Mythos über die Gottheiten nachfolgen als dem Schicksal der Naturphilosophen Sklave zu sein, da nach dem Mythos Hoffnung auf Abbitte durch Ehrung der Gottheiten bestehe, das Schicksal sich dagegen unerbittlich verhalte.

Notwendigkeit (ἀνάγκη [ananke]) und Zufall (τύχη [tyche]) sind in diesem Zusammenhang Begriffe, keine Gottheiten (als Personifikationen von Schicksalsmächten).

Epikur vertritt die Auffassung, manches geschehe notwendig, manches zufällig, manches durch die Menschen (die Menschen können also in einigem Ausmaß die Wirklichkeit und damit auch ihr eigenes Leben gestalten).

Epikur verneint die Existenz einer Gottheit Zufall ab, die von der Menge/Masse angenommen wird (griechisch: Τύχη [Tyche]; lateinisch: Fortuna). Er lehnt die Annahme einer (göttlichen) Vorsehung ab (Epikur, Brief an Herodot, 81).

richtiges Verhältnis gegenüber den Gottheiten

Fromm ist, über Gottheiten richtige Auffassungen zu haben. Dies bringt auch Nutzen, indem es glücklich macht. Gottheiten können als überlegene Lebewesen verehrt werden (dies verdienen sie nach Epikur, Brief an Menoikeus 123, wobei es mehr um das Wohlergehen der Menschen geht; vgl. Gnomologium Vaticanum Epicureum 32) die vollkommen erreicht haben, wonach Menschen streben, die Glückseligkeit. Gottheiten sind nur graduell unterschiedlich und haben zeitliche Unbegrenzheit. Sie sind Vorbilder, die zeigen, wie die Menschen selbst glücklich werden können. Richtige Verehrung gleicht Menschen den Gottheiten an, macht sie ihnen ähnlich (Epikur, Brief an Menoikeus 135).

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Epikur, Ausgewählte Schriften. Übersetzt und herausgegeben von Christof Rapp. Stuttgart : Kröner, 2010 (Kröners Taschenausgabe ; Band 218), S. 3 – 4 (Epikur, Brief an Menoikeus):  

„123 Wozu ich dich auch unentwegt ermahnte, dies tue und übe dich darin, indem du begreift, dass dies die Elemente des guten Lebens sind: Zuerst glaube, dass Gott ein unvergängliches und seliges Wesen ist, wie es der allgemeine Begriff Gottes vorgegeben hat, und schreibe ihm nicht zu, was sich fremd zu seiner Unvergänglichkeit oder unvereinbar mit seiner Seligkeit verhielte. Glaube über ihn alles das, was in der Lage ist, seine mit Unvergänglichkeit verbundene Seligkeit zu bewahren. Götter gibt es nämlich; denn es gibt eine klare Kenntnis von ihnen. So wie aber die Menge meint, so sind sie nicht. Denn sie (die Menge) beachtet nicht das, wofür sie die Götter eigentlich hält. Gottlos aber ist nicht der, der die Götter der Menge bestreitet, sondern der, der die Meinungen der Menge den Göttern anheftet.

124 Die Aussagen der Menge über die Götter sind nämlich keine wahren Vorbegriffe (prolēpsis), sondern falsche Vermutungen. Diesen entsprechend wird der größte Schaden den schlechten Menschen und ebenso der größte Nutzen (den guten Menschen) von den Göttern verliehen. Denn weil sie mit den eigenen Vorzügen immer vertraut sind, begrüßen sie die ähnlichen als gut und halten alles das, was nicht von derselben Art ist, für fremd.“

Epikur, Ausgewählte Schriften. Übersetzt und herausgegeben von Christof Rapp. Stuttgart : Kröner, 2010 (Kröners Taschenausgabe ; Band 218), S. 8: 

„133 Denn wen würdest du für besser halten als denjenigen, der über die Götter fromme Auffassungen hat, sich gegenüber dem Tod völlig furchtlos verhält, und das Ziel der Natur erkannt und verstanden hat, dass die Grenze des Guten leicht zu erfüllen und leicht zu beschaffen ist und dass die Grenze des Schlechten entweder nur kurz andauert oder geringe Mühen erfordert, der die von manchen als Herrscherin über alles eingesetzte Schicksalsnotwendigkeit verlacht und vielmehr sagt, dass zwar manches aus Notwendigkeit geschieht, anderes aber aus Zufall und anderes wiederum bei uns liegt, da ja die Notwendigkeit nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann, der Zufall unstet ist und das, was bei uns liegt, keinem (fremden) Herren unterworfen ist, da ihm von Natur aus sowohl Tadel als auch das Gegenteil (davon) folgen kann.

134 Denn es wäre besser, den über die Götter erzählten Mythen zu folgen, als sich der Schicksalsnotwendigkeit der Naturphilosophen als Diener zu unterwerfen; denn der Mythos wahrt (wenigstens) die Hoffnung auf Erhörung, indem man die Götter verehrt, während das Schicksal eine unerbittliche Notwendigkeit hat. Den Zufall aber hält der Weise weder für einen Gott, wie es die Menge glaubt – denn nichts von dem, was ein Gott tut, geschieht auf ungeordnete Weise –, noch für eine unstete Ursache, denn er glaubt nicht, dass Gutes oder Schlechtes von diesem (Zufall) den Menschen für das glückliche Leben gegeben wird, obwohl der Ursprung für große Güter oder Übel von ihm ausgehen kann.

135 Für besser hält es der Weise, wenn einem auf vernünftige Weise
Unglück widerfährt, als wenn es einem auf unvernünftige Weise gut ergeht, denn es ist besser, wenn bei den Handlungen eine gute Entscheidung zum <Mißerfolg führt, als wenn eine schlechte Entscheidung> durch den Zufall zum Erfolg führt."

Epikur, Ausgewählte Schriften. Übersetzt und herausgegeben von Christof
Rapp. Stuttgart : Kröner, 2010 (Kröners Taschenausgabe ; Band 218), S. 13
(Hauptlehrsätze (Kyriai Doxai) I):  

„Was selig und unvergänglich ist, empfindet weder Beunruhigung noch
bereitet es einem anderen Beunruhigung. Daher wird es nicht durch die Gefühle von Zorn und Dankbarkeit gequält. Denn alles solches findet sich beim
Schwachen.“

Epikur, Ausgewählte Schriften. Übersetzt und herausgegeben von Christof
Rapp. Stuttgart : Kröner, 2010 (Kröners Taschenausgabe ; Band 218), S. 15 - 16 (Hauptlehrsätze (Kyriai Doxai) XVI):  

„Nur in Wenigem macht sich für den Weisen der Zufall bemerkbar, die größten und wichtigsten Dinge hat die Überlegung angeordnet, ordnet sie andauernd während der Lebenszeit und wird sie anordnen.“

Epikur, Ausgewählte Schriften. Übersetzt und herausgegeben von Christof
Rapp. Stuttgart : Kröner, 2010 (Kröners Taschenausgabe ; Band 218), S. 32
(Vatikanische Spruchsammlung 65.):  

„Es hat keinen Sinn, von den Göttern zu erbitten, was einer sich selbst
verschaffen kann.“

Epikur, Ausgewählte Schriften. Übersetzt und herausgegeben von Christof
Rapp. Stuttgart : Kröner, 2010 (Kröners Taschenausgabe ; Band 218), S. 62
(Brief an Herodot):  

„77 Denn Geschäftigkeiten und Sorgen sowie Empfindungen von Zorn und
Dankbarkeit sind nicht mit der Seligkeit vereinbar; vielmehr tritt dieses im
Zustand der Schwäche und der Furcht auf oder wenn wir der Nächsten bedürfen. Auch darf man nicht annehmen, dass sie (die Himmelskörper) die Seligkeit besitzen, wenn sie zugleich zusammengeballtes Feuer sind, und diese Bewegungen aufgrund eines vernünftigen Plans empfangen. Vielmehr muss man bei allen diesen Namen, die man auf solche Gedanken anwendet, die gesamte Würde wahren, damit nichts von ihnen als mit der Würde unvereinbar erscheint; wenn man das nicht tut, wird die Unvereinbarkeit selbst die größte Beunruhigung in den Seelen verursachen. Deshalb muss man annehmen, dass durch den ursprünglichen Einschluss dieser Zusammenballungen bei der Entstehung der Welt auch diese Notwendigkeit und der regelmäßige Umlauf zustande gekommen sind.“



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Kommentar von Albrecht
11.09.2016, 22:35

Malte Hossenfelder, Epikur. Originalausgabe, 3., aktualisierte Auflage.
München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 520), S. 79 – 80:

„Wie die Furcht vor den Göttern die Menschen peinigt, wie sie ihr Dasein verdunkelt, sie erniedrigt und zu Sklaven macht, wie selbst diejenigen, die an sich eine vernünftige und nüchterne Weltsicht haben, angesichts von Naturereignissen, deren Ursachen sie nicht kennen, doch wieder schwankend werden und vor den Himmelserscheinungen zittern, schildert Lukrez eindrucksvoll in mehreren Passagen (Lucr. I 62 ff. V 83 ff. VI 35 ff.). Um diese Geißel der Menschheit auszurotten, muß nach Epikur der Aberglauben überwunden werden, daß die Götter die Welt regierten. Epikur unternimmt das in zwei Schritten. Zum einen zeigt er, dass es dem Wesen der Götter widerspricht, sich um die Welt zu kümmern. Zum anderen führt er vor, wie sich alle Erscheinungen am Himmel und auf der Erde, die die Menschen auf göttliches Wirken zurückführen, ebensowohl ohne Einwirkung der Götter erklären lassen. Den ersten Schritt erledigt er durch ein analytisches Argument. So schreibt er an Menoikeus: „Halte die Gottheit für ein unvergängliches und seliges Lebewesen, so wie der allgemeine Begriff der Gottheit vorgezeichnet ist, und hänge hr nichts an, was entweder der Unvergänglichkeit fremd oder der Seligkeit unangemessen ist. Glaube vielmehr alles das von ihr, was ihre mit Unvergänglichkeit gepaarte Seligkeit zu bewahren vermag. Denn Götter gibt es, die Erkenntnis ihrer ist evident. Wie sie sich aber die breite Masse vorstellt, sind sie nicht, denn in deren Vorstellung ist ihr Wesen nicht gewahrt. Gottlos ist nicht der, der die Götter der Masse abschafft, sondern der, der den Göttern die Vorstellungen der Masse anhängt, denn die Aussagen der Masse über die Götter sind keine wahren Begriffe, sondern falsche Mutmaßungen. Daher werden die größten Schädigungen und Förderungen von den Göttern hergeleitet, denn da die Masse immer nur mit ihren eigenen Tugenden vertraut ist, akzeptiert sie nur die Gleichartigen, während sie alles, was nicht derart ist, für unangemessen hält" (Men. 123 f.). Epikur beschreitet also keinesfalls den Weg des Atheismus, sondern bekräftigt ausdrücklich die Existenz der Götter. Die Furcht vor ihnen versucht er durch eine bloße Analyse ihres Begriffs als seliger Wesen zu beheben, indem er dartut, daß Seligkeit sich nicht mit Weltregierung verträgt. […]. Man braucht im Grunde also lediglich den Gottesbegriff in seiner Reinheit unverfälscht zu bewahren, um von allen religiösen Ängsten verschont zu bleiben.

Der zweite Schritt zur Behebung der Götterfurcht, der Nachweis, daß sich alles, was zwischen Himmel und Erde geschieht, auf natürliche Weise ohne Rückgriff auf die Götter erklären läßt, ist Aufgabe der Naturlehre.“

Lucr. = Lukrez (Titus Lucretius Carus)

Men. = Epikur, Brief an Menoikeus

Malte Hossenfelder, Epikur. Originalausgabe, 3., aktualisierte Auflage. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 520), S. 101 - 102:  

„Ermöglicht wird die Gelassenheit gegenüber der Zukunft durch die Überzeugung, daß die Lust jederzeit verfügbar sei, und zwar in ihrem höchsten erreichbaren Grade, so daß weder besondere, erst künftig realisierbare Genüsse noch die bloße längere Dauer etwas hinzufügen könnten. Deswegen stellt auch der Zufall, die Tyche, keinerlei Bedrohung dar. Der Epikureer sieht in ihm „keine unsichere Ursache; denn er glaubt [nicht], daß durch ihn Gutes oder Übles zum seligen Leben den Menschen gegeben werde, wohl aber, daß er den Ausgangspunkt großer Güter oder oder Übel bilde. Er hält es für besser, mit Verstand Pech als ohne Verstand Glück zu haben; denn es ist schöner, wenn beim Handeln das richtig Beurteilte [nicht zum Erfolg kommt, als wenn das falsch Beurteilte] durch den Zufall zum Erfolg kommt" (Men. 134 f.). Diese Sätze sind, auch wenn sie zunächst befremden mögen, durchaus konsequent und entsprechen dem Ideal des Epikureischen Weisen. Der äußere Erfolg des Handelns spielt überhaupt keine Rolle. Entscheidend ist allein die richtige innere Einstellung, vermittelt durch vernünftige Einsicht. Wer sie besitzt, dem kann äußerer Mißerfolg nichts anhaben, weil er weiß, daß er immer alles haben wird, was er zur Glückseligkeit braucht. Wem sie aber fehlt, dem nützt auch der äußere Erfolg nichts, weil die Furcht vor Verlust und die Begierde nach mehr Lust vertreiben. Über unsere innere Einstellung aber verfügen wir selbst, und insofern können uns Zukunft und Tyche unberührt lassen, weil unser Glück in unserer Hand liegt.“

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Kommentar von Albrecht
11.09.2016, 22:37

Malte Hossenfelder, Die Philosophie der Antike 3: Stoa, Epikureismus und Skepsis. 2., aktualisierte Auflage. München : Beck, 1995 (Geschichte der Philosophie. Herausgegeben von Wolfgang Röd ; Band 3), S. 115 – 116:  

„Die Furcht vor den Göttern entspringt für Epikur dem Aberglauben, daß die Götter die Welt regieren. Deswegen zittern die Menschen vor den Himmelserscheinungen, halten Blitz und Erdbeben für den Ausdruck göttlichen Zorns, der weiteres Unheil nach sich ziehe, sehen in der Sonnenfinsternis das Ende der Welt nahen, beschäftigen einen ganzen Berufsstand mit der Ausdeutung angeblicher Zeichen göttlichen Willens, könne keine Tempel ruhigen Herzens betreten und fügen einander, um die Götter zu besänftigen, größtes Leid zu. Um dieses Übel auszurotten, muß man also zur Einsicht verhelfen, daß die Götter sich ihrem Wesen nach nicht mit der Weltregierung befassen können, und andererseits vorführen, wie sich alle Erscheinungen am Himmel und auf der Erde ebensowohl ohne Einwirkung der Götter erklären lassen.“

Christoph Horn, Antike Lebenskunst : Glück und Moral von Sokrates bis zu den Neuplatonikern. Originalausgabe. 2. Auflage. Unveränderter Nachdruck. München : Beck, 2010 (Beck`sche Reihe: bsr ;1271), S. 93 - 94:  

„Epikur lehnt den stoischen Schicksalsbegriff, die heimarmenê, vehement ab. Der Mensch ist für ihn kein Schauspieler in einem Theaterstück, das von höheren Mächten inszeniert wird; der Weltlauf ist nicht göttlich determiniert. Glück läßt sich folglich nicht auf dem Weg einer Anpassung des Menschen an die kosmische Vernunft und Ordnung erreichen, sondern einzig dadurch, daß der Mensch sich selbst aus seiner bestehenden Unmündigkeit herausführt. Der epikureische Philosoph erreicht eine solche Souveränität zumindest in den zentralen Lebensfragen: „Nur in unbedeutenden Dingen kommt dem Weisen der Zufall in die Quere; die größten und wichtigsten aber hat die vernünftige Überlegung geregelt, regelt sie unaufhörlich im Leben und wird sie immer regeln" (Brief an Menoikeus 123 f.; Ubers. M. Hossenfelder). Gemeint ist ein Souveränitätsideal, das im Vergleich zu seinem stoischen Gegenstück bescheidener und einfacher ausfällt. Insbesondere ist die Theologie Epikurs vom Volksglauben der Antike weiter entfernt als die stoische Auffassung. Abgelehnt wird die Vorstellung, die Götter vergäben Glück oder Unglück an die Menschen (KD 1). Epikurs Göttervorstellung wirkt beinahe rationalistisch konstruiert; die Götter sind weder für die Welteinrichtung noch für den Weltlauf verantwortlich, und sie kümmern sich nicht um menschliche Angelegenheiten (vgl. etwa Lukrez, De rerum natura III 14-24). Götter gelten bei Epikur als unsterbliche Wesen von unbeirrbarer Heiterkeit und teilnahmsloser Gelassenheit. Ihr Lebensgenuß ist der Inbegriff dessen, was Epikur dem Menschen als Strebensziel empfiehlt; daher greift Epikur die platonische Formel von der „Angleichung an Gott" (homoiôsis theô) positiv auf. Die Funktion der epikureischen Götter besteht insbesondere darin, Leitbilder für das abzugeben, was der epikureische Philosophenschüler allmählich zu erreichen hofft, die Ataraxie.“

KD = Kyriai Doxai (Hauptlehrsätze)

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Kommentar von Albrecht
11.09.2016, 22:39

Michael Erler, Epikur (341 – 271/70 v. Chr.). In: Klassiker der Philosophie. Herausgegeben von Otfried Höffe. Band 1: Von den Vorsokratikern bis David Hume. Originalausgabe. München : Beck, 2008 (Beck'sche Reihe ; 1792), S. 81 – 82:  

„Auch Epikurs Theologie zielt vorrangig darauf, die Menschen vor der Furcht – der Furcht vor den Göttern – zu befreien. Daß Götter existieren, ist für Epikur evident, haben doch alle Menschen eine Vorstellung von den Göttern. Die Götter existieren als unvergängliche und glückselige Wesen, versehen mit Tugend und Weisheit, nicht belastet durch Affekte. Sie haben weder selbst Sorgen noch bereiten sie anderen welche (KD 1). Weil die Welt ein Produkt des Zufalls ist, sind die Götter nicht für sie verantwortlich; sie kümmern sich weder um die Welt noch um die Menschen und sind weder durch Gebet noch durch Opfer beeinflußbar. Deshalb können die Menschen von den Göttern zwar nichts Gutes erwarten, müssen aber auch nichts Schlimmes befürchten. Götterfurcht ist vielmehr Folge einer Projektion irriger Vorstellungen unphilosophischer Menschen auf die Existenz der Götter. Obgleich Epikur also den Göttern einen direkten Einfluß auf das menschliche Leben abspricht, bestreitet er nicht, daß sie infolge des Vorbildcharakters ihrer ungetrübten, ruhigen und deshalb lustvollen Existenz indirekt doch einen Einfluß auf das menschliche Leben haben können. Wer sie nämlich nachahmt, sich von Furcht befreit und daher auf der Erde wandelt »wie ein Gott« (Ep. Men. 123 f.), bereitet sich selbst das Glück, das andere fälschlich von den Göttern erhoffen. Aus der Götterverehrung wird also eine Pflege des Selbst.

Freilich ist die Annahme einer ewigen und glückseligen Existenz der Götter in einem atomistischen Weltbild erklärungsbedürftig und wurde in der Antike – und in der modernen Forschung - kontrovers diskutiert. Die These, Epikur spreche den Göttern keine reale Existenz zu, sehe in ihrerExistenz nur eine Produktion menschlicher Wunschvorstellungen kollidiert mit Äußerungen Epikurs, wonach der Existenz der Götter unmittelbare Evidenz zukomme. Epikur ist kein Atheist.“

Ep. Men. = Epikur, Brief an Menoikeus

ausführlich:

Michael Erler, Epikur. In: Die hellenistische Philosophie. Erster Halbband (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 4/1). Herausgegeben von Hellmut Flashar. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1994, S. 149 – 153 (§ 7. Lehre. C. Physik: 7. Theologie)

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Grüß Dich leonuee!

Du hast Recht!

Unter Wikipedia Religionskritik findest Du unter Frühe Materialisten diese Eintragung:

"Epikur(341–270 v. Chr.) gibt erstmals eine rationale Erklärung für das Entstehen der Religion. Ihre Lehren seien nur ein Abbild menschlicher Ideen, die keine äußeren Einwirkungen zu ihrer Erklärung benötigen. Die Götter der griechischen Mythologie erwiesen sich durch ihre anthropomorphen (menschenähnlichen) Züge als Wunschgebilde. Diese Kritik trifft teilweise und indirekt – da Epikur sie nicht ausdrücklich daraufbezog – auch einzelne Gottesbilder des Alten Testaments,die den personalen Schöpfergott mit menschlichen Eigenschaften ausstatten und in bewusst menschlicher Sprache auch vom „eifersüchtigen“, „zornigen“, „reuigen“ und „liebenden“ Gott sprechen."


Herzlichen Gruß
Rüdiger

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Epikur schreibt in seinem rief an Menoikeus, man solle über die Götter fromme Gedanken haben - als Ratschlag für ein glückliches Leben. Eine direkte Aussage über die Seinsform der Götter, also z.B. Existenz oder nicht, kann ich darin nicht wirklich erkennen. Ihm zugeschriebene Äußerungen, die sich auf einen Schöpfergott beziehen, dürften aber wohl Fälschungen sein, dieser Gedanke lag den antiken Griechen fern. Epikurs Werke sind nur sehr unvollständig überliefert. Soweit sie es sind, liegt eine Gesamtausgabe vor, zweisprachig sogar, griechisch und italienisch. Das kann ich zwar lesen, aber ein wenig mühsam ist es für mich schon.

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Allzu positiv stand er dazu vermutlich nicht würde ich sagen, die Frage erinnerte mich gleich an ein Wallpaper mit einem Zitat von ihm: https://pl.vc/xo4bh ;)

Also zumindest scheint er da doch recht kritisch eingestellt gewesen zu sein.

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Er sagte, laut dem was ich weiss: Die Götter brauchen wir nicht zu fürchten. Über den Tod brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Das Gute ist leicht zu ertragen. Das Furchtbare ist leicht zu ertragen.

Und die Philosophie von ihm ist ja, ja keine Schmerzen zu haben, sondern geniessen.

Er selbst stammt aber aus Griechenland, und diese Götter töten ja hin und wieder, und sind für viel Leiden verantwortlich. Darum glaub ich, er glaubte nicht in solcher Hinsicht an Götter (;

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Wenn ich das richtig im Kopf habe, leugnet der Epikureeismus zwar nicht die Existenz von Göttern, aber er sagt, dass die Götter in ihrer Zwischenwelt sitzen und sich nicht um die menschliche Belange kümmern - also keinen Einfluss haben.

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