Wie entstand der aufrechte Gang?

7 Antworten

Wenn man sich den Skelettaufbau beim homo erectus im Vergleich zu Primaten anschaut, fällt auf, dass die Ferse beim homo erectus unter das Sprungbein gewandert ist. Dadurch hat sich eine spiralige Verschraubung des Fußes entwickelt, die eine 3 Punktbelastung ermöglicht. Die spiralige Verschraubung findet sich weiterlaufend im gesamten Körper wieder. Letztendlich ist sie ein Merkmal des Kreuzgangs (bei Primaten Passgang). Nun habe ich über eine Theorie gehört, die das Klettern als Selektionsmerkmal heraushebt. Durch die Entwicklung des ostafrikanischen Grabens hat sich, so die Hypothese, die Möglichkeit des Schutzes (Sicherheit neben der Nahrungsbeschaffung als oberstes Prinzip) in der Nacht etc vor Feinden ergeben. Klettern am Fels bedeutet aber eine neue Belastungsforderung für den Fuß. Bäume kann man mit Greiffüßen gut bewältigen, Felsklettern fordert eine ganz andere Motorik und Stabilität im Rumpf. Leider habe ich bisher über diese Theorie nichts gefunden. Weiß vielleicht jemand mehr?

Affen haben anders geformte Hüftgelenke die ein längeres aufrechtes Gehen nicht zulassen. Wahrscheinlich war es ein Evolutionsvorteil, aufrecht zu gehen und dadurch einen besseren Überblick über die Umgebung zu haben und somit Nahrung und Feinde frühzeitig zu erblicken. Dies hat dann im Verlauf langer Zeiträume dazu geführt, dass ein aufrechtes Gehen und Stehen immer besser möglich wurde.

Der dauerhafte aufrechte Gang ist eine recht komplizierte Angelegenheit und erfordert eine Menge Anpassungen im Bereich der Wirbelsäule, des Beckens, der Beine, der Füße etc., über die die übrigen Affen außer den Menschen nicht verfügen. Man kann also nicht fragen, warum Affen sich nicht zweibeinig fortbewegen, sondern warum es überhaupt die Menschen tun.

Man liest zwar oft, dass der Selektionsdruck in Richtung der Zweibeinigkeit durch das Leben in der Savanne zustande kam, aber das stimmt so nicht, denn die frühesten Vertreter der Stammlinie des Menschen (Orrorin, Ardipithecus, die frühen Australopithecinen) lebten im Wald und liefen trotzdem aufrecht auf den Hinterbeinen.

Der Rückgang der Wälder durch die zunehmende Trockenheit hat die Evolution der Menschen zwar beeinflusst, aber der Lebensraum und die Nahrungsquelle der Frühmenschen blieben die Bäume. Wahrscheinlich entwickelte sich der aufrechte Gang als energiesparende Methode, um von einem Wäldchen zum nächsten zu kommen.

Manche Forscher sind auch der Ansicht, dass die Evolution des aufrechten Gangs mit dem Wasser zusammenhängt (das ist nicht zu verwechseln mit der radikaleren und höchstwahrscheinlich falschen Wasseraffenhypothese). Demnach wäre es denkbar, dass die Frühmenschen in Galeriewäldern entlang der Flüsse lebten und als ökologische Generalisten bei ihrer Nahrungssuche zwischen dem flachen Wasser, dem Wald und den Steppen abseits der Flüsse hin- und herzogen. Ob und in welchem Ausmaß das Waten in Uferregionen ein Grund für die Entwicklung des aufrechten Gangs war, lässt sich aber nicht eindeutig sagen.

Nun, mit dem damaligen Klimawandel kam es zur Savannenbildung jener Gebiete, die vorher durch einen üppigen Baumbestand geprägt waren. Innerhalb der Savanne muß man sich aber gehäuft aufrichten, um so einen Überblick zuu haben, denn hohe Gräser u.ä.m. versperren ansonsten die Sicht. Mit der Zeit wurde daraus ein aufrechter Gang, denn nur so konnte man das zu erjagende Wild erspähen und im Auge behalten.

In einigem stimme ich DiegoderAeltere zu, aber ich verfasse eine eigene Antwort, weil ich nicht zustimme, dass "sich der aufrechte Gang als energiesparende Methode, um von einem Wäldchen zum nächsten zu kommen" entwickelt hat. Hier wird der Fehler begangen, dass ein späterer Vorteil des aufrechten Ganges beim Homo erectus mit dem Auftreten des aufrechten Ganges verwechselt wird.

Der aufrechte Gang bei Ardipithecus und bei den Australopitecinen war nämlich kräfteraubender als der 4-beinige Gang z.B. bei den Pavianen. Der Gang war "watschelnd" und "unelegant", ganz anders wie beim Homo erectus oder gar bei uns.

Plausibel hingegen ist, dass er sich im flachen Wasser entwickelt hat. Selbst Schimpansen, gehen im Wasser 2-beinig, um z.B. einen Wasservogel zu erwischen, weil da sind die Vorteile des aufrechten Ganges evident. Weiterhin ist anzunehmen, dass es im ostafrikanischen Grabenbruch genügend flache Gewässer gab, die auch gute Nahrung boten - Muscheln und Wassertiere aller Art und somit ein brauchbares Habitat boten.

Der aufrechte Gang hat sich vor dem Exodus in die Savanne entwickelt, wie auch DiegoderAeltere schreibt, aber in einem Waldgebiet hätte er keinen Vorteil (wie oben dargelegt auch nicht, um von einem Wäldchen ins nächste zu marschieren), außer, wenn man immer wieder in flache Gewässer z. B. zwecks Nahrungssuche geht.

Warum die Affen früher nicht aufrecht laufen konnten? Weil es zweckmäßiger war, einen Körperbau zu haben, der für das Klettern optimiert war - jedenfalls, solange man sich vorwiegend von den Früchten der Bäume ernährte.

Da du dich auf meine Antwort beziehst, will ich jetzt auch darauf eingehen. Ich habe ja "wahrscheinlich" geschrieben, weil ich mich nicht auf einen einzelnen Faktor festlegen, sondern nur den aktuellen Wissensstand um die möglichen Wirkungsgeflechte wiedergeben will.

Die Uferhypothese bietet zwar viele gute Ansätze, aber an der Energieeffizienzhypothese kannst du nur kritisieren, dass die Frühmenschen sich angeblich umständlicher fortbewegten als ihre vierbeinigen Verwandten - und zumindest bei den Australopithecinen stimmt das nicht, denn hinterlassene Fußabdrücke sind denen von modernen Menschen sehr ähnlich, und die bewegen sich ja energiesparender fort als andere Menschenaffen auf vier Beinen. Hast du eine Quelle zum Energieverbrauch bei Ardipithecus und verwandten Gattungen? Ich habe dazu nichts gefunden, aber das würde mich sehr interessieren.

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@DiegoderAeltere

Die Fußspuren von Laetoli, deren Alter man ja wg. der Vulkanasche sehr gut auf ca. 3,6 Mio. Jahre  datieren kann, sehen sehr menschlich aus, weisen aber Verdrehungen aus, die nur mit einem "watschelnden" Gang simuliert werden können.

Das ist natürlich nicht meiner Phantasie entsprungen, sondern, soweit ich mich entsinne, habe ich es aus einer  Veröffentlichung aus "Spektrum der Wissenschaft" (evt. einer Sonderausgabe)  Die genaue Quelle habe ich gerade nicht zur Hand, aber wenn ich es gefunden habe, werde ich sie an dieser Stelle angeben.

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@Rowal

Ich denke, dass ich hier etwas verwechselt habe. In Ausgabe 1/1999 von "Spektrum der Wissenschaft" wurde eine Höhenlinienkarte eines Hominidenabdrucks von Laetoli veröffentlicht. Da diese dem eines modernen Mensch gleicht (z.B. wird die Ferse genauso belastet), muss man annehmen, dass die dazugehörige Spezies bereits sehr gut auch über längere Strecken 2-being laufen konnte. Ob das allerdings konform ist mit der Anatomie des Australopithecus afarensis, dem diese Spuren meistens zugeordnet werden, ist wieder eine andere Frage. Da aber vor einigen Jahren auch ein Mittelfußknochen des Australopithecus afarensis gefunden wurde, der auf ebenso einen Gang hindeutet, ist dies nicht unwahrscheinlich.

Man muss also annehmen, dass die Austalopithecinen bereits energieeffizient 2-beinig laufen konnten.

In GEOkompakt "Die Evolution des Menschen", gibt Carsten Niemitz, Human- und Evolutionsbiologe der FU Berlin, als Indiz dafür an, dass sich der aufrechte Gang in Flüssen und Seen entwickelte: Auf die Muschel- und Schneckenjagt weist hin, "dass bestimmte ungesättigte tierische Fettsäuren für die Ausbildung unseres Gehirns unersetzlich sind, aber praktisch nur in Wassertieren vorkommen".

Allerdings denke ich nicht, dass das allein ausreicht um zu konstatieren, dass der aufrechte Gang eben da entstanden ist, denn offenbar kommt das menschliche Gehirn auch ohne tierische Fettsäuren aus Wassertieren aus.

Insofern relativiere ich meine Antwort dahingehend, das man das nicht als gesichert ansehen kann.

Die 2-Beinigkeit entstand offenbar schon früher, worauf ja auch die Entdeckung des Ardipithecus ramidus hinweist. Die Zähne dieser Spezies deuten auf einen Allesfresser hin (siehe hierzu den Wikipedia-Artikel). Da erscheint es mir wiederum am einfachsten, anzunehmen, dass er die tierische Kost aus dem Wasser nahm. Das Jagen dürfte ihm schwer gefallen sein und Insekten waren zu wenig ergiebig (Schimpansen fressen zwar auch Insekten, aber das ist nur ein unbedeutender Leckerbissen).

Die Fundsituation in der Zeit vor 4 bis 5 Mio. Jahren, wo sich die 2-Beinigkeit vermutlich entwickelte, ist wohl zu dünn um definitive Aussagen machen zu können.

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