Wie sehen sich Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft als klar gegeneinander abgrenzbar?

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4 Antworten

Sinnvoll scheint folgende Antwort:

  • Naturwissenschaft ist ein systematisches Beobachten, Erforschen und Vorhersagen des Verhaltens der Natur. Ziel der Naturwissenschaft kann nur sein, möglichst genau zu untersuchen, wie sich Wirklichkeit dem Menschen gegenüber darstellt (d.h. welches Bild der Wirklichkeit - man sagt auch: welche Realität - sein Verstand für ihn generiert).
  • Geisteswissenschaft befasst sich mit Kreationen des menschlichen Geistes, die dieser Geist um ihrer selbst willen erschaffen hat (Kunst, Literatur, Musik). 
  • Religionswissenschaft befasst sich mit Fragen über durch manche Menschen vermutete Wirklichkeit sowie mit der Geschichte des Entstehens dieser Vorstellungen. 
  • Geschichtswissenschaft befasst sich mit der Realität unserer Vergangenheit. 
  • Mathematik ist Werkzeug und gemeinsame Schnittmenge aller Natur- und Geisteswissenschaften. 

Bitte beachten:

Das vom menschlichen Verstand gezeichnete Bild der Wirklichkeit ist nicht dasselbe wie die Wirklichkeit selbst. Es ist deswegen falsch, zu behaupten, dass nur Geisteswissenschaft sich mit den Produkten des Geistes befasse.

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Kommentar von holodeck
05.02.2016, 09:00

Du hast die Metawissenschaften vergessen: Kybernetik und Systemtheorien beispielsweise. Die auch in der Psychologie, der Biologie und den Sozialwissenschaften starke Impulse setzten. Das von dir benannte Ziel der "Naturwissenschaften" gehört epistemologisch aus dem Radikalen Konstruktivismus heraus begründet zu den Metawissenschaften ;-)      

Auch Geisteswissenschaft ist systematisches Beobachten. Wie eine Psychologie Professorin von mir zu sagen pflegte: "Gibt es auch Wahnsinn, hat es doch Methoden."

Der große Denker und Kybernetiker Gregory Bateson schrieb in Ökologie des Geistes einst sinngemäß: in den Naturwissenschaften beobachten wir Ursachen von Ereignissen und erwarten, dass sie real sind. In den Geisteswissenschaften kann etwas was nicht ist eine Ursache sein. Der Brief, den ich nicht schreibe, kann eine wütende Reaktion auslösen. Neben Kausalität sind die ganzen physikalischen Gesetze von Einfluss und Kraft irreführend, sobald wir Systeme beobachten, die lebendig sind oder Lebendiges einschließen: Ein Hund, den ich trete, wird die Energie für seine Reaktion aus seinem Stoffwechsel beziehen; nicht aus meinem Tritt. Falsche Begrifflichkeiten verführen dazu, die falschen Fragen zu stellen und Antworten zu finden, welche die Phänomene nicht erklären.  

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Die Naturwissenschaft befasst sich mit den natürlichen Gegebenheiten (Die sind nicht gewollt!) und die Geisteswissenschaft mit den Produkten des Geistes (somit Willensäußerungen!). Wo hast Du da ernsthafte Abgrenzungsprobleme?

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Kommentar von grtgrt
01.02.2016, 13:47

Philosophen und Quantenphysiker sind übereinstimmend der Meinung, dass es einen Unterschied zwischen Realität und Wirklichkeit gebe: Realität ist nur ein - oft sogar subjektives - von unserem Gehirn in Reaktion auf ihm von unseren Sinnesorganen zugeleitete Reize erzeugtes Bild der Wirklichkeit.

Die Physik allerdings (hierauf wies vor allem der Quantenphysiker Niels Bohr immer wieder hin, vor ihm aber auch schon Kant) kann sich nur mit Realität befassen, denn wie Wirklichkeit funktioniert, gibt die Natur nicht preis.

Damit gilt:

Realität ist - obgleich nur geistig vorhanden - Hauptgegenstand der Physik. Die aber gilt als Naturwissenschaft.

Siehe auch: http://greiterweb.de/zfo/Realismus.htm

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Mich wundert sehr, dass der Name Dilthey hier nicht sofort gefallen ist, denn das ist ja nun einmal der Vater des Gedankens. Nimm also den wissenschaftstheoretischen Faden bei Wilhelm Dilthey und seiner Hermeneutik auf ...    

Letztlich geht es an der Grenze der beiden Wissenschaftsbereiche um die Mittel und Wege der Welterkenntnis. Die Annahme, es gäbe eine Wirklichkeit an sich, die erkannt werden könne, wird von ihm verworfen. Dilthey installiert als einer der ersten überhaupt die Bedeutung von geschichtlich kulturellen Kontexten, in denen Erkenntnis (von Wirklichkeit) stattfindet.     

Die Grenze zwischen beiden Wissenschaftsformen beschreibt demnach bis heute ihre epistemologische und deshalb auch methodologische Begründung: Welterklärung vs. Weltverstehen. Darüber ließen sich jetzt ellenlange Abhandlungen schreiben. William Blake bringt es für meine Begriffe in vier Zeilen auf den Punkt:    



Does the Eagle know what is in the pit?  
Or wilt thou go ask the Mole: 
Can Wisdom be put in a silver rod? 
Or Love in a golden bowl? 

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Kommentar von grtgrt
31.01.2016, 14:32

Danke für den Hinweis.

Nebenbei: In http://friedrichrost.de/hm/foliensatz.pdf lese ich:

Gegenstand der Wissenschaftstheorie Diltheys sind Geisteswissenschaften = alle Wiss., die sich
auf den Menschen beziehen i. Gs. zu den Naturwiss.

Kann man das wirklich so ausdrücken?


Richtiger wäre (so scheint mir):

Gegenstand der Wissenschaftstheorie Diltheys ist Geist. 


Siehst du das auch so?

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Ein weitgefächertes Thema. Ggf. hilft Dir bei der Ausführung Deiner Antwort diese Lektüre:

Three Cultures (Jerome  Kagan)

Natural Sciences, Social Sciences, and the Humanities in the 21st Century

With penetrating insight and a rare breadth and sense of history, Kagan takes us on a tour of the natural sciences, social sciences and humanities. But much more than a descriptive essay, this work is a profound commentary on the relation between knowledge and the human condition. It should be read by scholars and students in every discipline and will hopefully cultivate a bit more humility in our institutions of higher learning.”
—Richard Davidson, University of Wisconsin-Madison

Jerome Kagan’s book describes the assumptions, vocabulary, and contributions of each of these cultures and argues that the meanings of many of the concepts used by each culture are unique to it and do not apply to the others because the source of evidence for the term is special. The text summarizes the contributions of the social sciences and humanities to our understanding of human nature and questions the popular belief that biological processes are the main determinant of variation in human behavior.

http://www.cambridge.org/us/academic/subjects/psychology/psychology-general-interest/three-cultures-natural-sciences-social-sciences-and-humanities-21st-century#description

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Kommentar von grtgrt
31.01.2016, 10:51

Vielen Dank an dich für diese indirekte Antwort.

Aber sollte es da nicht auch Antworten geben, die deutlich kürzer sind als ein Buch von knapp 300 Seiten?

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