Wie lautet die originale Übersetzung des Zitats "Sprich, damit ich dich sehe." (Socrates) von Platon auf Griechisch?

2 Antworten

Es gibt kein griechisches Original bei Platon, zu dem der Ausspruch einfach eine Übersetzung ist. Angeregt wurde der Ausspruch anscheinend durch einen längeren Textabschnitt bei Platon, Charmides. Sokrates (griechisch: Σωκράτης; lateinisch: Socrates) ist darin eine Dialogfigur. „Sprich, damit ich dich sehe“ ist eine Kurzformel für den Vorschlag von Sokrates, der jugendliche Charmides solle an einem Gespräch teilnehmen, um mehr dessen seelische Schönheit betrachten zu können als die Schönheit seiner körperlichen Gestalt. Beim Sehen ist in diesem Zusammenhang ein geistiges Sehen gemeint, bei dem „das Auge der Seele“ (τὸ τῆς ψυχῆς ὄμμα Platon, Politeia 533 d) erkennt - der Geist/die Vernunft (νοῦς).

Altgriechisch wäre als Original zu „Sprich, damit ich dich sehe“ λέγε, ἵνα σε ὁρῶ (bzw. ὅπως statt ἵνα oder βλέπω statt ὁρῶ) oder eine ähnliche griechische Formulierung zu erwarten. In dem Dialog kommt aber so etwas nicht vor. Ein bei Platon verwendeter Imperativ für „sage“ (, was du meinst) ist εἰπὲ.

In späterer Zeit (greifbar zuerst bei Apuleius aus Madauros, 2. Jahrhundert n. Chr.) ist dann Sokrates in lateinischer Sprache der Ausspruch 'loquere, ut te videam' („Sprich, damit ich dich sehe“/„Rede, damit ich dich sehe“) oder eine ähnliche Formulierung zugeschrieben worden. Dieser Ausspruch ist wiederholt aufgegriffen worden.

Platon, Charmides 154 d – 155 a

Platon, Sämtliche Werke. In der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher und Hieronymus Müller mit der Stephanus-Numerierung herausgegegeben von Walter F. Otto, Ernesto Grassi, Gert Plamböck. Band 1: Apologie, Kriton, Protagoras, Hippias II, Charmides, Laches, Ion, Euthyphron, Gorgias, Briefe. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1988 (Rowohlts Klassiker der Literatur und der Wissenschaft : Band 1), S. 130:  

„Da rief Chairephon mich an, und sagte: Nun Sokrates, wie findest du den Jüngling? Nicht schön von Angesicht? – Über die Maßen, sagte ich. – Und doch, sprach er, wenn er sich entkleiden wollte, würdest du sagen, sein Gesicht sei nichts, so durchaus schön ist er von Gestalt. Auch die andern sagten alle dasselbe wie Chairephon. – Herakles, rief ich darauf, wie unwiderstehlich beschreibt ihr den Mann, wenn nur noch eine Kleinigkeit sich bei ihm findet! – Welche doch? fragte Kritias. – Wenn er, sprach ich, auch der Seele nach wohlgebildet ist. Und es kommt ihm wohl zu ein solcher zu sein, Kritias, da er von eurem Hause ist. – Er ist auch, sagte der, sehr schön und gut auch hierin. – Warum nun, sprach ich, entkleiden wir ihm nicht eben diese, und betrachten sie eher noch als die Gestalt? Denn da er schon in diesen Jahren ist, wird er sich ja wohl dem Gespräch hergeben. – Und sehr gern, sagte Kritias. Denn nachdenklich ist er und, wie es andere und ihm selbst dünkt, auch sehr dichterisch.“

Platons Dialoge : Charmides, Lysis, Menexenos. Übersetzt und erläutert von Otto Apelt. 2. durchgesehene Auflage. Leipzig : Meiner, 1922 (Philosophische Bibliothek ; Band 177), S. 20 – 21:  

„Da rief mir Chairephon zu: Nun, Sokrates, was sagst du zu des Jünglings Erscheinung? Was zu seinem Antlitz ? Ist es nicht schön?  

   Über die Maßen, versetzte ich.  

   Wollte er aber nun erst, fuhr er fort, sich entkleiden, dann würdest du auf sein Gesicht gar nicht mehr besonders achten: so tadellos schön ist er von Gestalt.  

   Auch die übrigen stimmten darin dem Chairephon in allen Stücken bei.  

   Beim Herakles! sagte ich, ihr habt ganz recht, der Jüngling ist unwiderstehlich, nur fehlt es noch an einer kleinen Zugabe.  

   Und die wäre? sagte Kritias.  

   Auch mit seiner Seelenanlage, versetzte ich, muß es wohlbestellt sein. Und man darf gebührendermaßen, mein Kritias, wohl erwarten, daß er auch in dieser Beziehung allen Forderungen entspricht, denn er gehört ja euerem Hause an.  

   Nun, erwiderte er, auch in dieser Hinsicht läßt er es an Schönheit und Trefflichkeit nicht fehlen.  

   Warum also, entgegnete ich, enthüllen wir nicht vor allem diese Seite seines Wesens und betrachten sie, nicht seine Gestalt, an erster Stelle? Denn bei solcher Beschaffenheit wird er sich jedenfalls einer Unterredung nicht versagen.  

   Nein, im Gegenteil, erwiderte Kritias, denn er ist von lebhaftem Drange nach Weisheit beseelt und hat zudem, wie nicht nur er selbst, sondern auch andere meinen, auch Anlage zur Poesie.“

Platon, Charmides 158 e – 159 a

Platon, Sämtliche Werke. In der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher und Hieronymus Müller mit der Stephanus-Numerierung herausgegegeben von Walter F. Otto, Ernesto Grassi, Gert Plamböck. Band 1: Apologie, Kriton, Protagoras, Hippias II, Charmides, Laches, Ion, Euthyphron, Gorgias, Briefe. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1988 (Rowohlts Klassiker der Literatur und der Wissenschaft : Band 1), S. 133 – 134:  

„Auf folgende Art also, sprach ich, wird dünkt mich die Untersuchung der Sache am besten fortgehen. Offenbar nämlich wenn dir die Besonnenheit beiwohnt, mußt du auch etwas von ihr auszusagen wissen. Denn notwendig muß ihr Einwohnen, wenn sie dir einwohnt, eine Empfindung hervorbringen, auf welche dir dann irgendeine Vorstellung von der Besonnenheit sich gründet, was sie wohl ist und worin sie besteht. Oder meinst du nicht so? – Das meine ich  wohl, sprach er. – Und dieses, fuhr ich fort, was du meinst, mußt du doch, da du hellenisch reden kannst, auch zu sagen wissen, was es dir erscheint. – Vielleicht, sagte er. – Auf daß wir nun beurteilen können, ob sie dir einwohnt oder nicht, so sage mir, sprach ich, was behauptest du daß die Besonnenheit ist nach deiner Vorstellung?“

Platons Dialoge : Charmides, Lysis, Menexenos. Übersetzt und erläutert von Otto Apelt. 2. durchgesehene Auflage. Leipzig : Meiner, 1922 (Philosophische Bibliothek ; Band 177), S. 27:  

„Auf folgende Weise also, sagte ich, scheint mir die Betrachtung darüber sich am zweckmäßigsten zu gestalten. Offenbar nämlich hast du doch, wenn dir Besonnenheit beiwohnt, infolge dieses Verhältnisses derselben zu dir, eine gewisse Vorstellung von ihr. Denn notwendig muß sie, wenn sie dir wirklich innewohnt, bei dir auch ein gewisses Gefühl erwecken, aus dem sich dir irgendeine Meinung entwickelt über Wesen und Eigenschaften der Besonnenheit. Oder meinst du nicht?  

   Gewiß glaube ich es, entgegnete er.  

   Nun verstehst du doch griechisch zu sprechen, fuhr ich fort; also kannst du doch wohl hinsichtlich dessen, was du meinst, auch sagen, was du dir eigentlich dabei vorstellst?“

Platon, Charmides 160 d - e

Platon, Sämtliche Werke. In der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher und Hieronymus Müller mit der Stephanus-Numerierung herausgegegeben von Walter F. Otto, Ernesto Grassi, Gert Plamböck. Band 1: Apologie, Kriton, Protagoras, Hippias II, Charmides, Laches, Ion, Euthyphron, Gorgias, Briefe. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1988 (Rowohlts Klassiker der Literatur und der Wissenschaft : Band 1), S. 135: „Noch einmal also, Charmides, sprach ich; und genauer aufmerkend schaue in dich selbst, und beobachte wozu dich die dir einwohnende Besonnenheit macht, und was sie wohl sein muß, um dich hiezu zu machen, und dies alles zusammennehmend sage dann grade und dreist, als was sie dir erscheint.“

Platons Dialoge : Charmides, Lysis, Menexenos. Übersetzt und erläutert von Otto Apelt. 2. durchgesehne Auflage. Leipzig : Meiner, 1922 (Philosophische Bibliothek ; Band 177), S. 30:  

„Du mußt also, fuhr er fort, mein Charmides, noch einmal deine Gedanken recht zusammennehmen und in dein Inneres blicken, um zu erkennen, welche Eigenschaften es sind, zu denen dir die dir innewohnende Beschaffenheit verhilft, und auf Grund welcher Beschaffenheit sie selbst diese Wirkung auf dich ausübt; und hast du alles gehörig in Betracht gezogen, so sage schlicht und unumwunden heraus, was sie dir zu sein scheint.“

Apuleius, Florida (Blütenlese) 2

At non itidem maior meus Socrates, qui cum decorum adulescentem et diutule tacentem conspicatus foret, 'ut te videam,' inquit, 'aliquid et loquere.' Scilicet Socrates tacentem hominem non videbat; etenim arbitrabatur homines non oculorum, sed mentis acie et animi obtutu considerandos.

Apuleius, Verteidigungsrede. Blütenlese. Lateinisch und deutsch von Rudolf Helm. Berlin : Akademie-Verlag, 1977 (Schriften und Quellen der alten Welt ; Band 36), S. 167:  

„Doch nicht so mein Meister Sokrates; als er einen schönen Jüngling sah, der ziemlich lange schwieg, sagte er: „Damit ich dich sehen kann, rede auch etwas!" Das heißt: Sokrates sah einen schweigenden Menschen nicht; er war der Überzeugung, man müsse die Menschen nicht mit der Schärfe der Augen, sondern mit der des Verstandes und in geistigem Anschauen betrachten.“

Francesco Petrarca (1304 – 1374), Rerum memorandarum libri III 1 De sollertia et calliditate [24] Alterum adolescentem cum vidisset ingenuo vultu atque habitu sed tacitum: 'Loquere' inquit, 'ut te videam'. Proprie quidem: quoniam, ut supra diximus, non vultus aut corpus, sed animus cuiusque is est quisque, cuius quodammodo facies sermone revelatur, ut videri possit qui invisibilis est nature.

Erasmus, Apophthegmata (1533) III, 70 Quum dives quidam filium adolescentulum ad Socratem misisset, ut indolem illius inspiceret, ac paedagogus diceret, Pater ad te, O Socrates, misit filium, ut eum videres: tum Socrates ad puerum, 'Loquere igitur', inquit, 'adolescens, ut te videam': significans, ingenium hominis non tam in vultu relucere, quam in oratione, quod hoc sit certissimum minimeque mendax animi speculum.

Georg Christoph Lichtenberg, Über Physiognomik; wider die Physiognomen (1777; 2. überarbeitete Auflage 1778)

Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Schriften, Briefe. Herausgegeben von Wolfgang Promies in Zusammenarbeit mit Barbara Promies. München : Hanser, 1974, S. 287:  

„Also Du, der du glaubst die Seele schaffe ihren Körper, horche auch du auf das, was Sie dir auf einem andern Weg, als dem ihres Geschöpfs offenbart: halte den für weise, der weise handelt, und den für rechtschaffen, der Rechtschaffenheit übt, und laß dich nicht durch Unregelmäßigkeit in der Oberfläche irren, die in einen Plan gehören, den du nicht übersiehst, in den Plan desjenigen, nach dessen Vorschrift die Seele wenigstens ihren Körper bauen mußte, wenn sie ihn gebaut hat. Rede, sagte Sokrates zum Charmides, damit ich dich sehe, und an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, steht in einem Buch, das wenig mehr gelesen wird, und, merkwürdig, in einer Rede zweimal hintereinander, von welcher gleichwohl jedes Wort vor Gott gewogen ist.“

S. 629 (Anmerkungen) wird hingewiesen („Rede, sagte Sokrates zum Charmides, damit ich dich sehe“) auf Platon, Charmides und („an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“) die Bibel, Neues Testament, Matthaeus 7, 16 und 20.

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Respekt! Das ist mal eine fundierte Antwort! Hatte auch gerade die Rede von Apuleius in Opera/Florida (2) gefunden, Du aber warst schneller. ... Chapeau!

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Fast zu viel des GUTEN! (:-))

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Ich kenne das Zitat nicht und habe ein paar Minuten herumgegoogelt (suche nach Loquere igitur, inquit, adolescens, ut te videam). Wenn ich das richtig verstanden habe, ist das Zitat von Erasmus, der es Sōkrátēs in den Mund legt, und daher nicht authentisch.

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Auch ich komme nur zum gleichen Ergebnis.

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Das Zitat könnte von Lucius Apuleius aus Madaura stammen.  

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@mulan

Siehe die ausführliche Zuschrift von Albrecht. Die Rede von Lucius Apuleius Madaurensis aus Opera/Florida (2) hier noch einmal:

At non itidem maior meus Socrates, qui cum decorum adulescentem et diutule tacentem conspicatus foret, «ut te videam», inquit, «aliquid et loquere.» Scilicet Socrates tacentem hominem non videbat; etenim arbitrabatur homines non oculorum, sed mentis acie et animi obtutu considerandos.

Übersetzung siehe bei Albrecht:

„Doch nicht so mein Meister Sokrates; als er einen schönen Jüngling sah, der ziemlich lange schwieg, sagte er: „Damit ich dich sehen kann, rede auch etwas!" Das heißt: Sokrates sah einen schweigenden Menschen nicht; er war der Überzeugung, man müsse die Menschen nicht mit der Schärfe der Augen, sondern mit der des Verstandes und in geistigem Anschauen betrachten.“.

(Apuleius, Verteidigungsrede. Blütenlese. Lateinisch und deutsch von Rudolf Helm. Berlin : Akademie-Verlag, 1977 (Schriften und Quellen der alten Welt ; Band 36), S. 167)

Und dieses hat dann wohl Erasmus aufgegriffen und seine eigene Formulierung gefunden. Seine, nicht die von Sokrates.

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Wie lautet der original Satz von Paracelsus?

Ich bin auf der Suche nach dem Satz, von Paraclesus aus seinem Werk: OPUS CHIRURGICUM oder OPUS CHYRURGICUM:

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Ich bräuchte dieses Zitat in der Originalsprache bzw. die ganze Textpassage wo dieser Satz enthalten ist bzw. falls die Originalsprachen nicht latein ist, eine korrekte lateinische übersetzung des Satzes.

Meine lateinische Übersetzung wäre folgende: Amor principum elementum medicinae (keine ahnung ob das stimmen könnte)....

Vielen Dank

flocke10

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